Zwischen Vereinheitlichung und Selbstbewahrung


Zu einem Grundmotiv unserer politischen und kulturellen Existenz

 
Von Joachim Schönknecht

Die im Titel formulierte Spannung zwischen der Tendenz zur Vereinheitlichung und der gegenläufigen Tendenz zur Selbstbewahrung und Abgrenzung gegen von außen Aufgenötigtes ist eine Erscheinungsform des von der Philosophie namhaft gemachten, weltgeschichtlichen Gegensatzes von Universalismus und Partikularismus und ist als solcher von eminenter praktischer Bedeutung. Dies gilt sowohl in politischer wie in geistig-kultureller Hinsicht.

Universalismus und Partikularismus sind in ihrer wechselseitigen Ausschließung negativ aufeinander bezogen, aber sie sind nicht äquivalent. Denn insofern das Partikuläre, d. h. die begrenzten Einheiten und Räume, das Ursprüngliche ist, steht die Betonung von Universellem in einer polemischen Spannung zur begrenzten, in sich abgeschlossenen bzw. sich abschließenden Besonderheit.

Zur Illustration des Gemeinten sei auf Goethe verwiesen, der sein Weltgedicht Faust nach diesem Prinzip strukturiert hat. Zwei Daseinsmodelle stehen einander spannungsvoll gegenüber: auf der einen Seite das in seiner kleinen, aber geordneten, noch stark religiös geprägten Welt sich begnügende, ja, in der Sorge für diese Ordnung sich erfüllende Gretchen, auf der anderen Seite der ins Weite und Universelle ausgreifende Faust, dessen rücksichtslose Dynamik am Ende jedoch, darin liegt die von Goethe herausgestellte Tragik, zur Zerstörung der in sich geschlossenen, das Individuum bergend behausenden Ordnung führt. – Goethes eigene Orientierung aufs Universelle hin findet ihren Ausdruck in der Tatsache, dass er auch der Schöpfer des Begriffs Weltliteratur ist und sich als einer von deren Repräsentanten empfand[1].

Man hat diese Spannung zwischen den beiden Sphären im Faust oft anthropologisch-psychologisch als den Gegensatz zwischen Mann und Frau interpretiert. Doch hat das Goethesche Drama auch eine politische Dimension, es reagiert auf das Phänomen zunehmender Naturbeherrschung und der damit einhergehenden Erweiterung menschlicher Handlungsräume ins terrestrisch Universelle hinein (inzwischen strebt die Menschheit auch über dieses hinaus). Das Beispiel lässt uns auch das sachliche Ungleichgewicht zwischen den logisch komplementären Polen von Universalismus und Partikularismus, d. h. den Primat des ersteren, verstehen: Zwar mag das Partikuläre das historisch Erste sein, doch ist Partikularismus die Reaktion auf die mit dem Universalismus – heute gewöhnlich als Globalisierung bezeichnet – einhergehenden Tendenzen der Auflösung gewachsener Strukturen und Ordnungen und der mit diesem Prozess verbundenen Friktionen. In diesem Sinne sind Begriffe wie Konservativismus und Traditionalismus Synonyme für Partikularismus.

Der Blick auf die Geschichte: Universalistische Tendenzen in Alteuropa

Blicken wir auf die Geschichte, stellen wir fest, dass es die Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus stets gegeben hat – in Europa gewiss, aber in bestimmten Epochen wohl auch auf den anderen Kontinenten. Es handelt sich demnach um eine selbst universelle Dialektik.

Das klassische Muster universalistischen Strebens ist die territoriale Eroberung. Beispiele aus Alteuropa sind etwa die griechische Kolonisierung des Mittelmeerraums, das Ausgreifen der Perser auf die griechischen Gebiete und schließlich die Errichtung des Weltreichs Alexanders des Großen bis an den Indus, wodurch große Teile Vorderasiens zuzüglich Ägyptens gewaltsam politisch vereinigt wurden. Selbst als das Alexanderreich nach dessen Tod im Jahr 323 v. Chr. in die Teilreiche der Diadochen zerfiel, blieben noch riesige politisch integrierte Territorien übrig. Dies schlug sich kulturell in einer Entgrenzung des Menschenbilds nieder: Der Philosoph Epikur (342–271 v. Chr.) akzeptierte in seiner Schule auch Frauen und Sklaven, was in der klassischen Zeit der Polis noch undenkbar gewesen wäre.

