Südostdeutschtum – Woher, wohin, wozu?


Gedanken eines Freundes aus der Steiermark zu einem Jubiläum im Banater Bergland

Von Reinhold Reimann

Wir wissen, dass neben dem nahezu flächendeckenden, vornehmlich landwirtschaftlich orientierten Kolonisationswerk der Donauschwaben vom Buchenwald im Nordwesten bis zum Banat im Südosten etwa zur selben Zeit – also beginnend vor nunmehr knapp dreihundert Jahren – im gebirgigen Süden des Banats deutsche Siedler nicht nur aus anderen Herkunftsländern, sondern auch mit anderem Auftrag ein Aufbauwerk europäischen Ranges begannen, dem man späterhin die ehrende Bezeichnung „Ruhrgebiet des Südostens“ zumaß. Hier galt es nicht wie bei den Schwaben, sumpfige Gegenden trockenzulegen und der landwirtschaftlichen Nutzung zu erschließen; hier galt es vielmehr, das während der zwei Jahrhunderte dauernden Herrschaft der Türken weitgehend darniederliegende Bergbauwesen wieder aufzubauen. Und so fand das von den Habsburgern im 18. Jahrhundert in Gang gesetzte große bäuerliche Kolonisationswerk der Donauschwaben hier seine Entsprechung in der Entwicklung von Bergbau und Industrie. Bergleute, Holzfäller und Köhler waren es, die zunächst hierher gerufen wurden, und sie kamen aus Tirol, aus der Zips, später in größerer Anzahl aus dem steirischen Ennstal sowie aus dem steirischen und oberösterreichischen Salzkammergut; auch Italiener und Franzosen, Tschechen und Slowaken waren darunter – vielfach sind sie kulturell im Deutschtum aufgegangen.

„Steirer“ nannten sie sich selbst, auch wenn nicht wirklich alle aus der Steiermark herstammten.[1] Aber die Verbindung gerade zur Obersteiermark gestaltete sich mit der Entwicklung von Bergbau und Industrie hier wie dort zunehmend enger, Ingenieure und Facharbeiter aus dem obersteirischen Industriegebiet zogen zu, und bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Direktoren der Reschitzer Werke in der Regel Absolventen der Montanistischen Hochschule (der heutigen Montanuniversität) in Leoben. Was von den Berglanddeutschen neben ihrer manuellen und geistigen Arbeitsleistung an außerberuflicher Kulturleistung erbracht werden konnte, ist am anschaulichsten geschildert vom langjährigen Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen, Karl Ludwig Lupsiasca, in seiner dreibändigen Geschichte des Banater Berglandes.[2]

Die Deutsche Vortragsreihe Reschitza

In der heute viele Sparten umfassenden Tätigkeit des Kultur- und Erwachsenenbildungsvereines „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ sehen wir nicht nur eine würdige Fortsetzung, sondern auch eine gelungene Bündelung dieser berglanddeutschen Kulturarbeit. Diese Bündelung stellt aber nicht nur eine thematische Synthese dar, sondern äußert sich auch in einem geographischen Überspannen der berglanddeutschen Ortschaften, indem dort, wo die Volksgruppe außerhalb von Reschitz in nennenswerter Stärke lebt, Außenstellen der Vortragsreihe errichtet wurden.

Es begann mit einer Sängerfahrt ins Banat und nach Siebenbürgen im Jahre 1986 – in der Zeit vor der politischen Wende in Rumänien ein gar nicht so einfaches Unterfangen! Auf dieser Fahrt lernte einer unserer Mitfahrenden eher zufallsbedingt einen gewissen Erwin Josef Tigla (sprich „Ziegler“) kennen. Ein vorsichtig tastender Briefverkehr – soweit er unter den damals herrschenden Verhältnissen möglich war – und der gescheiterte Versuch eines Zusammentreffens, weil die Nachrichtenübermittlung ja durch die damaligen technischen Gegebenheiten und eben auch durch die politischen Verhältnisse nicht im heutigen Maße möglich war, ließen in zwei Jahren so etwas wie eine „Brieffreundschaft zum Zwecke verdeckter Volkstumsarbeit“ entstehen, die sich dann in einem wunderbaren Vertrauensbeweis niederschlug.

Am 9. Jänner 1990 – also wenige Tage nach der Wende – überbrachte mir ein Kurier aus dem Banater Bergland ein ergreifendes Dokument von wahrlich unter die Haut gehender Authentizität: Erwin Josef T¸iglas „Chronik der Freiheit“. Darin waren auf drei doppelseitig dicht handbeschriebenen Bögen die Ereignisse des Umsturzes in Rumänien geradezu Stunde für Stunde geschildert, wie sie im Banater Bergland erlebt wurden. Auf Anraten des Alpenländischen Kulturverbandes Südmark zu Graz wurde der Text getippt und das Manuskript dem damaligen Landeshauptmann von Steiermark, Dr. Josef Krainer d. J., zukommen gelassen, der umgehend und mit größter Anteilnahme darauf reagierte. Wenige Tage später erschien die „Chronik der Freiheit“ im Druck, herausgegeben vom Alpenländischen Kulturverband Südmark.[3] Dann ging es Schlag auf Schlag: Das Demokratische Forum der Banater Berglanddeutschen (DFBB) wurde ins Leben gerufen, die „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ wandelte sich von der deutschen Abteilung der Reschitzer Volkshochschule zu einem eigenständigen Kultur- und Erwachsenenbildungsverein, der bald die Kulturabteilung des DFBB bildete.

