Der eine Gedanke


Platons Höhlengleichnis als Grundimpuls der europäischen Kultur

Von Hans-Joachim Schönknecht

Geschichte als Krise

Dass die moderne Welt kompliziert, ja in vielfachem Sinne undurchschaubar und voller Widersprüche ist, wurde so oft ausgesprochen, dass man es als Gemeinplatz bezeichnen muss. Ungeachtet dessen wohnt dem Gedanken Wahrheit inne in dem Sinne, dass er für viele, vielleicht die meisten Menschen, die die Aussage möglicherweise nie gehört oder gelesen haben, in Form eines beunruhigenden Gefühls der Verunsicherung gegenwärtig ist und sich im Bedürfnis nach orientierenden Konstanten niederschlägt.

Solche Empfindungen haben ihren Grund. Dieser ist nicht nur die Unsicherheit der materiellen Situation der einzelnen, wie sie in der Corona-Krise verstärkt erfahren wird, welche aber das Leben vieler Menschen seit je begleitete.

Wer nicht nur auf den Augenblick starrt, sondern den Blick ein wenig zurückwendet, erblickt sogleich den nächsten Krisenherd, der unter dem Stichwort der Klimakatastrophe noch vor wenigen Monaten die Gemüter erhitzte, die Spalten der Zeitungen füllte und die Regierungen der Welt in hektische Betriebsamkeit versetzte. Wer gar aus unserem noch jungen Jahrhundert in das gerade vergangene, von Historikern auch als das kurze apostrophierte 20. Jahrhundert zurückblickt, sieht sich bei zwei Weltkriegen, einer Weltwirtschaftskrise und den abgründig grausamen Diktaturen von Sowjetkommunismus und Nationalsozialismus, mit millionenfacher, industriemäßig betriebener Vernichtung von Menschenleben, einer Häufung von krisenhaften Ereignissen konfrontiert, die sich jedweder relativierenden Einordnung entzieht, auch wenn bei weiterer Rückschau das Szenario von Kriegen, Gräueln und Ungerechtigkeiten aller Art sich beliebig verlängern ließe.

Und gerade jetzt, bei noch schwelender Corona-Lage, treibt das Verlangen nach Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe und sonstiger gruppenspezifischer Unterschiede, Tausende junger Leute protestierend auf die Straße. Sie desavouieren allerdings sogleich ihren menschlich verständlichen Protest, indem sie in sinnlosem Ikonoklasmus die Statuen europäischer Entdecker, Eroberer und Kolonialherren vom Sockel reißen.

Sie tun mit diesem nur romantisch zu nennenden Versuch, die Geschichte, von der bereits Hegel feststellte, dass in ihrem Buch die Seiten des Glücks leere Blätter seien, nachträglich im Sinne ihrer moralischen Gefühle zu korrigieren, kund, dass sie von der objektiven Realität der Geschichte, der auch sie selbst angehören, wenig Ahnung haben, so dass man sagen kann, dass die „Götterdämmerung des hohlen Erzes“ von nicht weniger hohlen Köpfen ins Werk gesetzt wurde.

Aber zurück zu der im Titel implizierten These. Nach dem bisher Vorgetragenen scheint von einem einheitlichen, die abendländische Geschichte durchwaltenden und sie prägenden oder gar hervorbringenden Gedanken nicht die Rede sein zu können. Eher scheint die Einheit der Geschichte, wenn überhaupt davon die Rede sein kann, sich zu manifestieren in einer Folge von durch Gedankenlosigkeit und Machtverlangen ausgelösten Katastrophen, einbegriffen die Möglichkeit einer finalen, sei es durch Kernwaffeneinsatz, sei es durch nicht-kriegerische Zerstörung der Lebensbedingungen verursachten Katastrophe einer Auslöschung der Menschheit als ganzer.

Und von all dem abgesehen, ist es nicht vermessen, geradezu unseriös, unsere Kultur, angesichts der in ihr entwickelten Vielfalt von Ausdrucksformen, auf die Dominanz eines einzigen Gedankens, und sei dieser noch so tiefsinnig und umfassend, zurückführen zu wollen? Und warum gerade Platon?

