Zitaten-Truhe


„Die eigentliche Quelle des Antisemitismus in Europa ist der Sieg des Christentums. Judentum und Christentum als die beiden führenden monotheistischen Religionen standen zunächst in direkter Konkurrenz zueinander. Das Christentum als die sehr viel „kosmopolitischere“ Religion war leichter zugänglich, während der extreme Glaubenseifer ders Judentums zu einer immer komplizierteren Art der Gläubigkeit hinführte. Diese Religion musste unterliegen, erst recht, wenn ihre Anhänger von Verfolgung bedroht waren.

Da sich das Christentum jedoch selbst aus dem mosaischen Glauben herleitet, bestand einerseits ein Legitimationsdefizit, andererseits galten die Juden als diejenigen, die Christus gekreuzigt hatten. Da man im Religionsunterricht, der jahrhundertelang der einzige Unterricht war, der Menschen überhaupt zuteil wurde, immer wieder davon sprach, wie schändlich die Juden den Heiland behandelten, ohne darauf hinzuweisen, dass er und seine Jünger selbst Juden gewesen sind, entstand ein schiefes Bild.

Natürlich hat es Judenverfolgungen immer und überall gegeben, schon im alten Rom, aber das Phänomen des Antisemitismus in unseren Breitengraden geht ohne Zweifel auf das Wirken der Kirche zurück, die ihre antijüdische Position erst in unseren Zeiten aufgegeben hat.

Dabei soll die Schuld aber nicht nur der katholischen Kirche gegeben werden. Ärger und hemmungslos antisemitisch hat sich Luther über die Juden geäußert: „Wo du nur einen rechten Juden siehst, magst du mit gutem Gewissen ein Kreuz vor dir schlagen und frei und sicher sprechen: Da geht ein leibhaftiger Teufel.“

In unseren Breitengraden gab es noch einen besonderen Grund zum Antisemitismus, nämlich einen soziologischen: Die oft drastische Verarmung des Kleingewerbes einerseits und das Überhandnehmen der Industrialisierung durch jüdische Fabriken andererseits.

Dieser Antisemitismus hat zwar Wurzeln geschlagen, wäre aber zu überwinden gewesen, wenn nicht Anfang dieses Jahrhunderts in Wien ein Mann namens Adolf Hitler das Gift aufgesogen hätte. Zwischen Karl Lueger und dem Holocaust steht nur eine Person, Adolf Hitler. Das hat die Behauptung der Christlichsozialen, ihr Antisemitismus habe niemandem weh getan, gründlich widerlegt. Hitler selbst hat gesagt, dass er den politischen Antisemitismus von Lueger gelernt habe.

In letzter Zeit gab es zahlreiche Untersuchungen über den angeblich neu aufbrechenden Antisemitismus, aber damit malt man, wie ich glaube, den Teufel an die Wand. Ich habe bisweilen das Gefühl, dass sich mancher „Scheinhistoriker“ einen Namen machen möchte, indem er sich diesem Thema besonders gründlich widmet, und gerade damit die Geister ruft, die er zu bannen vorgibt. Es liegt mir fern, den Antisemitismus zu ignorieren, aber ich sehe ihn als ein Phänomen, das, ähnlich wie der Fremdenhass, bei vielen Völkern latent vorhanden ist. Man bekämpft ihn nicht, indem man ihn ununterbrochen als eine besondere Spezialität darstellt.“

  • Bruno Kreisky (22. 1. 1911 – 29. 7. 1990), „Im Strom der Zeiten“, S. 276 ff.
Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. März 2020

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