Es gibt keine österreichische Sprache


Zur Diskussion um eine österreichische Nationalsprache

 

Von Heinz-Dieter Pohl

In der „Kleinen Zeitung“ (vom 27. Dezember 2012) erschien ein auch auf der Titelseite angekündigter Artikel mit dem Titel „Die Invasion des Piefkinesischen“; dieser war mehr als überzogen und die in diesem Beitrag herangezogenen Beispiele trafen nur teilweise zu.[1] Allerdings: Dass das typisch „österreichische“ Deutsch (zusammen mit dem südlich bzw. bairisch gefärbten Deutsch) auf dem Rückzug ist, stimmt leider und das bedauere auch ich. Doch mit Schimpfwörtern à la Piefke wird man dem nicht Einhalt gebieten können. Auch mit der Forderung nach einer eigenen „österreichischen Sprache“ nicht.[2] Ebensowenig, wie man die Überflutung (nicht nur) des deutschen Sprachgebietes durch Anglizismen und Amerikanismen verhindern kann, ist dies auch in Bezug auf die deutschländische sprachliche Dominanz in der Werbung und der Presse sowie in Rundfunk und Fernsehen nicht möglich. Man sollte hier also sachlich bleiben und nicht in einen sprachlich orientierten Nationalismus à la 19. Jahrhundert zurückfallen. Auch das immer wieder herangezogene (angebliche) Karl-Kraus-Zitat („Was den Österreicher vom Deutschen trennt, ist die gemeinsame Sprache“) ist falsch, denn dieses Zitat stammt vom Wiener Karbarettisten Karl Farkas, der in der Emigration George Bernhard Shaws Ausspruch „England and America are two countries divided by a common language“ kennengelernt hatte und diesen dann auf Österreich und Deutschland umgemünzt und nachweislich in seinen Kabarett-Programmen verwendet hat.

Erstaunt hat mich in diesem Artikel, wie mit problematischen oder falschen Beispielen gearbeitet wird, um ein einheitliches „Österreichisch“ aufzuzeigen. Die gebrachten Beispiele lauten:[3]

  • (Österreich) quatschen – (Deutschland) plaudern
  • Gelse – Stechmücke
  • Abwasch – Spüle
  • Häferl – Tasse
  • Tormann – Torwart
  • Skifahren – Skilaufen
  • grantig – mürrisch
  • Erdäpfel – Kartoffel[4]
  • Henderl – Huhn
  • Paradeiser – Tomate
  • Nachtmahl – Abendessen, -brot
  • Häuptelsalat – Kopfsalat
  • Topfen – Quark

Doch quatschen ist eher unösterreichisch, denn bei uns sagt man meist tratschen (im Osten und Süden) oder ratschen (im Süden und Westen); plaudern ist gemeindeutsch. Das Pendant von Henderl bzw. (Brat- bzw. Grill-) Hendl (als Speise) ist Hähnchen (in Ostdeutschland Broiler), Huhn ist gemeindeutsch. Das umgangssprachliche Häferl gilt eher für kleinere Trinkgefäße (Schalen), doch auch Tasse ist durchaus üblich, abgesehen davon, dass daneben (v. a. im Westen) auch die Variante Haferl vorkommt, die in Bayern ebenfalls üblich ist. Weiters sind die Erdäpfel auch in Deutschland weit verbreitet (v.a. [aber nicht nur] in Bayern).[5] Kartoffel gilt als hochsprachlich, Erdapfel als umgangssprachlich; außerdem gibt es auch in Österreich einige Bezeichnungen, wo nur Kartoffel möglich ist, z. B. Kartoffelkäfer, auch Kartoffelpuffer.[6] Das Wort grantig ist oberdeutsch und bedeutet eigentlich „übellaunig“.[7] Die beiden Wörter Gelse und Nachtmahl sind zwar österreichisch, aber nicht im ganzen Bundesgebiet üblich (im Westen sagt man eher Mucke, auch Schnake bzw. Abend- oder Nachtessen).[8] Diese Beispiele sollten genügen um aufzuzeigen, wie oberflächlich das österreichische Deutsch meist dargestellt wird – selbst von manchen Germanisten.

