Politisch korrekte Musterschüler


Subjektivismus und Willkürlichkeit werden zur erklärten Methode des Neomarxismus

Von Wolfgang Caspart

Jürgen Habermas postuliert in „Erkenntnis und Interesse“[1], dass es keine „objektive Erkenntnis“ gibt, sondern dass das jeweilige theoretische und praktische Erkenntnisinteresse den Aspekt bestimmt, unter dem die Wirklichkeit objektiviert und Forschung und Organisation zugänglich gemacht werden (eine bereits altmarxistische und nur wiederholte Ansicht). Damit entzieht der Nachfolger Horkheimers und Adornos am Frankfurter neomarxistischen Institut alle Ansichten jeglicher wissenschaftlichen Überprüfung, auch die seiner eigenen „Kritischen Theorie“. Es gibt demnach nur interessengeleitete Auffassungen und Erkenntnisse, aber keine Neutralität oder wissenschaftliche „Objektivität“. Subjektivismus und Willkürlichkeit werden zur erklärten Methode des Neomarxismus.

Die Opfer

Mit der kulturbolschewistischen ,,68er-Bewegung“ kommt auch ihre heute wichtigste Waffe, die ,,political correctness“ (kurz pc oder PC genannt), aus den USA. Ihr Hebel ist eine neue ,,Moralphilosophie“, das Bewusstsein mitleidender Betroffenheit. Aus ihr entwickelt sie sogar eine eigene Linguistik, das ,,politisch korrekte“ Neusprech Orwell’schen Zuschnitts. Die ,,politische Korrektheit“ oder PC ist zum Synonym für das ,,richtige Bewusstsein“ geworden, natürlich für das marxistische. Politisch korrekt waren zunächst am amerikanischen Campus die Forderungen einiger militanter Minderheiten, die um ein Ende ihrer ,,Diskriminierung“ kämpften. Eine lockere Koalition von Minderheiten verband sich durch ihr Selbstverständnis und Gefühl, Opfer zu sein: Schwarze, Indianer, Hispanics, Homosexuelle, HIV-Positive und Feministen (ungefragt gleich im Namen aller Frauen). Der alte ökonomische Klassenkampf ist tot, es lebe der neue ethnisch-kulturelle!

Die ,,Opfergruppen“ der tatsächlich oder vermeintlich Diffamierten, Diskriminierten, Stigmatisierten, Marginalisierten, Deklassierten, Degradierten, Gekränkten, Ausgegrenzten und Unterdrückten waren aber inhaltlich wie zahlenmäßig beschränkt. Andere Gruppen, die sich subjektiv mit Recht ,,viktimisiert“, zu Opfern gemacht sehen durften, blieben nämlich ausgeschlossen, etwa Juden, Pädophile, Raucher, Creationisten oder Scientologen. Obwohl viel mehr Menschen jedes Jahr an Brustkrebs, Herzinfarkt und anderen Krankheiten als Aids sterben, genießt nur Aids den Vorzugsstatus, „politisch korrekt“ zu sein – vor allem wegen des Aktivismus, den es unter Homosexuellen ausgelöst hat.

Die Täter

Wo es Opfer gibt, muss es natürlich auch Täter gegeben. Gefunden wurden sie im weißen, heterosexuellen, ,,phallokratischen“, patriarchalischen Mann! Nicht nur der lebende, nein vor allem der tote weiße heterosexuelle Mann trägt an allem Schuld: Goethe, Darwin, Tolstoi, Picasso …

Schuld an der als unterdrückend empfundenen europäischen Kulturhegemonie. Wie lautete der Slogan: ,,He he, ho ho, Western culture‘s got to go!“ Zwar weder sonderlich sensibel noch intellektuell, aber unmissverständlich: Destruktion geht allemal vor Konstruktion.[2] Wehleidig wird nur reagiert, wenn man den Spieß umdreht und aus dem Gesagten den Rückschluss zieht, dass die PC von Haus aus kulturfeindlich, stupide und schwachsinnig ist, weswegen das heute politisch Inkorrekte den definitiven Ausweis wahrer Kultur darstellt.

Wieder wohlbekannt altmarxistisch ist es, dass in erster Linie die Gruppenzugehörigkeit die wahre Identität eines Menschen definieren sollte. Bei allem, was einer sagt, schreibt oder tut, verhält er sich pc-konform, wenn und weil er einer ,,Opfergruppe“ angehört, respektive politisch inkorrekt, wenn und weil er Mitglied einer ,,Tätergruppe“ ist. Wer politisch korrekt denkt, fragt nach der Gruppenzugehörigkeit. Stolz bekennt sich der ,,Diskriminierte“ zu seiner stigmatisierten ,,Opfergruppe“, denn sie verschafft ihm seine kollektive Identität. Ob man allerdings mit einer solchen Zuordnung eines ,,Phallokraten“ zur ,,Tätergruppe“ dem Antirassismus und Antifaschismus viel Gutes tut, darf jeder selbst entscheiden.