Als Alexander zu seinem Heerzug aufbrach und per Schiff über die Dardanellen setzte, um durch die Berührung Trojas seinem Unternehmen mythische Weihe zu geben (der homerische Achill war sein Lieblingsheros), warf er, der Überlieferung zufolge, kurz vor Erreichen des Ufers seinen Speer auf die asiatische Seite, um diese als „speergewonnenes“ Land in Besitz zu nehmen. Dies mag als Symbol dafür dienen, dass Alexanders Unternehmung mit rücksichtsloser Gewalt erfolgte; es führte zur Zerstörung bestehender Ordnungen und zu einer gewiss nicht konfliktlos verlaufenen synkretistischen Verschmelzung von Kulturen und Traditionen in eine neue großräumige politische Einheit.

Um Fragen volksmäßiger Reinheit scheint sich Alexander keine Sorgen gemacht zu haben, nicht Endogamie, sondern Exogamie war sein Prinzip: Seine Generäle verheiratete er zielstrebig mit den Königstöchtern der eroberten Gebiete, er selbst heiratete Roxane, eine Tochter des Königs von Sogdien, einem iranischen Volk, und auch seine Soldaten wurden zu Mischehen ermuntert.

Neben der Polis-Epoche des klassischen Griechenland gilt diese vom deutschen Historiker Gustav Droysen (1808–84) mit dem Terminus Hellenismus bezeichnete alexandrinische und nach-alexandrinische Periode, die im ersten Jahrhundert v. Chr. in die römische Vorherrschaft im Mittelmeerraum mündete, aufgrund der gelungenen Durchdringung des nahöstlichen Raums mit griechischer Kultur als ein weiteres Gründungsereignis des Abendlandes.

Ein Beispiel für kulturellen Universalismus: Alexandria als Zentrum hellenistischer Kultur

Erscheint die Universalisierung auf der machtpolitischen Ebene als Herstellung großräumiger Herrschaftsgebilde, stellt sie sich auf der kulturellen Ebene dar in der Begegnung und Verschmelzung unterschiedlicher Kulturen sowie in der Entstehung von in den gesamten Herrschaftsbereich ausstrahlenden Zentren der Bildung. Paradigmatisch hierfür ist das im Jahr v. Chr. durch Alexander zu eigenem Ruhme gegründete ägyptische Alexandria, das sich zur größten Stadt der griechischen Welt entwickelte und auch nach der römischen Machtübernahme im Jahre 30 v. Chr. hinter Rom selbst die zweitgrößte Stadt des Reiches blieb. Alexandria wurde, als Schnittpunkt der Handelsverbindungen der Mittelmeerwelt mit Afrika und Indien, zu einem multikulturellen Zentrum, in dem – in getrennten Stadtteilen – Menschen aus dem gesamten Mittelmeerraum und dem Schwarzmeergebiet, aber auch aus bestimmten Gegenden Afrikas, etwa Äthiopien, zusammenströmten.

Vor allem aber wurde Alexandria, für fast neun Jahrhunderte, durch die eigentlich hellenistische und die römische Periode hindurch bis zu seiner Zerstörung durch die Araber im Jahr 641/642 n. Chr., zum Zentrum von Wissenschaft und Forschung. Sein den Musen, den göttlichen Beschützerinnen der Künste und Wissenschaften gewidmetes Museion („Museum“) beherbergte zeitweilig die größte Bibliothek der Welt. „Mindestens bis zum Ende des 2. Jh. n. Chr. war die alexandrinische Schule die erste der antiken Welt, und die berühmtesten Ärzte, Philosophen, Theologen, Astronomen, Philologen und Mathematiker jener Zeit erhielten dort ihre Bildung.“[2]

In Alexandria wirkte im 3. vorchristlichen Jahrhundert der Mathematiker Euklid, dessen Elemente bis ins 19. Jh. hinein für den Mathematikunterricht benutzt wurden. Hier wirkte der Astronom und Mathematiker Aristarch von Samos, der erstmals ein heliozentrisches Modell des Kosmos in Erwägung zog, das sich aber noch nicht durchzusetzen vermochte, und hier lehrte der Astronom und Mathematiker Ptolemaios, dessen auf Aristoteles basierende geozentrische Weltkonstruktion bis zu Kopernikus kanonisch blieb, und dessen mathematisches Hauptwerk, der sog. Almagest, im Mittelalter durch die Araber nach Europa gebracht wurde.