Das Österreichische Deutsch ist – sprachwissenschatlich gesehen – eine nationale Varietät der gemeinsamen „hochdeutschen“[9] Schriftsprache, die sich von dieser durch einige sprachliche Besonderheiten abhebt und in Österreich als Standardsprache zu betrachten ist, wie sie im „Österreichischen Wörterbuch“ festgehalten sind. Dieses wird an den österreichischen Schulen derzeit in der 42. Auflage benützt; 2011 konnte es den 60. Jahrestag seines Bestehens feiern. Erstmals erschien es im Jahre 1951, um den korrekten in Österreich üblichen („hochdeutschen“, also standardsprachlichen) Sprachgebrauch für unser Land zu dokumentieren (einschließlich der Rechtschreibung) – also eine Art Duden für Österreich. Schon zur Zeit der Monarchie hatte es in Österreich amtliche Wörterbücher gegeben, die offiziell gebräuchliche „Austriazismen“ berücksichtigten, z. B. die „Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis – zum Gebrauche für Lehrer und Schüler“ herausgegeben vom k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht, letzte Auflage 1915. In der Ersten Republik hatte dieses Schulbuch den gleichen Namen. Als Austriazismen bezeichnet man den Wortschatz, der im außerösterreichischen deutschen Sprachgebiet als „typisch österreichisch“ wahrgenommen wird.[10] 23 Austriazismen wurden auch beim EU-Beitritt Österreichs (im Protokoll Nr. 10) festgehalten, die parallel zu den bundes- oder binnendeutschen Bezeichnungen (gleichrangig) zu verwenden sind.

Bereits bei den Verhandlungen zwischen Österreich und der EU (Anfang der 1990er Jahre) wurde auf sprachliche Besonderheiten Österreichs Rücksicht genommen. Insbesondere österreichische Produktbezeichnungen (in der Regel Lebensmittel) sollten bundesdeutschen gegenüber gleichberechtigt sein. Diese sind schließlich im „Protokoll Nr. 10 über die Verwendung spezifischer österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen Union“ aufgelistet. Dieses Protokoll wurde in der Tagespresse als „nationale Großtat“ bejubelt,[11] sei aber in Wirklichkeit eine Kapitulation vor der Brüsseler Bürokratie gewesen,[12] haben doch nur 23 Austriazismen Berücksichtigung gefunden. Werfen wir zunächst einen Blick auf die EU-Liste der spezifisch österreichischen Ausdrücke laut „Protokoll Nr. 10“ (Österreich–Deutschland):[13]

Beiried–Roastbeef; Eierschwammerl–Pfifferlinge; Erdäpfel–Kartoffeln; Faschiertes–Hackfleisch; Fisolen–Grüne Bohnen; Grammeln–Grieben; Hüferl–Hüfte; Karfiol–Blumenkohl; Kohlsprossen–Rosenkohl; Kren–Meerrettich; Lungenbraten–Filet; Marillen–Aprikosen; Melanzani–Auberginen; Nuss–Kugel; Obers–Sahne; Paradeiser–Tomaten; Powidl–Pflaumenmus; Ribisel–Johannisbeeren; Rostbraten–Hochrippe; Schlögel–Keule; Topfen–Quark; Vogerlsalat–Feldsalat; Weichseln–Sauerkirschen.

Diese Liste ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht höchst ungenau. Nur die durch Fettdruck kursiv hervorgehobenen Bezeichnungen sind Austriazismen im engeren Sinn des Wortes, also „echte“, also speziell „österreichische“ Wörter. Die durch einfachen Fettdruck hervorgehobenen Bezeichnungen sind (zumindest ursprünglich) mit Bayern gemeinsame Wörter, die (zwei) unbezeichneten Wörter sind gemeindeutsch bzw. zur Definition des österreichischen Deutsch ungeeignet. Es sind also nur 12 von den 23 Bezeichnungen „Austriazismen“ im engeren Sinn des Wortes, 9 weitere sind auch bayerisch bzw. süddeutsch und zwei passen nicht in die Liste; einige dieser Austriazismen sind darüber hinaus nicht in ganz Österreich üblich (so sind Fisolen und Vogerlsalat in Kärnten unüblich und Vorarlberg bevorzugt Hackfleisch, Tomaten und Johannisbeeren).

