Die Welt im Umbruch


Eine multipolare Welt wird beängstigend sein, aber auch neue Chancen bieten

 
Von Fabian Walch

Die Welt ist im Wandel, so wie sie es immer schon war. Es beschleicht uns aber immer mehr das Gefühl, dass wir an einer Zeitenwende leben. Vielleicht hatten die Menschen dieses Gefühl schon immer. Eventuell sprechen zukünftige Historiker gar von einer Sattelzeit. Jedenfalls ist klar, dass wir von einer bisher bipolaren Welt, die immerhin mehr als 70 Jahre andauerte, langsam in eine multipolare Welt übergehen. Die beiden Supermächte des Kalten Krieges sind nur mehr Schatten ihrer selbst. Die Sowjetunion ist untergegangen, und ihr größter Nachfolgestaat Russland hat längst nicht mehr die wirtschaftliche, militärische oder gar politische Macht, welche die Sowjetunion lange Zeit innehatte. Die USA haben zwar scheinbar den Kalten Krieg gewonnen, müssen aber auch einsehen, dass ihre Zeit als Weltmacht vorbei ist. Der Kalte Krieg und das Schreckensgespenst eines atomaren Krieges haben die Welt sicher gemacht, so komisch das klingen mag. Keiner der beiden Mächte hat es gewagt, einen Krieg gegeneinander zu beginnen, der keine Gewinner, sondern nur Verlierer gekannt hätte. Dieses Szenarium des Schreckens hat die Welt partiell zu einer friedlicheren gemacht und die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zu einem der friedlichsten – zumindest für unseren Kontinent.

Lediglich Stellvertreterkriege, die lokal begrenzt blieben, wurden geführt, etwa in Vietnam oder Afghanistan. Daneben gab es hier und dort angezettelte Bürgerkriege, die aber ebenfalls weltpolitisch eine untergeordnete Rolle spielten. Etwas salopp kann man sagen, dass die bipolare Weltordnung aus globaler Sicht segensreich war.

Verkümmern der Wehrhaftigkeit

Die Europäische Union hat sich sehr lange damit begnügt, als Truppenstützpunkt der US-geführten NATO zu dienen, um sich im Gegenzug unter dem Schutzschirm der amerikanischen Weltmacht auszuruhen. Die Folge war in vielen Staaten die vollkommene Vernachlässigung der eigenen militärischen Stärke und das Verkümmern der Wehrhaftigkeit. Viele Länder haben die Wehrpflicht abgeschafft und den Willen zum Trutz gleich mit. Ein frappierendes Beispiel dafür ist Deutschland, dessen Militär nur mehr mit nicht seetauglichen Schiffen, kaputten Hubschraubern und Kampfpanzern, die für schwangere Soldatinnen umgerüstet werden, auffällt.

Zu allem Überfluss werden in jüngster Geschichte vermehrt Soldaten mit Migrationshintergrund sowie Soldaten abseits der zwei biologischen Geschlechter angeworben, um die Truppe bunt und divers zu machen. Auf der anderen Seite wird eine Inquisition gegen jene Soldaten geführt, die auch nur in den leisesten Verdacht kommen, Patrioten zu sein. Es gilt nämlich die falsche linke Formel: Patriot ist gleich Nazi oder Rechtsextremer. Dabei sollte doch Patriotismus eine Grundmaxime sein, um zur Bundeswehr zu gehen, da man im Ernstfall bereit sein muss, sein Leben für Land und Volk zu geben.

Es gibt aber auch Ausnahmen. Die Franzosen etwa haben erkannt, dass mit dem Zurückziehen der USA ein Machtvakuum entsteht, das gefüllt werden muss. Gefüllt wird dieses Vakuum auf jeden Fall werden, warum also nicht selbst die Aufgabe in die Hand nehmen? Französische Interessen werden konsequent verfolgt, vor allem im Mittelmeer, in den ehemaligen Kolonien in Schwarzafrika und in den Maghrebstaaten beziehungsweise Westafrika, aber auch in den französischen Überseegebieten mit ihren umliegenden Territorial- oder Hoheitsgewässern.

Schrittweise Rückkehr der USA zum alten Isolationismus?