Alexandria wurde auch zur Begegnungsstätte von griechischem und jüdischem Denken, etwa in der Person des jüdischen Philosophen Philon von Alexandria (ca. 20 v. Chr. – 50 n. Chr.), und hier wurde ab 270 v. Chr. die erste griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, erarbeitet. Schließlich trug die hier stattfindende Begegnung des jungen Christentums mit der hoch entwickelten philologischen Gelehrsamkeit zur Entstehung einer christlichen Theologie bei.

Der entscheidende Universalisierungsschub: das römische Imperium

Der weltgeschichtlich nachhaltigste Effekt der Hellenisierung war der griechische Einfluss auf die kulturelle und politische Entwicklung des aufstrebenden Rom, das sich griechische Kunst- und Denkformen konsequent aneignete und dem damit eine entscheidende geschichtliche Vermittlerrolle zufiel. Über Jahrhunderte vertraute die römische Aristokratie die Erziehung ihrer Jugend griechischen Lehrern und die eigene Gesundheit griechischen Ärzten an, etwa dem auch als Leibarzt des Kaisers Septimius Severus tätigen Galenos von Pergamon (Galen, ca. 130–200 n. Chr.), dessen medizinische Theorie und Behandlungsmethoden bis ins späte Mittelalter maßgebend blieben. Römische Literatur, Philosophie und bildende Kunst ist ohne die griechischen Vorbilder nicht zu denken, und die griechisch-römische Kultur ist die Basis unserer eigenen (west)europäischen, wie sich unschwer am gesamten kulturellen Bestand – in Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Rechtsvorstellungen u. a. – aufzeigen lässt.

Entsprechend positiv, als integraler Bestandteil unserer Geschichte, wird auch heute noch der römische Imperialismus bewertet, durch dessen Eroberung West-, Mittel- und zum Teil Nordeuropas die bäuerlich-kriegerischen Stammesgesellschaften Germaniens gewaltsam aus ihrer partikularistischen Randexistenz in die Geschichte gerissen und mit den durch Griechen und Römern entwickelten allgemeineren Ideen von Humanität und Recht sowie mit hoch entwickelten Kunst- und ökonomischen Verkehrsformen in Berührung kamen. Die eroberten Germanen galten als Barbaren, was sie kulturell zweifellos auch waren: den hoch artifiziellen Formen bildender Kunst und Literatur griechisch-römischer Prägung, aber auch dem anthropomorph-humanen Charakter der Mythosreligion, deren innere Schranken dann durch das Christentum überwunden wurden, hatten sie nichts Gleichwertiges zur Seite zu stellen.

Und doch waren auch hier die Gegensätze nur relativ und nicht unüberbrückbar. Das demonstriert auf liebenswürdige Weise das Gedicht des römischen Dichters Ausonius (310–395) auf seine Geliebte, die germanische Kriegsgefangene Bisulla, die, nach Rom gebracht und durch „Latiums Sprache“ kultiviert“, nun mit „suebischem Reiz“ der Gestalt den Mädchen Roms den Rang abläuft[3].

Die Bewohner der eroberten Gebiete erhielten in der Zeit der Republik nur teilweise und vielfältig gestuft das römische Bürgerrecht. Eine Ausweitung erfolgte während der Kaiserzeit: Im Jahre 212 n. Chr. dehnte Kaiser Caracalla es in der Constitutio Antoniana auf fast alle Einwohner des Imperiums aus, allerdings wohl nicht aus humanitären, sondern aus machtpolitischen Erwägungen. Dies war jedenfalls ein Akt politischer Integration und damit von Universalisierung.

