Politisches Management wörtlich genommen


Warum eine Verortung im Bereich der Kunst berechtigt ist

 
Von Wolfgang Caspart

Unter Management ist wortwörtlich „Handhabung“ zu verstehen, also eine Fertigkeit. Im Allgemeinen wird der Begriff des Managements vor allem im wirtschaftlichen Zusammenhang verwendet und verstanden, doch ist er viel allgemeiner zu gebrauchen. So spricht man auch von medizinischem Management, Kunstmanagement, Wissensmanagement, Sportmanagement oder eben politischem Management.

Fertigkeit und Können

Als zu handhabende Fertigkeit gehört Management also im weiteren Sinne in den Bereich der „Kunst“ und bedient sich des Wissens bzw. der Wissenschaften. Wie sich die künstlerische Architektur der Wissenschaften bedient (beispielsweise der Statik), so nutzt auch das politische Management verschiedene Wissenschaften (z. B. Volkswirtschaftslehre oder Völkerrecht). Architektur und Politik sind also noch etwas anderes und mehr als eine Wissenschaft, sie sind auch „Kunst“. Nicht umsonst spricht man in der Politik auch zurecht von der „Staatskunst“.

Kunst kommt von Können und ist somit in das Feld der Handlungen zu subsumieren. Dieses wiederum unterstellt einerseits überhaupt die Möglichkeit freier Handlungen und andererseits das sittliche Problem des rechten Handelns. In einem System durchgängiger Determinierungen1 wäre so etwas wie politisches Management eigentlich undenkbar. Kunst, Management und Politik sehen sich also mit der Freiheit und ihrem richtigen Gebrauch konfrontiert.

Die Qualität von Management

Von der ästhetischen Kunst unterscheidet sich das Management dadurch, dass es Ressourcen (Bodenschätze, Arbeit oder auch menschliches Wissen) zur Stiftung höheren Nutzens transformiert. Ohne die bewussten Umgestaltungen lägen diese Ressourcen brach, erst durch das Management wird aus ihnen ein Nutzen gestiftet. Die Qualität des Managements kann am Grad der bewirkten Wertschöpfung gemessen werden. Ein schlechtes Management vergeudet Ressourcen oder lässt sie ungenutzt und erreicht einen geringen oder gar keinen Nutzen, ein gutes Management setzt die Ressourcen effizient ein und erzielt einen hohen Nutzen.

Damit stellt sich die Frage, wie gutes Management zustande kommt. Der Manager als Handhaber gewisser Fertigkeiten darf nicht nur, sondern er muss auf aktuelles Wissen und moderne Wissenschaften zurückgreifen. Überalterte mechanistische und materialistische Vorstellungen bieten damit die sicherste Gewähr für geringe Nutzenstiftung und schlechtes Management. Ein Unternehmensführer, der sich ununterbrochen mit Detailfragen beschäftigt, bis in unterste Ebenen selbst eingreift und nicht auf die Qualität wie Motivation seiner mitdenkenden Mitarbeiter vertraut, zeigt genauso wie ein ständig bei jedem sich ergebenden kleinsten Anlass intervenierender Politiker, dass er von Systemdenken2, Selbstorganisation3 und Synergetik4 noch nie etwas gehört hat. Eine „wohlwollende“ Kasernenhofmentalität führt in Unternehmen wie in der Politik zu schlechten Managementergebnissen.

Stärkung der Selbstorganisation

Natürliche Phänomene und komplexe Systeme werden nicht nur durch Materie und Energie, sondern vor allem durch Organisation bestimmt. Gewisse Anteile von Wasser, Kohlenstoff und anderen Elementen machen nicht das naturwissenschaftliche Wesen des Menschen aus, sondern das Zusammenwirken dieser Ingredienzien und der wechselseitige Austausch der in ihnen gespeicherten Informationen.5 Komplexe Systeme funktionieren dynamisch und nichtlinear, halten sich selber in einem flexiblen Gleichgewicht und sind selbststeuernd organisiert. Auch die menschlichen Gesellschaften sind solche komplexe Systeme.

