Des Kanzlers Schattenmänner, und wie sie ticken


Ein Krone-Journalist beschreibt den „inneren Kreis“ um Sebastian Kurz

Klaus Knittelfelder, „Inside türkis“, edition a GmbH, Wien, 224 Seiten, ISBN: 9783990014035, gebunden, 22,00 Euro, e-Book 16,00 Euro

Eine Buchbesprechung von Bernd Stracke

Als jetzt 28jähriger Journalist, der bei der Grazer Kleinen Zeitung begonnen hatte, dann zum Kurier wechselte und neuerdings für die Kronenzeitung arbeitet, schrieb Klaus Knittelfelder ein Buch über den jüngsten Bundeskanzler aller Zeiten und seinen „inneren Kreis“. Das zwar lückenhafte, aber letztlich informative Werk kann man durchaus auch als generelles Lehrbuch für Parteistrategen jedweder Couleur ansehen. Knittelfelder gab ihm den Haupttitel „Inside türkis“ sowie die zwei Untertitel „Die neuen Netzwerke der Macht“ und „Alles über die ÖVP-Manager der Corona-Krise“.

Das politische Leben in der Alpenrepublik und speziell die Person mit der Sebastian Kurz hatte Knittelfelder schon früher interessiert: Anfang 2018 schrieb er mit Grazer Co-Autorin Evelyn Peternel im Kurier die Analyse „Operation Gleichklang – Wer für Kurz und Strache die Fäden zieht“. Mit Türkis-Blau, las man damals, habe ein neuer Kommunikationsstil Einzug gehalten. Preisgegeben werde nur das Nötigste, ein von Dutzenden PR-Profis vermarktetes strenges Regime verhindere „Querschüsse wie seinerzeit unter Rot-Schwarz“. Es seien die Schattenmänner, die keiner kenne, die aber trotzdem immer im Bild seien und der Öffentlichkeit die Regierungspolitik „verkaufen“.

Die aktuellen Recherchen Knittelfelders sind wieder hauptsächlich dem um sechs Jahre älteren Sebastian Kurz gewidmet, aber auch dessen handverlesener Entourage. Der Autor will, wie er im Prolog ausführt, ein Bild des türkisen Systems zeichnen, das „eine Erklärung für den Erfolg des jungen Kanzlers liefert“. In der Tat ist es erstaunlich, wie es der Maturant mit eiserner Zielstrebigkeit, ausgeprägtem Machtbewusstsein und straffer Organisation seiner auf absolute Loyalität eingeschworenen Getreuen in knapp zehn Jahren vom Nobody zum jüngsten Regierungschef der Welt und zum Staatsgast beim Papst im Vatikan sowie beim US-Präsidenten im Oval Office schaffte. Ein schicksalhaft günstiger Wind der Geschichte bescherte ihm zuletzt noch zusätzlich eine globale Seuche, die dem bisweilen als „aalglatten Karrieristen“ Charakterisierten die einmalige Chance bot, sich als unverzichtbarer „Pater patriae“, als „Heldenkanzler“, zu profilieren.

„Partie statt Partei“

Das erste der beiden Buchkapitel übertitelt Knittelfelder mit „Partie statt Partei“. Darin finden sich die Porträts der drei – wie sich der Autor ausdrückt – „politischen Lebensgefährten“ des Kanzlers: Des Chefstrategen/Politiker/Juristen und „türkisen Hirns“ Stefan Steiner, des Kommunikationschefs und „Künstlers fürs Grobe“ Gerald Fleischmann sowie des „den Laden schmeißenden“ Parteigeneralsekretärs Axel Melchior.

Das „türkise Hirn“ Stefan Steiner

Stefan Steiner, die zentrale Figur im türkisen Universum, hat keine politische Funktion (den Ruf in ein Ministeramt habe er abgelehnt). Er agiere ausschließlich als Berater und Vordenker im Hintergrund. Er stecke hinter der türkisen Migrationspolitik und dem Familienbonus. Intern werde er „The Brain“ genannt, seine PR-Beratungsfirma habe nur einen Kunden: Sebastian Kurz. Mit dem sei er im Telefondauerkontakt. Sein Job sei es, den Gesamtüberblick an allen Fronten (z. B. auch in der Corona-Krise) zu bewahren. Der Lehrersohn, dessen Eltern am St.-Georgs-Kolleg in Istanbul (betrieben vom katholischen Männerorden der Lazaristen) unterrichteten, spricht türkisch und ist studierter Völkerrechtler. Er, der einst, das Bundesheer nicht goutierend, Zivildiener war, hat kurioserweise heute die amtierende (bekanntlich massiv unter Druck geratene, aber von Kurz eisern bei der Stange gehaltene) Verteidigungsministerin Klaudia Tanner zur Schwägerin (Schwester seiner Frau). Freiheitliche, die in türkis-blauen Zeiten mit ihm zu tun hatten, bezeichnen ihn als „Typen, aus dem man nicht so richtig schlau wird“: Steiner gebe so gut wie nie preis, was er denke und wie er ticke. Allerdings sei er ein großer Gegner der „Roten“ und habe Kurz früh zur Koalition mit den Grünen geraten, da die Option mit der FPÖ „letztlich keine war“. Enge Wegbegleiter beschreiben den regelmäßigen Kirchgänger als wertebewusst und stark im katholischen Glauben verwurzelt. An Steiner, der Kurz „weltanschaulich extrem ähnlich“ sei, werde gut sichtbar, dass es sich bei den Türkisen „nicht um eine Truppe opportunistischer Bobos, sondern teilweise um stramme Konservative“ handle, die sich aber lieber als Liberale bezeichnen.

