Warum die islamische Welt nachhinkt


Der lange Atem der Geschichte

 

Von Bertram Schurian

In seiner Ausgabe vom 26. Jänner 2013 hat der „The Economist“ einen interessanten Artikel der Sahelzone und den in diesem Gebiet liegenden Staaten gewidmet. Darin wird gewarnt, dass aus diesem Gebiet große Gefahren für die Sicherheit in Europa drohten. Die noch größere Gefahr jedoch drohe den übrigen afrikanischen Staaten, besonders da in vielen dieser Staaten schon jetzt die Gefahr von religiösen Spaltungstendenzen bestünde. Da die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York für die Vereinigten Staaten eine traumatische Erfahrung waren und die USA als Folge davon einen „war on terror” entfesselten, mit negativen finanziellen Folgen für die USA selbst und natürlich für die betroffenen Länder, ist es der Mühe wert, die gemeinsamen Ursachen einerseits für diese Anschläge und andererseits für die allgemeine Rückständigkeit der islamischen Welt gegenüber der westlichen und asiatischen Welt (China und Indien) zu untersuchen.

Die Sahel zieht sich 5400 km vom Atlantik quer durch Afrika bis zum Roten Meer und ist eine Übergangszone von den Wüsten im Norden zu den Savannen im Süden. Dieses Gebiet umspannt das Gebiet von Mauretanien bis Eritrea.

In den 12 nördlich von diesem Gebiet liegenden Staaten leben ca. 266 Millionen Menschen, der Löwenanteil sunnitische Moslems; nur in Ägypten gibt es eine Minderheit von koptischen Christen. Zusammen erarbeiten diese Länder ein reales BIP von US-$ 1.326 Milliarden oder ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von US-$ 4.400 im Schnitt. Alle diese Länder sind reich an Bodenschätzen, wobei die wichtigsten Mineralöl, Erdgas, Eisenerze, Gold, Silber, Blei, Uran, Kupfer, Phosphate und seltene Erden sind.

Im Nahen und Mittleren Osten gibt es sieben Staaten, in denen 270 Millionen Menschen leben, die gemeinsam ein reales BIP von US-$ 3.224 Milliarden produzieren, wobei der Iran und die Türkei die volksstärksten Länder sind. Im Durchschnitt haben diese Länder ein Pro-Kopf-Einkommen von US-$ 10.200. Als Vergleich möge die Entwicklung in Israel dienen: Dort leben 7,6 Millionen Menschen (80 % jüdischer Abstammung und 20 % arabischer Abstammung), die ein BIP vom 248 Milliarden erwirtschaften. Das sind pro Kopf beinahe US‑$ 32.200, was dem europäischen Durchschnitt von 28 Ländern nahe kommt bzw. entspricht.

In den vier asiatischen Ländern Afghanistan, Pakistan, Bangladesh und Indonesien, leben 630 Millionen Menschen bzw. ca. 40 % aller Muslime, die zusammen ein reales BIP von US‑$ 2.066 Milliarden erbringen. Pro Kopf ist dies ein Einkommen von im Durchschnitt US‑$ 1.600.

Insgesamt leben in 23 islamischen Ländern rund 1.166 Millionen Menschen, die im Schnitt ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von US-$ 5.674 erzielen. Verglichen mit Europa, Israel, Japan und den Vereinigten Staaten von Amerika sind diese Unterschiede zu bedeutend, um einfach darüber hinwegzusehen. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Intelligenz der Weltbevölkerung nicht normal verteilt wäre. So muss es also eine Reihe von Faktoren geben, – abgesehen von der Geographie, die kaum vom Menschen beeinflusst werden kann, und wenn, dann nur mit gewaltigen Anstrengungen, – die auf Dauer zu solch eklatanten Unterschieden führen.