Das Management menschlicher Gesellschaften hat demnach die Ergebnisse der heutigen Systemtheorie, der Autopoiese (Selbstorganisation), der Chaostheorie6 und der Synergetik zu berücksichtigen, will es wirklich Nutzen stiften. Für das politische Management bedeutet dies insbesondere, auf die beiden Arten von Bestimmungsgrößen oder Parametern Rücksicht zu nehmen, die auf dynamische Systeme einwirken: auf die von außen einwirkenden Kontrollparameter und die im System selbst wirkenden Ordnungsparameter. Zu scharfe Eingriffe in das System selbst stören die Ordnungsparameter und führen genauso wie zu heftige Änderungen der Kontrollparameter zu chaotischen Zuständen.7 Die Kunst des modernen Managements in Unternehmen wie in der Politik besteht demnach darin und führt zu den besten Nutzenergebnissen, die Kontrollparameter oder Rahmenbedingungen zu optimieren und die selbsttätigen Ordnungsparameter sich selber entwickeln zu lassen.8

Optimierung der Kontrollparameter

Die heutigen Tendenzen in der Politik führen zu einer zunehmend uferlosen Gesetzesflut, Zentralisierung und Überorganisation, widersprechen damit einer modernen Managementtheorie und führen zu den bekannten Fehlfunktionen. Statt ständig zu intervenieren und auf den geringsten Anlass hin mit einem neuen Gesetz zu reagieren, wäre die Politik aufgerufen, die Rahmenbedingungen zu optimieren und die autonomen Kräfte zu fördern, zu stärken, zu vermehren und sie dann sich selbst zu überlassen. Die laufende Einmischung in und die Störung der autonomen Ordnungsparameter führt zunehmend zu unregierbaren Verhältnissen, während gleichzeitig die Organisation der Kontrollparameter oder Rahmenbedingungen – die Organisation des Zusammenlebens und die Gewährleistung der inneren wie äußeren Sicherheit – vernachlässigt wird und immer weniger gelingt. Gerade von einer Optimierung der Kontrollparameter kann heute nirgendwo die Rede sein.

Dabei sollte man sich hüten, zu glauben, dass diese Fehler nur in der Politik passieren. Auch und vor allem die Großwirtschaft wird vielfach von ihnen geprägt. Pleiten oder Fastpleiten, Fehlinvestitionen, danebengegangene Übernahmen oder Fusionen, Bilanzfälschung und Fehlspekulationen – nicht zuletzt in Banken, Versicherungen und Börsen – liefern ein beredtes Zeugnis dafür. Alle unsere staatlichen wie „privaten“ Großorganisationen tendieren zu schlechtem Management und mangelnder Zielerreichung, die überstaatlichen Organisationen nicht minder, siehe UNO oder EU.

Die über die Kontrollparameter intendierte „wohlwollende“ Beeinflussung und Gleichschaltung der Ordnungsparameter stört die Selbstorganisationskräfte und führt zu negativen Ergebnissen. Diese sucht man wiederum verstärkt über die Kontrollparameter zu korrigieren, wodurch der Circulus vitiosus nicht zur Ruhe kommt und das überhaupt nicht beabsichtigte Chaos immer näher rückt. Zwar könnte man jetzt chaostheoretisch ruhig darauf warten, wie durch die Ordnungsparameter aus dem Chaos wieder eine neue selbstähnliche Ordnung ersteht. Alleine die Verluste, die Schmerzen und die Mühen des vorangegangenen Missmanagements sind diese „Investitionen“ wohl nicht wert. Vor allem wären sie durch ein gutes Management und die Einsicht in das durchaus schon zur Verfügung stehende Wissen überflüssig.