Der Bühnenanzünder und Panik-Vermeider Gerald Fleischmann

Den burgenländischen Ex-Rocksänger Gerald Fleischmann, Jahrgang 1973, stellt der Autor als „obersten Spin-Doktor des Kanzlers“ vor, der die „massenmediale Kommunikation für die Türkisen revolutioniert“ habe. Er sei früher ein „Bühnenanzünder“ gewesen, heute bestimme jedoch seine Infomaschinerie, was öffentlich gesagt werden dürfe und was nicht. In türkis-blauen Zeiten hätten die VP-Strategen Fleischmann und Johannes Frischmann (siehe weiter unten) sämtliche Interviews der freiheitlichen Minister vor (!) Veröffentlichung dahingehend kontrolliert, ob sie den türkisen Kommunikationszielen wohl nicht zuwiderliefen. Auch heute folgten Medienauftritte einem strikten Regieplan, selbst Begutachtungsfristen im Parlament würden zur Vermeidung öffentlicher Kritik umgangen. Fleischmanns Rezept laute, politische Inhalte stückweise zu verkaufen: So wurden die neuen Minister nicht in einem Abwaschen, sondern in Raten vorgestellt. Allein die Bekanntgabe der Namen zog sich über eine Woche hin. Jede Regierungsmaßnahme wurde in ihrer medialen Präsentation maximal in die Länge gezogen. Speziell in der Coronazeit setze Kurz auf Anraten Fleischmanns und Steiners diese Salamitaktik ein – zwecks „Vermeidung von Panik in der Bevölkerung“. Fleischmann managt(e) auch die Infokampagne mitsamt TV-Spots „Schau auf dich, schau auf mich“. Bevor eine Maßnahme im Ministerrat mittwochs präsentiert werde, hätten Fleischmann und Co. die Eckpunkte meist schon am Samstag davor in Häppchenform an die Redaktionen geschickt, Zitate des Kanzlers und der Minister gleich mitgeliefert (unter Türkis-Blau habe die ÖVP seinerzeit auch gleich die Zitate der FPÖ-Politiker dazu versandt). Darum seien die auflagenstarken Sonntagszeitungen voll mit Regierungsnews. Fleischmann fungiere zudem als Verbinder zu Auslandsmedien: So tafelte Kurz mit Springer-Vorstandschef Matthias Döpfner, Bild-Chef Julian Reichelt, Welt-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Beim Kurz-Besuch im Weißen Haus habe auch Fleischmann Donald Trump die Hand schütteln dürfen.

Als Kanzlerbeauftragter für Medienfragen ist Fleischmann weiters Mitverantwortlicher für Dutzende Euromillionen schwere „Medienhilfspakete“, „Sondermedienförderungen“ sowie Inseratenkampagnen gigantischen Ausmaßes zugunsten von Print aller Art und ORF. Fleischmann attestiert den – die türkisen News brav apportierenden – Medien dafür großzügig „staatspolitische Verantwortung“. Ex-Presse-Chefredakteur Andreas Unterberger nennt diese Redaktionsgeschenke aus Steuergeldern freilich wiederholt, unverblümt und unwidersprochen Bestechung und Meinungskauf.

Für den linken Falter ist Fleischmann übrigens „einer der umstrittensten Männer der Regierung“, der u. a. die Formulierung „das Beste aus beiden Welten“ erfunden habe, die Kurz dann gebetsmühlenartig in jedem Interview verwende, um sie ins öffentliche Gedächtnis einzumeißeln.

Das von Peter Pilz lancierte Internetmedium www.zackzack.at sieht Fleischmann als „fast schon einen Oldie im Jünger-Kabinett des Altkanzlers“ und teilt ihm die Attribute eines „teils gefürchteten Pressesprechers von Kurz“ sowie eines „knallharten Interventionisten“ zu. Wer wissen wolle, wie Kurz mit aller Macht seine Botschaften „durchdrücke“, müsse wohl bei Fleischmann anfragen.

Axel Melchior, der engste Vertraute des Kanzlers

Wie Kurz ebenfalls ein Studienabbrecher, sei Axel Melchior der Mann, der „den türkisen Laden schmeißt“, dem Kanzler den Rücken frei- und Länder sowie Bünde bei Laune hält und als Schnittstelle zwischen der tief in den Gemeinden verwurzelten ÖVP-Struktur und dem türkisen Vorstand fungiert, sich um die Parteifinanzen kümmert und auch „Personalchef der Kurz-ÖVP“ genannt werde, der speziell in pikanten Fragen wie jener der Kündigung von Parteimitarbeitern „geräuschlos operiere“. Noch zu Mitterlehners Zeiten habe Melchior sukzessive die Kabinette türkis eingefärbt. Ihm genehme Leute wie seinen Freund Karl Nehammer, heute Innenminister, pushe Melchior gekonnt. Und: Bevor Kurz mit einem Landeshauptmann telefoniere, habe das nicht selten Melchior bereits getan und schon die wichtigsten Pflöcke im Sinne des Chefs eingeschlagen. Melchior und Kurz kennen einander seit 2007, als sich ein JVP-Zirkel formierte, zu dem bald auch der spätere Finanzminister Gernot Blümel und der Salzburger Landesrat Stefan Schnöll stießen. Melchior, auf der „Neue-Volkspartei“-Homepage gleich als erster rechts neben dem Kanzler platziert, gilt auch als Anlaufstelle für karrierehungrige ÖVPler, die versuchen – was schwierig sei – an die Kurz-Partie heranzukommen.