Wenn es auch eindeutig und klar zu definierende Austriazismen gibt, sie reichen – wie das Protokoll Nr. 10 deutlich zeigt – nicht aus, um eine in Österreich mehr oder weniger einheitliche und von Deutschland abgrenzbare Varietät des Deutschen für Österreich festzuschreiben. Außerdem gibt es eine weit größere Anzahl von Austriazismen, keineswegs nur bei Lebensmitteln und in der Küchensprache, v.a. aber in der Verwaltungs- und Rechtssprache. Insbesondere letztere wären ebenfalls in die EU-Liste aufzunehmen gewesen. Trotzdem ist festzuhalten, dass das (äußerst bescheidene) „Protokoll Nr. 10“ das erste völkerrechtlich verbindliche Dokument zur nationalen österreichischen Varietät ist (und wohl überhaupt einer plurizentrischen Sprache).

Unter Hochdeutsch versteht man zwar im allgemeinen Sprachgebrauch die deutsche Standardsprache, doch sprachwissenschaftlich gesehen betont hochdeutsch den Gegensatz zu niederdeutsch, denn Martin Luther hat sich bei seiner Bibelübersetzung an den (ostmitteldeutschen) hochdeutschen Mundarten orientiert und somit den Grundstein zur hochdeutschen Schriftsprache gelegt. Doch auch die in Österreich (Bayern und der Schweiz) gesprochenen oberdeutschen Mundarten sind „hochdeutsch“.

Das Verhältnis zwischen dem Deutschen in Österreich und in Deutschland (einschließlich des Freistaates Bayern und der Schweiz) ist allerdings ein sehr verwickeltes. Die innerstaatlich verlaufende Kommunikation, bedingt durch die Eigenstaatlichkeit (spätestens seit 1866/71, aber schon seit der zweiten Hälfte des 18. Jhdts.) ließ einerseits die „staatsräumlichen Austriazismen“ der Amts- und Verwaltungs- bzw. Küchen- und Mediensprache entstehen und lieferte andererseits den Rahmen dazu, dass süddeutsche und bairische Besonderheiten in unserem Lande ihre Position gegenüber binnen- und bundesdeutschen Varianten besser behaupten konnten als etwa im Freistaat.[14] Dazu kommt die Randlage Österreichs im Süden des deutschen Sprachgebietes und Randgebiete sind bekanntlich konservativer als Binnenräume. Diesem Umstand ist der Erhalt von älteren Wörtern und Wendungen zu verdanken wie z.B. Jänner ‘Januar’ oder heuer ‘in diesem Jahr’; in der Redewendung jemandem etwas zu Fleiß tun ‘absichtlich bzw. vorsätzlich jemandem Ärger bereiten oder Schaden zufügen’ ist die alte Bedeutung von Fleiß ‘Streit, Eifer, Gegensatz’ erhalten.

Die gesamtdeutsche Standardsprache

Entscheidend war aber für Österreich die Einbindung in die einheitliche gesamtdeutsche Standardsprache seit dem 18. Jhdt., die einerseits die areale Gliederung des pluriarealen deutschen Sprachgebietes nach den dialektalen Großräumen reflektiert (in Österreich im Kleinen, in Deutschland im Großen), andererseits die deutschen Großdialekte überdacht und damit die Kommunikation sicherstellt. Die plurizentrische Gliederung des deutschen Sprachgebietes nach den drei Staaten Deutschland, Österreich und der Schweiz ist sekundär, historisch jünger und reflektiert die neuzeitliche politische Entwicklung, hat aber bisher keine geschlossenen Sprachräume nach den Staatsgrenzen schaffen können, zumindest nicht auf Ebene der allgemeinen Verkehrssprache. Die grammatikalischen Abweichungen sind marginal. Das österreichische Deutsch ist kein besseres und kein schlechteres, sondern einfach ein in gewissen Bereichen anderes Deutsch; es ist auch kein „liebenswürdigeres“, „weicheres“, „runderes“ und auch kein „schlampigeres“ Deutsch − dies sind oft zu hörende subjektive Einschätzungen. Es gibt auch nicht sehr viele österreichische Wörter, die in Deutschland nicht verstanden werden, sondern bestenfalls ein paar Dutzend, das meiste findet sich auch in den anderen süddeutschen Regionen, v.a. in Bayern. Die österreichische Staatsgrenze zu den anderen deutschsprachigen Regionen ist keine Sprach- oder Mundartgrenze, sondern bloß eine politische, die sich nur auf sprachliche Erscheinungen des öffentlichen Lebens beschränkt, also österreichisch und schweizerisch Nationalrat gegenüber „deutsch“ Bundestag, österreichisch Matura, schweizerisch Matur gegenüber deutsch Abitur, deutsch und österreichisch Führerschein gegenüber schweizerisch Führerausweis usw. Sonst trinkt man seine Maß Bier in München wie in Salzburg und sammelt Schwammerln in Bayern wie in Österreich (usw).

