Klimawandel und Menschenverstand


Überleben zwischen Eiszeiten, Sintfluten und Erderwärmung – Von Gerulf Stix (Genius, 3/2007)

Überall wird über Klimawandel geredet und geschrieben. Das Fernsehen beschert uns sogar schon ganze Programm-Tage über dieses Thema. Weltweit werden Massen-Konzerte zum Klimawandel und ähnliche Veranstaltungen inszeniert. Handlungsbedarf zeichnet sich ab und Orientierungshilfe wird benötigt. Der Handlungsbedarf betrifft in erster Linie Wirtschaft und Politik, berührt aber letztlich alle gesellschaftlichen Bereiche. Zweckmäßiges Handeln setzt allerdings richtige Orientierung voraus, sonst lassen sich keine vernünftigen Ziele setzen. Welche umweltpolitischen Ziele lassen sich außer Streit stellen?

Temperaturschwankungen und Wetterkapriolen sind ja nichts Unbekanntes. Daher wogt seit langem eine Diskussion, ob es sich dabei um an und für sich „normale“ Schwankungen innerhalb bekannter Bandbreiten handelt oder ob sich ein Klimawandel anbahnt. Inzwischen ist die Mehrzahl der Naturwissenschafter der Meinung, dass wir es tatsächlich mit einem Klimawandel zu tun haben. Eine Minderheit zweifelt diesen Befund noch an. Weit mehr Zweifel regt sich hinsichtlich der nahe liegenden Frage nach den Ursachen für den anscheinenden Klimawandel. Hat der Wandel natürliche Ursachen oder löst ihn der Mensch mit seiner modernen Wirtschafts- und Lebensweise aus?

Dieser Meinungsstreit um die Verursachung des Klimawandels tobt nach wie vor. Während viele Leute überzeugt sind, dass unsere hoch technisierte Zivilisation mit ihrer Verbrennung von Milliarden von Tonnen an Kohle, Erdöl und Erdgas die Hauptschuld an dem sich anbahnenden Klimawandel trägt, behaupten andere hartnäckig, dass alle die angeprangerten menschlichen Aktivitäten geradezu unbedeutend seien im Vergleich zu den riesigen Naturkräften, die unser Weltklima gestalten. Die Argumente reichen von Vulkanausbrüchen über Neigungsänderungen der Erdachse bis zur gesteigerten Aktivität von Sonnenflecken auf unserem Zentralgestirn. Angesichts der sachbedingt, meist hochwissenschaftlich zu behandelnden Analysen und Beurteilungen erscheint auch ein gut gebildeter und mit langer Lebens- wie Berufserfahrung ausgestatteter Normalbürger überfordert.

Es gibt in der verwirrenden Fülle an Fakten und Beurteilungen durchaus einige handfeste Tatsachen, die als Bausteine für einen Orientierungsrahmen dienen können. Sie sollen hier kurz beleuchtet werden.

Die wichtigste Tatsache lehrt uns die Erdgeschichte: Klimawandel hat es auch ohne menschliches Einwirken oft gegeben, manchmal auch dramatisch. Aus der jüngeren Epoche sind jedem Schüler die Eiszeiten in ihrer Abfolge geläufig. Auch die Wärmeperiode im (europäischen) Hochmittelalter wie die Kälteperiode im 17. Jahrhundert – um Beispiele zu nennen – sind bekannt. Die moderne Klimaforschung sagt uns, dass unser Klima sich ständig wandelt. Nur die kurze Spanne unseres Lebens vermittelt meist den subjektiven Eindruck eines „normal“ gleich bleibenden Klimas. Schneller oder plötzlich eintretenden Wandel verspüren wir dann doch. In der Generationenfolge hilft uns dabei noch die Überlieferung von Wettererfahrung (z. B. Bauernregeln). Jetzt kommt eine hoch entwickelte Wissenschaft hinzu, die uns dank Satellitentechnik erst so richtig die Augen für die globalen Klimazusammenhänge und -entwicklungen öffnet. Aus alledem lässt sich eine erste handfeste Schlussfolgerung ziehen: Klimawandel ist seit jeher unser Schicksal, wir müssen damit leben. Seit es Menschen auf dieser Erde gibt, mussten sie sich an die jeweiligen klimatischen Bedingungen anpassen. Gesamthaft gesehen, ist das bis heute gelungen, ansonsten gäbe es uns nicht.

Verändert der Mensch das Klima?