Die römische Erschließung des Nordens war die politische Voraussetzung für die mittelalterliche Entstehung des sog. Sacrum Imperium Romanum, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Damit verschob sich das europäische Wirkzentrum aus dem Mittelmeerraum in den Raum nördlich der Alpen.

Die Spannung von Universalismus und Partikularismus kam hier durch die Machtverteilung zwischen Kaiser und Fürsten zu einer gewissen, stets prekär bleibenden Balance. Stattdessen ergab sich eine dauerhafte Konfrontation zwischen den beiden großen universalistisch orientierten Akteuren, dem Kaisertum und dem Papsttum. Am Ende hatte sich die Reichsidee historisch verbraucht und mündete in die Gründung der vor allem durch das sachlich schlüssige Prinzip der einheitlichen Sprache gekennzeichneten Nationalstaaten.

Darin lag, aus der Perspektive der Reichsidee betrachtet, zwar auch eine Art Partikularismus, aber eines solchen, durch den der unterhalb der Reichsebene bestehende Flickenteppich kleinräumiger, feudaler Herrschaftsgebilde überwunden wurde – man denke nur an die deutsche Kleinstaaterei noch im frühen 19. Jh. Die Nationalstaaten müssen als auf gemeinsamer Sprache basierte, konstitutionell verfasste Gebilde als quasi natürliche, nicht-partikuläre Einheiten betrachtet werden. Die dauerhaften Bruchlinien innerhalb von Staaten mit unterschiedlichen Idiomen wie Belgien, die Auflösung der Tschechoslowakei, die Spannungen durch den gewaltsamen Anschluss Südtirols an Italien können als Bestätigung dieser These gelten, ebenso die Vehemenz, mit der 1989 die klare Mehrheit der Deutschen, nachdem die politische Möglichkeit sich eröffnete, zur Einheit drängte. Gut funktionierende mehrsprachige Staaten wie die der Schweiz mögen als Ausnahmen die Regel bestätigen!

Schließlich müssen auch die Schwierigkeiten, auf die fast jeder neue Integrationsschritt der Europäischen Union in den Mitgliedsländern stößt sowie jüngst der Brexit als Beleg für die Geltung des nationalen Prinzips betrachtet werden. Die primär in der gemeinsamen Sprache verankerte Nationalität ist, wenn sie nicht wie im Nachkriegsdeutschland aufgrund der durchlebten Katastrophe als Makel perhorresziert wird, eben ein Moment der personalen Identität eines jeden, während etwa das Europäertum eher als Zuschreibung aufgrund der zwar jedem irgendwie bewussten, aber doch nicht als gleichermaßen real empfundenen Kultureinheit erlebt wird.

Die Entstehung des geistigen Universalismus

Die aufgewiesene Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus darf nicht als quasi geschichtsloses, sich endlos wiederholendes Schaukelmodell aufgefasst werden, ihr wohnt vielmehr, wie sich leicht zeigen lässt, eine historische Tendenz inne, die unumkehrbar ist. Dies soll im Folgenden sichtbar gemacht werden.

Um die sogenannte Zeitenwende bildet sich auf dem Gebiet des römischen Imperiums mit dem Christentum eine neue, vordergründig unpolitische Form des Universalismus heraus, die sich gegen alle anfänglichen Widerstände schnell in Europa verbreitet. Den kulturell integrativen Ansätzen im Hellenismus und der politischen Integration durch Rom folgt nun die religiöse Integration. Durch das Christentum wird der religiöse Partikularismus der zahllosen in den hellenistischen Reichen wie im römischen Imperium vorhandenen bzw. neu entstandenen, zum Teil synkretistischen Kulte in Frage gestellt. Die Anbetung gilt nicht mehr bestimmten Bereichsgöttern, wie den Göttern der griechischen Polis, dem jüdischen Nationalgott Jahwe, dem Pharao als göttlichem Repräsentanten des nilentstiegenen Landes Ägypten oder dem gottgleichen römischen Princeps, sondern dem universalen Weltschöpfer und -lenker, unter dessen Oberhoheit sich, der Idee nach, alle Völker vereinigen werden.