Nun, letztere Frage ist leicht zu beantworten. In Platon sehen viele Kenner den eigentlichen Begründer der (europäischen) Philosophie, und er ist, wohl noch vor seinem Schüler und späteren Kritiker Aristoteles, deren wirkungsmächtigster Vertreter gewesen. Der hier in Rede stehende Gedanke prägt Platons gesamtes umfangreiches schriftstellerisches Werk, hat aber in keinem anderen seiner Texte in so klarer und geradezu programmatischer Weise Ausdruck gefunden wie im sogenannten Höhlengleichnis seines Hauptwerks, der Politeia (auch Staat, lat. Res publica, entstanden ca. 340 v. Chr.). Wohl wegen ihrer exorbitanten philosophischen Bedeutung wie auch wegen der überragenden sprachlichen, ja dichterischen Qualität ist diese jede Fachterminologie vermeidende Parabel zum bekanntesten und wahrscheinlich meist interpretierten Text der philosophischen Weltliteratur geworden.

Platons Parabel

Worum geht es in dem Gleichnis? Wie meist in seinem überwiegend in Form von Dialogen verfassten Werk lässt Platon seinen Lehrer Sokrates das Gespräch führen, in Gegenwart einiger Schüler sowie philosophischer Gegner. Sokrates entwirft nun ein seltsames Bild: In einer unterirdischen Höhle sitzen Menschen, gefesselt an Beinen und Hals, den Blick starr auf die hintere Höhlenwand gerichtet. Im Rücken der Gefangenen und weiter oben erleuchtet ein Feuer die Höhle. Ebenfalls hinter den Gefesselten befinden sich ein Weg und eine niedrige Mauer. Längs dieser werden allerlei Gegenstände des Alltags vorbeigetragen, deren Schattenbild vom Feuer auf die Höhlenwand geworfen wird. Die in der Höhle sehen nur diese Schatten und nehmen sie für die Wirklichkeit der Dinge, diskutieren darüber und zeichnen diejenigen als Meister aus, die am eindrucksvollsten davon zu sprechen wissen.

Einer der zuhörenden Schüler vermag nicht die Feststellung zu unterdrücken: „Ein sonderbares Bild, das du da vorführst, und sonderbare Gefangene“, was Sokrates mit der trockenen Bemerkung beantwortet: „Sie gleichen uns“.[1]

Nun geschieht Folgendes: Einem der Gefangenen werden die Fesseln abgenommen. Noch ganz benommen und starr durch die vorherige Zwangslage beginnt er, sich zu bewegen und umzuschauen und erkennt, dass er bisher Schattenbilder für die Wirklichkeit genommen hat. Man nötigt ihn, sich zum Höhlenausgang zu wenden und allmählich hinauf zu steigen. Nur langsam gewöhnen sich seine durch das Dunkel geweiteten Pupillen an die zunehmende Helle des hereindringenden Tageslichts, bis er schließlich, nach langwierigem Aufstieg zur Erdoberfläche, die Sonne selbst erblickt und am Ende diese als Ursprung allen Lichtes und als Ermöglichungsgrund der Lebensvollzüge erkennt.

Dieser Aufstieg aus dem Dunkel der Höhle zum Licht symbolisiert den Weg vom Nicht- oder Scheinwissen zum echten Wissen, in systematisierter Form: zur Wissenschaft. Es ist Platon selbst, der auf diese Weise die kulturell so wichtige Unterscheidung zwischen bloßer, auf Hörensagen beruhender Meinung und wirklichem belastungsfähigen Wissen erstmals definiert. Er nennt diesen Prozess auch den Weg der Bildung. Es ist ein Weg, der aus dem Menschen mehr macht, als er von Hause, von Natur aus ist. Wer diesen Weg zurücklegt, wird zum Wissenden bzw., wie Platon zurückhaltender formuliert, zum das Wissen Liebenden und Suchenden, griechisch: zum Philosophen. Platon ist der erste, der die Begriffe Philosoph und Philosophie in diesem eindeutigen Sinne gebraucht; sie umfassen bei ihm noch jede Art begründeten Wissens, Philosophie bedeutet ihm noch keine im Gegensatz zu den Einzelwissenschaften stehende Sonderdisziplin.