Opus-Dei-Student Bernhard Bonelli

Kurz habe den ihm 2005 noch unbekannten Bernhard Bonelli im Rahmen einer zufälligen Fahrgemeinschaft zum Forum Alpbach nach Tirol mitgenommen. Beide hätten beim Club Alpbach NÖ von dessen damaliger Chefin Beate Reisinger (Anm.: Nach ihrer Heirat hieß sie Meinl-Reisinger, brach mit der ÖVP und wurde NEOS-Chefin) Kongressstipendien erhalten. Die Begegnung war schicksalhaft: Bonelli sei heute einer der engsten Vertrauten des Kanzlers und quasi seine rechte Hand, habe über 6.000 Nummern im iPhone eingespeichert und koordinierte u. a. die Regierungsverhandlungen mit den Grünen (speziell was die sensiblen Themen Sozialhilfekürzung und Kassenfusion anlangte) sowie die beispiellosen Corona-Lockdown-Freiheitsbeschränkungen. Freiheitliche[1] hätten Bonelli einst einen „extrem gescheiten Kerl“ genannt, wenngleich er „für sein Alter untypisch traditionelle Ansichten“ habe. Nach dem Kollaps der türkis-blauen Regierung fungierte Bonelli als Mitarchitekt der (später abgewählten) Übergangsregierung. Sein Masterstudium habe Bonelli an der von Opus Dei geführten Navarra-Universität in Barcelona absolviert. Bonelli war zudem für das von der Ex-FPÖ-Politikerin Barbara Kolm geführte Friedrich-Hayek-Institut, eine neoliberale Denkfabrik, tätig. Als Job-Hopper hat Bonelli auch eine Episode bei der – von der externen Kurz-Wirtschaftsberaterin Antonella Mei-Pochtler geführten – Beratungsfirma Boston Consulting Group hinter sich. Knittelfelder will von Bonelli nicht nur wissen, dass dieser seinerzeit Norbert Hofer und nicht Van der Bellen gewählt hatte, sondern auch, dass er vor seiner Hochzeit Adamec geheißen und den Namen seiner Gattin angenommen habe (Trauzeuge: Sebastian Kurz), und dass er seit einer Israelreise ein Jerusalem-Fünffachkreuz (die Kreuzigungswunden Christi symbolisierend) um den Hals trage.

Johannes Frischmann, der oberste „ÖVP-Message-Kontrolleur“

Johannes Frischmann, Jahrgang 1980, Chef-Pressesprecher der Türkisen und der, der täglich den Außenauftritt der Regierung orchestriert, sei der sichtbarste Mitarbeiter des um sechs Jahre jüngeren Kanzlers und bei Pressekonferenzen stets an dessen Seite. Der Hornbrillen- und Dreitagebart-Träger versorge die Medien u. a. mit intern „Frischi-Papiere“ genannten kurzen, bestechend einfachen Pressetexten. Frischis Postulat: „Wir haben ein engmaschiges Screening der Nachrichtenlage, und unser Anspruch ist es, in Echtzeit zu reagieren.“ Dazu benötigt die türkise Kommunikationsmaschinerie allein in der Regierung mehr als 20 Öffentlichkeitsarbeiter – plus die Medienabteilungen in Parlamentsklub und Partei. Laut Knittelfelder also frappante Unterschiede im Vergleich zu früheren Zeiten der „rot-schwarzen Chaos-Kommunikation, als jeder Minister öffentlich sagte, was er sich dachte, mit dem Ergebnis, dass ein von vielen als Dauerstreit wahrgenommener Diskurs herauskam“.

Wie alle wichtigen Mitglieder des Kurz-Zirkels schaue Frischmann morgens zuerst, was in der Krone steht – im Gegensatz zu Vorgängern wie Wolfgang Schüssel, der lieber die Neue Zürcher Zeitung las.

Der als „unendlich fleißig“ beschriebene Frischmann, der bereits 25 Wahlkämpfe miterlebt hat, komme aus dem Tiroler ÖVP-Stall: Er hätte ursprünglich für Landeshauptmann Herwig van Staa und als Pressesprecher der Landesschwarzen gearbeitet und sich, vor die Wahl gestellt, ob er für Günther Platter oder Wolfgang Schüssel arbeiten wolle, für letzteren entschieden. Bei einem kurzen Zurück-nach-Tirol-Intermezzo bei einer ÖVP-nahen Innsbrucker Werbeagentur habe Frischmann ein Wahlplakat ersonnen, das – „zur Warnung vor italienischen Verhältnissen“ – den damaligen Regierungschef Silvio Berlusconi am Steuer eines gegen die Wand fahrenden Fiat 500 zeigte. Großer Wirbel! Berlusconi forderte prompt den (letztlich nicht vollzogenen) Ausschluss der ÖVP aus der Europäischen Volkspartei. Es soll auch Frischmann gewesen sein, der von Ex-EZB-Chef Mario Draghi den Slogan „Koste es, was es wolle“ abkupferte und Sebastian Kurz repetieren ließ.

