Digitale Sklavenhaltung


Von Reinhard Kocznar

Unterwerfung lässt sich bequem per Mausklick erkaufen. Der Unterworfene muss löhnen. Herrschende wollen bezahlt sein. Nichts ist gratis. Die Ahnungslosen unserer Gesellschaft (wortmächtig vertreten durch die polit-mediale Klasse) bezeichnen das als Digitalisierung und halten es für einen Fortschritt. Dazu musste der zum Benutzer herabgestufte Konsument nur noch so weit gebracht werden, eine höhere Versionsnummer für etwas Neues zu halten. Diese Voraussetzung ist inzwischen geschaffen.

Pad und Smartphone sind derzeit noch freiwillig gekaufte Fernsteuerungs- und Überwachungsgeräte. Jeder Schritt wird zeitlich und mit geografischen Daten aufgezeichnet und ausgewertet, natürlich nur, um das „Nutzungserlebnis“ besser zu gestalten. Der Begriff „Erlebnis“ wirkt da besonders lächerlich. Es ist der Sieg der Nekrophilie über das Leben. Der Sieg des Apparats über den Menschen. Alles ist in dem Ding, von einem Kasten kann man nicht mehr sprechen. Alles ist nicht nur überwacht und aufgezeichnet, sondern auch vorgegeben, in engen Kanälen.

In so einem Leben gibt es nichts Neues mehr. Dafür hat man das, was man schon kennt, überall zur Hand. Das wird immer weniger. Denn ständig wird etwas als überholt erkannt, als potenziell gefährlich, als klimaschädlich und so weiter. Es sind nur Reduktionen, denn kein Apparat kann etwas Neues schaffen. Er führt sein Programm aus und nützt sich dabei ab.

Das biblische Goldene Kalb ist heute die Digitalisierung. Schon das neuartig klingende Wort löst bei technisch Ahnungslosen Respekt aus. Zu ihnen gehören alle, die aus geisteswissenschaftlichen Richtungen kommen, vorzugsweise Politiker und Journalisten. Mit dem Schlagwort auf den Lippen sind sie der Zukunft teilhaftig, und Zeitungen scheuen nicht davor zurück, ausführlich über Dinge zu berichten, die „geschehen werden“.

Die Financial Times breitete sich über zwei Seiten hinweg über den selbstfahrenden Lkw aus. Zweifellos wird er auch automatisch be- und entladen. Dass damit ganze Berufsgruppen überflüssig werden, stört angesichts des Fortschrittsglaubens kaum jemanden. Journalisten lieben auch das selbstfahrende Auto. Das kann dann gleich bei einem Schaden online die Meldung erstatten, die digital entgegengenommen und abgehandelt wird. Auch da braucht man niemanden mehr.

Unlust an dieser Arbeitsplatzvernichtung hat nichts mit Maschinenstürmerei zu tun. Hier werden Arbeitsplätze vernichtet, die Wertschöpfung boten. Zugleich wuchern Regelersteller, Überwacher und Gouvernanten.

Die amerikanische Großbank JPMorgan Chase stellte bereits bis 2014 13.000 neue Mitarbeiter ein, um die wuchernde Flut an neuen Verordnungen bewältigen zu können. Natürlich sind die heimischen Radfahr-, Gleichstellungsbeauftragten und andere Regulatoren gegen diese Größenordnung ein Klacks. Immerhin aber baute im Jahr 2017 eine große heimische Bausparkasse ein Viertel ihrer Mitarbeiter ab, weil sie wegen der Digitalisierung nicht mehr benötigt wurden.

Der Kühlschrank bestellt selbst nach, womit alles beim Alten bleibt. Vielleicht macht er Zusatzvorschläge, wie man sie von Amazon gewohnt ist. Da wird einem gleich jede Menge Mist angeboten, der nach Ansicht des Apparats dazu passt. Geliefert soll er am besten mit der Drohne werden.

Bargeld ist bei den Obertanen verpönt. Das automatische Konto reicht, allerdings nur den Ahnungslosen. Von der vollständigen Überwachung abgesehen lässt es sich auch leicht sperren, wozu es keinen sorglosen Umgang mit Geld braucht. Es reicht eine politisch oder sonstwie ungünstige Beurteilung, eventuell ausgelöst durch eine unbedachte Bemerkung, um höhere Stellen aktiv werden zu lassen. Der Ex-Bargeldbesitzer ist dann disabled.