Klassenstandpunkt und Wissenschaft

Wer den Wahrheitsgrad einer Aussage nach der soziologischen Herkunft ihres Autors beurteilt und nicht vorurteilsfrei an den nackten Tatsachen des Inhalt prüft, mag seiner fixen Idee schmeicheln, erweist sich aber nur als Demagoge und Ignorant. Wissenschaftliche Aussagen sind nicht der Ort der Selbsttherapie persönlicher Traumata und kompensierter Inferioritätskomplexe. Im ,,Klassenstandpunkt“ drückt sich nur eine Form von ,,confirmation bias“[3] oder selektiver Übereinstimmungssuche und ,,illusionärer Korrelation“[4] oder Missachtung falsifizierender Daten aus. Eine parteiliche ,,Wissenschaft“ leistet zur Wahrheitsfindung keinerlei ernsthaften Beitrag, sondern wirkt durch ihre Generalismen nur kontraproduktiv. Es gibt keine weiße oder schwarze, keine männliche oder weibliche, keine elitäre oder egalitäre Wissenschaft, sondern schlicht nur Wissenschaft. Ernsthafte Anliegen wirklich Unterdrückter geraten durch die ,,Protektion“ seitens der PC auf die Dauer noch mehr unter die Räder. Der Neomarxismus stellt bloß eine Abart des Marxismus dar und repräsentiert mit der PC nur eine weitere Variante des gescheiterten ,,wissenschaftlichen“ Sozialismus.

Inquisitorische Sensibilität

Dass man bei dieser Geisteshaltung keine Ansicht äußern oder kein wissenschaftliches Ergebnis veröffentlichen darf, das möglicherweise einer ,,anerkannten Opfergruppe“ missfallen könnte, ist in diesem Inquisitionsklima selbstverständlich. Stets muss damit gerechnet werden, dass sich ein paar anstoßnehmende Aktivisten prophylaktisch im Namen einer ,,Opfergruppe“ verletzt fühlen. Wer nicht laufend bemüht ist, (rassische, ethnische, sexuelle) ,,Sensibilität“ zu praktizieren und ,,Betroffenheit“ zu demonstrieren, endet in einem ,,politisch korrekten“ Autodafé. Wenigstens durch irgend ein ,,Denkopfer“ muss die Harmlosigkeit der eigenen Position demonstriert werden, um nicht eine Art Zwangsnachhilfe und Umerziehung in kulturbolschewistischer ,,Sensibilität“ verpasst zu bekommen. Als ,,unsensibel“ Gebrandmarkte erleben garantiert, dass im Umkreis alle protestieren oder wenigstens betreten wegsehen, um ja nicht noch selbst mit hineingezogen zu werden. Doch normalerweise funktioniert das PC-Programm von selbst, indem ein automatischer Wettbewerb der Aufstiegswilligen wie der um ihre Pfründe Fürchtenden stattfindet und jeder den anderen in vorauseilendem Gehorsam an ,,Sensibilität“ wie ,,Betroffenheit“ zu übertreffen sucht.[5]

Die vielgerühmte marxistische Kritik endet natürlich dort, wo die geheiligten Inhalte der PC selbst kritisiert werden. ,,Konservative“ Inhalte sind zum Abschuss freigegeben, ,,progressive“ selbstredend nicht. Allmählich gewöhnen sich die bürgerlich feigen Rest-„Konservativen“ an den PC-Stil und übernehmen immer weniger nolens und immer mehr volens die neomarxistischen Standpunkte. Zweck der PC-Übung ist es, wirkliche Kritik, nämlich die an den herrschenden Zuständen, zu unterbinden, regieren doch mittlerweile in Gesellschaft wie ,,Wissenschaft“ schon längst die ,,politisch Korrekten“. Nachdem die alten Mächte gestürzt sind, dient die ,,kritische Methode“ allein noch der Niederhaltung allfälliger nichtmarxistischer Restaurationsversuche. Das Verlangen nach Selbstkritik wäre unsensibel! Jede Kritik vermag zu schmerzen, nämlich den Kritisierten, also dürfen nur die politisch Unkorrekten verletzt werden, aber nicht die guten ,,Sensiblen“ und moralinsauer ,,Betroffenen“. Angesichts der grandiosen Leistungen der Marxisten vom GULAG[6] bis zur Ökonomie ist auf ihre zartbesaitete Feinnervigkeit und einseitig wehleidige Betroffenheit gefälligst Rücksicht zu nehmen.

Anmerkungen

[1] Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse. Verlag Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968.

[2] Bezeichnende Einblicke in Claus-M. Wolfschlag (Herausgeber): Bye-bye ’68. Renegaten der Linken, APO-Abweichler und allerlei Querdenker berichten. Leopold Stocker Verlag. Graz 1998.

[3] P. C. Watson: On the failure to eliminate hypotheses in a conceptual task. Quarterly Journal of Experimental Psychology 1960, 12, S. 129–140.

[4] Lauren J. Chapman & J. P. Chapman: Genesis of popular but erroneous psychodiagnostic observations. Journal of Abnormal Psychology 1967, 71, S. 193–204.

[5] Wolfgang Caspart: Der Marxismus. Von der Weltrevolution zur Politischen Korrektheit. Eckartschrift 165. Österreichische Landsmannschaft, Wien 2003 S. 82–84.

[6] I. W. Dobrowolski: Schwarzbuch Gulag. Leopold Stocker Verlag, Graz 2002.

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Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. November 2020

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