Die USA waren in ihrer Geschichte vorwiegend ein isolationistisches Land. Erst durch die beiden Weltkriege wurden sie aus ihrem Isolationismus herausgerissen. Es ist jedoch zu beobachten, dass bereits seit Bush junior eine schrittweise Rückkehr zum alten Isolationismus zu erkennen ist. Nicht erst seit Donald Trump, wie oftmals kolportiert wird. Trump setzte im Grunde diese Entwicklung nur fort und beschleunigte sie, was vor allem im Rückzug aus vielen internationalen Organisationen manifest wird. Wie sich die US-Außenpolitik künftig gestalten wird, hängt vom – bei Redaktionsschluss noch nicht vorliegenden – offiziellen Endergebnis der Präsidentschaftswahl ab.

Auch wenn hier und dort noch der alte Weltmachtanspruch durchblitzt, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die USA zurückziehen, zumindest was den atlantischen Bereich anbelangt. Traditionell war nämlich die US-amerikanische Ausrichtung eine pazifische.

Bevor die USA zur Supermacht aufstiegen, waren sie eine lokale Macht im Pazifik. Der Angriff der Japaner auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 war eine Herausforderung um die Hegemonie im Pazifik. Im Atlantik kämpften vor allem Briten gegen die nationalsozialistischen U-Boot-Flotten. Die USA hielten ihre maritime Flottenpräsenz im Atlantik aufgrund der scheinbaren britisch-französischen Dominanz, von der keine direkte Bedrohung ausging, auf einem Minimum. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour musste im Prinzip erst eine Atlantikflotte gebaut werden. Der Fokus der USA rückt nun also wieder in den Pazifik und nimmt das massive Vormachtstreben Chinas ins Visier, die mit immer neuen Provokationen die Grenzen ausreizen und in Salamitaktik ihre Präsenz, ganz zum Leid der Tigerstaaten, im Chinesischen Meer und Südostasien ausbauen. Die Verbündeten der USA, allen voran Japan, Taiwan, die Philippinen, die lange Zeit US-amerikanische Marionette waren, und Südkorea sind froh über den neuen Fokus der USA. Jedoch setzen gerade Japan und Südkorea auch auf eigene militärische Stärke, um der aufstrebenden Großmacht China Paroli bieten zu können.

Südkorea konnte sich aufgrund des nördlichen Bruders gar nie leisten, seine Militärausgaben zu kürzen. Immerhin befindet es sich immer noch offiziell im Kriegszustand mit Nordkorea. Japan hingegen war es lange Zeit als Kriegsverlierer und Aggressor des Zweiten Weltkrieges nicht erlaubt, ein kriegsfähiges Militär zu unterhalten, sondern durfte lediglich ein Militär zur Selbstverteidigung, wie es offiziell hieß, unterhalten. Japan hat jedoch einen Paradigmenwechsel vollzogen und wieder massiv aufgerüstet, was – aufgrund des chinesischen Gebarens – von den USA geduldet wird.

Andauernder Territorialstreit

Neben China gibt es für Japan aber immer wieder auch kleinere diplomatische Konflikte mit Russland, vor allem wegen der nördlichen Territorien. Der russische Archipel der Kurilen, welcher sich von Hokkaido nach Norden bis zur russischen Halbinsel Kamtschatka zieht, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion zugesprochen und ist bis heute ein Streitpunkt zwischen den beiden Ländern. Obwohl es neben Fischerei auf dem spärlich besiedelten Inselbogen nicht viel gibt, ist dieser von massiver strategischer Bedeutung, da er den Pazifik und das Ochotskische Meer trennt. Der Territorialstreit dauert an, da Japan zumindest die südlichen Kurilen für sich beansprucht. Einen ähnlichen Disput gibt es über die Insel Sachalin, die in der Geschichte auch schon mehrmals den Besitzstand zwischen Japan und Russland geändert hat.