Die parabolische Erzählung hält, als geistvolle Erfindung, nicht zwingend auf Logik und fragt nicht, wer den Gefangenen von den Fesseln befreit und ihm dadurch den Weg der Befreiung vom Irrtum ermöglicht hat. Da, wie Sokrates hervorhebt, wir alle solchen Gefangenen gleichen, bleibt nur der Schluss, dass diese Möglichkeit, über seine natürlichen Bedingungen hinaus zu gelangen, im Menschen als solchem angelegt ist (jede andere Erklärung wäre ein Rückfall in den Mythos, den Platon gerade überwinden will).

Aber der Weg der Bildung ist mit dem Durchschauen des natürlichen Zusammenhangs noch nicht vollendet. Die Sonne des Gleichnisses bedeutet nicht nur den Inbegriff der das Leben möglich machenden Natur, sondern steht selbst symbolisch für ein der natürlichen Welt, dem Kosmos, ermöglichend zugrunde liegendes Transzendentes. Platon nennt dieses die „Idee des Guten“ („idea tou agathou“): Jenseits der Sichtbarkeit, „in dem Bereich des Denkbaren zeigt sich zuletzt und schwer erkennbar die Idee des Guten“.

Wir können diese Vorstellung mit dem uns vertrauteren Ausdruck des Göttlichen als eben dem Inbegriff des Guten, als des höchsten Guts bezeichnen. Und da es in Platons Politeia primär um die Frage der Gerechtigkeit, der rechten, gehaltvollen Ordnung im persönlichen wie im staatlichen Leben geht, folgert Sokrates: „Diese Idee [muss] erkannt haben, wer einsichtig handeln will, sei es in persönlichen oder in öffentlichen Angelegenheiten.“

Interpretation

Worin jedoch liegt in der Erzählung der im Titel des Aufsatzes als für unsere Zivilisation grundlegend behauptete eine Gedanke? Nun, mit der Idee der den Menschen durch eigenen Einsatz über das im natürlichen und sozialen Kontext Vorgegebene hinausführenden, im Grunde als lebenslang betrachteten Bemühung um Bildung und Erkenntnis stellt Platon den Menschen in eine Differenz zu sich selbst, und zwar in die Differenz zwischen Sein und Sollen, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, die traditionsbasierte, mehr statische Gesellschaften so nicht kennen. Diese Differenz eröffnet einen Raum des Werdens, den der Mensch eigentätig zu füllen hat. Durch die Formulierung des inhaltlich nicht weiter bestimmten Guten als des definitiven und natürlich jeweiliger Konkretion bedürftigen Ziels allen Handelns – auf theoretischem Gebiet entspricht ihm die Idee der Wahrheit – soll die rechte Richtung der Werdebewegung abgesichert werden. Dieses Gute bleibt als solches wesenhaft unvollendet, seine Realisierung steht immer noch irgendwie aus.

Dies ist, vielleicht stärker als es dem unter anderen historischen Voraussetzungen denkenden Platon selbst bewusst war, eine dynamische Konzeption des Menschen, und die hier theoretisch freigesetzte geistige Dynamik wird für die europäische Kultur und Zivilisation prägend werden.

Massenhaft, über den Kreis kleiner Gruppen Gebildeter hinaus wirksam wird diese Dynamik erstmals im Christentum, das aufgrund seiner Tiefsinnigkeit siegreich aus der Konkurrenz der zahllosen religiösen Kulte in hellenistisch-römischer Zeit hervorgeht und sich im Gefolge des römischen Imperialismus schnell über Europa, den Nahen Osten und Teile Afrikas ausbreitet. Die christliche Theologie sieht in Platon seit je ihren heidnischen Wegbereiter: Plato semper noster („Platon ist einer von uns“), lautet eine Redensart der Kirchenväter; deren Theologie macht sich den appellierenden, fordernden Charakter von dessen Anthropologie in vielfältiger Weise zu eigen. Das umfasst die Liebe zum erfahrungstranszendenten Göttlichen ebenso wie die Idee der Imitation Christi in der Nächstenliebe.

