Das andere schwarze Amerika


Von Jan Mahnert*

Der Tod des George Floyd am 25. Mai 2020 anlässlich seiner Verhaftung durch vier Polizisten in Minneapolis löste in den Vereinigten Staaten von Amerika eine massive Welle von Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus aus: Floyd war ein Afroamerikaner; der Polizist, der minutenlang auf seinem Genick kniete und seinen Tod durch Erstickung verursacht haben soll (es gilt die Unschuldsvermutung), war ein Weißer. Es haben bereits in rund 2.000 Städten der Vereinigten Staaten Proteste stattgefunden. In Städten wie Portland wüten seit über drei Monaten täglich Straßenkämpfe, es wird hemmungslos geplündert. An der Spitze der Proteste steht die Organisation Black Lives Matter (im Folgenden BLM).

Aufgrund ihrer starken Medienpräsenz erweckt BLM den Eindruck, sie vertrete alle Afroamerikaner. Dem ist aber nicht so. So warf der afroamerikanische Politanalyst Rob Smith BLM Heuchelei vor: BLM werde nur dann laut, wenn Afroamerikaner von Polizisten getötet werden. Die meisten Afroamerikaner aber werden von Kriminellen getötet.[1] Und viele dieser Kriminellen sind selbst Afroamerikaner. Der afroamerikanische Autor Jason L. Riley schreibt in seinem Buch Please Stop Helping Us, dass neunzig Prozent der Afroamerikaner, die eines gewaltsamen Todes sterben, von anderen Afroamerikanern umgebracht werden.[2] Diese Toten will BLM aber nicht erwähnen, denn dies würde ihrem Narrativ das Fundament entziehen und die Organisation dazu zwingen, sich mit den spezifisch afroamerikanischen Wurzeln der Gewalt in den amerikanischen Städten auseinanderzusetzen. Es ist für BLM politisch lukrativer, die Schuld für alle Probleme der Afroamerikaner dem Erbe der Sklaverei und dem „systemischen Rassismus“ der Weißen zu geben. Rob Smith bezeichnete deshalb die Haltung von BLM als sektiererisch.

Braucht es mehr oder weniger Familie?

Wofür steht BLM überhaupt? Wer sich die Zeit nimmt, die BLM-Webseite[3] zu besuchen, wird feststellen, dass es sich im Grunde genommen um eine ultralinke Organisation handelt, der es nicht nur um die Bekämpfung von Rassismus und Polizeigewalt geht, sondern auch um die Rechte von Schwulen, Lesben und Transmenschen sowie um die Abschaffung des Patriarchats und der Privilegien heterosexueller Menschen („dismantle cisgender Privilege“). Dies erklärt, weshalb BLM-Demonstranten in der Regel buchstäblich ein bunter Haufen sind: Neben den BLM-Flaggen ist oft auch die Regenbogen-Flagge der LGBT-Bewegung zu sehen.

Hervorhebenswert ist zudem, dass BLM die vom Westen vorgeschriebenen Kleinfamilienstrukturen abschaffen will („We disrupt the western-prescribed nuclear family structure requirement“) und diese durch gemeinschaftliche Strukturen ersetzen will, in denen sich „Großfamilien“ und „Dörfer“ um die Kinder kümmern. Abgesehen davon, ob das, was in afrikanischen Dörfern gang und gäbe ist, auch auf den Straßen von amerikanischen Großstädten funktionieren kann, stellt sich die Frage, ob die Schwächung der Kernfamilie grundsätzlich eine gute Idee ist. Jason L. Riley ist der Meinung, es brauche nicht weniger, sondern mehr Kernfamilie. Er erklärt, zahlreiche Probleme der Afroamerikaner seien gerade auf den Zusammenbruch der schwarzen Kernfamilie ab den 1960er-Jahren zurückzuführen. Mehr als 70 Prozent der afroamerikanischen Kinder werden heutzutage von unverheirateten Müttern geboren. Diese Kinder wachsen in den meisten Fällen ohne Vater auf, was sich sehr negativ auf ihren Werdegang auswirken kann. Es ist leider keine Seltenheit, dass diese Kinder ihre Schulausbildung vernachlässigen, Drogen konsumieren, Gangmitglieder werden[4], was wiederum zur oben erwähnten Kriminalität beiträgt.