Um noch ein wenig in Asien zu bleiben, beleuchten wir China etwas genauer. Der massive Aufstieg Chinas hat das Selbstbewusstsein der kommunistischen Machthaber enorm gestärkt. Die wirtschaftliche Stärke wird mehr und mehr in politische und militärische Macht umgemünzt. Neben massiven Investitionen Chinas in der ganzen Welt, aber vor allem in Afrika, um sich Bodenschätze und Seltene Erden zu sichern, tritt China immer öfter auch als militärische Großmacht auf. Die wirtschaftliche Macht samt technologischem Fortschritt, gepaart mit den enormen demographischen Ressourcen, erlaubt es China, in ungeahnte weltpolitische Höhen aufzusteigen. Das flächenmäßig viertgrößte Land der Welt hat viele territoriale Ansprüche. Insgesamt hat China mit 17 Nationen Territorialstreitigkeiten. Auf dem Festland gibt es vor allem mit Indien viele Überschneidungen um beanspruchtes Land. Etwa die Region Kaschmir im Nordwesten Indiens wird zu großen Teilen von China beansprucht, aber auch mit dem benachbarten Pakistan streitet sich Indien um Ansprüche. Ähnlich verhält es sich im Osten des Landes. Maritime Interessen scheinen aber aktuell im Vordergrund zu liegen. Das Chinesische Meer ist aufgrund der Ansprüche völlig unüberschaubar geworden. Allein die im südchinesischen Meer gelegenen Spratly-Inseln, unter welchen große Erz- und Erdölvorkommen vermutet werden, werden von sechs Nationen, nämlich China, Brunei, Malaysien, den Philippinen, Taiwan und Vietnam, beansprucht. Auch die zwischen Taiwan und den japanischen Ryu-Kyu-Inseln gelegenen Senkaku-Inseln sind zwischen China, Japan und Taiwan wild umstritten. Dies sind nur zwei Beispiele für die immer größer werdenden Spannungen. Europa spielt hier keine Rolle mehr. Die USA wollen aber ihr Engagement verstärken, was sich darin zeigt, dass sich chinesische und US-amerikanische Flugzeugträger immer öfter drohend gegenüberstehen.

Warlords und Korruption hemmen Afrika im Fortkommen

Der afrikanische Kontinent hat es auch nicht geschafft, sich zu stabilisieren. Die einst sehr selbstbewusste Afrikanische Union, beziehungsweise die Organisation für Afrikanische Einheit als Vorgängerorganisation, ist wieder in alte Muster zurückgefallen. Konkurrierende Warlords, Korruption und immer noch willkürlich gezogene Grenzen hemmen jedes Vorwärtskommen. Dabei haben einige Länder wirkliche Fortschritte gemacht, jedoch alles wieder verspielt. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Union den Afroamerikanern anbot, doch zurück in die Heimat ihrer Vorfahren zu kommen und am Aufbau mitzuwirken, sowie die Zeiten, in denen die Union den Rassismus in den USA kritisierte. Selbst das lange Zeit als Vorzeigeland gegoltene Südafrika hat alles verspielt. Die Aufbruchstimmung ist in Weißenhass umgeschlagen, was sich täglich in grausamen Morden manifestiert. Kritik hört man hier leider kaum. Weltpolitisch spielt der afrikanische Kontinent nur als Hotspot der Massenmigration und als Spielfläche eines neuen wirtschaftlichen Kolonialismus um Bodenschätze eine Rolle. Wie jedoch die jüngste Geschichte zeigt, wird vor allem die Massenmigration mittlerweile als politische Waffe eingesetzt.

Nordafrika und der Nahe Osten sind ein Scherbenhaufen. Die hoch gepriesene Demokratisierung durch den Arabischen Frühling hat sich als Farce herausgestellt. Keines der muslimischen Länder konnte sich nach der Revolution stabilisieren. Im Gegenteil: eine Radikalisierung an allen Fronten ist zu beobachten, und der radikale Islam ist im Aufschwung. Die genannte Massenmigration wird befeuert und die letzten Machthaber, welche die Invasion von Afrikanern nach Europa abgehalten haben, sind gestürzt worden. Die Folgen erleben wir tagtäglich. Auch hier wird versucht, das Machtvakuum zu füllen. Die Türkei tritt hier immer wieder auf und mischt sich auch militärisch etwa in Libyen ein.