Schwieriger ist die Frage zu klären, inwieweit der Mensch selbst Klimaänderungen verursacht. Trotz der heftigen Meinungsverschiedenheiten lassen sich aber auch hier ein paar gesicherte Fakten ausmachen. Unbestritten ist, dass der Mensch das Mikro-Klima verändern kann. Die Luft- und Temperaturverhältnisse bei Großstädten zeigen das. Nun lebt aber heute bereits rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Im Jahr 2000 gab es 41 Städte mit jeweils mehr als 5 Millionen Einwohnern; darunter Mega-Städte mit über 10 Millionen Einwohnern. Allein diese weltweite Verstädterung kann zumindest regional nicht ohne Auswirkungen auf das Klima bleiben.

Nimmt man hinzu, dass weltweit riesige Waldgebiete zu Gunsten landwirtschaftlicher oder anderer Nutzung abgeholzt wurden (und werden), so resultieren auch daraus Klimabeeinflussungen. Der mengenmäßig größte Eingriff ist zweifellos die technische Verbrennung von Milliarden Tonnen Kohle, Erdöl und Erdgas. In den rund 300 Jahren moderner Industrialisierung wurden hier gigantische Naturvorkommen physikalisch-chemisch freigesetzt, die Millionen von Jahren in der Erde gebunden waren. Da mag wohl mit guten Gründen darüber gestritten werden, auf welche Weise und in welchem Ausmaß diese schnelle und massenhafte Freisetzung bzw. Umwandlung einen Klimawandel herbeiführt. Doch kann die Grundtatsache außer Streit gestellt werden, dass so oder so irgendeine Beeinflussung des Klimageschehens stattfindet. Vermutlich geht es – wissenschaftlich gesehen – wirklich zu weit, den modern wirtschaftenden Menschen schlechthin als den Verursacher des sich anbahnenden Klimawandels anzusehen, aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit trifft es zu, dass unsere Zivilisation zu einem spürbaren Faktor im Klimageschehen geworden ist. Wir müssen uns also darum kümmern und darauf kommt es an.

Die Energiewirtschaft muss sich umstellen

Egal ob es um einen natürlich verursachten oder einen sowohl natürlichen wie auch vom Menschen mit verursachten Klimawandel geht, wir müssen uns darauf einstellen und dementsprechend handeln. Richtige Handlungen zu setzen, fällt schwer, solange niemand genau wissen und sagen kann, in welche Richtung sich das Klima tatsächlich entwickeln wird. Derzeit deuten alle Anzeichen auf eine globale Erwärmung hin. Wenn dem so ist, dann ist es logisch, mit gegensteuernden Handlungen dort zu beginnen, wo mit hoher Wahrscheinlichkeit der Faktor Mensch (Zivilisation) als Mitverursacher geortet wird. Damit sind wir bei der CO2-Problematik angelangt. Der Expertenbericht der UNO sieht den Treibhauseffekt dieses Gases aus fossiler Verbrennung als erwiesen an. Viele Wissenschafter pflichten dem bei, andere behaupten, dies sei eine Fehldiagnose. Dahinter stehen selbstredend auch ganz massive Interessenskonflikte. Wer an fossilen Brennstoffen verdient bzw. sie einfach braucht, ist skeptisch. Wer Alternativen bieten kann, unterstützt das Bemühen um eine Senkung der Treibhausgase. Leider wittern auch die Ausrüster von Atomkraftwerken hier ihre Chance, wobei sie der peinlichen Erörterung der Langzeitfolgen radioaktiver Verstrahlung ausweichen. Stürmische Befürworter sind die Verfechter einer Umstellung auf erneuerbare Energien (Wasser, Wind, Sonne, Biomasse). Ihnen kommt nun ein gänzlich anderer Umstand als die Klimaänderung argumentativ zu Hilfe.

Die tatsächlich absehbare Erschöpfung der fossilen Brennstoffe bei ungebremster Nutzung zwingt eben aus diesem Grund zum Umstieg auf erneuerbare Energien. Dabei ist es zweitrangig, ob die (und welche) fossilen Energierohstoffe in 50, 100 oder erst 200 Jahren weitgehend erschöpft sein werden. Vorrangig gebietet die Vernunft, mit der notwendigen Umstellung sofort zu beginnen, denn für die großräumige Ersetzung alter Systeme durch erst wachsende neue braucht es sowieso 50 bis 100 Jahre. Somit ist es schlicht ein Gebot der Vernunft, sowohl aus Gründen einer vermutlich wünschenswerten Reduzierung der Treibhausgase als auch der absehbaren Erschöpfung der fossilen Rohstoffe, deren Nutzung für Energiezwecke zurückzufahren. Eine darauf ausgerichtete Politik ist also richtig! Nur möge beachtet werden, dass mit diesem „Kampf gegen die Treibhausgase“ noch lange nicht ausgemacht ist, dass wir dadurch einen wirklich stattfindenden, größeren Klimawandel verhindern können. Ein solcher kann ja auch von anderen und vielleicht stärkeren Faktoren, die wir noch nicht richtig sehen oder beurteilen, bestimmt werden.