Dies alles lässt sich nun verschieden beurteilen. In der österreichischen Sprachwissenschaft haben sich hier mehrere – wie ich das nennen möchte – Denkschulen herausgebildet. Zwar besteht bezüglich der arealen (räumlichen, mundartlichen) Vielfalt des Deutschen in der Fachwelt bis zu einem gewissen Grad Konsens und dieser ist dadurch geprägt, dass die deutsche Sprache eben in verschiedenen Staaten gesprochen wird und somit mehreren Nationen bzw. staatlichen Gemeinschaften als Kommunikationsmittel dient. Darüber hinaus stimmen die politischen Grenzen zwischen den einzelnen deutschsprachigen Ländern nicht mit den Arealen der Großdialekte überein, daher ergeben sich für das Deutsche zunächst drei Einteilungskriterien: ein „plurinationales“ nach den Nationen[15] („mindestens trinational“), ein „pluriareales“ nach den Hauptmundarten und ein „plurizentrisches“ nach den Zentren der einzelnen Staaten (bis hinunter zu den Verwaltungszentren der einzelnen Länder). Allerdings vermengen die meisten Vertreter des plurizentrischen Ansatzes diesen mit dem plurinationalen oder setzen beide gar gleich.

Dies trifft v. a. auf den österreichischen Germanisten Rudolf Muhr zu (er schreibt „Österreichisches Deutsch“ wie einen Eigennamen), der eine „österreichische“ Varietät der „deutschländischen“ gegenüberstellt und dabei einer Auseinandersetzung mit der österreichischen und bundesdeutschen sprachlichen inneren Gliederung und gegenseitigen Verflochtenheit weitestgehend aus dem Wege geht. Eine Kombination des pluriarealen mit dem plurizentrischen Konzept hingegen (von mir bevorzugt) unterstreicht einerseits die österreichischen Besonderheiten und andererseits die zahlreichen Gemeinsamkeiten mit dem ganzen süddeutschen bzw. bairischen Sprachraum; beide sind nicht isoliert zu sehen, sondern erst deren Summe macht das aus, was man „österreichisches Deutsch“ nennen kann. Daher sehe ich das österreichische Deutsch als eine historisch durch Eigenstaatlichkeit erwachsene nationale Varietät auf Grund des plurizentrischen bzw. pluriarealen Standpunkts, da weder das österreichische noch das bundesdeutsche Deutsch als homogen zu betrachten sind, vielmehr bin ich der Ansicht, dass die areale Gliederung, wie sie für die BR Deutschland im Großen besteht, sich im Kleinen in Österreich fortsetzt, wobei unbestritten bleibt, dass manche Erscheinungen nur auf österreichischem Boden vorkommen, diese aber nicht immer im ganzen Bundesgebiet. Denn eine einheitliche „österreichische Sprache“ (analog zu der seit 1945 entstandenen und heute gefestigten „(Staats-) Nation“) gibt es nicht; der Umkehrschluss „weil es eine österreichische Nation gibt, muss es auch eine österreichische Nationalsprache geben“ ist nicht zulässig und darüber hinaus reine Ideologie und würde einen Rückfall in den sprachorientierten Nationalismus bedeuten.

Andere plurinationale Sprachen

Man kann durchaus Vergleiche mit anderen plurinationalen Sprachen wie Englisch, Französisch, Rumänisch, Niederländisch usw. ziehen, auch mit dem Serbokroatischen, dieses ist jedoch ein eher abschreckendes Beispiel dafür, zusammenhängende Sprachräume durch genormte nationale Varietäten auseinander zu dividieren. Die durch das „Wiener Abkommen“ 1850 erreichte gemeinsame serbokroatische Schriftsprache (mit Zulassung einiger regionaler Besonderheiten) wurde (spätestens) seit dem Zerfall Jugoslawiens aufgegeben; heute haben wir vier (eigentlich fünf) „verschiedene“ Schriftsprachen, nämlich Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und neuerdings auch Montenegrinisch (sowie Burgenland-Kroatisch in Österreich, das immer schon eigene Wege ging).