Wie in Ostasien der sich bereits ein halbes Jahrtausend früher kritisch gegen den partikularistischen Hinduismus absetzende Buddhismus, so wendet sich auch das Christentum an alle Menschen, und damit legt es den Grund für den Begriff eines Menschen „als solchen“. Das neutestamentliche Wort Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker (Mk. 16,15) ist Ausdruck dieses universellen Anspruchs, der in Analogie zum politischen Reichsgedanken nun an die Stelle der bisherigen regional beschränkten Religionen tritt. (Die zitierte Stelle sagt allerdings nicht, dass die Völker als getrennte Entitäten zu existieren aufhören werden.)

Der Islam wird ein halbes Jahrtausend später ein vergleichbar universalistisches, theologisch vereinfachtes Projekt starten und die christliche Religion aus dem Orient weitgehend verdrängen.

Der christliche Universalismus hat jedoch einen zweiten, ebenfalls aus hellenistischem Gedankengut sich entwickelnden Aspekt. Dieser akzentuiert das Universelle weniger quantitativ als qualitativ. So heißt es im Galaterbrief des Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal. 3,28).

Diese Aussage hat zunächst den Sinn einer Mahnung an die Glaubensbrüder, sich der gemeinsamen Zugehörigkeit zur Gemeinde Christi bewusst zu sein und sich entsprechend dem christlichen Liebesgebot zueinander zu verhalten. Neben diesem theologischen Sinn hat der Satz jedoch eine philosophische Tiefendimension. Das Theologem, wonach im Glauben an Jesus Christus die auf der empirischen Ebene vorhandenen, und in der vorchristlichen Tradition stets als wesentlich gesetzten Partikularitäten nationaler und sozialer Art ebenso sowie die Geschlechtszugehörigkeit irrelevant werden, ist die unmittelbare Voraussetzung für das Philosophem, dem zufolge die Menschen an sich oder der Idee nach Eines sind, d. h. dass keiner mehr oder weniger Mensch als der andere ist. Damit werden die zweifellos vorhandenen vielfältigen empirischen Unterschiede zwischen den Menschen zwar nicht negiert, aber eben doch zur Unwesentlichkeit herabgesetzt. Der Glaube an die Fundiertheit des menschlichen Daseins im Göttlichen impliziert zudem die Idee vom absoluten Wert der Person. Im Zusammenwirken mit dem bereits in den noch kleinräumigen griechischen Stadtstaaten entwickelten Gedanken der Demokratie und dem im römischen Reich realisierten Prinzip des Bürgerrechts entwickeln diese Ideen in der Neuzeit ungeahnte politische Dynamik.

Universalismus als politische und soziale Triebkraft der Neuzeit

Betrachten wir nun die geschichtlichen Ereignisse der sog. Neuzeit unter diesem Aspekt, so zeigt sich, dass einer ihrer bestimmenden Züge die Säkularisierung dieses christlichen Universalismus ist, seine Transformation in politische Programmatik, das heißt, in den emanzipatorischen Kampf um Freiheit und Gleichheit. Dies ist allgemein bekannt, ich deute die einzelnen Schritte nur an.

Es beginnt mit der Lutherischen Reformation, die die Freiheit der Gläubigen von kirchlicher Bevormundung und die Unantastbarkeit des eigenen Gewissens proklamiert und die, geleitet von der Idee, jeder Mensch solle durch die Fähigkeit des Lesens selbst unmittelbar Zugang zu den Worten der Bibel erhalten, zugleich den Anstoß zur Volksbildung gibt. Die auf Befreiung aus Leibeigenschaft zielenden, wenn auch zunächst erfolglosen Bauernkriege des 16. Jh. hätten ohne die Reformation wohl nicht stattgefunden. Im 18. Jh. kämpft die Aufklärung für Glaubens- und Meinungsfreiheit, und für die Teilnahme der Regierten an der Regierung. In der Folge erkämpfen die amerikanische wie die Französische Revolution bürgerliche Gesellschaft und Demokratie, die sich trotz Widerstands der alten Mächte allmählich in ganz Europa durchsetzen.

