An den Beispielen Innsbruck und Graz: So rasch vollzieht sich der Wandel


Auf den ersten Blick verdeckt das Zuwanderungsplus die niedrige Fertilitätsrate

Von Harald Saggener

Seit Jahren steigt die Zahl der Einwohner in Österreich. Dieser unbestrittene und oft als positiv dargestellte statistische Trend wird sich allen Prognosen zufolge weiter fortsetzen. Selten stoßen allerdings die gravierenden Verschiebungen innerhalb dieser Statistik auf öffentliches Interesse. Vielleicht steckt hinter dieser politischen und medialen „Diskretion“ sogar Absicht. In einer Studie auf der Grundlage aktueller Zahlen erarbeitete der Innsbrucker Raumplaner Prof. Arch. DI Siegfried Zenz „Fakten und Diskussionsbeiträge zum Tabuthema Migration“. Mit dem von ihm erklärten Ziel, eine dringend erforderliche, breite Diskussion zum Thema Migration im Zusammenhang mit der Stadtentwicklung anzustoßen.

Migration als demografischer Faktor

Der maßgebliche Treiber für das Bevölkerungswachstum ist längst nicht mehr ein Geburtenüberschuss, also ein positiver Saldo zwischen Geborenen und Verstorbenen, sondern ein konstantes Wanderungsplus, also ein Überwiegen der Zuwanderung im Vergleich zur Abwanderung.

Auf den ersten Blick verdeckt dieses Zuwanderungsplus die besorgniserregend niedrige Fertilitätsrate, die seit Jahren deutlich unter dem Niveau von 2,1 Kindern pro Frau liegt (und dieses wäre nötig, um die Bevölkerung langfristig stabil zu halten). Die Konsequenzen erweisen sich bereits mittelfristig als dramatisch.

Im Unterschied zum Begriff „Volk“, der ausschließlich die österreichischen Staatsbürger meint, bezieht sich „Bevölkerung“ auf alle im Land lebenden Personen, also auch Ausländer mit Hauptwohnsitz in Österreich. Diese Daten stammen aus dem Zentralen Melderegister (ZMR). Zusätzlicher Faktor ist die Alterung der Gesellschaft, d.h. ein Rückgang der jüngeren (unter 20 Jahren) und ein Zuwachs der älteren (ab 65 Jahren) Bevölkerungsgruppe.

Laut dem offenbar „konservativ“ rechnenden ZMR lag der Anteil der Ausländer (Personen mit nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft und Hauptwohnsitz in Österreich) an der Gesamtbevölkerung Anfang 2020 mit rund 1,5 Mio. Personen bei 16,7 Prozent.[1] Damit erreichte die Ausländerquote einmal mehr einen neuen Höchststand, nachdem sie schon in den Vorjahren kontinuierlich gestiegen war – vor allem infolge des Flüchtlings-Tsunamis 2015. Staatsbürgerschaftsrechtlich ist bekanntlich zu unterscheiden zwischen autochthoner Bevölkerung und jener mit Migrationshintergrund. Zu letzterer zählen Personen, die entweder selbst oder deren beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Laut Research Manager Martin Mohr vom Statistik-Onlineportal „Statista GmbH“ (Hamburg) ist der Ausländeranteil am höchsten in Wien,[2] am niedrigsten im ländlichen Burgenland. In Tirol schlägt sich die Entwicklung insbesondere in der Landeshauptstadt Innsbruck nieder.

Ausländeranteil in nur 9 Jahren fast verdoppelt

In den Ären der eher linkslastigen Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer[3] von der ÖVP-Abspalterliste „Für Innsbruck“ (2010–2018) und des grünen Bürgermeisters Georg Willi (seit 2018) explodierte der Ausländeranteil. Allein zwischen 2011 und 2020 stieg er von 15,9 auf 27,5 Prozent, während er im übrigen Tirol lediglich von 9,7 auf 14,0 Prozent zunahm.[4] Nicht zuletzt aufgrund des migrantenfreundlichen Angebots im Wohn-, Bildungs- und Sozialbereich[5] wurde Innsbruck 2015 zur stärkst wachsenden Landeshauptstadt. Im Vergleich zur Stadt Salzburg verzeichnete Innsbruck zwischen 2013 und 2017 eine prozentual doppelt so hohe Zunahme. Was nicht ohne politische Folgen blieb. Professor Zenz: „Innsbruck wurde zum Spielball einer ideologisch gesteuerten Stadtentwicklungspolitik, die dem Motto ‚enger – höher – dichter – urbaner‘ folgte und einen entfesselten, geförderten und frei finanzierten Wohnbau“ forcierte beziehungsweise „zu einem Wohnbau als Spekulations- und Anlageobjekt führte.“ Zusätzliche unrühmliche Rollen spielten dabei die viel strapazierte „Innsbrucker Wettbewerbskultur“ als Garant für hohe Baudichten und zahlreiche, nicht etwa gewachsene, sondern inszenierte Bürgerbeteiligungsaktionen, die selbst der türkischstämmige Anführer der Innsbrucker Liste „Ali“, Mesut Onay, Obmann des gemeinderätlichen Bürgerbeteiligungsausschusses, als Augenauswischerei, Selbstbeweihräucherung“ und „Alibiaktion“ bezeichnet.

Negative Konnotation betreffend Sicherheit und Kriminalität

Der Zuzug von 17.400 Fremden bei gleichzeitiger Abwanderung von 4.300 Einheimischen allein im Zeitraum zwischen 2011 bis 2020 blieb nicht ohne tiefgreifende soziale, wirtschaftliche und kulturelle Folgen, zumal Immigration beim Durchschnittsbürger im Zusammenhang mit Sicherheit, Kriminalität, Sucht und Obdachlosigkeit häufig negativ konnotiert wird. 2018 war Innsbruck die einzige Landeshauptstadt Österreichs mit einem Rückgang von Hauptwohnsitzlern (383 Personen). 2019 gesellte sich zur diesbezüglich weiter schrumpfenden Tiroler Landeshauptstadt auch noch die Ländle-Metropole Bregenz.

