Ideologisch korrekte Wissenschaft


Studie zeigt: Höhere Heterogenität – geringeres Vertrauen

 

Von Jan Mahnert

Sachlichkeit, Ehrlichkeit und Unabhängigkeit gehören zu den Tugenden, die von Wissenschaftern erwartet werden. Da wir aber nicht in der bestmöglichen Welt leben, kann es vorkommen, dass Wissenschafter ihre Ergebnisse fälschen oder erfinden, um schneller zu Ruhm zu gelangen. Sie können ebenfalls von Trends bzw. vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst werden; so vertraten in der Vergangenheit beispielsweise sowohl rechts- wie linksorientierte Forscher eugenische, rassistische oder antisemitische Ansichten. Die Wissenschaft kann aber auch direkt durch Ideologie beeinflusst werden; Forscher können einer Ideologie dienen und die Forschungsinhalte und -ergebnisse an diese Ideologie anpassen. In ihrem Buch Science and Ideology[1] sprechen Mark Walker et al. in solchen Fällen von ‚ideologisch korrekter Wissenschaft‘ und zeigen unter anderem auf, wie die französischen Revolutionäre sich bemühten, eine ‚demokratische‘ bzw. ‚unaristokratische‘ Wissenschaft aufzubauen. Weiter ging es in der Sowjetunion darum, eine ‚proletarische‘ Wissenschaft zu entwickeln und in Hitler-Deutschland wurde eine ‚arische‘ Wissenschaft angestrebt.

Menschenrechte und Wissenschaft

Die Zusammenhänge zwischen Ideologie und Wissenschaft wurden bisher vor allem bei Diktaturen und totalitären Regimes untersucht. Darf davon ausgegangen werden, dass Demokratie und Menschenrechte die Freiheit und Unabhängigkeit der Forscher besser schützen? Zwei Bespiele erlauben, daran Zweifel zu hegen:

  • Die Härte der Zensur hängt nicht zwingend mit der Intensität der politischen Unterdrückung zusammen. So fand einer der intensivsten Zensurfälle in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der angelsächsichen Welt statt: Wissenschafter, die Intelligenzunterschiede in Bezug auf Geschlecht oder Rasse studierten, kamen massiv unter Beschuss[2]. Hans-Jürgen Eysenck, Richard Herrnstein, Charles Murray, Philippe Rushton, Richard Lynn oder Michael Levin wurden verschiedenen Unannehmlichkeiten ausgesetzt: Protesten, Hetzekampagnen, Prozessen, Versuchen der Stellenkündigung, Todesdrohungen, Überfällen bis hin zu Brandstiftungen.
  • Das Nichtdiskriminierungsgebot der Menschenrechte kann zu Betrug führen: Im Buch The AIDS-pandemic[3] beschreibt der Epidemiologe James Chin, wie die UNO und AIDS-Aktivisten jahrelang die weltweite Ausbreitung des HIV bei Heterosexuellen übertrieben haben, um zu vermeiden, dass die eigentlichen Risikogruppen (Homosexuelle und Drogensüchtige) blamiert werden. Stimmen Chins Behauptungen, hätten wir es mit einem der größten Betrugsfälle der Geschichte zu tun und könnten zweifellos von ideologisch korrekter Wissenschaft sprechen.

Putnams Albtraum

Die Arbeiten des Soziologen Robert Putnam bilden ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Ideologie der Menschrechte auf die Forschung auswirken kann: Können ideologisch unkorrekte Fakten nicht mehr verschwiegen werden, bemüht man sich, sie schönzureden.

Putnam ist mit seinem Buch Bowling alone über den Zerfall des Sozialkapitals in den Vereinigten Staaten berühmt geworden. Bei der Untersuchung der Ursachen dieses Zerfalls interessierte sich Putnam u.a. für die Wirkungen von ethnischer Heterogenität. Dabei stellte sich heraus: Je höher der Heterogenitätsgrad, desto geringer das Vertrauen zwischen den Menschen und ihr Zusammenhalt. Zwar war Putnams Studie schon im Jahr 2001 abgeschlossen, jedoch erschrak der Soziologe derart über das Ergebnis, dass er beschloss, die Veröffentlichung zu verschieben, um sich positive Argumente zugunsten der Einwanderung ausdenken zu können. Er hielt es für unverantwortlich, die Studie ohne positives Korrektiv zu veröffentlichen. Am 9. Oktober 2006 erwähnte aber der Journalist John Lloyd die Studie Putnams in der Financial Times. Putnam fühlte sich verraten und klagte, dies sei mit Abstand seine schlimmste Erfahrung mit den Medien gewesen. Lloyd konnten aber keine inhaltlichen Fehler nachgewiesen werden[4].