Das 19. Jh. bringt mit dem für sich betrachtet höchst fragwürdigen Kolonialismus die weltweite Verbreitung der westlichen Ideen, und es bringt in Amerika die Abschaffung der in flagrantem Gegensatz zur Präambel der Unabhängigkeitserklärung stehenden Sklaverei. Im gleichen Jahrhundert nimmt auch die Bewegung für die Gleichberechtigung der Geschlechter Fahrt auf, die Frauen beginnen sich von der männlichen Vormundschaft zu befreien. Das 20. Jh. schließlich vollendet diese Bewegung formalrechtlich. Es bringt zudem die formelle Überwindung der Rassentrennung in USA und Südafrika sowie den Zerfall der Kolonialreiche. Wie unvollkommen die daraus entstandenen Verhältnisse auch bleiben, die Entwicklung ist unumkehrbar und erscheint jedem Denkenden auch gerechtfertigt, auch wenn ein politisch reaktionärer Denker wie Nietzsche – und andere folgten ihm darin – auf der Basis eines aristokratischen Menschenbilds gegen den demokratischen Egalitarismus zu Felde zog.

Die Bewegung kulminiert in der das Universelle bereits im Namen tragenden Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen (1948) mit ihrem Kernartikel „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. – Die manchmal zu lesende Auffassung, der Begriff Menschenwürde im heutigen, nicht-antiken Sinn sei „eine Erfindung des 20. Jahrhunderts“[4], ist jedoch falsch. Wir finden den Terminus in modernem Sinne erstmals als Titel der Abhandlung „Über die Würde des Menschen“ des Renaissance-Philosophen Pico della Mirandola (1463–94), und in der Folge reflektieren weitere Philosophen den Ausdruck zustimmend. Entscheidend ist hier Immanuel Kant (1724–1804) geworden, der die Würde des Menschen in seiner moralischen Natur bzw. Vernunftnatur begründet sieht[5]. Wenn im Gegensatz zu Kant der Schwäbisch-Gmünder Philosoph Franz-Josef Wetz die Existenz einer „Wesenswürde“ des Menschen überhaupt bestreitet[6], tut er das wahrscheinlich aus polemischen Gründen, weiß er doch wie jeder andere philosophisch Gebildete, dass Wesensqualitäten wie Würde, geistige Freiheit und dgl. kein empirisches Korrelat haben, sondern Zuschreibungen auf der Ebene des Begriffs und der Gesinnung sind, die sich in Haltungen und Handlungen realisieren. Menschliche Würde hat ihre Wirklichkeit in der guten, aber letztlich innerlich bleibenden Gesinnung, im Ja zur Wahrheit statt zur Unwahrheit, in der gelebten Achtung vor dem Menschen, im generellen Willen zum Guten. Dass Menschen mitunter würdelos handeln, bestätigt den Realitätsgehalt dieser Kategorie.

Widerstände und Retardierungen

Wenn sich der Universalismus auch historisch durchgesetzt hat, so hat es doch immer wieder partikularistische Ansätze gegeben, Sonderrollen zu definieren. Einer davon war der Versuch des Nationalsozialismus, gegen das universalistische Menschenbild ein rassisches zu setzen und einen substantiellen Unterschied zwischen bestimmten Menschenrassen zur Geltung zu bringen. Man kann feststellen, dass dieses Unternehmen historisch gescheitert und wissenschaftlich als unhaltbar entlarvt ist. Es gibt keine höherwertige Rasse. Alle heute auf der Erde lebenden Menschen gehören biologisch der Stufe Homo sapiens an. Hier koinzidiert interessanterweise der biologische Befund mit der älteren philosophischen Idee.