Wenn linker Aktivismus schwarze Leben kostet

BLM verlangt die Kürzung der Polizeihaushalte (Parole „Defund the Police“) und die Umverteilung dieser finanziellen Ressourcen zur Unterstützung von Alternativen zu Polizeimaßnahmen und Gefängnisstrafen. Einige Linke gehen so weit, die Abschaffung der Polizei zu verlangen, doch will die Mehrheit der Afroamerikaner das? Um dies herauszufinden, ging der Dokumentarfilmer Ami Horowitz in die New Yorker Stadtteile East Village und Harlem und fragte auf der Straße Bewohner, was sie von der Abschaffung der Polizei hielten. Alle weißen Menschen, die interviewt wurden, sagten, sie seien dafür. Ein junger Mann insbesondere betonte mehrmals, wie sehr er die Polizei hasse. Die befragten Afroamerikaner sprachen sich im Gegenteil für die Beibehaltung der Polizei aus: Ohne Polizei würde es noch mehr Kriminalität im Quartier geben.[5] Wie sachlich Horowitzs Video ist, lässt sich nicht sagen. Können wir sicher sein, dass er beim Schneiden keine Interviewteile entfernt hat, die nicht in sein Narrativ passten? Doch was er uns zeigt, macht deutlich, dass sicherlich nicht alle Afroamerikaner gegen die Polizei sind.

Wie das Leben ohne Polizei für Afroamerikaner aussehen kann, zeigte diesen Sommer die Stadt Seattle, im Nordwesten der Vereinigten Staaten. Drei Wochen lang besetzte dort ein linker Mob im Sog der Protestaktionen gegen den Tod von George Floyd den Stadtteil Capitol Hill und taufte ihn auf den Namen „Capitol Hill Autonomous Zone“ (im Folgenden CHAZ) um, der ein wenig später auf „Capitol Hill Occupied Protested“ (CHOP) geändert wurde. Die weiße demokratische Bürgermeisterin Seattles, Jenny Durkan, ließ den Mob vorerst gewähren und versprach sich von der CHAZ einen „Sommer der Liebe“.[6] Sie befahl der Stadtpolizei, sich aus dem Gebiet zurückzuziehen. Was aus ihrem Sommer der Liebe tatsächlich wurde, übertrifft die Vorstellungskraft. Gleich am ersten Tag platzierten linke Aktivisten Blöcke auf die Straßen, um diese unpassierbar zu machen. Sie errichteten mit anderen Worten eine Grenze, an der Schilder mit dem Text „You are leaving the USA“ (Sie verlassen die Vereinigten Staaten von Amerika) standen. Sie errichteten Checkpoints, an denen mit Sturmgewehren bewaffnete Aktivisten standen und die Identität der Besucher kontrollierten. Sie legten zudem Gemüsegärten an, einen davon nur für Schwarze, und richteten ein sogenanntes „Safe Space“ ein – ebenfalls nur für Schwarze.

Man muss sich das alles langsam auf der Zunge zergehen lassen: Linke Aktivisten, die für Parolen wie „No Borders, No Nations“ bekannt sind, besetzen einen Stadtteil (der nota bene von anderen Menschen bewohnt war, was diese linken Aktivisten de facto zu Siedlern und Kolonialisten macht), bauen eine Art Mauer, errichten Grenzposten, haben eigene bewaffnete Sicherheitskräfte und praktizieren Rassentrennung. Sie haben mit anderen Worten eine Welt geschaffen, die derjenigen, die sie angeblich verabscheuen, erstaunlich ähnlich ist. Die Rechtsstaatlichkeit blieb auf der Strecke, es kam zu Fällen von Selbstjustiz und Schutzgelderpressung. Ehe die CHAZ/CHOP endlich von der Polizei aufgelöst wurde, starben drei Menschen. Alle drei waren Afroamerikaner. Auch in linken Hochburgen sind Afroamerikaner also nicht sicher.