Das „kleine Rad“ Markus Gstöttner

Der mit Kurz gleichaltrige Unternehmensberater Markus Gstöttner mit internationalem Bildungshintergrund (London School of Economics) und hartem Zugang zum Thema Integration sei erst auf Umwegen (u. a. über Bonelli) zum türkisen Team gestoßen und bezeichne sich als „kleines Rad“. 2017 bereitete er die Koalitionsverhandlungen mit den Freiheitlichen vor und deckt heute – als Schnittstelle zum Finanzressort – alles Wirtschaftspolitische bis hin zum Corona-Milliarden-Hilfspaket ab. Dass er jeden Morgen ein einstündiges Quigong-Training absolviere, tue seiner religiösen Grundhaltung keinen Abbruch: Sein Freundeskreis bestehe zu einem beträchtlichen Teil aus Priestern, er habe auch eine längere Einkehr im Stift Heiligenkreuz zelebriert und besuche regelmäßig die Sonntagsmesse.

Der „Schreddermann“ Arno Melicharek

Auffallend flüchtig behandelt Knittelfelder den Steirer Arno Melicharek, besser bekannt als „des Kanzlers Schredder-Mann“. Im Gegensatz zu Peter Pilz, der in Zackzack ausführlich loslegt: „Im Mai 2019 vernichtete Melicharek, der Social-Media-Chef von Kurz, fünf Festplatten des Bundeskanzleramtes unter falschem Namen.“ Als Beschuldigter hätte Melicharek gestanden, dass er einen frei erfundenen Namen verwendet habe, um keine Rückschlüsse auf das Kabinett Blümel bzw. die Regierung Kurz zuzulassen. Jetzt führe die Spur zum ersten Mal direkt zu Kurz. Laut Bundeskanzleramt-Homepage leitet Melicharek aktuell im Kurz-Kabinett das Referat 1/1/c (Besuchermanagement). Knittelfelders Beobachtung: „Wer bedingungslos loyal ist, wird im System Kurz nicht fallengelassen.“

Philipp Maderthaner, der türkise Marketing-Guru

Selbst Insider wunderten sich, dass bei den Wahlen 2013 nicht der damals strahlende Heinz-Christian Strache, nicht der flächendeckend plakatierte Werner Faymann, und natürlich auch nicht Michael Spindelegger oder Eva Glawischnig die Vorzugsstimmen-Hitparade anführten, sondern – mit 40.000 Voten – Sebastian Kurz. Für den Autor Knittelfelder verdankte der JVP-Chef diese Sensation seinem Marketing-Guru Philipp Maderthaner. Der habe rund um den türkisen Kandidaten eine „Bewegung“ aufgebaut und jedem einzelnen Fan irgendeine Form der Beteiligung ermöglicht. Neben offensivem Marketing via Facebook habe die junge Truppe auf der Straße Unterstützer und e-Mail-Adressen gekeilt, die seither mit Kurz-Nachrichten bombardiert würden und die Basis von „Basti Fantasti“[2] bilden. Dabei wurde die „Marke Kurz“ bewusst von der ÖVP-Parteimarke abgekoppelt. Federführend rund um die 15 Mio. Euro teure, von der Regierung gestützte Corona-Campagne des Roten Kreuzes („Schau auf dich“) sei Maderthaners in Wien und Berlin angesiedelte Agentur „Campaigning Bureau“, gewesen, die ihrerseits mit Barack Obamas Kampagnenagentur „Blue State Digital“ partnerschaftlich verbunden sei (vgl. auch GENIUS Juni 2020, Welche Rolle(n) spielen die Medien im Corona-Theater, www.genius.co.at/index.php.

In frühen Zeiten (2003) war Maderthaner Schülerunion-Geschäftsführer.[3] Bonelli war damals Finanzreferent, und im Vorstand saßen Susanne Knasmüller, die sich seit ihrer Heirat Raab nennt und die neue Integrations- bzw. Frauenministerin ist, sowie Christine Kowald, die seit ihrer Heirat Aschbacher heißt und aktuell als Arbeits-/Familien-/Jugendministerin fungiert, unter deren Ägide die Zahl der Joblosen auf über zehn Prozent hinaufschnellte.

Das Rausch-Dreimäderlhaus

Kristina Rausch, 28 Jahre jung, ist Online-Chefredakteurin und Schulfreundin des Kanzlers. Auf ihrem iPhone laufe in einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Freigaben“ der gesamte Inhalt der Internetseiten des Kanzlers zusammen. Die Kurz-Facebook-Seite verzeichne fast eine Million Fans und sei seit dem Strache-Aus die mit Abstand größte virtuelle Plattform eines rotweißroten Politikers. Dazu kämen noch 400.000 Twitter-Follower und über 300.000 Instagram-Abonnenten. Dass sich das „Idol Kurz“ gern mit dem Vornamen ansprechen lässt, ist nebenbei gesagt ein kluger psychologischer Trick.