Das Spielen auf der ganzen Klaviatur

Wenn die Verantwortungsträger bislang nichts dazugelernt haben und gehandikapt durch ihren Alltagsstress Apperzeptionsverweigerung üben, muss offenbar ein eigenes Wissensmanagement der Wirtschaft wie der Politik die neuen Managementmethoden erst nahebringen. Allein wer verstanden hat, was Systemdenken, Selbstorganisation, Chaostheorie und Synergetik wirklich bedeuten, und begreift, dass sie nicht l´art pour l´art sind, vermag auf der ganzen Klaviatur der notwendigen Maßnahmen zu spielen.9 Im Sinne der Not-Wendigkeit erhebt sich dann auch der Politiker über den Methodenmonismus der liebgewonnenen eigenen Ideologie und erfasst das Bismarck-Wort:10 „Es gibt Zeiten des Liberalismus und Zeiten der Reaction, auch der Gewaltherrschaft.“

Ob freilich unser heutiges politisches System überhaupt Politiker vorzubringen imstande ist, die für ein derartiges „policy-mix“11 als wirkliche „Staatsmänner“ taugen, muss dahingestellt bleiben. Nicht nur ökonomische Entscheidungsträger können hinter die Entwicklung ihrer Zeit zurückfallen, drohen geistig stehen zu bleiben, sind oft unzureichend informiert und sitzen ihren eigenen Slogans auf.12 Um alle Register eklektisch ziehen zu können, bedarf es eines weiten Horizonts, Überhöhungsfähigkeit, Belesenheit und Bildung. Vielleicht vermögen aber Managementinstitute und Parteiakademien unseren Parteipolitikern moderne Managementtechniken zu vermitteln. Im Sinne einer Lösung der vor uns stehenden gesellschaftlichen Probleme wäre dies jedenfalls zu hoffen. Sollten sich unser Politiker jedoch als untrainierbar erweisen, bliebe – wenn keine wirklichen Staatsmänner auftauchen – als einzige Alternative nach dem Chaos das Vertrauen auf die eine selbstähnliche Ordnung bewirkenden Ordnungsparameter.

Anm.: Dieser Text ist – ohne Fußnoten – bereits erschienen in Genius 3/2003 und ist ein Reprint von „Wenn Unfähigkeit regiert. Management – was die Politik von Unternehmen lernen kann“ in „Zur Zeit“, 49/2019, W3 Verlag, Dezember 2019 Wien, S. 38–39)

Anmerkungen

[1] Predrag Cvitanovic: Universality in Chaos (Dt. „Universalität im Chaos“). Verlag Adam Hilger, Bristol 1984.

[2] Ludwig von Bertalanffy: Systemtheorie. Vorwort von Ruprecht Kurzrock. Colloquium Verlag, Berlin 1972.

[3] Andreas Dress, Hubert Hendrichs und Günter Küppers (Herausgeber): Selbstorganisation. Die Entstehung von Ordnung in Natur und Gesellschaft. Verlag Piper, München 1986.

[4] Hermann Haken: Advanced Synergetics (Deutsch. „Fortgeschrittene Synergetik“). Springer Verlag, Berlin 1983.

[5] Erich Jantsch: Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist. Carl Hanser Verlag, München 1979.

[6] James Gleick: Chaos – die Ordnung des Universums. Vorstoß in Grenzbereiche der modernen Physik. Aus dem Amerikanischen von Peter Prange. Verlag Droemer Knaur, München 1988.

[7] Hermann Haken: Synergetik im Management. In: Hennig Balkes und Rolf Kreibich (Herausgeber): Evolutionäre Wege in die Zukunft. Beltz-Verlag, Weinheim 1991, S 65–91.

[8] Fredmund Malik: Strategie des Managements komplexer Systeme. Verlag Paul Haupt, Bern 1992.

[9] Wolfgang Caspart: Idealistische Sozialphilosophie. Ihre Ansätze, Kritiken und Folgerungen. Universitas Verlag, München 1991, S 207–227.

[10] Otto (Eduard Leopold) Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. Band III. J.G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 1919, S 19.

[11] Wolfgang Caspart: Politik aus dem Baukasten – Policy-Mix statt Ideologie. In: Genius 3/1999, Genius Gesellschaft, Wien 1999, S 172-179.

[12] Friedrich Korkisch: Propaganda, Desinformation und Fehlinformation. Leben von der Unwissenheit vieler Entscheidungsträger und von der Gleichgültigkeit der Massen. In: Genius 3/2002, Genius Gesellschaft, Wien 2002, S 150–155.

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Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. März 2020

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