Genug des Guten

Viele Afroamerikaner sind es leid der gut gemeinten Hilfe der Linken. In seinem Buch Please Stop Helping Us (Bitte hört auf, uns zu helfen) beschreibt Jason L. Riley, wie zahlreiche Reformen, die den Afroamerikanern hätten helfen sollen, ihre Lage tatsächlich verschlimmert haben. Eine junge Generation von konservativen Afroamerikanern befindet sich im Aufstieg. Zu diesen Jungtalenten gehört Candace Owens, die seit mehreren Jahren auf YouTube aktiv ist und zahlreiche, von BLM und anderen afroamerikanischen Organisationen verbreitete Glaubenssätze auseinandernimmt. Demnächst erscheint ihr erstes Buch Blackout: How Black America Can Make Its Second Escape from the Democrat Plantation. Owens meint, es sei an der Zeit, endgültig die „demokratische Plantage“ zu verlassen. Diese Wortwahl ist nicht zufällig: In der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) war die Demokratische Partei die Partei der Sklavenbesitzer. Es war ein Republikaner, Präsident Abraham Lincoln, der die Sklaverei auf dem gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika beendete. Owens meint, die Demokratische Partei verhalte sich noch immer so, als ob die Afroamerikaner ihr gehörten und für sie zu wählen hätten. Sie betreibe eine Identitätspolitik, die einem Menschen aufgrund seiner Hautfarbe ein bestimmtes Wahlverhalten aufzwingen wolle. Wie diese Politik konkret aussieht, zeigte kein Geringerer als Joe Biden, der demokratische Präsidentschaftskandidat. Biden nahm Ende Mai dieses Jahres an einem Interview mit dem afroamerikanischen Radiomoderator Charlamagne tha God teil. Als dieser Biden sagte, er habe noch nicht entschieden, ob er für ihn oder für Trump wählen würde, antwortete Biden: „If you have a problem figuring out whether you’re for me or Trump, then you ain’t black“ (Wenn es Ihnen schwerfällt, sich zwischen mir und Trump zu entscheiden, dann sind Sie kein Schwarzer) [7] .

Den Demokraten laufen die Mitglieder davon. Es gibt auf YouTube unzählige Videos, in denen junge Leute erklären, warum sie der Demokratischen Partei den Rücken kehren. Die Kampagne heißt #WalkAway. Candace Owens lancierte mit Brandon Tatum die BLEXIT-Bewegung (BLEXIT steht für „Black Exit“, d. h. für den Austritt der Afroamerikaner aus der Demokratischen Partei). Das BLEXIT-Programm verlangt unter anderem die freie Schulwahl und alternative Bildungsmöglichkeiten für Kinder aus armen Verhältnissen; eine Reform der Strafjustiz, die mehr Wert auf Bildung und auf die Vermeidung von Gefängnisstrafen setzen soll; die Förderung von Unternehmertum und freier Marktwirtschaft, damit die Afroamerikaner autonomer werden und weniger von staatlichen Hilfsprogrammen abhängig sind, um der Armut zu entkommen.[8]

In diesem Zusammenhang ist auch das Projekt 1776 Unites zu erwähnen, das von afroamerikanischen Historikern, Akademikern und Aktivisten lanciert wurde, mit dem Ziel, grundlegende amerikanische Werte wie Unternehmertum, Selbstbestimmung und gegenseitige Unterstützung zu fördern. Zu den Trägern dieses Projekts zählen bekannte Namen wie Robert Woodson, Glenn Loury, Coleman Hughes, Clarence Page, John Sibley Butler, Ian Rowe, Jason D. Hill, Robert Cherry, Carol M. Swain, Taleeb Starks, Wilfred Reilly, Antonette McIlwain und Latasha Harrison Fields. 1776 Unites ist eine Antwort auf das 1619 Project des New York Times Magazine, das die Sklaverei zum Kernstück des nationalen Narratives der Vereinigten Staaten machen will (im Jahr 1619 kamen die ersten afrikanischen Sklaven in die Vereinigten Staaten). Die Initiatoren von 1776 Unites empfanden diese Botschaft als viel zu negativ. 1776 Unites hebt aktuelle und historische Beispiele florierender schwarzer Gemeinschaften hervor, als „schlagkräftige Widerlegung der Behauptung, das Schicksal der Afroamerikaner hänge davon ab, was Weiße tun oder in der Vergangenheit getan haben“.[9] Die Initiatoren von 1776 Unites vereinigt mit anderen Worten die Ansicht, dass die Afroamerikaner sich nicht länger als Opfer betrachten, sondern tatkräftig an der Verbesserung ihrer Lebensumstände mitwirken sollen.

Donald Trump, ein Kandidat für die Afroamerikaner?