Fakten

Nachdem Putnams Studie endlich veröffentlich wurde[5], können die wichtigsten Fakten hier zusammengefasst werden. Um die Wirkungen von ethnischer Heterogenität auf das Sozialkapital zu messen, untersuchte Putnam 41 Gemeinschaften unterschiedlicher Größe in allen Teilen der Vereinigten Staaten; insgesamt wurden etwa 30.000 Menschen befragt. In einem ersten Schritt stellte Putnam fest: Je höher der Heterogenitätsgrad, desto geringer das Vertrauen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen. Anhand weiterer Variablen (Vertrauen zu Nachbarn und Vertrauen zur eigenen Ethnie) stellte sich aber noch heraus, dass Menschen, die in heterogeneren Gemeinschaften leben, ihren Nachbarn ‚ egal welcher Ethnie‚ weniger vertrauen als Menschen, die in homogeneren Gemeinschaften leben. Zunehmende ethnische Heterogenität scheint also zu sozialer Auflösung zu führen. Die Menschen ziehen, so Putnam, ähnlich wie Schildkröten den Kopf ein: Sie haben weniger Vertrauen in lokale Regierungen, Leiter und Medien; sie wählen weniger, nehmen aber öfters an Protestaktionen teil; sie rechnen weniger mit der Hilfe ihrer Mitmenschen; ihre Spendenbereitschaft nimmt ab; sie haben weniger enge Freunde; ihre Lebensqualität erachten sie als niedriger; sie verbringen mehr Zeit vor dem Fernseher und sehen darin ihre wichtigste Unterhaltungsform.

Schönrederei

Obwohl seine Studie erschütternde Ergebnisse liefert, bemüht sich Putnam, den Leser davon zu überzeugen, Einwanderung sei ein durchaus positives Phänomen: Sie habe zwar kurz- und mittelfristig negative Folgen, sei aber erstrebenswert und lohne sich langfristig. Putnam unterstreicht mehrmals, wie wichtig es sei, dass die Einwanderungsländer offenere und integrationsfördernde Identitätsformen entwickeln.

In der Tat sind integrierte Zuwanderer grundsätzlich wünschenswerter als unintegrierte. Putnam scheint sich aber keine Gedanken über die mögliche Überforderung der Integrationskapazität zu machen – eine reale Gefahr: ‚Um das Verhältnis zwischen arbeitenden Personen und Rentnern konstant zu halten, müssten jährlich bis zu 3,6 Millionen Zuwanderer [nach Deutschland] kommen, insgesamt 181 Millionen Menschen bis 2050‘[6]. Könnte die Integration bei solchen Größenordnungen in Europa noch gelingen? Könnten die einheimischen Völker langfristig überhaupt fortbestehen oder werden sie ersetzt? Die ideologisch korrekte Wissenschaft bleibt uns die Antworten schuldig.

Anmerkungen

[1] Mark Walker (Hrsg.), Science and ideology. A comparative history, Routledge, London ‚ New York, 2003, S. 35–65.

[2] Ebd., S. 26.

[3] James Chin, The AIDS-pandemic. The collision of epidemiology with political correctness, Radcliffe Publishing, Oxford ‚ Seattle, 2007.

[4] Steve Sailer, ‚Fragmented future. Multiculturalism doesn‘t make vibrant communities but defensives ones‘ in The American Conservative, 15. Januar 2007, S. 7–11.

[5] Robert D. Putnam, ‚E pluribus unum: Diversity and community in the twenty-first century‘ in Scandinavian Political Studies, Vol. 30 ‚ Nr. 2, 2007, S. 137–173.

[6] Jonas Lanig und Marion Schweizer, ‚Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!‘ ‚ Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt, Verlag an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr, 2003, S. 23.

 

Dieser Text erschien ursprünglich in der Monatszeitung Schweizer Demokrat 10/2007. Es handelt sich hier um eine geringfügig überarbeitete Fassung.

Mag. Jan Mahnert ist wissenschaftlich tätig und lebt in der Schweiz.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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