20 Jahre alt oder 20 Jahre jung?

Gemessen an vielen Vereinen, die nach dem Aufblühen des Vereinswesens in Mitteleuropa infolge der verfassungsrechtlichen Lockerung um die Mitte des 19. Jahrhundert entstanden sind, ist die „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ freilich ein sehr junger Verein; und ein 20-Jahr-Jubiläum ist üblicherweise zwar Anlass für einen Rückblick auf bereits Vollbrachtes, auch für Überlegungen hinsichtlich des weiterhin Erstrebten, wohl kaum aber für überschäumende Festesfreude.

Doch messen wir unsere Vortragsreihe nicht allein an Jahren – diese vergehen nämlich von selbst und fragen dabei nicht nach unserem Zutun! Messen wir die jubilierende Vortragsreihe vielmehr an ihren Leistungen, dann vermag sie sich durchaus manchem weit älteren Verein mühelos zu emanzipieren. Dem Wappen der Vortragsreihe können wir das breit gestreute Programm des Vereines entnehmen: Literatur, Musik, Brauchtum, Bildungsreisen. Bei uns in Österreich – und gewiss in gleicher Weise in der Bundesrepublik Deutschland – versteht man unter einer Vortragsreihe gemeinhin eine Reihe von Vorträgen; der Veranstalter kann, muss aber nicht ein geschlossener Verein sein. Da haben wir im Banater Bergland dazugelernt: Die „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ beschränkt ihre Veranstaltungen nicht allein auf Vorträge unterschiedlichster Art und Thematik. Ihre Arbeit erstreckt sich vielmehr auf alle kulturellen Äußerungen der berglanddeutschen Volksgruppe. Es ist daher gewiss nicht übertrieben, wenn wir die „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ als ein Vorzeigestück des rumäniendeutschen Kulturlebens bezeichnen! Zu den jährlichen Großveranstaltungen zählen: Die Deutsche Kulturdekade im Banater Bergland als mittlerweile größte kulturelle Veranstaltung der Rumäniendeutschen überhaupt; die Deutschen Literaturtage in Reschitz, die sich einen festen Platz im literarischen Geschehen des gesamten Südostdeutschtums errungen haben; und das Reschitzer Deutsche Trachtenfest, das Gruppen aus dem In- und Ausland hier zu Volkstanz und Trachtenschau zusammenführt.

Vergessen wir nicht die schriftlichen Veröffentlichungen – sie sind wichtige und vor allem bleibende Zeugen von Streben und Erfolg: Hier sei an erster Stelle das „Echo der Vortragsreihe“ genannt – eine Monatsschrift, die sich in der Gestaltung von wirklich armseligen Anfängen her (man erinnert sich an die wenigen hektographierten, zusammengeklammerten Blätter vom Beginn der 90er Jahre) entwickelt hat zu einer in der Form äußerst gefälligen und handlichen Schriftenreihe; und deren Inhalt eine geradezu lückenlose Dokumentation des deutschen Kulturgeschehens im Banater Bergland darstellt. Dazu wollen wir die Bücher erwähnen, die die Vortragsreihe selbst herausgebracht hat oder deren Erscheinen sie angeregt und ermöglicht hat; hier ist es die Frequenz, die unsere Bewunderung findet: 31 Bücher in 20 Jahren!

Es ist hier kein Platz, um die umfangreiche Tätigkeit der Vortragsreihe in allen Einzelheiten aufzulisten. Das geschieht mit Sicherheit andernorts in geeigneter Form. Und es muss unbedingt geschehen – aus mehrfachem Grund: Der erste ist die Dokumentation, die desto größere Bedeutung gewinnt, je weiter die Ereignisse zurückliegen. Der zweite Grund ist die Information über Wesen und Streben der Vortragsreihe für Mitglieder und Außenstehende, wie sie sich aus Tendenzen in der Programmgestaltung ablesen lässt. Der dritte Grund ist die Werbung, um neue Mitglieder zu gewinnen und um Verständnis der Umgebung für das eigene Tun zu erreichen – und das scheint mir für eine Volksgruppe besonders wichtig! Der vierte Grund liegt im Ansporn, den hinkünftige Gestalter des Vereines aus den Leistungen der Vergangenheit ziehen können – ein nicht zu vernachlässigendes psychologisches Moment!

Volksgruppen – Wohin und Wozu?

