Schule muß nicht teuer sein


 

Von Dieter Grillmayer

Die Klagen von Elternverbänden und Medien über den „teuren“ Schulbesuch sind inzwischen zu einem jeden Schulanfang und jedes Schuljahrsende begleitenden Ritual geworden. Gemeint ist dabei aber nicht der Umstand, dass die Finanzierung des österreichischen Schulsystems den (anonymen) österreichischen Steuerzahler eine Menge Geld kostet, sondern die konkreten Ausgaben, welche die Eltern selber zu tragen haben. Horrorbeträge von 500 und mehr Euro für den jährlichen Schulstart, sündteure Schulveranstaltungen, insbesondere Auslandsreisen um bis zu 1.500 Euro pro Woche, und der „Nachhilfemarkt“ mit einem ständig steigenden Jahresvolumen von derzeit ..zig Millionen Euro machen Schlagzeilen.

In diesem Aufsatz soll dargelegt werden, in welchem Umfang die von den Eltern zu tragenden Kosten für den Schulbesuch gerechtfertigt sind, wo Geldvernichtung ohne Gegenwert stattfindet und wie sich Eltern gegen überhöhte Ausgaben wehren können.

Selbstbehalte

Ein Lieblingsziel medialer Angriffe von links sind die in der Nach-Kreisky-Ära schrittweise eingeführten Selbstbehalte bei Schulbüchern und Schülerfreifahrt. Von kostenlosen Schulbüchern und von Schulfreifahrt hat meine Generation bzw. deren Eltern nur träumen können. Auch bei sparsamster Bewirtschaftung haben Schulbücher und Fahrtkosten damals mehr zu Buche geschlagen als die heutigen Selbstbehalte. Deren Einsatz als Steuerungsinstrument lässt allerdings zu wünschen übrig, würde es doch Sinn machen, damit das Wegwerfen voll funktionsfähiger Bücher ebenso hintan zu halten wie Übergewicht (und sonstige Risikofaktoren) durch Bewegungsmangel. Ein zu Fuß zurückgelegter Schulweg von bis zu zwei Kilometern Länge wäre wohl jedem gesunden Schulkind zumutbar.

Kleidung und Schulausstattung: Bildung, die diesen Namen verdient, korreliert mit Bescheidenheit und materieller Genügsamkeit. In diesem Sinn unterlaufen Eltern, die selber dem Markenwahn frönen und/oder die Modetorheiten ihrer Kinder fördern, das Bildungsziel. Da wäre eine einheitliche Schulkleidung zur Eindämmung solcher Verfallserscheinungen durchaus wünschenswert. Soweit Forderungen nach teurer Schulausstattung von den Lehrern ausgehen, sind die Schulbehörden gefordert, Grenzen zu setzen, notfalls sogar enge. Denn auch hier grassiert die Fehlmeinung, je teurer, desto mehr Bildungsertrag. Die persönliche Ausstattung trägt ebenso wie die Ausstattung der Schule selbst kaum etwas zum Schulerfolg bei, wenn die Einstellung zur Bildung und die Leistungsbereitschaft aller Beteiligten – Schüler, Eltern, Lehrer und Behörden – fehlen.

Schulveranstaltungen

Gleiches gilt für die Schulveranstaltungen, wo sich Schulen in absurder Weise mit kostspieligen Angeboten gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, um Qualität vorzutäuschen. Auch hier sind die Schulbehörden gefordert, einzuschreiten, aber auch den Eltern in den Schulforen und Schulgemeinschaftsausschüssen wäre mehr Mut zum Widerspruch zu empfehlen. Die Angst, als finanziell leistungsschwach und als Verhinderer großartiger Projekte dazustehen, ist hier ein wunder Punkt, aber völlig unbegründet angesichts der Tatsache, dass der Bildungsertrag von Schulveranstaltungen erstens schwer überschätzt wird und zweitens nicht von den Kosten, sondern – wieder einmal – von der Einstellung abhängt.

Schließlich eine provokante Frage: Ist die Schule schuld daran, wenn z. B. Maturareisen zu halben Weltreisen ausarten?

Nachmittagsbetreuung

Ein „Essensgeld“ und ein (allenfalls sozial gestaffelter) Selbstbehalt für Nachmittagsbetreuung sind wohl selbstverständlich angesichts der Tatsache, dass es noch immer Eltern gibt, die ihre Kinder selber verpflegen und betreuen. Werden Familien mit solchen Gepflogenheiten von Teilen der Gesellschaft auch als „dumm“ eingestuft, so kann diese Dummheit wohl nicht so weit gehen, als Steuerzahler auch noch die Kosten für die Betreuung fremder Kinder zu übernehmen.

Nachhilfeunterricht

Dieses Thema ist zu Recht ein Dauerbrenner. Grundsätzlich müsste außer Streit stehen, dass Nachhilfe überhaupt nicht sein muss, wenn 1. die Schule ihre Aufgabe erfüllt, 2. das Kind einen Bildungsgang absolviert, der seiner Begabung angemessen ist, und wenn es 3. dem Unterricht mit wachem Verstand folgt, also „mitarbeitet“. Die Erfahrung lehrt, dass es in allen drei Punkten hapert, wobei nur zu Punkt Eins das „System“ verantwortlich gemacht werden kann. Für Punkt Zwei ist oft ein unzulässiges Prestigedenken der Eltern verantwortlich sowie die öffentlich kolportierte Meinung, dass heutzutage jeder Schüler alles machen können muss, was er „will“. Für Herrn Dr. Günther Haider – den PISA-Haider – sind in diesem Sinn sogar bis zu 60 Prozent Universitäts-Absolventen denkbar und wünschenswert. In solchen Vorstellungen spielt offenbar der Arbeitsmarkt, also das so genannte Beschäftigungssystem, keinerlei Rolle.

Hauptverantwortlich für das ständige Wachstum des Nachhilfe-Marktes dürfte allerdings Punkt Drei sein, weil die Kinder zunehmend nicht mehr imstande und willens sind, still zu sitzen, zuzuhören, mitzudenken und aktiv an der Unterrichtsarbeit mitzuwirken. Schließlich wird ihnen ja laufend vermittelt, dass die Schule nur dazu da sei, „Spaß“ zu haben, was natürlich mit Arbeit und Anstrengung unvereinbar ist.

 

Mag. Dieter Grillmayer, 1941, Oberösterreich, AHS-Direktor i. R., seit Jahrzehnten maßgeblich in der freiheitlichen Lehrerschaft tätig.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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