Was es allerdings aller Erfahrung nach gibt, sind unterschiedliche Charakterzüge und Mentalitäten nicht nur zwischen den Individuen, sondern ebenso zwischen den einzelnen Menschengruppen. Die Unterschiede zwischen den menschlichen Kollektiven sind physiologisch wie physiognomisch und auch durch die Vielzahl von Sprachen evident, warum sollten sie nicht auch in mentaler Hinsicht, in Bezug auf geistige Regsamkeit, Temperament und dergleichen sich äußern? Sie mögen bedingt sein durch übergeschichtliche Faktoren, etwa auf genetischer Ebene oder durch klimatisch-geographische Besonderheiten. Man denke zum Beispiel an das lebhafte Temperament der Südeuropäer oder an die wilde Grausamkeit afrikanischer Stammeskriege (wie sie noch 1994 in Ruanda in entsetzlicher Weise zum Ausbruch kam). Oder denken wir an Albanien, immerhin ein EU-Beitrittskandidat, in dem nach dem Sturz des kommunistischen Regimes von Enver Hodscha der alte Rechtsbrauch des Kanun (vgl. ‚Kanon‘: Verbindlichkeit), der Blutrache, trotz staatlichen Verbotes wieder auflebte!

So wirken die alten partikulären Strukturen unterschiedlicher Lebensweisen, von Brauchtum, Religion, Gesellschaftsstruktur, Moral, Kunst usw. als Ungleichzeitigkeiten innerhalb der generellen Universalisierung weiter.

Globalisierung als aktuelle Vollendungsform und Herausforderung von Universalisierung

Durch die bereits mit Beginn der Neuzeit einsetzende, heute in voller Entwicklung befindliche, als Globalisierung bezeichnete ökonomische, verkehrs- und informationstechnische Vernetzung der Welt, d. h. ihre Integration, rücken die Erdteile näher zusammen und es kommt aufgrund des Wohlstandsgefälles (Nord- vs. Südamerika, Europa vs. Türkei/Vorderer Orient/Afrika usw.) sowie auch durch politische Faktoren (Syrien-Krieg und sonstige Konflikte) zum Phänomen weltweiter Migration.

Der speziell von Afrika ausgehende, auf Europa gerichtete Migrationsdruck ist Folge wirtschaftlicher Verelendung; diese ist bedingt durch diverse Faktoren, von denen die einen, etwa die klimatischen, schwer zu beeinflussen sind. Andere hingegen, wie der Mangel an Produktionsmitteln, können durch ausländische Hilfe, die ja auch erfolgt, gemildert werden. Eine dritte Gruppe von Faktoren, nämlich der unkontrollierte, sich dramatisch entwickelnde Geburtenüberschuss und die Korruptheit der sich den natürlichen Reichtum ihrer Länder und obendrein die internationalen Hilfen widerrechtlich aneignenden politischen Eliten, können im Prinzip nur durch Veränderung der Mentalitäten der Afrikaner selbst zum Besseren beeinflusst werden[7]. In diesem Sinne ist es kontraproduktiv, wenn die relativ gebildetsten und entscheidungsfreudigsten Bürger der afrikanischen Länder, gelockt durch profitorientierte Schlepper und vom Risiko der Überfahrt weitgehend durch planmäßig agierende private Rettungsschiffe entlastet, sich auf die Suche nach dem besseren Leben in Europa begeben.

Und in den Zielländern entstehen Konflikte: Massenhafte Zuwanderung macht die Räume eng, belastet die Sozialbudgets der aufnehmenden Staaten, stellt Besitzstände infrage und schürt Unsicherheit in der Stammbevölkerung. Unterschiede der Traditionen und der Sozialisierung, der Formen der Lebensführung, des Verhaltens zur staatlichen Ordnung usw. stoßen konfliktträchtig aufeinander.

Die Reaktionen der Eingesessenen auf diese Situation sind gespalten. Die universalistisch Gesinnten, meist sind es die im Wohlstand aufgewachsenen jungen Menschen, die nie die Knappheit der Mittel erfahren haben, begrüßen die Zuwanderung als menschlich erfreulich und Ausdruck humanen Verantwortungsbewusstseins. Die Älteren, nennen wir sie die Partikularisten, beklagen die ethnische Vermischung, die Auflösung homogener Lebens- und Denkweisen, die Bedrohung des Heimatgefühls durch Überfremdung, die mangelnde Anpassungswilligkeit der Zugewanderten, die Engstirnigkeit dieser oft nur minimal Gebildeten und, insbesondere die Moslems betreffend, mit den Spuren religiöser Monokultur Behafteten sowie die Ausnutzung der von der Stammbevölkerung erarbeiteten und unterhaltenen Sozialsysteme. Eines der schlagendsten, unbestreitbar richtigen Argumente dieser Gruppe besagt, dass der Migrationsfluss aufgrund der demographischen Situation in der Welt, vor allem in Afrika mit dem angesprochenen gewaltigen Geburtenüberschuss, kein natürliches Ende finden, sondern sich unbegrenzt fortsetzen wird, wenn man ihm nicht entschlossen Einhalt gebietet.