Ein Fortleben ohne Veränderung gibt es nicht, eine Weiterentwicklung ohne Veränderung schon gar nicht. Solche Veränderungen können innerlicher oder äußerlicher Natur sein. Die derzeitige Leitung der Vortragsreihe arbeitet mit großartiger Wirkung. Mögen die beiden Hauptbedrohungen des Rumäniendeutschtums – Aussiedlung und Überalterung – vor den Berglanddeutschen soweit Halt machen, dass sich weiterhin eine genügende Anzahl von qualifizierten Idealisten findet, das bewahrte Erbe zu übernehmen, zu pflegen und zeitgemäß weiterzuentwickeln. Dazu hoffen wir, dass die heute oft genannte Globalisierung – so unausweichlich sie in vielen Belangen sein mag – nicht absolute Gleichmacherei bedeutet; und dass nicht sie uns beherrscht, sondern dass wir uns auf sie in einer Weise einzustellen vermögen, sie nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Gerade das ist für Volksgruppen von besonderer, ja von zunehmender Bedeutung.

Werfen wir in diesem Zusammenhang eine provokante Frage auf: Haben Volksgruppen denn überhaupt einen Wert, sind sie nicht vielmehr Ärgernis und mitunter sogar Bedrohung für ihren Wirtsstaat? Ich halte aus fester Überzeugung dafür, dass in Volksgruppen unverwechselbare, wertvolle, ja sogar notwendige Bausteine im bunten Mosaik unserer multi-ethnisch gefächerten europäischen Kultur zu sehen sind. Volksgruppen ist es geradezu auf den Leib geschneidert, Brücken des Verständnisses zwischen Völkern und Staaten zu bilden. Wer dem zustimmt, wird auch der Überlegung folgen, dass es sich Mutterland und Wirtsstaat in gleicher Weise angelegen sein müssen, selbstbewusste, von ihrer Zukunft überzeugte Volksgruppen zu erhalten und zu fördern. In erster Linie aber müssen die Volksgruppen selbst für ihren Fortbestand sorgen, indem sie den festen Willen zur Erhaltung und Fortentwicklung ihrer ethnischen Gemeinschaft auch im täglichen Leben fortwährend unter Beweis stellen. Wenn alle auswandern oder sich assimilieren wollen, ist jede Unterstützung einer Volksgruppe, von welcher Seite immer sie kommen und wie großzügig sie immer auch sein mag, zum Scheitern verurteilt. Der Kultur- und Erwachsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ ist nicht nur ein von seinem Wollen her überzeugendes, sondern auch ein von seinem Wirken her sehr erfolgreiches Beispiel für den Selbstbehauptungswillen einer Volksgruppe, die mit dem runden Dutzend anderer Ethnien im Banater Bergland friedlich, ja in gegenseitiger Wertschätzung zusammenzuleben weiß. Möge diese gegenseitige Wertschätzung von Dauer sein; und möge die „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ noch viele Jahre, Jahrzehnte zu einer zukunftsorientierten Weiterentwicklung der berglanddeutschen Volksgruppe im Banat so Entscheidendes beitragen wie bisher!

 

Univ.-Prof. Dr. med. Reinhold Reimann, geb. am 15. September 1941 in Leoben (Obersteiermark), Obmann des Alpenländischen Kulturverbandes Südmark, Ehrenmitglied des Kultur- und Erwachsenenbildungsvereines „Deutsche Vortragsreihe „Reschitza“, Träger des Alexander-Tietz-Preises der Banater Berglanddeutschen 2002, Ehrenbürger der Stadt Reschitz.

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Anmerkungen

[1] Wir wissen freilich, dass es auch Berglanddeutsche gibt, die sich sehr entschieden nicht als Steirer verstehen. Dazu zählen etwa die Bewohner des Dörfchens Tirol (Königsgnad), die teilweise Nachkommen von Tirolern sind, welche nach dem verlorenen Tiroler Freiheitskrieg von 1809 unter der Führung Josef Speckbachers hierher gelangten. Dazu zählen auch die Deutsch-Böhmen der Semenik-Dörfer Wolfsberg und Weidenthal, die 1827/28 von der böhmischen Seite des Böhmerwaldes als Wehrbauern („Grenzer“) in den Bereich der Banater Militärgrenze gerufen wurden.

[2] LUPSIASCA Karl Ludwig: Dieses von Natur aus reiche Land (1718–1855). Verlag der Allgemeinen Deutschen Zeitung in Rumänien, Bukarest 1997. – Ders: Dem Emporbringen und Aufblühen dieser Bergwerke (1855–1920). Verlag der Allgemeinen Deutschen Zeitung in Rumänien, Bukarest 2000. – Ders.: Höhepunkt ihrer Geschichte (1920–1948). Verlag Banatul Montan, Reschitza 2006.

[3] TIGLA Erwin Josef: Chronik der Freiheit. Lot und Waage 37/Sondernummer (Jänner 1990)

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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