Machtvakuum durch rückläufiges US-Engagement im Nahen Osten

Das NATO-Mitglied Türkei, welches lange Zeit von der schützenden Hand der USA profitiert hat, versucht sich als regionaler Hegemon zu positionieren und knüpft dabei nicht selten an osmanisches Großmachtstreben an. Die lange Zeit strategisch wichtige Position der Türkei an der Türschwelle zur Sowjetunion haben ihr viele Vorteile und Spielraum gelassen, was etwa die Nichtverurteilung des Genozids an den Armeniern beweist. Spätestens mit der Positionierung der Saturn-Raketen war die Wichtigkeit der Türkei für die NATO unantastbar. Der Kalte Krieg ist aber vorbei, und nachdem sich dort die Briten und Franzosen großteils aus dem Nahen Osten zurückgezogen haben und auch das US-amerikanische Engagement rückläufig ist, versuchen der türkische Despot Erdogan sowie Russlands Putin das Machtvakuum zu füllen und die Wirren, ausgelöst durch US-amerikanische Interventionen, den IS und nicht zuletzt der syrischen Revolution, zu nutzen. Die Türkei besetzt neben der nordsyrischen Provinz Idlib auch immer noch Nordzypern, also sogar Territorium eines Mitgliedes der Europäischen Union.

Im Mittelmeer ist, ähnlich den Konflikten im Chinesischen Meer, auch ein Gezerre um maritime Hoheitsgebiete und Ressourcen entbrannt. Aktuell überlappen sich im östlichen Mittelmeer türkische, griechische, zypriotische, ägyptische, libanesische, libysche und israelische Interessen. Zu allem Überfluss tritt auch Frankreich immer öfter als Potentat durch militärische Präsenz auf. Der jüngste Streit um ein Mittelmeergebiet zwischen der griechischen Insel Rhodos und Zypern, in welchem Erdgasvorkommen vermutet werden, hat so weit geführt, dass sich die Türkei dazu verstiegen hat, Griechenland, einem Mitglied der Europäischen Union, offen mit Krieg zu drohen. Besonders pikant dabei ist, dass sowohl Griechenland als auch die Türkei Mitglieder der NATO sind und somit eigentlich militärische Bündnispartner. Weder die EU noch die NATO haben sich bislang eingeschaltet, weshalb Griechenland, welches selbst über ein beachtliches Heer verfügt, nun ein Defensivbündnis mit Zypern und Israel gegen die Türkei, die das zweitgrößte Heer der NATO besitzt, geschlossen hat. Nicht zuletzt, da man auch aus der Regierung Erdogans immer öfter Ansprüche auf Inseln in der Ägäis vernimmt. Besonders bitter ist der US-amerikanische Rückzug für Israel. Die USA als Schutzmacht haben nicht weniger als die Existenz Israels gewährleistet. Das werden sie wohl weiterhin tun, aber vermutlich mit gedämpftem Engagement, da nicht zuletzt die israelische Position gestärkt wurde, indem die größten direkten Bedrohungen ausgeschaltet wurden.

Jerusalem-Botschaftsverlegung ein Meilenstein und Geschenk an Israel

Dennoch war die Verlegung der US-amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem ein Meilenstein und Geschenk an Israel. Außerdem hat die USA mit Saudi-Arabien und as-Sisis Ägypten regional mächtige Freunde in der Region. Nicht zuletzt deshalb sind von israelischer Seite offensivere Töne und Maßnahmen zur Lösung der Palästinenserfrage zu vernehmen. Und tatsächlich ist auch hier offenbar ein Durchbruch gelungen, der lange Zeit für undenkbar schien. Durch die penetrante Militanz des Irans wurde die arabische Ablehnungsfront gegen Israel aufgebrochen. Die sieben Vereinigten Emirate gingen voran, und Bahrain folgte mit der Zustimmung Saudi-Arabiens, die bereits ihren Luftraum für Israel geöffnet haben, mit der Anerkennung Israels.

Die Palästinenser toben, können aber die größte machtpolitische Verschiebung seit Jahrzehnten in der Region nicht mehr aufhalten. Die islamische Glaubensspaltung, die eigentlich Jahrhunderte in der Vergangenheit liegt, hat nun nach dem Prinzip „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ sunnitische Golfstaaten unter den Hightech-Schutzschirm Israels getrieben. Mit diesem Paradigmenwechsel sind die Karten in der Region neu gemischt.

Die Osterweiterung der NATO hat auch in Osteuropa das Gefüge durcheinandergebracht und Verträge mit Russland gebrochen. Diese Provokationen nimmt der russische Bär nicht länger hin und versucht zu alter Stärke zu gelangen. Die Besetzung der Krim und die militärischen Auseinandersetzungen im ostukrainischen Donbass unterstreichen die russischen Ansprüche. Auch das Ergebnis der aktuellen Entwicklungen in Weißrussland ist ungewiss. Eine Wiedervereinigung der Brüdervölker ist nicht ausgeschlossen.