Rauchmelder messen alles, was in der Luft liegt. Das sagt jedenfalls der Geschäftsführer der Rauchmelderfirma, die Google gekauft hat. An der Zusammensetzung der Luft in den Räumen kann man erkennen, wer in der Wohnung ist und was passiert. Die „intelligenten“ Stromzähler ermöglichen, jedes Gerät im Haushalt zu identifizieren. So haben sich nützliche Geräte zu Überwachungsmonstern entwickelt und keiner ahnt das Geringste davon.

Die Tintenpatronen meines Druckers haben einen Chip eingebaut, der aufzeichnet, was gedruckt wurde. Beim ordnungsgemäßen Recyceln in der Herstellerfirma wird er ausgelesen. Das ist übrigens nicht Paranoia, es steht in der Betriebsanleitung. Paranoia ist in meiner (IT)Welt ein gängiger Begriff. Die Application-Firewall „mod_security“, die ich auch verwende, wurde z. B. im Paranoia-Mode getestet, was eine besonders strenge Einstellung ist. Die Abwesenheit von Paranoia kann man hier als Naivität bezeichnen.

Diese Überwachung zieht sich heute überall durch. Man redet nicht darüber. Die Überwachten haben keine Ahnung, und die Überwacher sind es inzwischen so gewohnt, dass sie sich nichts mehr dabei denken. Unter Metternich dienten die Spione noch dazu, das apostolische Kaiserhaus zu schützen, heute wird überwacht und beschnüffelt aus reinem Selbstzweck.

RFID-Chips waren Anfang der 90er noch groß und teuer, man baute sie z. B. in teure Tickets ein, um einen Ausweis nicht aus der Tasche holen zu müssen. Inzwischen sind sie klein, billig und an den Stellen zu finden, wo man das nicht für möglich hält. In Ausweisen verwendet, erstellen sie unbeobachtet Bewegungsprofile ihrer Besitzer, in Bankomatkarten sagen sie denen viel aus, die in der Umgebung die Chips auslesen. Die Lesegeräte sind überall, und vor einigen Jahren lud Amazon zu einer Entwicklerkonferenz ein: Wir verbinden Milliarden (davon) mit der Cloud.

Die Cloud sollte man verstehen. Der Begriff hat sich verselbstständigt. Ursprünglich war „die Wolke“ in einem Netzwerkdiagramm nur das Symbol für das Internet. Inzwischen ist es viel mehr und für Neueinsteiger praktisch alles.

Viele Anbieter haben sich auf Abos verlegt und bieten ihre Software nur mehr online an. Das klingt einerseits gut, weil man immer das Neueste hat. Das braucht man aber nicht, denn das Neue ist meist nur optisch aufgepeppter Kram. Natürlich lernt man jedes Mal die Benutzeroberfläche für ein und dasselbe neu und vergeudet damit Zeit. Schlimmer ist, dass einem nichts mehr gehört, und dass man mit keinem Programm wirklich vertraut wird. Man finanziert seinen Weg zum Dilettanten selbst. Bei einem Fehler, der immer schon passiert ist und weiterhin passieren wird, ist man offline oder ausgesperrt. Vor allem aber ist man unter Kontrolle und besitzlos.

Durch die ständigen Updates können die Anbieter problemlos darin enthaltene Funktionen oder gleich „ältere“ Versionen vollständig sperren, was auch ständig geschieht und eine maßlose Wertvernichtung ist. Man muss nämlich ständig alles neu kaufen und zeitaufwendig neu einrichten, jedenfalls, wenn man mit dem Computer mehr macht als Zeitung zu lesen oder Zeit beim Surfen zu vergeuden. Begründet wird das mit Sicherheitsrisiken, was viele glauben. Natürlich ist das Abo teurer als die Anschaffung eigener Software, die man einmal bezahlt und viele Jahre verwenden kann.

