Finanzmärkte: Dte Stunde der Wahrheit


 

Von Hanns-Arnulf Engels

Aus dem Munde von niemand Geringerem als Herrn Alan Greenspan war jüngst zu vernehmen, dass wir es gegenwärtig mit der schlimmsten Finanzkrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu tun haben. Nicht zuletzt die amerikanische Traditionsadresse Bear Stearns war bereits im Sommer 2007 mit einem Hedgefonds in eine ernste Schieflage geraten. Diese und andere seit dem vergangenen Sommer eingehenden Hiobsbotschaften hinderten die Kursentwicklung der Weltbörsen nicht daran, immer wieder zu neuen Höhenflügen anzusetzen. Selbst die nach Indexwerten (hier: DAX) traditionell nur vergleichsweise mäßig wachsende Deutsche Börse verzeichnete zum Jahresultimo 2007 gut 8.000 Indexpunkte! Bis vor wenigen Wochen sahen Börsengurus dieses Ziel auch für das laufende Jahr als wieder erreichbar an. Betrachtet man den nordamerikanischen Dow Jones Index, so kann man erkennen, dass sein Indexrückgang in den ersten zwei Monaten ungeachtet der aufgeschreckten Börsenberichterstattung heuer sehr moderat ausgefallen ist. – Also kein Grund zur Sorge?

Unbestritten ist, dass die Regierung der USA und die Zentralnotenbank viel dazu beigetragen haben, entgegen den Unkenrufen eine „Weltuntergangssituation“ bis auf Weiteres zu verhindern. Man ließ es an Kurs stützenden Maßnahmen, wie Leitzinssenkung unter die Inflationsrate und Konjunkturprogrammen, nicht fehlen. Hierbei ist zu bemerken, dass die Federal Reserve Bank – anders als ihr europäischer Bruder in der Alten Welt – neben dem Geldwertstabilitätsziel auch dem Konjunkturziel Rechnung zu tragen hat. Fraglich ist aber, inwieweit diese Maßnahmen nachhaltig von Erfolg gekrönt sein werden.

Nicht zu vergessen ist nämlich, dass das amerikanische Notenbankgeld nicht dort landet, wo es eigentlich hin soll – nämlich als Kreditgeld bei den Verbrauchern und den Unternehmen. Anstelle dessen ist zu befürchten, dass diese Mittel ob gestiegener Inflation in harte Vermögenswerte investiert werden. Somit kommt es ungewollt zu noch weiteren Preissteigerungen von Öl, Gold und weiteren Rohstoffen.

Als ein ursächliches Problem ist anzusehen, dass die US-Notenbank die Zinsen bereits seit langer Zeit auf einem niedrigen Niveau hält. Dies hat sicherlich redliche Gedanken zum Hintergrund und diese bewirken ja auch zunächst willkommene Wirtschaftseffekte. Bedauernswerter Weise muss jedoch dabei auch gesehen werden, dass viele Finanzinvestoren dieses Geld nicht zu niedrigen Konditionen anlegen wollten. Anstatt dessen hebelten sie, natürlich mit wenig Eigen- aber dafür viel Fremdkapital, die Rendite und produzierten somit bedenkliche Preisblasen. Dies geschah zunächst bei New Economy Formen und später bekanntermaßen bei Immobilien. Die dabei gerade in den USA astronomisch gestiegenen Immobilienpreise waren oftmals nur noch über Kredite aufzubringen, die immer wieder neu ausgestaltet in der ganzen Welt verkauft wurden. Dieses Treiben funktionierte bis zur Jahresmitte 2007 und hinterlässt nunmehr eine Trümmerlandschaft. Dass die Bonität in diesem Spiel nicht optimal, nämlich: subprime war, hat inzwischen als Vokal auch „Lieschen Müller“ mitbekommen.

Noch immer herrscht in Zentralbankkreisen die Meinung stabiler Verbraucherpreise (bei Billigimporten aus China) vor, ohne dabei der Inflation bei Vermögenspreisen viel Beachtung zu schenken. Es sollte an verantwortlicher Stelle aber sehr wohl Sorge dafür getragen werden, dass die Auswirkungen der gerade laufenden Bereinigung auf die Realwirtschaft möglichst begrenzt bleiben und dass notfalls auch interveniert wird, wenn es zu exorbitanten Schwankungen an den Rohstoff- und Devisenmärkten kommt.

Kurzfristig ist die erneut dargestellte Niedrigzinspolitik gewiss sehr zu begrüßen, doch sie birgt die Gefahr des Hervorbildens neuer Blasen in sich. Fast fühlt man sich an die medizinische Behandlung eines Kranken mit dem Einsatz immer stärkerer Medikamente erinnert, bis irgendwann nichts mehr hilft …

 

Dr. Hanns-Arnulf Engels, BRD, arbeitet im Bereich der Bankenaufsicht.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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