Sackgasse Mensch oder eine Kritik am Moralismus


 
Von Siegfried Waschnig

Der Mensch will sich seine eigenen Gesetze machen, und während er das tut, ist er schnell dabei, andere zu schubladisieren und sie in „Gut und Böse“ einzuteilen. Das zeichnet sich auch im politischen Diskurs ab. Die Moral ist zum Ismus verkommen. Doch was treibt Moralapostel eigentlich an und wie ist es dazu gekommen?

Irgendwann im Hochmittelalter hat die Strömung der christlichen Tugenden eingesetzt, alle Menschen sollten sich christlich verhalten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde diese Idee aufgegriffen, weiter ausgebaut und das Zeitalter der Aufklärung begann. Jetzt war es nicht mehr Gott, der die Richtung vorgab, der Mensch machte sich seine eigenen Gesetze.[1]

War es bei Descartes noch die erleuchtende Kraft Gottes, die der Vernunft zu Wahrheit und Erkenntnis verhalf, setzte sich durch die Aufklärung die Auffassung durch, der vernunftbegabte Mensch könne der rationalen Ordnung methodisch auf den Grund gehen. Die Aufklärung verkörpert in ihrem Kerngedanken den Anspruch auf Mündigkeit des Individuums und fordert geistige wie politische Selbstbestimmung und Selbstgesetzgebung durch den Menschen. So sollte die Befreiung von allen subjektiv nicht nachvollziehbaren Autoritäten umgesetzt werden.[2] Es kam gutes Benehmen in Mode, das ohne Gottes Anleitung erreichbar sei.

Diese Ich-Bezogenheit führte die Menschheit in eine relativistische Weltsicht. Gerade im 21. Jahrhundert zeigt sich, dass Wertehaltungen in Europa nicht mehr absolut gesetzt sind (z. B. als durch Gott offenbart), sondern nur mehr relativ gesehen werden. Ein bestimmter Gesichtspunkt wird in Relation zu einem anderen Standpunkt gesetzt,[3] demnach kann jeder persönliche Maßstäbe zur Beurteilung eines Sachverhaltes heranziehen. Gewissermaßen ein „anything goes“ der moralischen Wertigkeiten, das den einen auf diese Weise glücklich und gerecht werden lassen soll und den anderen eben auf die andere Art und Weise.

Verbissene Moralvorstellungen

Es ist nichts Falsches daran, ein guter Mensch – aus welchem Antrieb auch immer – sein zu wollen. Die Herausforderung, die sich aus diesem Antrieb aber zu ergeben scheint, ist die Verbissenheit, die sich aus der relativistischen Deutung von Moral einstellt. Denn wenn das Absolute in der moralischen Deutung fehlt, bleibt der Mensch zurückgeworfen auf sich selbst. Angst und Druck entsteht, um zu den Guten zu gehören. So ist man sich zwar bewusst, dass es Gut und Böse gibt, aber jeder hat sein eigenes Gut-sein-Konto: Ich bin gut zu anderen Menschen, bringe ja schließlich niemanden um, verpeste nicht das Klima, helfe in der Flüchtlingshilfe mit, rette das Klima, bin nicht so schlecht wie die anderen, setze mich für meine Mitmenschen ein, ich lüge nicht, ich spende immer wieder mal, ich bin gegen Hass und Intoleranz, usw. Viele sind auf Grund ihres Relativismus der Meinung, nur wegen ihrer „guten Handlungen“ zu den Guten zu gehören und irgendwo müssten ja auch die Bösen stecken – die Nazis, Terroristen und Ungläubigen.

Gut zu sein, geht aus der relativistischen Weltsicht nie ohne Verachtung anderer gegenüber. So gibt es höchst moralische Menschen, deren „Gutheit“ sich nur aus dem Gefühl der Selbstgerechtigkeit und der Ereiferung „böser Menschen“ gegenüber speist. Diese Gutheit baut Mauern, die aus Enge und Regeln besteht, aus Besserwisserei und Kontrolle, weil „die Guten“ ständig auf der Hut sein müssen, ihr selbstgerechtes Weltbild aufrechtzuerhalten. Eine Vielzahl von Regeln wird aufgestellt, um dieser „gute Mensch“ bleiben zu können. Die Verdammnis lauert so an jeder Ecke. So macht sich auch Verzweiflung breit, Überheblichkeit, Stolz und Verachtung prägen das Leben. Die anderen werden zu „Sündern“.