Obwohl die Mainstream-Medien und das linksliberale Establishment den amtierenden Präsidenten Donald Trump gebetsmühlenartig als Rassisten bezeichnen, scheint seine Politik bei den Afroamerikanern zunehmend Anklang zu finden. Laut einer Umfrage, die Ende August durchgeführt wurde, befürworten 36 Prozent der Afroamerikaner Trumps Handeln.[10] Diese Zustimmungsrate ist erstaunlich hoch, wenn man bedenkt, dass im Jahr 2016 lediglich 8 Prozent der Afroamerikaner für Trump gewählt hatten.[11] Der Afroamerikaner Horace Cooper erklärt im Buch How Trump is Making Black America Great Again[12], dass Donald Trumps harter Kurs bei der Bekämpfung der illegalen Einwanderung den afroamerikanischen Arbeitnehmern nützt.

Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass eine restriktive Einwanderungspolitik positive Auswirkungen auf die beruflichen und finanziellen Aussichten der Afroamerikaner hat. So schreibt Vernon M. Briggs, Jr. im Sammelwerk The Impact of Immigration on African Americans[13], die Afroamerikaner hätten insbesondere im Tieflohnsektor vor 1965 größere Aufstiegschancen gehabt als nach 1965. Warum? Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten von 1924 bis 1965 die strengste Einwanderungspolitik ihrer Geschichte. Die Afroamerikaner waren dadurch in diesem Zeitraum nicht dem Konkurrenzdruck billiger Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern ausgesetzt. Die Lage änderte sich nach der Aufweichung dieser Politik ab 1965. Briggs schreibt, keine Gruppe sei härter von den Folgen dieses Kurswechsels getroffen worden als die Afroamerikaner. Insbesondere die Masseneinwanderung aus Lateinamerika erhöhte den Druck auf die afroamerikanischen Arbeitnehmer.

Es ist nicht Gegenstand dieses Beitrags darüber zu spekulieren, ob Donald Trump wiedergewählt wird und welche Rolle die afroamerikanischen Wähler dabei spielen könnten. Es geht darum zu zeigen, dass die Afroamerikaner keinen monolithischen Block bilden und nicht alle hinter BLM und der Demokratischen Partei stehen. Allerdings haben es konservative Afroamerikaner, die sich kritisch äußern, nicht leicht. Sie werden oft als „Uncle Toms“, als Kollaborateure der Weißen beschimpft, die ihre Solidaritätspflicht gegenüber ihren „Brüdern“ verletzen. Es wird ihnen vorgeworfen, „nicht schwarz genug“ zu sein. Sie kämpfen aber tapfer weiter.

Anmerkungen

[1] https://www.foxnews.com/opinion/black-lives-matter-protests-rob-smith

[2] Jason L. Riley, Please Stop Helping Us. How Liberals Make It Harder for Blacks to Succeed, Encounter Books, New York 2015, S. 74.

[3] https://blacklivesmatter.com/what-we-believe/

[4] Jason L. Riley, Please Stop Helping Us, S. 37–41

[5] https://www.youtube.com/watch?v=xyTTxWtOBZM

[6] https://www.newsbreak.com/washington/seattle/news/1582635047754/we-could-have-the-summer-of-love-seattle-mayor-says-she-doesnt-know-when-chaz-occupation-will-conclude

[7] https://www.cnbc.com/2020/05/22/biden-you-aint-black-if-you-have-trouble-deciding-between-me-or-trump.html

[8] https://blexitfoundation.org

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/1776_Unites

[10] https://www.washingtonexaminer.com/washington-secrets/trump-pops-to-52-best-job-approval-rating-on-record-up-with-blacks-even-democrats

[11] https://www.bbc.com/news/election-us-2016-37922587

[12] Horace Cooper, How Trump is Making Black America Great Again. The Untold Story of Black Advancement in the Era of Trump, Bombardier Books, New York 2020

[13] Vernon M. Briggs, Jr., „The Economic Well-Being of Black Americans: The Overarching Influence of U.S. Immigration Policies”, in: Steven Shulman (Hg.), The Impact of Immigration on African Americans, Transaction Publishers, New Brunswick 2004, S.1–26

Mag. Jan Mahnert, Jg. 1973, hat Geografie an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Genf studiert. Er ist als Übersetzer, Lektor und Publizist tätig. 2011 erschien sein Buch Demokratie und Homokratismus. Wie die Gleichheitsideologie der Menschenrechte die Demokratie und die Völker bedroht (Edition Genius, Wien).

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Bearbeitungsstand: Freitag, 25. September 2020

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