Langfristige Überlebensstrategien

Trotz vernünftiger Gegenstrategien bleibt die Möglichkeit eines großen Klimawandels als ein die menschlichen Kräfte übersteigendes Ereignis auf der Tagesordnung. Tritt es ein, so hilft nur das uralte Rezept: Sich anpassen, so gut es irgend geht. Das kann gewaltige Veränderungen erzwingen. Erinnern wir uns, dass z. B. die Verschlechterung des Klimas in Nordeuropa in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die Völkerwanderung germanischer Stämme (Goten, Vandalen) ausgelöst hat. Auch eine kommende Klimaänderung kann neue Völkerwanderungen zur Folge haben. Steigt etwa der Meeresspiegel infolge der Erwärmung des Wassers und des Wegschmelzens des arktischen Eises, so werden viele heute dicht besiedelte Küstengebiete geräumt werden müssen. Wie sich dies politisch und wirtschaftlich auswirken würde, vermag man sich heute überhaupt nicht auszumalen. Dennoch kann ein solches Szenario eintreten. Umgekehrt wäre beispielsweise vorstellbar, dass riesige unbewohnbare Teile Sibiriens infolge der gleichen Klimaänderung auf einmal für Dauerbesiedelung tauglich werden. Neue Bevölkerungsschwerpunkte und Machtstrukturen würden auch die politischen Verhältnisse in der Welt ändern. Die Politik ist in jedem Fall herausgefordert.

Angesichts solcher Dimensionen eines möglicher Weise starken Klimawandels wird klar, dass es dann nur mehr darauf ankommt, dass sich der Mensch unter Aufbietung all seines Wissens und Könnens den neuen Naturverhältnissen im Sinne einer Überlebensstrategie anpasst. Je früher damit begonnen wird, desto besser. Daher ist es sehr wohl geboten, die Entwicklung genau zu beobachten und relevante Faktoren zu erkennen. Konkrete Warnungen sind ernst zu nehmen. Hingegen ist Panikmache schädlich, weil sie zu hysterischen Reaktionen verführen kann, die falsche oder sinnlose Handlungen zur Folge haben.

Von größter Wichtigkeit ist eine allgemeine innere Bereitschaft, sich auf Veränderungen einzustellen, verbunden mit dem Willen zu konstruktiver Anpassung an neue Lebensbedingungen. Eine bloß konservative Haltung wäre ein Hemmschuh. Menschlich ist es zwar verständlich, dass man an Gewohntem, vielleicht sogar Liebgewordenem solange wie möglich festhalten will. In dieser Hinsicht steckt in jedem von uns ein Stück konservativen Verhaltens – beim einen mehr, beim anderen weniger. Aber auch das Streben nach Wandel, nach Veränderung zum Besseren hin, was immer damit gemeint sein mag, steckt in uns. Daraus erwächst auch die Fähigkeit, sich ganz neuen Herausforderungen zu stellen. Von solcher Entschlossenheit erfüllt, wird der Mensch erfinderisch, tatkräftig und mutig. Der Rückblick auf die schon vielen Zehntausende von Jahren der Menschheitsgeschichte gibt uns die Gewissheit, dass solche Fähigkeiten stets vorhanden waren. Halbwegs genau kennen wir freilich nur die letzten 3–5.000 Jahre, aber wir wissen, dass schon im Dunkel der Vorzeit gewaltige Klimaänderungen wie Eiszeiten oder Wüstenbildungen oder Sintfluten bewältigt wurden. Mit unserem heutigen Wissen und Können sollte das sogar noch besser gelingen – ohne dass jetzt schon gesagt werden könnte wie. Auf den Geist kommt es an! Machen wir also uns und die nachrückenden Generationen fit für ein positives Herangehen an die Probleme einer sich vielleicht sogar dramatisch verändernden Welt.

Bearbeitungsstand: Freitag, 4. Jänner 2013
 
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