„Darum können gekaufte Inhalte gelöscht werden“, titelte die Kronenzeitung im September 2018. Nutzer hatten überrascht festgestellt, dass „gekaufte“ Filme aus ihrer Bibliothek verschwunden waren. Sie lernten dabei den Unterschied zwischen Lizenzieren und Kaufen kennen. Was sie bezahlt hatten, war nur lizenziert. Sobald einer der Anbieter seine Geschäftsbedingungen ändert, was laufend vorkommt, kann er die entsprechenden Lizenzen löschen, sie wurden auf unbestimmte Zeit gewährt. Sie hatten „unbestimmt“ mit „ewig“ verwechselt. Es wäre in den Bedingungen gestanden, aber die liest niemand.

Was man in die Cloud kopiert, kann auch nie mehr gelöscht werden. Nicht, weil es technisch nicht ginge, sondern weil man es nicht will. Wer sich diesen Anbietern anvertraut, ist auf Dauer von ihnen abhängig und tributpflichtig. Natürlich wird er vollständig ausgespäht, registriert und ausgewertet.

Der Weg in die Digitalisierung ist die Transformation in Yahoos. Yahoo war früher ein sehr bekannter und im Jahr 2017 ein noch halbwegs bekannter IT-Gigant. Dessen letzte Chefin war zu dieser Zeit Marissa Mayer, eine schöne und kluge Frau. Wegen ihrer ansprechenden Optik schaffte sie es auch auf etliche Titelblätter bekannter Hochglanzmagazine.

Als sie nach ein paar Jahren ging, hatte sie bei Yahoo an die 300 Millionen Dollar verdient. Bei ihrem Abschied war nicht nur die Hälfte der Mitarbeiter entlassen, sondern es hatte sich auch der Börsenwert des Unternehmens halbiert.

Apple ist ein Liebling der journalistischen Klasse. Kein Tsunami findet dort mehr Aufmerksamkeit als eine Nachricht über Apple. Manchmal haben sie sogar Substanz. Am 7. Jänner 2019 berichtete das Fachblatt Meedia.de „Money for nothing: Tim Cook verpulvert 135 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe, ohne Apples Wert zu steigern“.

Im Jahr 2018 kauften Unternehmen im großen Stil eigene Aktien zurück. Manche nahmen wegen der niedrigen Zinsen Kredite auf, um die Rückkäufe zu finanzieren. Apple hatte das nicht nötig, man hatte einfach zu viel Geld geparkt, mit dem man nichts anfangen konnte. „Zu viel Geld haben“ ist nicht selten ein Anlass für krasse unternehmerische Fehlentscheidungen.

Ende 2018 kam es ganz schlimm. Die Kunden kauften die neuen IPhones nicht mehr wie gewohnt, Produktionskürzungen und eine Umsatzwarnung folgten, der Aktienkurs stürzte ab. Hatte Apple für den Rückkauf eigener Aktien 182 Dollar bezahlt, lag der Wert Anfang 2019 nur mehr bei 146 Dollar. Interessant ist dazu eine Notiz in der NZZ vom 9. Jänner 2019: „Apple-Chef Tim Cook steigert sein Gehalt kräftig.“

Aus dem Artikel: „Apple-Vorstandschef Tim Cook hat im vergangenen Geschäftsjahr gut ein Fünftel mehr Gehalt bezogen. Der Top-Manager bekam 15,7 Mio. $ (15,1 Mrd. Fr.) und strich damit 22 % mehr Geld ein als im Vorjahr, wie Apple am Dienstag (Ortszeit) mitteilte. Damit steigerte er seine Einnahmen das zweite Jahr in Folge. Grund war vor allem ein 12 Mio. $ schwerer Bonus, der mit dem Erreichen bestimmter Finanzziele verknüpft war.“

Welche Ziele er erreicht hat, bleibt im Bericht offen. Die Schlagzeilen der Artikel darunter lauten „Apple zerschlägt Weihnachtsschmuck“ und „Massive Kursverluste bei Apple-Zulieferern“.

Amüsant ist der Schluss des Artikels: „Apples ‚langfristige Gesundheit‘ und die ‚Produkt-Pipeline‘ seien jedoch nie besser gewesen“, so Cook.

Es erinnert an den Schluss von Napoleons Bulletin, als er in Russland seine gewaltige Armee mit Mann und Maus verloren und sich allein nach Warschau in Sicherheit gebracht hatte: Die Gesundheit Seiner Majestät war nie besser.

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Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. November 2020

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