Die baltischen Staaten, die Heimat auch vieler Russen sind, zittern bereits vor einem expansiven Russland. Ähnliches spielt sich in Moldawien mit der russisch dominierten Region Transnistrien ab, die zur Gemeinschaft der nicht-anerkannten Staaten, zu denen etwa auch die kaukasischen Regionen Abchasien, Südossetien und Arzach zählen, gehört. Auch Polen, welches aus historischer Sicht Russland als Unterdrücker in schlechter Erinnerung hat, hat bereits mehrmals um Hilfe der NATO gebeten. Große Truppenbewegungen in Richtung Ostmitteleuropa und ins Baltikum sind zu verzeichnen. Inwieweit im Ernstfall auf die USA Verlass wäre, bleibt fraglich. Auch hier ist ein Rückzug des US-amerikanischen Engagements erkennbar. Die Rolle der EU bleibt auch hier ephemer. Wenn wir in den Balkan schauen, so sehen wir, dass die alte Metapher vom Pulverfass durchaus noch zutreffend ist. Die Nachkriegsordnung ist fragil, wie etwa der Failed state Bosnien und Herzegowina zeigt, aber auch die weiter andauernde Zersplitterung mit dem Kosovo und Montenegro oder der Namensstreit um Mazedonien, der aktuell geklärt scheint, verdeutlichen die Instabilität.

Auch hier beweist die EU, dass sie nichts gelernt hat und nach der letzten völlig verfrühten EU-Osterweiterung mit Bulgarien und Rumänien jetzt auch noch an eine Erweiterung am Westbalkan denkt. Andererseits will die EU, getrieben durch die NATO, den gesamten Balkan für sich sichern, um diesen vor historisch bedingtem russischen sowie immer stärker werdendem chinesischen Einfluss abzuschirmen.

Weiterer armenischer Genozid zu befürchten

Ähnlich stellt sich die Situation im Kaukasus dar, wo sich auf kleinem Raum sehr unterschiedliche Völker, eingekesselt zwischen Iran, Türkei und Russland, die ebenfalls Interesse an der Region haben, wiederfinden. Etwa der Konflikt rund um Bergkarabach wirft ein markantes Schlaglicht auf die Situation. Der Konflikt zwischen dem islamischen Aserbaidschan und dem christlichen Armenien ist wieder entbrannt. Unterstützt wird der Aggressor Aserbaidschan von der Türkei, was Beobachter einen weiteren armenischen Genozid befürchten lässt. Russland könnte sich als Verteidiger der orthodoxen Christen auf die Seite Armeniens stellen, was sich durchaus zu einem Stellvertreterkrieg ausweiten könnte. Zwischen der Türkei und Russland eröffnen sich jedenfalls immer mehr Brennpunkte, um die Hegemonie am Kaukasus und im Nahen Osten.

Die EU hat auch nichts aus dem Ausscheiden der Briten gelernt. Der Weg Großbritanniens ist nach dem Brexit ungewiss, es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass sich auch Großbritannien neue Bündnisse sucht. Eventuell gibt es eine Orientierung an die Commonwealth-Staaten, die ja immer noch sehr eng über das britische Königshaus mit Großbritannien verbunden sind. Auch eine noch stärkere Bindung an die historisch eng verbundene USA zeichnet sich ab, was sich sehr gut in den US-amerikanischen Atlantik-Rückzug einfügen würde. Großbritannien zeigt aber auch eine Fragmentierung. Nicht nur in Afrika entstehen, etwa mit dem Südsudan oder in Asien mit Osttimor, neue Länder auf der Landkarte, sondern auch in Europa. Die Unabhängigkeitsbewegung der Schotten hat durch das Brexit-Referendum neue Fahrt aufgenommen. Daneben gibt es mit den Katalanen ein Volk, welches nach nationaler Souveränität strebt, ebenso wie die Basken und andere. Künftige Grenzverschiebungen sind auch hierzulande nicht auszuschließen. Die Südtiroler etwa kämpfen auch nach 100 Jahren Fremdherrschaft Italiens noch für eine Rückkehr zum Vaterland Österreich.