Insgesamt bleibt das Christentum jedoch ausschließlich auf Versittlichung des Menschen ausgerichtet. Natur und Natürlichkeit, Körpergenuss jeder Art, bleiben als Transzendenzvereitelung negativ konnotiert. Das von Platon ebenfalls definierte Ziel begründbaren Wissens wird gegenüber dem Glauben als schädliche Neugier (Augustinus) abgewertet. Philosophie degeneriert für Jahrhunderte, nach einer dem Theologen Damiani zugeschriebenen Formulierung, zur „Magd der Theologie“ („ancilla theologiae“).

Dialektischer Umschlag: Säkularisierung

Die Verengung des Wirklichkeitsbezugs im Christentum schlägt nach fast anderthalb Jahrtausenden schließlich um in eine neue, später unter die Epochenbezeichnungen von Humanismus und Renaissance gestellte Zuwendung zur Welt und zum eigenschöpferisch tätigen Menschen. Dieser ‚Paradigmenwechsel‘ entwickelt sich vom 17. Jahrhundert an in einer gesteigerten, innerhalb der historischen Bewegung einzigartigen Dynamik, hin zu der alle Lebensbereiche durchdringenden und transformierenden, sich schließlich global etablierenden Realität der Naturwissenschaften und der auf ihnen beruhenden Technik.

Parallel dazu erfolgt, ebenfalls vom Humanismus ausgehend und vermittelt durch den institutionenkritischen, eine christliche Freiheit der Person propagierenden Protestantismus, die unter dem Namen Aufklärung firmierende Ablösung der den Wert der Person in den Mittelpunkt stellenden christlichen Anthropologie von ihrem religiösen Hintergrund. Die sich dabei herausbildende Auffassung vom Menschen lässt sich wohl am gültigsten mit dem Begriff der Autonomie, der ‚Selbstbestimmung‘ erfassen. Das Recht des Menschen, er selbst zu sein, durchdringt fortan alle gesellschaftlichen Bereiche und prägt die politische Ordnung demokratisch aus; es findet seine Grenze nur am gleichen Recht des Mitmenschen und an der Gefährdung der Stabilität des sozialen Verbandes.

Platons Gedanke der Bildung durch Orientierung auf das Gute und durch begründetes Wissen hat Weltkarriere gemacht. Indem Platon den Menschen in die Differenz zu sich selber setzte, hat er zum einen eine historische Dynamik ausgelöst, die zuerst im Christentum zu voller Entfaltung kam und die auch die neuzeitliche Entwicklung befeuerte: Stets ging es darum, den Menschen vorwärts und in seinem Eigentlichen zur Geltung zu bringen. Die geistesgeschichtlichen Epochen wie auch die politische Gesamtentwicklung zu Ordnungen der Freiheit (unfreie Staatsordnungen bleiben heutzutage ohne Legitimitätsbasis und existieren nur faktisch, durch pure Macht der Herrschenden) sind die Manifestation dieses Erfolgs.

Komplementär dazu, dies ist das zweite, ist diese Idee der Bildung des Einzelnen herausgetreten aus ihrer elitären Begrenzung in der Antike, in der sie nur den männlichen Bürgern zukam und Frauen sowie Sklaven ausschloss, wie diese ohnehin von der aktiven Teilnahme an den Angelegenheiten der Polis, dem konkreten Anlass für Platons pädagogischen Entwurf, ausgeschlossen waren. Inzwischen ist Bildung auf Weltebene als Recht jedes Menschen anerkannt: in § 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist es verankert.