Hypermoral ist nicht politisch neutral

Dieser Hypermoralismus ist nicht politisch neutral, sondern wir kennen ihn vor allem eigentlich aus dem linken oder linksliberalen Lager. Er ist der Versuch, die Gesellschaft anhand linker Ordnungsvorstellungen und eines weitestgehend links konnotierten Menschenbildes auszurichten und hat seine Wurzeln in der 68er-Bewegung und in der kulturellen Hegemonie, die in einigen Teilen der Gesellschaft zumindest dieser Linksliberalismus inzwischen erlangt hat.[4] Auf Grund des destruktiven Weltbildes, das der Moralismus hervorbringt, arbeiten Moralisten destruktiv, besonders in der Politik. Moralismus ist die schlimmste Droge überhaupt, ist anti-gesellschaftlich und macht politikunfähig, weil er davon ausgeht, in der Politik gehe es um die absolute Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen. Die Aufgabe der Politik in einer Demokratie ist es aber, um das Gewinnen von Mehrheiten für eine politische Lösung zu ringen.[5]

Hier zeigt sich, dass eine der vielleicht größten Umwälzungen dadurch passiert ist, dass wir uns seit Generationen von dominant konfessionell geprägten (ewigen) Lebensauffassungen zu überwiegend weltlichen Vorstellungen hin entwickelt haben. Wenn nicht mehr Gottesfurcht, sondern das Trachten nach dem einen guten Leben hier und jetzt überwiegend die Vorstellungswelt der Menschen bestimmen, dann werden frühere Werte verblassen und neue Werte aufsteigen. Waren früher Askese und Abwendung von der Welt ein hochgeschätzter Wert in der Gesellschaft, sind es heute Sinnenfreude und Daseinsorientierung.[6] In welche Sinnkrise das in Europa geführt hat, zeigt sich in Europa deutlich.

Das moralistische Einteilen in „Gut und Böse“, das Aufweichen von Werten der Moralisten hat die Gemeinschaften gespalten. Sieht man sich Umfragen von Meinungsforschern im Zuge des Wertewandels an, dann stellt man aber fest, dass nach wie vor Werte wie Heimat, Sicherheit und Ordnung als Symbole für Beständigkeit und Rechtschaffenheit gesehen werden. Begriffe, die oft im Widerspruch zu den Idealvorstellungen vieler Moralisten stehen, aber so etwas wie „ewigen Wert“ besitzen. Die Orientierung bieten und nicht egoistisch-individualistisches Bestreben in den Mittelpunkt stellen. Etwas, an dem sich Menschen gemeinsam orientieren können, ohne dabei auseinandergetrieben zu werden. Daher gilt es in Zukunft viel intensiver darüber nachzudenken, welche Werte und Richtlinien einer starken Gesellschaft Rechnung tragen und was dem Zusammenhalt förderlich ist. Hier kommt es auch gar nicht darauf an, ob es sich um „alte“ oder „neue“ Werte handelt. Vielmehr gilt es herauszufinden, welche Werte für unsere Zeitverhältnisse wichtig und notwendig sind, um unsere Gesellschaft fit für die Zukunft zu machen.[7] Dem Moralismus darf dabei ruhig seine Grenze aufgezeigt werden.

Auch wenn wir von den Moralisten nicht immer zu den Guten gezählt werden, haben wir doch als „Sünder“ eine ganz wichtige Funktion in der Evolution der Moral: Weil wir unkonventionell handeln, für moralische Konflikte sorgen, werden moralische Normen ausjustiert und neu ausgehandelt.[8] Den Moralisten zum Ärger, der Welt zur Weiterentwicklung, dem Zusammenhalt zur Stärke.

Anmerkungen

[1] Der grundsätzliche Ansatz wurde dem Vortrag „Das entfesselte Evangelium“ von Johannes Hartl auf der MEHR-Konferenz 2018 entnommen. Online: https://www.youtube.com/watch?v=u9HG-XXiQNg (Stand März 2020)

[2] Metzler Lexikon Philosophie. Online: https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/aufklaerung/231 (Stand März 2020)

[3] Metzler Lexikon Philosophie. Online: https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/relativ-relativitaet-relativismus/1768 (Stand März)

[4] Röther, Christian: Hype um die Hypermoral. Online: https://www.deutschlandfunk.de/moralismus-debatte-hype-um-die-hypermoral.886.de.html?dram:article_id=422221 (Stand März 2020)

[5] Die eine Frage: Moralismus ist die schlimmste Droge. Online: https://taz.de/Kolumne-Die-eine- Frage/!5280691/ (Stand März 2020).

[6] Stix, Gerulf: National – Liberal – Global. Ausgewählte Aufsätze. Wien: Edition Genius 2020. S. 288

[7] Ebd. S. 292

[8] Röther: Hypermoral

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Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. März 2020

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