Ansprüche manifestieren sich aber auch in menschenleeren Gegenden unserer Erde. Etwa in der Arktis gibt es sich mehrfach überlappende Ansprüche unterschiedlichster Nationen aus strategischer Hinsicht sowie vermuteter und bereits nachgewiesener Bodenschätze nebst Erdöl- und Erdgasvorkommen. Beispielsweise Dänemark erhebt dort Ansprüche über Grönland, die seine Staatsgröße um ein Vielfaches übersteigen. Wirtschaftliche Interessen sind nicht selten Triebkraft für Konflikte. Es ist wohl zu erwarten, dass diese zunehmen werden. Namhafte Ökonomen sagen vor dem Hintergrund der weltweiten Corona-Krise eine Weltwirtschaftskrise in den Ausmaßen der 1920er-Jahre voraus. Sollte dies eintreffen – einiges spricht dafür –, werden die Entwicklungen zur globalen Neuordnung beschleunigt. Vor allem die Stabilität vieler Nationen, vor allem jener, die auf ethnische und kulturelle Heterogenität gesetzt haben, werden mit der inneren Sicherheit und nicht zuletzt mit der Existenz ihres Gemein- und Staatswesens zu kämpfen haben.

Maßgeblich für die weitere Entwicklung wird entsprechend das Lösen der demographischen Frage sein. Ausnahmslos alle westlichen Industrienationen stehen vor großen Herausforderungen. Den niedrigen Geburtenraten der autochthonen Bevölkerung steht eine zumeist unkontrollierte Masseneinwanderung gegenüber, was nicht nur den sozialen Frieden gefährdet, sondern auch das Schwinden der nationalen Identitäten zur Folge hat. Anstatt auf eine vernünftige Familienpolitik zu setzen, wird oftmals die Zukunft verspielt. Es darf auch angedacht werden, ob nicht auch vor dem Hintergrund der Überbevölkerung auch ein Gesundschrumpfen eine Möglichkeit wäre. In der durchgetakteten globalisierten Welt gilt aber Schrumpfen als Schwäche. Wird die Überbevölkerung jedoch nicht in den Griff bekommen, verstärkt sich der Kampf um Ressourcen, Lebensmittel und vor allem Trinkwasser, was wiederum eng mit der Umweltfrage verknüpft ist, wobei die einfache Formel „Umweltschutz ist Heimatschutz“ richtungsweisend sein würde.

Weiße Völker schrumpfen seit 60 Jahren

China hat womöglich mit seiner unsäglichen Ein-Kind-Politik einen großen Fehler begangen und seine Position langfristig geschwächt. Ab einem gewissen Punkt wird nämlich Quantität zu Qualität, was das Reich der Mitte gerade eindrucksvoll beweist. Global gesehen muss festgestellt werden, dass die weißen Völker seit 60 Jahren schrumpfen. Peter Scholl-Latour nannte das in seiner zu lobenden Betrachtung „Das Ende der weißen Weltherrschaft“. Auch Thilo Sarrazin zeigt vor allem in seinem neuen Buch „Der Staat an seinen Grenzen“ eindrucksvoll den globalen demographischen Wandel zu Afrikas Gunsten. Der afrikanische Kontinent explodiert regelrecht. Vor allem Nigeria ist trotz Terror, Hungersnöten und Seuchen am besten Weg, China und Indien demographisch einzuholen. Auch diese Entwicklung wird das politische Weltgefüge stark beeinflussen. Und wer über Demographie redet, muss auch auf den Wettkampf um die klügsten Köpfe eingehen. Die USA und China, aber auch Kanada, zeigen es vor. Eine selektive und kontrollierte Einwanderung, die der betreffenden Nation etwas bringt, wird forciert. Es geht darum, Facharbeiter und Genies zu gewinnen. Dabei wird keine Rücksicht auf das Herkunftsland genommen, welches diese Menschen brauchen könnte. Im Fachjargon wird das als „Brain-drain“ bezeichnet und ist ein knallharter, globaler Wettbewerb, den die meisten Länder verschlafen. Hierzulande kann man sogar beobachten, dass schlecht Ausgebildete, oftmals sogar Analphabeten, zuwandern und auf der anderen Seite topausgebildete Fachleute und Akademiker abwandern. Eine echte Katastrophe mit ernsthaften Langzeitfolgen für das betroffene Land.