Im Iran sind ca. 90 % der Bevölkerung Schiiten, während es in den anderen Ländern umgekehrt beinahe 100 % Sunniten sind. Diese Spaltung bzw. Konkurrenz untereinander zwischen den zwei Hauptrichtungen im Islam verursacht natürlich ebenfalls viele Probleme in der Region und im weiteren Umkreis – vergleichbar etwa den Unterschieden zwischen katholischen und protestantischen Regionen. Aber auch diese Länder, insbesondere Indonesien, sind reich an natürlichen Grundstoffen wie Erdgas, Mineralöl, Phosphaten, Gold, seltenen Erden und Edelhölzern. Saudi Arabien, Irak und Iran verfügen über riesige Vorkommen an Erdgas und Mineralöl. Potenziell sind alle diese Länder also reich an Menschen und Grundstoffen. Die Frage ist, warum dieses Potenzial nicht ausgeschöpft wird bzw. werden kann? Kein einziges dieser Länder, mit Ausnahme vielleicht der Türkei und des Iran, hat eine entwickelte industrielle Basis. Es gibt keinen Mittelstand, so wie er in Europa entstanden ist und sich in Asien entwickelt.

Angesichts dieser Diskrepanzen zwischen natürlichem Reichtum einerseits und niedriger Wirtschaftsleistung andererseits nimmt es kaum Wunder, dass aus diesen Ländern ein ständig steigender Wanderungsstrom in Richtung Europa und USA drängt. Das Wohlstandsgefälle treibt ihn an.

Dramatischer Bildungsrückstand

In den nordafrikanischen Ländern ist die allgemeine Alphabetisierung der Bevölkerung in Libyen mit 89 % am höchsten, in den übrigen Ländern liegt sie im Schnitt bei 54 %, wobei der Alphabetisierungsgrad des weiblichen Teiles der Bevölkerung (Ausnahme Libyen mit 83 %) bei rund 44 % liegt.

In den Ländern des Mittleren Osten liegt die allgemeine Alphabetisierung bei 80 % der Bevölkerung, beim weiblichen Teil liegt sie bei 74 %. Die großen Ausnahmen bilden die Türkei und Jordanien, wo die Alphabetisierung deutlich höher liegt.

Die drei asiatischen Länder Afghanistan, Pakistan und Bangladesh, haben einen allgemeinen Alphabetisierungsgrad von im Schnitt bei 47 %, wobei der des weiblichen Teiles bei 35 % anzusiedeln ist. Indonesien, das vierte asiatische muslimische Land, hat einen allgemeinen Alphabetisierungsgrad von 90 %, wobei der der Frauen bei 87 % liegt. Indonesien ist also die große Ausnahme unter den muslimischen Ländern.

In den 23 islamischen Ländern kann man einen starken Zusammenhang zwischen Geburtenreichtum, Alphabetisierung und wirtschaftlicher Entwicklung feststellen. Außerdem muss man sich die Frage stellen, inwieweit die schulische und akademische Ausbildung in den genannten Ländern europäischen und amerikanischen, aber auch ostasiatischen Standards entspricht. Die islamischen Länder hängen stark von den Industrieländern in Europa, Asien und Amerika ab. Ihre Konkurrenzfähigkeit im internationalen Handel ist sehr beschränkt. Mehr als Rohstofflieferanten sind sie nicht. Veredelte Produkte aus diesen Ländern, außer Lebensmittel, sind in Europa, Asien und Amerika weitgehend unbekannt, billige Textilien vielleicht ausgenommen. Woran liegt das?