Unter dem Titel „Der Jugend ist das österreichische Deutsch powidl“ ist am 7. Juli 2012 ein Bericht in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ erschienen.[16] Die junge Generation verwendet demnach zu einem Drittel bundesdeutsche Bezeichnungen und typisch österreichische Ausdrücke werden – wenn überhaupt – nur mündlich verwendet. Eine der Ursachen dafür sind u. a. auch Kinderbücher, sogar solche, die in Österreich hergestellt werden und „bundesdeutsche“ Ausdrücke verwenden – wie auch das Kinderfernsehen, das man in Österreich empfangen kann, denn dieses wird großteils in Deutschland produziert, wie dies der Germanist Peter Wiesinger feststellt und was ich auf Grund eigener Beobachtungen nur bestätigen kann. Daher ist es sehr erfreulich, dass der Wiener Ringelspiel-Verlag jetzt eine eigene Ausgabe für österreichische Kinder herausgebracht hat („Ein kleines Henderl will das Meer sehen“).

Mit ein Grund, warum die österreichische Varietät des Standarddeutschen immer weiter zurückgedrängt wird, ist auch die „globalisierte Umwelt“: Der jungen Generation ist der Unterschied zwischen „Norddeutsch“ und „Süddeutsch“ – zu letzterem zählt ja das österreichische Deutsch – immer weniger bewusst. In den Massenmedien (v.a. im Fernsehen und in der Werbung) überwiegt der binnendeutsche, eher nördlich geprägte Sprachgebrauch. Dazu kommt der fortschreitende Abbau der Mundarten. Dadurch entsteht eine gewisse sprachliche Unsicherheit; mit einem „Minderwertigkeitsgefühl“ gegenüber Deutschland (wie dies immer wieder herbeigeredet wird) hat dies kaum etwas zu tun. Man müsste schon in der Schule das Bewusstsein schärfen, welche Ausdrücke österreichisch sind, aber kein Lehrplan sieht das österreichische Deutsch als Thema vor. Viele Menschen sind daher sprachlich unsicher und wählen zur Vorsicht die bundesdeutsche Variante und blicken lieber in den Duden als in das Österreichische Wörterbuch. Ein „österreichisches Sprachbewusstsein“ scheint es nicht zu geben – im Gegensatz zum „österreichischen Nationalbewusstsein“. Man ist daher sprachlich weit „deutscher“ als hinsichtlich seines nationalen Empfindens. Dies zeigt sich auch an der Übernahme vieler im amtlichen Bereich üblicher Bezeichnungen wie z.B. die Gesundheitsakte (statt der -akt) oder beim Telefonieren „drücken Sie die eins“ (statt kurz und bündig „drücken Sie eins“). Und vielfach fehlt das sprachliche Wissen, was u. a. die EU-Liste der österreichischen Bezeichnungen unterstreicht (s.o.).

Wenn es auch eindeutig und klar zu definierende Austriazismen gibt, sie reichen nicht aus, um eine in Österreich mehr oder weniger einheitliche und von Deutschland abgrenzbare Varietät des Deutschen für Österreich festzuschreiben. Der Begriff „Austriazismus“ ist darüber hinaus schwierig zu definieren, denn Speisen wie Apfelstrudel, Vanillekipferl und Germknödel sind zwar ihrer Bezeichnung nach österreichischer Herkunft, aber sie sind die einzigen (gemein-) deutschen Bezeichnungen für diese Gerichte (auch das Hamburger Labskaus − ein traditionelles Seemannsgericht − ist zwar norddeutsch, aber es gibt kein anderes Wort dafür, auch für die schwäbischen Spätzle nicht). Es betreffen zwar die für Österreich typischen Ausdrücke alle Lebensbereiche, sie häufen sich aber auf dem Gebiet der Verwaltung und Gastronomie.