Ich fasse das bisher Ausgeführte zusammen: Erklärtes Ziel von Platons im Höhlengleichnis entwickelten Gedanken ist es, den Menschen durch Befreiung von naturgegebenen Vor- und Fehlurteilen auf das Gute hin zu orientieren und ihn durch Bildung urteilsfähig zu machen, so dass er in die Lage versetzt wird, im eigenen Leben wie in der Gestaltung der sozialen Angelegenheiten Vernunft walten zu lassen, um damit in der Polis Gerechtigkeit zu verwirklichen. Dass es sich dabei nicht um leeres, idealistisches Wunschdenken handelte, habe ich durch Darstellung der alle abendländischen Epochen durchziehenden und verbindenden historischen Tiefenwirkung des Gedankens sowie an seiner politischen Rezeption im Weltmaßstab aufgewiesen.

Kritiker der entwickelten Geschichtsdeutung

Dass trotz dieses Erfolgs von Platons Konzeption der Zustand der Welt, wie auch in der Einleitung angedeutet, keineswegs ein Spiegelbild von Vernunft, Gerechtigkeit und guter Ordnung ist, liegt vor aller Augen. Eher erscheint die Wirklichkeit mit ihrer Kette von Konflikten und Krisen als das gerade Gegenteil. Diskreditiert dies nicht doch letzten Endes den platonischen Gedanken, durch paideia, durch bewusste, auf das Gute ausgerichtete Erziehung, die Wirklichkeit zu verbessern?

Wer allein an die durch diesen Ansatz der Sittlichkeit in langen Kämpfen zustande gekommene Beseitigung der Sklaverei und die Emanzipation der Frau denkt (zwei Themen, die Platon selbst noch gar nicht hatte), kann ein Scheitern eigentlich nicht bejahen. Doch gibt es Philosophen, die in der gesamten abendländischen Geschichte eine Fehlentwicklung sehen. Man erkennt zwar durchweg das Faktum der inneren Einheit dieser Geschichte an, so wie ich es in sehr knappen Zügen entworfen habe, aber man bestreitet den positiven Sinn des Prozesses.

So lehnt der unter jüngeren Philosophen immer noch sehr geschätzte Friedrich Nietzsche (1844–1900) die die platonisch-christliche Kultur prägende Idee der Versittlichung des Menschen als dessen Vitalität schwächend ab und denunziert sie als „Sklavenmoral“. Dagegen setzt er seine berühmt-berüchtigten, politisch weidlich ausgeschlachteten Thesen vom nur sich selbst verpflichteten „Übermenschen“ und vom „Willen zur Macht“ und schreckt in seiner von ihm selbst als „aristokratisch“ apostrophierten Denkweise auch nicht vor der Behauptung zurück, „dass zum Wesen einer Kultur“ – nach seinem Verständnis von Kultur – „das Sklaventum gehöre“.[2]

Martin Heidegger (1889–1976) kennzeichnet die von Platon ausgehende Geschichte als die „Geschichte der Metaphysik“. In Verkennung ihres objektiven Gehalts und Gültigkeit kritisiert er in seinem Frühwerk, Nietzsche nicht unähnlich, das Versinken des heutigen Menschen in der Anonymität des Man und des Abgleitens seiner Geistigkeit ins bloße, oberflächliche Gerede. Relative Wahrheit ist dem Gedanken gewiss nicht abzusprechen, aber eben nur relative. In seinen späteren Schriften setzt Heideggers Kritik an beim seiner Auffassung nach weltzerstörerischen Wesen der Technik; auch dies ist wieder nur eine Teilwahrheit, die jedoch den Umweltradikalismus befeuert und damit Epoche gemacht hat. Die Entwicklung der Technik sieht Heidegger verursacht durch die Metaphysik (d. h. letzten Endes durch Platon), der er den Vorwurf macht, die Welt dem Zugriff des menschlichen Subjekts unterworfen zu haben. Das ist nach dem oben über Platon Gesagten eine zweifelhafte Diagnose. Durch die Technik, Heidegger nennt sie wegen ihrer reinen Gemachtheit auch ‚das Ge-stell‘, deren tiefe Durchdringung aller Lebensbereiche Heidegger wie nur wenige durchschaut, wird die irdische Welt von Grund auf transformiert. Der den Menschen seit je tragende Boden von Heimat, Landschaft, Bauerntum und Handwerken wird diesem, zugunsten einer planetarischen homogenen Zivilisation ohne bergende Grenzen, sozusagen unter den Füßen weggezogen. Die philosophische Interpretation der Welt fasst Heidegger in dem pessimistischen Gedanken zusammen: „Das Sein verschwindet im Geschick“, schiebt jedoch mildernd Hölderlins Diktum nach: „Wo aber Gefahr ist, wächst/Das Rettende auch“.[3]