Bipolare Weltordnung gehört der Vergangenheit an

Dieser kurze Abriss von Konflikten und globalen Entwicklungen zeigt uns, dass die Welt unsicherer geworden ist und sich in stetem Wandel befindet. Auf allen Ebenen der politischen Karte finden sich kleinere und größere Konfliktherde, die sich je nach globaler Lage ohne Ordnungsmacht entzünden könnten. Experten für globale Entwicklungen sagen uns schon länger unsichere Zeiten voraus, je mehr sich die nicht selten verhasste Weltpolizei USA zurückzieht. Eine bipolare Weltordnung und die Weltstunde der Supermacht USA haben relative Sicherheit versprochen. Das gehört jedoch der Vergangenheit an. Wir beobachten überall, dass versucht wird, das Machtvakuum zu füllen. Hier und da kristallisieren sich regionale Vormächte heraus. Es ist jedoch zu vermuten, dass sich keine Weltmacht, wie dies lange Zeit das britische Empire war und kurz die USA, herauskristallisieren wird. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass sich mehrere Großmächte etablieren werden, die um die Hegemonie rittern. Das macht das globale Gefüge insofern unsicherer, da, sobald es mehr als zwei Mächte gibt, sich immer zwei gegen einen Dritten verbünden könnten.

Lange Zeit galten die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) als gesetzte Mächte der Zukunft. Zumindest Südafrika hat sich selbst aus dem Spiel genommen. Auffallend ist, dass kein Mitgliedstaat der Europäischen Union eine ernsthafte Rolle spielt, auch nicht die EU als Gesamtes. Das zeigt, dass die Zeichen der Zeit nicht erkannt werden. Zumindest wird nicht danach gehandelt. Bündnisse und globale Organisationen entpuppen sich immer mehr als kurzlebige und machtlose Gebilde.

Resilienter sind die Nationalstaaten, und genau diese sind auch die Protagonisten der politischen Weltbühne. Wer nicht zum Spielball werden will, muss diese Wahrheit anerkennen und danach handeln. Wer den Grundstein aber noch nicht gelegt hat, wird vermutlich zu spät kommen und zum Zuschauen vom Spielfeldrand verdammt sein. Die meisten europäischen Länder sind aber damit beschäftigt, an den Folgen selbstverschuldeter Probleme zu kauen: An wirtschafts- und energietechnischen Probleme aufgrund einer hysterischen Klimapolitik, Problemen des inneren Friedens durch völlig unkontrollierte Zuwanderung, Aushöhlung der nationalen Souveränität und an der drohenden EU-Schuldenunion – und nicht zuletzt an mangelndem Selbstwertgefühl aufgrund linker Fantastereien.

Relativer Wohlstand und Frieden ließen viele Industrieländer faul werden

Gerade die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Länder im Ernstfall doch auf sich allein gestellt sind. Aus der Krise müssen jedoch die richtigen Schlüsse gezogen werden. Der Nationalstaat muss sich fragen, ob er seine Bevölkerung ernähren kann, die medizinische Grundversorgung gesichert ist, ob es Notfallpläne im Falle eines Blackout gibt, oder ob die Hackerabwehr ausreichend ist, und vieles mehr. Relativer Wohlstand und Frieden haben viele Industrieländer faul werden lassen. Man hat sich auf den Lorbeeren der Altvorderen ausgeruht und mehr schlecht als recht verwaltet. Es drängt sich an dieser Stelle die alte Weisheit auf: „Harte Zeiten bringen starke Männer hervor. Starke Männer bringen gute Zeiten hervor. Gute Zeiten bringen schwache Männer hervor. Schwache Männer bringen harte Zeiten hervor.“ Vielleicht wird dieser Kreislauf ja eines Tages durchbrochen. Wie die Zukunft aussehen wird, vermag keiner zu sagen. Gewiss ist jedoch, dass alles endlich ist und ständig im Wandel. Sollten wir tatsächlich auf eine multipolare Weltordnung zusteuern, wird diese nicht nur beängstigend sein, sondern auch viele Chancen bieten. Es kommt also auf uns an, was wir daraus machen.

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Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. November 2020

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