Das Festhalten am süddeutschen Sprachgut

Daher kann man zusammenfassen: es gibt sehr wohl eine österreichische „nationale Varietät“ des Deutschen, sie ist aber gleichzeitig eine durch die Eigenstaatlichkeit Österreichs bedingte süddeutsche Varietät, „national“ in der Hinsicht, dass die staatlich-kulturellen Rahmenbedingungen das Festhalten am süddeutschen Sprachgut fördern, aber „nicht national“ hinsichtlich des Sprachverhaltens weiter Teile der österreichischen Gesellschaft, denn in österreichischen Zeitungen, in Rundfunk und Fernsehen sind Wörter wie Junge für Knabe bzw. Bub und Bursche, Treppe für Stiege, lecker für wohlschmeckend usw., Plurale wie Jungs, Mädels usw., grammatisches Geschlecht wie die Schranke, Socke für der Schranken, Socken, Wendungen wie außen vor, er ist gut drauf, es macht keinen Sinn, guck mal, tschüs, weiters jemand anders statt anderer, rein und raus im Sinne von herein/heraus und hinein/hinaus[17] usw. heute gang und gäbe; auch er/sie/es hat gestanden/gelegen/gesessen (statt süddeutsch ist) kann man heute in Österreich (wie auch in Bayern) oft hören. Ferner ist auch in der gehobenen Gastronomie eine Zunahme binnen- und bundesdeutscher Termini zu beobachten (z.B. Filet statt Lungenbraten, Schweine-/Rinderbraten/-schnitzel statt Schweins-/Rinds- usw.). Auch im Unterricht „Deutsch als Fremdsprache“ wird (v.a. außerhalb von Österreich) der bundesdeutsche Sprachgebrauch bevorzugt, wie dies v.a. die Studie von Jutta Ransmayr eindrucksvoll gezeigt hat.

Zitierte und weiterführende Literatur

Ammon, Ulrich et alii: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin – New York 2004.

De Cillia, Rudolf: Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat: Österreichisches Deutsch und EU-Beitritt. In: Muhr, Rudolf – Schrodt, Richard – Wiesinger, Peter (Hgg.): Österreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien 1995, 121–131

De Cillia, Rudolf: Burenwurscht bleibt Burenwurscht. Sprachenpolitik und gesellschaftliche Mehrsprachigkeit in Österreich. Klagenfurt 1998.

Duden: Die deutsche Rechtschreibung. Mannheim – Wien – Zürich 2009 (Duden Band 1, 25. Auflage).

Ebner, Jakob: Duden. Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten. Mannheim – Leipzig – Wien – Zürich 2009 (4. Auflage).

Eichhoff, Jürgen: Wortatlas der deutschen Umgangssprachen. 4 Bde., Bern – München 1977–2000.

Markhardt, Heidemarie: Das österreichische Deutsch im Rahmen der EU. Frankfurt am Main 2005.

Markhardt, Heidemarie: Wörterbuch der österreichischen Rechts-, Wirtschaft- und Verwaltungsterminologie. Frankfurt am Main 2006.

Muhr, Rudolf: Zur Theorie der Plurizentrik am Beispiel des Deutschen. In: Der Sprachdienst 56/5, 2012. S. 179–198.

Österreichisches Wörterbuch. Hg. im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Wien 2012 (42. Auflage; 1. Auflage 1951).

Pohl, Heinz-Dieter: Die österreichische Küchensprache. Ein Lexikon der typisch österreichischen kulinarischen Besonderheiten. Innsbruck 2007. – Kurzfassung im Internet unter http://members.chello.at/heinz.pohl/KulinarLexik.htm.

Pohl,  Heinz-Dieter: Die österreichische Küchenterminologie im Rahmen der gesamtdeutschen. In: Der Sprachdienst 56/5, 2012. S. 219–232.

Pollak, Wolfgang: Österreich und Europa. Sprachkulturelle und nationale Identität. Wien 1994.

Ransmayr, Jutta: Der Status des Österreichischen Deutsch an nicht-deutschsprachigen Universitäten. Eine empirische Untersuchung. Frankfurt am Main 2006 (Österreichisches Deutsch – Sprache der Gegenwart, hg. v. Rudolf Muhr u. Richard Schrodt, Bd. 8). – Rezension im Internet unter http://members.chello.at/heinz.pohl/Ransmayr_Rez.htm [Zugriff am 25. November 2012].

Sedlaczek, Robert: Das österreichische Deutsch. Ein illustriertes Handbuch. Wien 2004.

Sedlaczek, Robert: Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs. Innsbruck-Wien 2011.

Variantenwörterbuch: s.o. Ammon.

Wiesinger, Peter: Das österreichische Deutsch in Gegenwart und Geschichte. Wien – Berlin 2006 (1. Auflage) u. 2008 (2. Auflage).

Zehetner, Ludwig: Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern. Regensburg 2005.