Bettina Rausch, Kristinas jüngere Schwester, stellt Knittelfelder als „Kurz-Intima“ und als „eiserne Personalreserve der ÖVP“ vor, die den Polit-Senkrechtstarter 2007 in der JVP kennengelernt hatte. Carina Rausch, die mittlere des Dreimäderlhauses, ist Geschäftsführerin am Alois-Mock-Institut, dessen Gründer und Präsident der Kurz-Vertraute und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka ist.

Der Hausfotograf Dragan Tatic

Bei Knittelfelder eher kurz gekommen ist Dragan Tatic. Der Gastarbeitersohn war zuvor schon Hausfotograf von Thomas Klestil, Heinz Fischer und Michael Spindelegger. Seit 2013 richte er als Pauschalist seine Linse offiziell auf Sebastian Kurz, nehme 95 Prozent der Kanzler-Fototermine wahr und sei natürlich auch dann zur Stelle, wenn Kurz mit dem achtreichsten Mann der Welt, dem Facebook-Giganten Mark Zuckerberg, zum Thema „Hass im Netz“ konferiere. In der APA seien Tatics Kanzler-Schnappschüsse nicht als klassische Agenturfotos, sondern als Regierungsfotos archiviert. Tatic dokumentierte auch den skandalösen „abstandslosen“ Corona-Auftritt von Kurz im Mai im Kleinwalsertal. Auf Kurz-Auslandsterminen – etwa nach Ruanda oder Äthiopien – sei Tatic mitunter der einzige Fotograf an Bord, daher komme kaum ein Medium an ihm vorbei. Zu seinem Beruf kam Tatic, als er merkte, dass man „mit dem Presseausweis überall hingehen und gratis essen kann“ – die Fototasche fungierte als Türöffner.

Kurzer Teil zwei

Während sich der Autor für Teil 1 des Buches über die bisher Genannten 146 Seiten lang auslässt, reicht in Teil zwei der Platz zur Beschreibung von Gernot Blümel (den „politischen Handwerker“), August Wöginger (den „Verbindungsmann in die alte, schwarze Welt“), Karl Nehammer (den „zentralen Corona-Krisenmanager“), Wolfgang Sobotka (den „bedingungslosen Kurz-Mitstreiter“), Harald Mahrer (den „Chef von Wirtschaftsbund, Kammer und Nationalbank“), Elisabeth Köstinger (die Landwirtschaftsministerin, im Buch förmlich degradiert zur „Kümmerin um den ländlichen Raum“) und Johanna Mikl-Leitner (dem „zentralen Knotenpunkt im türkisen Netzwerk“) für insgesamt – auch inhaltlich – nur wenig ergiebige 51 Seiten. Bloß zu Randerwähnungen im Buch bringen es der formal parteilose, jedoch langjährige VP-kabinetterfahrene Außenminister Alexander Schallenberg, die Tiroler Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, der ebenfalls formal parteilose, aber auf einem VP-Ticket ins Rennen geschickte Bildungsminister Heinz Faßmann, die am Islamgesetz und am Burkaverbot beteiligt gewesene Integrationsministerin Susanne Raab, die steirische Arbeits- und Familienministerin Christine Aschbacher, die „gelernte“ Bauernbund-Landesdirektorin, aber als Verteidigungsministerin glücklos agierende Klaudia Tanner sowie der Vorarlberger Wirtschaftsbündler und Staatssekretär Magnus Brunner. Ob sie dem Kurz-Netzwerk nicht angehört oder ob sie der Autor bloß vergessen hat, bleibt unergründlich: Europaministerin Karoline Edtstadler kommt im ganzen Buch nicht vor.

Kaum zwei Halbsätze über Susanne Thier

Um etwas über das Familienleben von Kurz zu erfahren, braucht man „Inside Türkis“ nicht zu lesen: Des Kanzlers Lebensgefährtin Susanne Thier findet auf 224 Seiten lediglich zweimal eine Erwähnung, und das nur in jeweils kaum einem Halbsatz: Einmal formuliert der Autor „Frischmann arbeitete lange Zeit mit Susanne Thier zusammen, die zwei verstanden sich immer gut“. Und einmal wird erwähnt, dass Kurz „mitsamt Freundin Susanne Thier“ am Entbindungsbett von Clivia Treidl erschienen sei. Bei der glücklichen Jung-Mutter habe es sich um die Gattin von Gernot Blümel gehandelt, ihres Zeichens einstiges Playmate und frühere Wettermoderatorin bei Wolfgang Fellners oe24-TV. Das von Fellner gegründete Boulevardblatt News ist da bezüglich „Susi“ auskunftsfreudiger: Thier sei des Kanzlers „Lebensgefährtin seit seiner Schulzeit“, werde „die Scheue“ genannt, sei 33 Jahre jung, kinderlos, habe Wirtschaftspädagogik studiert und arbeite im Rang einer Kommissärin in der PR-Abteilung des Finanzministeriums. Ihr Chef sei der abgesprungene freiheitliche Wiedner Bezirksrat Mag. Johannes Pasquali, der 2004 bei der ÖVP angedockt habe, weil ihm „die täglichen Peinlichkeiten der Gruppe um Strache auf die Nerven gegangen“ seien. Frau Thier lehne jede Interview-Anfrage ab und begleite Kurz nur zu Anlässen, bei denen Politiker den Lebenspartner üblicherweise vorzeigen, also zum Opernball, zu den Salzburger Festspielen und – aber nicht immer – zu Angelobungen.[4] Glaubt man News (was man tunlichst nicht immer sollte), lebt Frau Thier mit Kurz in einer 65-Quadratmeter-Wohnung in Wien-Meidling. Heirat und Kinder seien „vielleicht irgendwann in ferner Zukunft“ geplant. Vom gemeinsamen Leben ist so gut wie nichts bekannt, außer dass Thier, laut Kurz-Biografie, den Großteil des Haushalts manage, der Kanzler dafür am Steuer des gemeinsamen Autos sitze. Urlaube fänden „meist irgendwo in Österreich oder am Gardasee“ statt. Aber „wir haben wenig Zeit miteinander“, sagte Kurz in einem Interview.