Die Terroranschläge auf das Welthandelszentrum in New York und auf das Pentagon waren für die Vereinigten Staaten von Amerika eine traumatische Erfahrung und haben als Reaktion darauf zur Einschränkung der bürgerlichen Freiheitsrechte in den USA geführt, wie auch zu horrenden finanziellen Belastungen der US-amerikanischen Bürger, indem zwei langwierige Kriege gegen den Irak und Afghanistan geführt wurden. Ein Grund für die Anschläge in den USA könnte auch die Einsicht islamischer Kreise gewesen sein, dass die islamischen Länder sterbende Länder sind. Wenn man die Geburtenraten von 23 islamischen Ländern betrachtet, so kann man feststellen, dass diese in den vergangenen zwanzig Jahren bedeutend dramatischer gefallen sind als in Europa, Russland, Japan oder China, ganz zu schweigen von den USA. Weniger bedeutende Länder wie Mauretanien, Mali, Niger, Somalia sowie Afghanistan einmal ausgenommen. Wenn man den Wohlstand dieser Länder vergleicht mit dem in der westlichen industrialisierten Welt vorherrschenden, dann könnte man die Anschläge auf New York auch als Panikreaktion islamischer Gesellschaften sehen, die keine andere Möglichkeit sahen, ihrer selbst verschuldeten Lage zu entkommen, als einen verzweifelten Angriff auf einen vermeintlichen Feind in der Tradition und im Auftrag des Koran auszuführen.

Die islamische Welt befindet sich in einem furchtbaren Dilemma. Alle Bestrebungen in den islamischen Ländern selbst, wie Nationalismus, Sozialismus, aber auch Kapitalismus, haben zur gegenwärtigen schlechten Situation noch beigetragen und die in sie gesetzten Erwartungen in keiner Weise erfüllt.

Die politischen Versuche des Westens

Es gab und gibt daher, weil anscheinend wenig in den muslimischen Ländern so funktioniert, wie das westlichen Maßstäben entspricht, in US-amerikanischen Kreisen Bestrebungen, die den Nahen und Mittleren Osten neu ordnen wollen. Es wird dabei an eine ethnische Neuordnung fast sämtlicher Staaten dieser Region gedacht. Durch Auflösung ganzer Staatenverbände sollen neue Völkerrechtssubjekte entstehen, die u. a. auch nach Stammes- und Religionszugehörigkeit gebildet werden.[1] Man ist zu der Einsicht gelangt, dass nicht zuletzt die von den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich gezogenen Grenzlinien zu gefährlichen inneren Unruhen in diesen Ländern geführt haben. Ein gedeihliches “nation building” und damit einhergehende Hoffnungen auf wirtschaftliche Prosperität hätten sich nicht erfüllt, bzw. die Grenzziehungen dieser Art haben dies sogar verhindert. Inwieweit diese Pläne ausgeführt werden und von wem, ist nicht deutlich, jedoch die Pläne bestehen. Das Scheitern westlicher Ordnungsvorstellungen an den realen Verhältnissen vor Ort könnte auch mit eine Erklärung für die chaotische Entwicklung im so genannten Arabischen Frühling liefern.

Die Vereinten Nationen (UN-Development Programm) geben jährlich einen Human Development Index heraus. Er basiert auf den Daten von 187 Mitgliedern der Vereinten Nationen und zeigt das relative Standing hinsichtlich Lebenserwartung, Alphabetisierung, schulischer Erziehung, Lebensstandard etc. eines Landes in der Welt an. Abgesehen von den reichen islamischen Golfstaaten und Brunei, die in der Gruppe der ersten 50 liegen, kommen Saudi Arabien, Libyen und Malaysia auf die Plätze 56, 64 und 61. Alle anderen islamischen Länder liegen schlechter als 90, wobei 1 der relativ beste Platz und 187 der relativ schlechteste ist. Dieser Index legt die relative Rückständigkeit dieser Länder auf eine objektive Art und Weise bloß. Auch wird deutlich, dass die Rhetorik in den islamischen Ländern ein beträchtliches Maß an Wunschdenken enthält und mit der Realität wenig bis nichts zu tun hat.