Anmerkungen

[1] Dieser problematische Artikel ist gerade zu der Zeit erschienen, als im Süden Österreichs viele deutsche Staatsbürger ihren Winterurlaub verbrachten. Ich konnte selbst mehrmals beobachten, dass die betreffende Ausgabe der „Kleinen Zeitung“ tunlichst vor den deutschen Gästen verborgen wurde. – Dazu habe ich einen Leserbrief geschrieben und der Redaktion der „Kleinen Zeitung“ einen Gastkommentar vorgeschlagen. Beide wurden nicht veröffentlicht (ich habe aber beide ins Internet gestellt: http://members.chello.at/heinz.pohl/Piefkinesisch.htm); der Gastkommentar ist die Grundlage dieses Beitrages.

[2] Eine solche hat es gegeben, und zwar im Jahre 2004 durch die „Schule für Dichtung“; als Unterzeichner traten in Erscheinung: Christian Ide Hintze, Autor, Schule für Dichtung; Marlene Streeruwitz, Autorin, Regisseurin; Roland Neuwirth, Autor, Sänger, Komponist; Robert Schindel, Schriftsteller; Peter Henisch, Autor; Prof. Dr. Rudolf Muhr, Universität Graz, Institut für Germanistik (lt. „Der Standard“ 29. Oktober 2004, im Internet unter http://derstandard.at/1759760).

[3] Diese Übersicht ist um einige im Zeitungstext ebenfalls angeführte Wörter erweitert.

[4] Da Erdäpfel Plural ist, müsste es eigentlich Kartoffeln heißen.

[5] Karte 4-45 bei Eichhoff.

[6] Es soll auch Erdäpfelpuffer geben, doch diese Bezeichnung habe ich noch nie gehört, nur Erdäpfelblattl oder Reibekuchen (in Bayern Reiberdatschi).

[7] Im Duden ist nur das Hauptwort Grant als bayerisch-österreichisch markiert, grantig ist unmarkiert. Laut Variantenwörterbuch gilt Grant als südostdeutsch-österreichisch, grantig hingegen als süddeutsch, doch zunehmend auch mittel- und norddeutsch.

[8] Siehe die Karten 1-38 und 4-56 bei Eichhoff.

[9] „Hochdeutsch“ steht im Gegensatz zu „Niederdeutsch“ und besteht aus Ober- und Mitteldeutsch; Ostmitteldeutsch ist die Basis der neuhochdeutschen Schriftsprache, deren Grundlage Martin Luther gelegt hat. Oberdeutsch besteht aus Bairisch (auch Bairisch-Österreichisch), Alemannisch und Süd- und Ostfränkisch. – Nach dem Begriff Hochdeutsch bildete man die Bezeichnung Hochsprache, doch in der Sprachwissenschaft bevorzugt man Standardsprache.

[10] Dazu kommen auch einige Aussprachegewohnheiten (wie Chemie, China mit [k-], nicht [ch-] oder -ig als [-ik], nicht [-ich], Betonung Kaffée, Mathemátik, nicht Káffee, Mathematík usw.).

[11] Vgl. Pollak 1994, S. 153.

[12] Vgl. Pollak 152 ff.; zur Vorgeschichte und Kritik vgl. auch de Cillia 1995, S. 123–125 und 1998, S. 86–88.

[13] Originalwortlaut im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften im Anhang zum sogenannten Protokoll Nr. 10 über die Verwendung spezifischer österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen Union, Teil des österreichischen Beitrittsantrages. Dazu s. Markhardt 2005, S. 158 ff., besonders 162–165; zur sprachwissenschaftlichen Kritik s. Pohl 2007, S. 33–35, zuletzt 2012, S. 222 ff. (im Internet unter http://members.chello.at/heinz.pohl/EU-Liste.htm).

[14] Den Namen des Landes Bayern schreibt man mit y, aber bairisch mit i – dies bezeichnet aber den Dialekt. Auch den historischen deutschen Stamm Baiern schreibt man so.

[15] „Nation“ meint hier den modernen Nationsbegriff als staatliche Gemeinschaft und nicht den überholten der „Kulturnation“ bzw. „Sprachnation“.

[16] Nachzulesen im Internet unter http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/1263227/Der-Jugend-ist-das-oesterreichische-Deutsch-powidl?from=suche.intern.portal.

[17] Da ist ja die Mundart noch genauer: die entsprechenden mundartlichen Formen einer/außer und eini/außi (o.ä.) beruhen auf den umgestellten „hochdeutschen“ ein-her/aus-her, ein-hin/aus-her.

Bearbeitungsstand: Montag, 25. März 2013
 
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