Markus Braun, Wirecard und die Kurz-Denkfabrik „Think Austria“

Hatte Kurz ihn einst noch als Experten in seine Denkfabrik „Think Austria“[5] geholt, will der Teflon-Kanzler neuerdings vom Wirecard-Vorstand Markus Braun verständlicherweise nichts mehr wissen und ihn schon gar nicht zu seinem Insider-Netzwerk zählen. Auch Autor Knittelfelder unterlässt diesbezüglich jegliche Erwähnung. Fakt ist, dass zwei Wirecard-Milliarden unauffindbar sind und Kurz‘ Ex-Experte Braun verhaftet und bald gegen eine Fünf-Mio.-Euro-Kaution freikam, um wenig später neuerlich verhaftet zu werden. Im Ermittlungsfokus stehen Bankguthaben auf Treuhandkonten zweier philippinischer Banken, die Prüfer orten einen weltumspannenden Betrugsfall. Nach dem Wirecard-Zusammenbruch will die EU-Kommission jetzt checken lassen, ob die deutsche Finanzaufsicht BaFin versagt hat. Selbst Angela Merkel bezeichnete den Bilanzskandal als besorgniserregend. Übrigens weckte auch Brauns Kitzbühler Millionenvilla das Interesse der Fahnder. In den Wirecard-Strudel geraten ist zudem die im Vorjahr gemeinsam mit dem Innsbruck Tourismus, dem Kitzbühel Tourismus, dem Ötztal Tourismus und den Swarovski Kristallwelten gestartete „China-Pay-Initiative“ der Tirolwerbung GmbH, einer Tochtergesellschaft der Lebensraum-Tirol-Holding des türkis-grün regierten „heiligen Landes“ Tirol. Auch die Grazer Wirecard-Tochter ist mittlerweile insolvent. Rätsel gibt den Behörden der Verbleib von Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek auf – bei Redaktionsschluss soll er sich unter Aufsicht des russischen Militärgeheimdienstes GRU in der Nähe von Moskau aufgehalten haben. Davor soll er erhebliche Bitcoin-Summen abgezweigt haben.

Kurz-Freund Martin Ho und die angeblich drogenverhangene Corona-Party

Dass Autor Knittelfelder in seinem Insider-Buch auch den Kanzler-Du-Freund Martin Ho, seines Zeichens Möchtegern-Politiker und Wirt im Wien-Döblinger Szene-Lokal „Dots im Brunnerhof“ nicht erwähnt, ist nachvollziehbar: Zwar seien Ho und dessen Vater noch in erster Reihe mit dabeigewesen, als Kurz den vietnamesischen Premierminister empfing, und in einem Trend -Porträt lobte Ho die „fruchtbaren und positiven“ Gespräche mit der Regierung, an denen er beteiligt gewesen sei. Doch seit der Nacht zum 1. Mai ist alles ganz anders: Damals soll im Ho-Lokal nämlich eine medial ausführlich beschriebene angeblich illegale und drogenverhangene „Corona-Party“ stattgefunden haben, für die natürlich nicht der Lokalchef selbst, sondern „nur“ Ho‘s Koch verantwortlich gewesen sein soll. Laut Insider-Informationen soll die fernöstliche Freundschaft mit dem Kanzler aber dafür instrumentalisiert worden sein, die großteils ausländischen Mitarbeiter von Beschwerden über schlechte Arbeitsbedingungen und unkorrekte Abrechnungen abzuhalten. Mittlerweile machten SPÖ-Rechercheure auch Rechnungen öffentlich, die auf Mehrwertsteuer-Mogeleien schließen lassen. Ho spricht von einem „technischen Fehler“.