Kritische islamische Stimmen

Es gibt auch in der islamischen Welt selbst kritische Stimmen, denen jedoch das Leben schwer gemacht wird, denn Kritiker sind nirgends beliebt. Am 28. Januar 2013 hat sich der pakistanische Atomphysiker Pervez Hoodbhoy, der der muslimischen Strömung der Ismailiten angehört (das geistige Oberhaupt dieser Strömung ist Karim Aga Khan IV; er ist der 49. Imam und soll in direkter Linie vom Propheten Mohammed abstammen), äußerst kritisch über die muslimischen Gesellschaften ausgelassen. Er meinte, dass die muslimischen Gesellschaften kollektiv gescheitert seien. Es gäbe rund 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt, die jedoch in keinem Bereich auf besondere Errungenschaften hinweisen können. Weder in den Naturwissenschaften noch in der Kunst (was andere nicht so sehen) oder der Literatur. Was mit großer Hingabe geschehe, sei beten und fasten, jedoch keine Bemühungen, innerhalb islamischer Gesellschaften deren Lebensbedingungen zu verbessern. Ein Wandel könne nur dann eintreten, wenn der weit verbreitete Glaube, Wissenschaft enthielte Elemente von Religion, abgelegt wird. Die vorherrschende Mentalität, die alle Verantwortung allein Gott zuordnet, ist das Gegenteil von wissenschaftlichem Denken. Die arabische Arbeitsmoral sei schlecht, weil es ständig Unterbrechungen gebe, um die religiösen Pflichten zu erfüllen.[2] Um in der modernen Welt wettbewerbsfähig zu sein, gelten Dinge wie Pünktlichkeit und das Einhalten von Regeln, die von Menschen aufgestellt werden, aber nicht von Gott kämen.

Zudem stellt er sich die Frage, welche bedeutenden Erfindungen oder Entdeckungen Muslime in den vergangenen tausend Jahren gemacht hätten? Strom? Elektromagnetische Wellen? Antibiotika? Verbrennungsmotor? Computer? Jedenfalls nichts, was unsere moderne Zivilisation ausmacht. Wenn es nach den religiösen Fanatikern geht, macht das auch nichts. Die stecken gedanklich immer noch im zwölften Jahrhundert.[3]

Dieses Urteil eines pakistanischen Gelehrten sollte uns zu denken geben und Anlass sein, den in Europa anzutreffenden naiven Glauben, Zuwanderer aus islamischen Ländern seien problemlos integrierbar, zu hinterfragen. Ernsthafte Zweifel sind angebracht.

Der indische Biologe Dr. Mohammed Iqtedar Husain Farooqi, der vom Sultan von Oman für seine wissenschaftliche Arbeit über Pflanzen aus der Zeit des Propheten und ihre medizinische Wirkung ausgezeichnet wurde, ist in seiner Analyse „Status of Muslim Societies” sehr kritisch und ergänzt die Argumente von Pervez Hoodbhoy. Er meint, dass es einmal eine Zeit gegeben hätte, in der die Islamitische Kultur in allen Bereichen weltweit führend war. Und dies dank ihrer Fertigkeiten und Kenntnisse auf allen Gebieten. Dies hätte sich jedoch seit dem 16. Jahrhundert unserer Zeitrechnung drastisch verändert. Die Muslime besetzen die niedrigste Position „in the ladder of the world” (Rangordnung). „They are educationally backward, scientifically marginal, politically insignificant and economically poor”. Er verweist hier auf den HDI der Vereinten Nationen, wo die relative Position von Christen, Buddhisten, Juden, Hindus, Stammes – bzw. Naturreligionen und Muslims bestimmt wird. Er erwähnt den in seinen Augen beklagenswerten Zustand der schulischen und höheren Bildung in den islamischen Ländern. Wenn islamische Wissenschaftler sich weiter spezialisieren möchten, beispielsweise in den reinen Wissenschaften, in den Ingenieurwissenschaften oder medizinischen Wissenschaften, müssten sie dies auf westlichen Universitäten in der christlichen Welt machen. Dies im Gegensatz zu der Lage im Mittelalter, als christliche Studenten/Gelehrte für höhere Gelehrsamkeit in das muslimische/maurische Spanien reisen mussten (sic!). In jener Zeit konnten die Universitäten in Spanien, Ägypten und in Städten wie Bagdad zu den besten in der Welt gezählt werden. Eine hingegen kürzlich veröffentliche Studie der Universität von Shanghai hat die 500 Top Universitäten in der heutigen Welt aufgelistet: Keine einzige islamische Universität befand sind auf dieser Liste! Soweit Farooqi.