Abschließend sei kurz die Position der sich als neo-marxistisch verstehenden sogenannten Kritischen Theorie der Frankfurter Schule skizziert. Ihre Repräsentanten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten deren Grundlinien entwickelt in ihrer im kalifornischen Exil unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gräuel verfassten und 1947 publizierten programmatischen Schrift Dialektik der Aufklärung. Sie deuten die abendländische Geschichte – nachvollziehbar – als Prozess der Aufklärung. Die Aufklärung ist allerdings in ihrer Verwirklichung – dies bedeutet hier Dialektik – in ihr Gegenteil umgeschlagen. Nicht Freiheit, Vernunft und Menschlichkeit, also die ursprünglichen Ziele der Aufklärung, bestimmen die Wirklichkeit, sondern politischer Terror, kapitalistische Ausbeutung und massenmediale („kulturindustrielle“) Gleichschaltung und Entmündigung des Menschen. Wir leben demnach in dem „absurden Zustand, dass die Gewalt des Systems über den Menschen mit jedem Schritt wächst“.[4] Substantielle Veränderung zum Besseren ist unmöglich, einzelne Reformen sind bloße Kosmetik zur Stabilisierung der Misere. In seiner Schrift Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951) fasst Adorno seine Sicht der Dinge, in prononcierter Umkehrung eines Hegelschen Gedankens, in die Totalkritik zusammen: „Das Ganze ist das Unwahre“[5]. Das ist ein in sich widersprüchlicher Gedanke, gehört er doch selbst diesem als unwahr bezeichneten Ganzen an!

Ich habe diese gegen den abendländischen Geschichtsverlauf bzw. gegen die heutige Welt als sein Resultat gerichteten Positionen so ausführlich besprochen, weil sie seit Jahrzehnten die philosophische Orientierung in Schule und Universität beherrschen und ihre Adepten inzwischen an den Schaltstellen der öffentlichen Meinung sitzen, wodurch diese Auffassungen massenwirksam werden.

Sowohl die durch Nietzsche und Heidegger vertretene Nihilismus-Diagnose wie die Entfremdungsthese der Kritischen Theorie negieren den Wert des geschichtlich Geschaffenen und produzieren derart selbst die Entfremdung der Menschen zur gewachsenen Ordnung, die sie beklagen. Sie selbst begünstigen so die Tendenzen gesellschaftlicher Desintegration mit ihren anarchischen Gewaltausbrüchen in subkulturellen Jugendmilieus, von der Neonazi-Szene über das Fußball-Rowdytum bis zu der gewalttätigen linksautonomen Szene.

Es wäre also an der Zeit, sich auf die Substanz der realen Geschichte zu besinnen, um das Gehaltvolle zu erkennen und das Unzulängliche zu korrigieren. Das bedeutet meines Erachtens zunächst und vor allem die Wiederaneignung der platonischen Idee der Bildung als verpflichtender Haltung eines jeden.

Anmerkungen

[1] Dieses und die folgenden Zitate Platons sind entnommen der Politeia, Stephanus-Paginierung S. 514–517.

[2] Der griechische Staat. Vorrede (Ausg. Schlechta, Bd. 3, Seite 278)

[3] Die Kehre. Opuscula 1 (Pfullingen 1978), Seite 41; vergleiche auch meinen Aufsatz zu Heidegger in: Schönknecht: Einblicke und Ausblicke (2020), Seite 149–185.

[4] Dialektik der Aufklärung (Frankfurt/M.1978), S. 38

[5] A.O., Frankfurt/M. 1964, S. 57

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