Nicht dem Herrn Benko, sondern den Arbeitsplätzen zuliebe

Kurz weiß, wie sehr er die Kronenzeitung braucht, und er weiß auch, wie sehr ihm für den Transport seiner Botschaften an die Öffentlichkeit deren Eigentümer wichtig sind. Einer von ihnen ist der mit Kurz wohl nicht nur flüchtig bekannte, allerdings in Knittelfelders Buch ebenfalls mit keinem Sterbenswörtchen erwähnte Tiroler Milliardenjongleur René Benko. Als Benkos schwer angeschlagener Kika-Leiner-Konzern 2017 dringend eine Luxusimmobilie verkaufen musste, um eine Insolvenz abzuwenden und Benko dafür 60 Mio. Euro auf den Tisch blätterte, ließ Kurz, wie die Rechercheplattform addendum.org herausfand, für das grundbücherliche Prozedere zu Weihnachten eigens das zuständige Bezirksgericht aufsperren und einen leitenden Beamten aus dem Urlaub zurückholen. Kurz rechtfertigte seine Einteilung in „gleiche“ und „gleichere“ Österreicher damit, dass es „der Zugang der Bundesregierung ist, eine serviceorientierte Verwaltung anzubieten“. Die umstrittene Transaktion rettete allerdings, wie sich herausstellte, Kika-Leiner nicht aus der Liquiditätskrise. Darum musste sich der Kanzler schon bald neuerlich einschalten, um Benko behilflich zu sein. Laut Medienberichten intervenierte Kurz persönlich, um das Kind in trockene Tücher zu bekommen. Diesmal war der Käufer übrigens nicht Benkos Privatstiftung, sondern Benkos Signa-Konglomerat. Das Bundeskanzleramt dazu: „Es ging vor allem um den Erhalt der Arbeitsplätze.“

Andererseits kommen zu Benkos luxuriös ausgerichteten Elite-Partys nicht nur Vertreter der Bussi-Bussi-Prominenz aus allen Lagern, sondern es darf auch Sebastian Kurz selbst nicht fehlen. Offenherzig gestand Benko bei einem solchen Anlass vor der ORF-Kamera: „Früher war das umgekehrt, da musste ich viel mehr Energie aufwenden. Jetzt geht das alles leichter.“

Kein Sterbenswörtchen über George und Alexander Soros

Es ist wohl anzunehmen, dass Knittelfelder beim akribischen Beschreiben der Kurz-Netzwerke auf einen, wenn nicht gar den wichtigsten globalen Kontaktmann absichtlich „vergessen“ hat, auf George Soros.

Am 19. November 2018 meldete die Presse: „Bundeskanzler Kurz hat am gestrigen Sonntagabend den US-Investor und Milliardär George Soros zu einem Arbeitsgespräch im Bundeskanzleramt empfangen. Dabei sei es um die Ansiedlung der Central European University (CEU)[6] in Österreich sowie allgemeine außen- und europapolitische Fragen gegangen, teilte ein Sprecher des Kanzlers mit. Wie aus informierten Kreisen verlautete, sei die Offenheit Österreichs für eine Ansiedlung der CEU in Wien betont worden, weil es darum gehe, die Freiheit der Wissenschaft zu unterstützen.“

Fotos von diesem Besuch zeigen Kurz in der Mitte zwischen George Soros und dessen Sohn Alexander (Jahrgang 1985, also ein Jahr jünger als Kurz), der im Internet als Board Member (etwa: Vorstandsmitglied) sowohl der Open Society Foundation seines Vaters, als auch des Jewish Funds for Justice (etwa: jüdische Stiftung für Gerechtigkeit) und zudem der in London und Washington niedergelassenen NGO „Global Witness“ (etwa: Weltweite Zeugenschaft) geführt wird. Letztere gibt vor, gegen Armut und Korruption sowie für Menschenrechte zu kämpfen.

Als 2015 die „Flüchtlingskrise“ über Europa hereinbrach, war Kurz noch glühender Befürworter der Masseneinwanderung und verstieg sich sogar zur Behauptung, Zuwanderer seien „höher qualifiziert als Einheimische“. Unter dem Eindruck massiver FPÖ-Wahlerfolge und immer schlechterer ÖVP-Prognosen schwenkte Kurz im Frühjahr 2017 komplett auf eine Law-and-Order-Position um. Die Hintergründe dieses Wandels blieben bis heute unklar. Fakt ist: Die VP-Umfragewerte schnellten von 19 auf 33 Prozent hinauf. Die FPÖ, die zwei Jahre lang in allen Meinungsfragen mit Abstand stärkste Partei war, fiel zurück. Die weitere Entwicklung ist bekannt. Wofür aber steht Kurz im Innersten? Eine Antwort könnte seine Mitgliedschaft beim 2007 gegründeten European Council on Foreign Relations (Europäischer Rat für Außenbeziehungen, ECFR) geben. Zu den ECFR-Gründungsmitgliedern zählen Politiker und Intellektuelle, die „Europas Rolle in der Weltpolitik stärken wollen“. Der ECFR unterhält Büros in Berlin, London, Madrid, Paris, Rom, Sofia sowie in Warschau, verfügt über einen millionenteuren Verwaltungsapparat und hat zwar trotz der Namensähnlichkeit nicht direkt mit dem 1921 in New York gegründeten Council on Foreign Relations (CFR) zu tun, bewegt sich aber auf derselben Ebene. Die Parallelen sind kein Zufall. Der Gründer des ECFR ist nämlich Mitglied des CFR und heißt George Soros.