Der Präsident der „Islamic Civic Society of America”, Abdikadir Ibrahim, beklagt in seinem Essay „The most pressing Issues for the Muslim World ” denselben Zustand. Er stellt sich auch die Frage, warum die muslimische Welt so weit hinter der westlichen Welt her hinkt. Seiner Meinung nach hätte dies nichts mit dem Islam zu tun, denn der sei eine Religion des Fortschritts, der Innovation und Entwicklung (sic!). Seiner Meinung nach ist es die Schuld der europäischen Eroberer und Kreuzfahrer, die bei Rückeroberung von Spanien und Palästina nicht nur deren wunderbare muslimischen Einrichtungen zerstört, sondern die dort lebenden Menschen auch noch versklavt hätten.

Die irrige Umdrehung der zeitgeschichtlichen Abläufe

Diese Argumente, die Kreuzfahrer bzw. die Spanier bzw. Habsburger hätten die anwesenden muslimischen Einrichtungen bei der Rückeroberung ihrer Länder zerstört bzw. die Europäer hätten den Mittleren Osten kolonisiert und ausgebeutet, stimmen so nicht, denn in der geschichtlichen Zeitabfolge war es genau umgekehrt. Es waren die Araber, die ab 630 n. Chr. die Grundlagen, die die Griechen und Römer im Mittelmeerraum gelegt hatten, zerstörten und so die Ursache für den relativ schnellen Verfall einst pulsierender und bevölkerungsreicher Städte im ganzen Mittelmeerraum waren, denn die Hauptzentren des römischen Reiches lagen im östlichen Mittelmeerraum, wie Konstantinopel, Antiochia, Damaskus und Alexandria. Zudem sollte nicht vergessen werden, dass Ägypten und Nordafrika die Kornkammer für das römische Reich stellten. Die Bewässerungsanlagen der Römer waren hochentwickelt und einzigartig. Reste davon kann man heute noch bewundern. Die einzige Metropole im westlichen Teil des Römischen Reiches war Rom selbst. Die Städte in den römischen Provinzen westlich und nördlich von Italien waren lokale Zentren und außer von militärischer ohne weitere besondere Bedeutung für Rom.

Der Untergang des Römischen Reiches ist ein eigenes Thema.[4] Immerhin bestätigen archäologische Funde im gesamten Mittelmeerraum, dass die klassische Zivilisation sich vom Niedergang des Reiches wieder erholte und auf dem besten Wege war, eine neue christliche Blüte zu erlangen. Ab 650 n. Chr. ist jedoch eine Zäsur zu entdecken. Für drei Jahrhunderte ab diesem Zeitpunkt findet die Archäologie keine Beweise von einer kulturellen Blüte, weder in klassischer noch in islamischer Form. Diese Zäsur fällt mit der ersten Eroberungswelle der islamischen Araber in der Zeit von 631 bis 661 n. Chr. zusammen.