Damit aber tut sich Europa sowohl als Union wie auch in Gestalt einiger Mitgliedsländer sichtbar schwer, insofern hier, auch unter dem Einfluss von Vertretern einer Migrationsideologie, die Balance von Universalismus und Selbstbewahrung, wie sie im Prinzip der nationalstaatlichen Souveränität verwirklicht ist, konterkariert wird.

Solche Unfähigkeit hat wiederum die Phalanx der Einigungsgegner in Europa verstärkt und dem sog. Rechtspopulismus Vorschub geleistet. Angesichts dieser Lage wird sich bei den mit etwas Phantasie Begabten die Vision eines Europa mit milchkaffeebrauner Hautfarbe einstellen, für die Älteren eine Horrorvision, für viele Jüngere nur ein Achselzucken wert. Dies hat insofern einen Hauch von objektiver Ironie an sich, als die Älteren diesen Zustand nicht mehr erleben werden und die jüngeren sich nicht Rechenschaft geben über die möglichen kulturellen Umbrüche, bis hin zu einer Islamisierung Europas, zu einer Gesellschaft, in der „Religion und Politik so eng miteinander verbunden sind, dass es ein vom religiösen Bereich klar geschiedenes Staatsdenken nicht [mehr] gibt“[8], mithin ein säkulares Leben nicht möglich ist. Michel Houellebecq hat diese Gefahr eindrucksvoll in seinem Roman Unterwerfung (2015) evoziert[9].

Jedenfalls hat also die zunehmende Migration auch die Qualität, die Bevölkerungen der Zielgesellschaften weltanschaulich zu spalten, eine Spaltung, die sich ansatzweise bereits durch den Prozess der europäischen Integration anbahnte, in dessen nun sechzigjährigem, mit den römischen Verträgen 1957 beginnendem Verlauf sich die angesprochenen Friktionen schon in kleinerem Maßstab ankündigten. – Was auf Europa zukommen könnte, zeigt das Beispiel USA: Zahlen diese nicht bis zum heutigen Tag für ihren historischen Import schwarzer Sklaven den hohen Preis andauernder Rassenkonflikte?

Anmerkungen

[1] Vgl. Goethes Gespräch mit Eckermann vom 31. Jänner 1827

[2] Art. Alexandrinische Schule. Wikipedia, Stand 2/2020

[3] Vgl. Britting u. a. (Hg.): Lyrik des Abendlands. München 1978, S. 113

[4] J. Mahnert: Demokratie und Homokratismus. Wien 2011

[5] Vgl. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten AA IV, S. 434 f.

[6] Vgl. Mahnert, a. O.

[7] Zu den in Afrika vorfindlichen Fehlhaltungen und Fehlsteuerungen vgl. den instruktiven Beitrag von G. Schultze-Rhonhof: Eine radikale Änderung dieser Art von Zuwanderung tut Not. Genius-Brief, Jänner–Februar 2020

[8] So H. Fenske, in: Fenske/Mertens/Reinhard/Rosen: Geschichte der politischen Ideen von der Antike bis zur Gegenwart (Frankfurt/M. 1997), S. 576

[9] Vgl. dazu meinen Aufsatz Die Illusion des Multikulturalismus. Genius-Lesestücke Jänner–Februar/Mai–Juni 2018; jetzt auch in: Schönknecht: Einblicke und Ausblicke. Münster (Lit-Verlag) 2020.

Obiger Artikel ist eine Nachbearbeitung des von Hans-Joachim Schönknecht in folgendem Buch erschienenen Aufsatzes „Zwischen Partikularismus und Universalismus“; „Einblicke und Ausblicke“, LIT-Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-643-14535-2.

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Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. März 2020

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