Dem ECFR gehören 330 Mitglieder verschiedenster politischer Überzeugungen an, darunter 18 Regierungschefs und 27 Außenminister. Unter den zehn österreichischen Mitgliedern finden sich u. a. Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel und Ex-Außenministerin Ursula Plassnik (beide ÖVP), die ehemalige Grüne EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek, der frühere Generalsekretär im Außenamt Albert Rohan (Anm.: 2019 verstorben) sowie Erste-Bank-Chef Andreas Treichl.

Rohan war – zumindest dem Kurier zufolge – ein direktes Bindeglied zum EFCR und zu Soros. Das Blatt berichtete am 17. April 2014: „Außenminister Sebastian Kurz kann es nicht schnell genug gehen: In rasantem Tempo krempelt er das Außenministerium um und will das traditionelle Amt zu so etwas wie einem modernen Dienstleistungsunternehmen machen. Ein Pfeiler der Reform ist die Einsetzung eines Beratergremiums. Diesem gehören an: Ex-SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Botschafter Albert Rohan, die Leiterin des Jüdischen Museums der Stadt Wien, Danielle Spera, die Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler, Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler, Ex-EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner, Ex-EU-Kommissar Franz Fischler sowie der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Kapsch.

Stefan Verra: Bilder sagen mehr als Worte

Bilder sagen mehr als Worte. Das weiß sehr gut der Körpersprachenspezialist Stefan Verra.[7] Er braucht Knittelfelders Buch nicht zu lesen, um Sebastian Kurz bis ins Innerste zu erkennen und exakt zu beschreiben. In einem Dreiminutenvideo (https://www.youtube.com/watch?v=1JqjQnij9ko ) verrät Verra das Kurz’sche Erfolgsgeheimnis: Als Krisenmanager gebe der Kanzler vielen das Gefühl, das Richtige zu tun. Seine Gestik passe genau. Er vermittle: „Das ist jetzt wichtig, und das muss man wohl machen.“ Wenn Kurz spreche, schaue es aus, als würde er eine Salatschüssel beuteln. Exakt das vermittle aber Ruhe. Verra ortet drei Hauptfaktoren in seiner Körpersprache:

Nr. 1: Die niedere Frequenz: In allen Szenen mache Kurz sehr ruhige, sehr langsame Bewegungen. Damit stehe er für Stabilität sowie Überlegtheit und lasse erkennen: „Ich bin nicht in Panik, an mich könnt ihr euch halten.“

Nr. 2: Die kleine Amplitude, also der Umfang seiner Bewegungen: Wer nicht aufgeregt ist, wer alles unter Kontrolle hat, mache keine großen Bewegungen.

Nr. 3: Seine Bewegungen seien sanft und tendieren nach unten. Das vermittle die Botschaft: „Alles mit der Ruhe, alles ist ok.“

Anmerkungen

[1] Klaus Knittelfelder – welch beziehungsvoller Name für die Freiheitlichen – erwähnt die FPÖ im Buch elfmal (S. 10, 28, 42, 52, 72, 83, 107, 109, 126).

[2] Den Spitznamen teilt sich Kurz mit dem ehemaligen FC-Bayern-Fußballprofi Sebastian Deisler.

[3] Die Schülerunion ist eine dem Mittelschüler-Kartell-Verband (MKV) und der ÖVP nahestehender gemeinnütziger Verein, dessen erklärtes Ziel es ist, die Bedingungen an Schulen zu verbessern. An der Spitze der Bundesorganisation steht seit August 2019 Bundesobmann Sebastian Stark, der auf den Wiener Tobias Hofstätter folgte. Einer der Vorgänger war Othmar Karas. In der Organisation aktiv waren übrigens auch die VP-ler Reinhold Lopatka und Christoph Drexler, der jetzt Grüne Grazer Gemeinderat Stefan Schneider, der NEOS-Gründer Matthias Strolz und der gern gegen die FPÖ geifernde ORF-Moderator Armin Wolf.

[4] Bei der neuerlichen Angelobung zum Bundeskanzler im Jänner 2020 war Thier im Gegensatz zum ersten Mal nicht anwesend.

[5] Die Bundeskanzleramt-Homepage definiert „Think Austria“ als Strategiestabstelle, die den Bundeskanzler und die Bundesregierung faktenbasiert unterstütze und als Schnittstelle zwischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Experten und Politik fungiere. Die Leitung obliegt der 62jährigen italienischen Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler.

[6] Die von Soros in Budapest gegründete CEU stand praktisch seit Viktor Orbáns Regierungsantritt unter massivem Druck. Die vergangene rot-schwarze Regierung bot der CEU eine Übersiedlung nach Österreich an. 2019 begann am Areal des Otto-Wagner-Spitals in Wien der Studienbetrieb. Der definitive Umzug nach Wien soll bis 2025 abgeschlossen sein und 250 Mio. Euro kosten.

[7] Der 47jährige gebürtige Osttiroler Bildhauersohn Stefan Verra ist Autor (u. a. „Leithammel sind auch nur Menschen“), Coach und Experte für Körpersprache. Er wirkte als Lehrbeauftragter bzw. Gastdozent an der Hochschule Heilbronn, den Universitäten Bern, Basel und Mainz sowie an der Technischen Hochschule Nürnberg, am Klinikum rechts der Isar und an der TU München.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 30. Juli 2020

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