Europa hat sich selbst gefunden

Die unterschiedlichen Betrachtungsweisen dieser Epoche beschäftigt die bekanntlich wissenschaftlich streitbare Zunft der Historiker nach wie vor. Außerdem muss die Entstehung des Osmanischen Reiches in die Gesamtbetrachtung mit einbezogen werden, was ein Thema für sich darstellt. Davon einmal abgesehen, ist ein geistesgeschichtliches Faktum heute unbestritten:

Die Entstehung des modernen Weltbildes begann mit der Renaissance in Europa. Damit zugleich der Anfang der modernen Naturwissenschaften. Der Durchbruch auf breiter Front erfolgte in der Folge dank der europäischen Aufklärung, die festgefügte religiös-dogmatische Denkschablonen abschüttelte und der Freiheitsidee gerade auch in Forschung und Lehre schließlich zum Sieg verhalf.

Die europäischen Völker haben diese global gesehen bislang einzigartige Phase einer aus ihrer eigenen Mitte und eben nicht von außen kommenden geistigen Aufklärung durchlaufen. Für Deutschland steht herausragend der Philosoph Immanuel Kant. Vor allem dadurch haben die Europäer ihren enormen Aufstieg in der Welt geschafft. Die islamische Welt hat diese geistige Entwicklung, die vereinfachend und damit verkürzt als Aufklärung bezeichnet wird, bislang vermissen lassen. Sie wird sie nachvollziehen müssen, will sie in der modernen Welt ankommen. Fernöstliche Länder zeigen, dass das machbar ist. Sogar islamisch geprägte Wissenschafter wie zum Beispiel Necla Kelek sehen das so. Man mag es historisch betrachten, wie man will, für die Zukunft steht der islamischen Welt als Aufgabe ein geistiger Erneuerungsprozess bevor. Vielleicht erleben wir derzeit die krisenhaften Geburtswehen dieses aufkommenden Prozesses. Er wird Generationen beschäftigen.

Verwendete Literatur

Emmet Scott, Mohammed & Charlemagne Revisited, History of a Controversy, English Review Press 2012

David Goldman, How Civilizations Die (and why Islam is dying too), Regnery Publishing 2011

Barbara Tuchman, The March of Folly, Ballantine Books 1985

Doug Saunders, The Myth of the Muslim Tide, Vintage (USA) 2012

The Economist vom 26. Januar 2013

Decline and Fall, Niall Ferguson in Foreign Affairs 3/4 2010

Krieg und Frieden – Wie US-Armeekreise den Nahen und Mittleren Osten neu ordnen wollen, Hans Georg in Neue Rheinische Zeitung, 13. Oktober 2012

The most pressing issues for the muslim world von Abdikadir Ibrahim, 13.2.2013

Status of muslim societies von Dr. M.I.H.Farooqi, 13.2.2013

Muslimische Gesellschaften sind kollektiv gescheitert von Hasnain Kazim in Spiegel Online 28.1.2013

Redaktionelle Anmerkungen

[1] Vgl. Peter Toplack, Die Balkanisierung des Nahen und Mittleren Ostens, Genius-Lesestück Nr. 04, September–Oktober 2012

[2] Die Neue Zürcher Zeitung vom 2. März 2013 berichtet von einem norwegischen Professor, der sein Flugzeug nur deswegen verpasste, weil der muslimische Taxifahrer auf halbem Weg zum Flughafen die Fahrt unterbrach, um auf dem Gebetsteppich seine religiöse Pflicht zu erfüllen.

[3] Noch im Hochmittelalter waren arabische Wissenschafter besonders in Mathematik, Astronomie und Navigation führend. Ihrer bediente sich u. a. das Normannische Königreich auf Sizilien und später Heinrich der Seefahrer, der Vater der portugiesischen Weltentdeckung.

[4] Vgl. Herfried Münkler, Imperien – Die Logik der Weltherrschaft, rororo 2007

Lee Kwan Yew, seinerzeiiger Premierminister von Singapore, meinte: „… that despite we do four our Muslims, they continue to remain at the bottom of society, poor, backward ad uneducated.“ Quelle: Report of China: What keeps the Muslim World back?, Hrsg. Gatestone Institute, 21. März 2013. – B. Sch.

Bearbeitungsstand: Montag, 25. März 2013
 
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