Der eurasische Erdgas-Poker


Politischer und ökonomischer Wettlauf um neue Erdgasleitungen

 

Von Richard G. Kerschhofer

„North Stream“, „South Stream“, „Blue Stream”, „Amber”, „Nabucco”, so heißen jene Großprojekte, die den Erdgas-Transport von östlichen Lagerstätten zu westlichen Verbrauchern sichern sollen – als Ergänzung und als Alternative zu den Leitungen durch die Ukraine und Weissrussland. Eine breite Streuung von Transportwegen wäre ganz im Sinne der Verbraucher, denn auch Transitländer können Gashähne zudrehen! Allerdings schließen manche Projekte einander wechselseitig aus, und so kommt es zwischen den Interessenten zu einem Geflecht von teils überlappenden, teils gegensätzlichen Zweckbündnissen.

Verbraucher und Produzenten etwa haben das gemeinsame Interesse, möglichst wenig auf Transitländer angewiesen zu sein. Ideal gelöst ist dies beim Ostsee-Projekt „North Stream“, das Russland direkt mit Deutschland verbindet. Polen hingegen setzt sich für „Amber“ („Bernstein“) ein, was laut polnischen Angaben viel billiger wäre – und über das Baltikum durch Polen führen würde. Aber selbst der neue Ministerpräsident Tusk, der sich sehr um bessere Nachbarschaft bemüht, beißt in Moskau auf Granit.

Produzenten wiederum müssen bestrebt sein, ein Kartell zu bilden, und Russland ist tatsächlich dabei, mit den zentralasiatischen ehemaligen Sowjet-Republiken eines aufzubauen. Die sind aber nicht gerade begeistert, denn Russland würde damit das wichtigste Transitland für ihr Gas bleiben und Preise diktieren können. Besser für die kleineren Produzenten sind alternative Absatzwege, und deshalb schielen alle hoffnungsvoll auf das unter Führung der OMV vorangetriebene Nabucco-Projekt, das von der Ost-Türkei nach Österreich (und weiter) führen soll.

Die Franzosen wollen mitmischen

Zu den bisherigen Nabucco-Partnern Botas (Türkei), Bulgargaz (Bulgarien), Transgaz (Rumänien) und MOL (Ungarn) konnte die OMV nun auch den größten deutschen Energieversorger RWE gewinnen. Aus Bukarest verlautete zudem – bezeichnenderweise während des Staatsbesuchs von Präsident Sarkozy – dass Gaz de France der Siebente im Bunde sei. In Wien, wo man bei einem „Mitmischen“ der Franzosen gemischte Gefühle hat, wollte man das zunächst nicht bestätigen. Doch ist es ohnehin wieder vom Tisch, weil Frankreich wegen der französischen Anerkennung des Völkermords an den Armeniern für die Türken nicht akzeptabel ist. Allerdings, wenn es die Électricité de France schaffen sollte, die RWE zu schlucken, hätte man ohnehin mit Franzosen zu tun.

Russland propagiert die Konkurrenz-Projekte Blue Stream durch das Schwarze Meer in die Türkei, vor allem aber South Stream, ebenfalls unterseeisch, nach Bulgarien. South Stream, eine Kooperation von Gazprom und ENI, soll teils über Griechenland und die Adria nach Süditalien führen, teils über eine Balkan-Route nach Norditalien. Die russische Haltung in der Kosovo-Frage hat, wie sich zeigt, nicht nur sentimentale Gründe: Russland vereinbarte mit den Serben, South Stream über das von Nabucco umgangene Serbien zu führen – und dafür wird der serbische Öl-Konzern NIS an Gazprom „privatisiert“.

Eine unklare Rolle spielt Ungarn: Man ist Nabucco-Partner der OMV, hat nun aber auch einen Vertrag mit Russland unterzeichnet, demzufolge South Stream über Ungarn führen soll. Das dafür zu schaffende russisch-ungarische Firmenkonstrukt ist noch nicht ausverhandelt. Hauptsächlich aber scheinen die ungarische Regierung und die MOL damit beschäftigt zu sein, die Übernahme der MOL durch die OMV zu verhindern.

Bemerkenswert sind auch die Beziehungen zwischen OMV und Gazprom: Die OMV hatte als erster westlicher Konzern schon 1968 mit der Sowjetunion langfristige Gasverträge abgeschlossen, und die 2007 unterzeichneten Verträge mit Gazprom laufen bis 2027. Für viele überraschend räumte die OMV Gazprom nun eine 50-prozentige Beteiligung an der Gashandelsplattform Baumgarten östlich von Wien ein, über die bereits ein Drittel aller russischen Exporte läuft. Baumgarten soll zum größten mitteleuropäischen „Gas-Knoten“ mit riesigen unterirdischen Speichern werden.

Dass die EU für Nabucco einen eigenen „Koordinator“ nominiert hat, ist wenig hilfreich. Viel nützlicher wäre es, sich in der Iran-Politik von den USA abzukoppeln, denn mit iranischem Gas würde sich Nabucco auf jeden Fall rentieren und wesentlich zur Versorgungssicherheit beitragen. Indien und Pakistan etwa haben eben mit dem Iran Verträge zum Bau einer Leitung für iranisches Erdgas abgeschlossen – obwohl sie massive teils militärische, teils sogar atomare US-Unterstützung genießen! Europäische Politiker, die sich immer gerne mit dem „Ansprechen“ von Menschenrechten, Pressefreiheit und dergleichen profilieren wollen, sollten daran denken, dass das zu Lasten der eigenen Wirtschaft geht und nicht den Betroffenen hilft, sondern ausschließlich der Konkurrenz.

 

Dr. Richard C. Kerschhofer ist Wirtschaftsfachmann und freier Publizist in Wien.

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Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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