Geringer Einfluss der Studenten auf die Entwicklung in Innsbruck

Die Zahl der ordentlichen Hörer in Innsbruck (alle Fakultäten zusammen) stieg zwar zwischen 2004/2005 und 2018/19 von 24.033 auf 34.395, doch scheint diese Zunahme auf die Einwohnerzahl der Landeshauptstadt eine relativ geringe Rolle zu spielen. Im Gegenteil: Betrug der Anteil der Studierenden am Bevölkerungswachstum in Innsbruck in der ersten Dekade dieses Jahrtausends noch 84 Prozent, brach er in der zweiten Dekade auf nur noch 15 Prozent ein. Das könnte auf den ersten Blick auch als Bedeutungsverlust Innsbrucks als Universitätsstadt interpretiert werden. Das Studentenportal LFU gibt den Ausländeranteil (Lehrende und Studierende) mit 40 Prozent an, das Management Center Innsbruck (MCI) mit rund 53 Prozent. Allein bei diesen beiden Hochschulen ergeben sich so mit den Studierendenzahlen von 2018/19 rund 12.300 Studiosi aus dem Ausland (die Löwenanteile dürften auf Deutschland und Südtirol entfallen), von denen schätzungsweise 70 Prozent in Innsbruck wohnen.

Innsbruck als Schlusslicht im Zukunftsranking

Im bundesweiten Zukunftsranking, einer Städtebewertung nach den Kriterien Demographie, Arbeitsmarkt, Wirtschaft, Innovation und Lebensqualität[6] lag Innsbruck 2019 weit abgeschlagen an 52. und 2020 noch immer weit hinten an 47. Stelle. Top-Ränge in dieser „Wohnqualitäts-Hitparade“ besetzen aktuell u. a. Krems, Lienz, Salzburg, Kufstein, Wels, Graz, Klagenfurt, Zwettl, Villach, Deutschlandsberg, Wiener Neustadt, Weiz und Feldkirch.

Rund um das Goldene Dachl (Altstadt) explodierte der Migrantenanteil zwischen 2011 und 2020 von 27,7 auf 45,6 Prozent. Rund um das 1138 von Bischof Reginbert von Brixen gegründete Stift Wilten stieg der Migrantenanteil von 21,9 auf 37,3 Prozent. Von Ausländerzuzug relativ verschont blieben „bessere“ Stadtteile wie Mühlau, Igls und Hötting (wo übrigens der grüne Bürgermeister Georg Willi wohnt, der somit vom demographischen Wandel in „seiner“ Stadt persönlich kaum betroffen ist).

Dramatisch sieht es in einzelnen neu „groß-erschlossenen“ Siedlungsräumen aus: In den „Klein-Hongkong“ genannten neuen Hochhäusern in der Bienerstraße beträgt der Ausländeranteil 60 Prozent. In den in der 1. Ausbaustufe stehenden Bereichen Campagne/Reichenau ist entsprechend der erwartbaren Bevölkerungsentwicklung künftig mit einem Ausländeranteil von 90 Prozent (!) zu rechnen. Da städteplanerische Studien einen Ausländeranteil von lediglich 20 bis 30 Prozent als „sozial verträglich“ ausweisen, lässt sich ausmalen, welches Konfliktpotenzial sich da und dort bereits zusammengebraut hat und noch zusammenbrauen wird.

Migrantenrekorde bei Syrern, Irakern und Afghanen

Prof. Zenz destillierte auch die Wanderungssalden zwischen 2002 und 2019 nach ausgewählten Staaten bzw. Staatengruppen heraus. Demnach gab es 2015 Migrantenrekorde in vierstelliger Höhe aus dem Ländertrio Syrien-Irak-Afghanistan und jeweils in dreistelliger Höhe aus dem Länderquintett Eritrea, Nigeria, Somalia, Pakistan und Iran sowie aus dem Ländertrio Rumänien-Bulgarien-Kroatien. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Zuwanderungsspitzen aus dem Maghreb (Marokko-Tunesien-Algerien), aus der Türkei und aus Italien bereits stark abgestumpft.

Wie die nahe Innsbrucker Zukunft aus demographischer Sicht aussehen könnte, leitet Zenz aus einer im November 2020 veröffentlichten Studie aus Graz ab, deren Zahlen mit jenen Innsbrucks grob vergleichbar sein dürften: Von den rund 8.500 Schülern, die 2019/2020 in der Murmetropole eine der 38 öffentlichen Schulen besuchten, hat nur noch eine Minderheit von 46 Prozent Deutsch als Muttersprache. In 13 der 38 Schulen liegt der Anteil von Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache bei 70 Prozent, in 11 Schulen sogar bei 85 Prozent. Aus einer parlamentarischen Anfragebeantwortung vom 2.Dezember 2020 geht hervor, dass der Anteil von Schulkindern mit  nichtdeutscher Muttersprache 2020/2021 bereits in 8 der 16 Grazer Stadtbezirke überwiegt.[7]

Von Politik und Medien zum Tabuthema erklärt

Zenz bezweifelt, ob es in absehbarer Zeit zu einer breiten, fairen und offenen Auseinandersetzung mit dem Thema Migration in Innsbruck kommen wird: „Die gewählten Stadtverantwortlichen haben eine Diskussion darüber offenbar zum Tabuthema erklärt.“ Für die Studie, die Zenz der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung stellt, interessierte sich bis Redaktionsschluss keine der politischen Parteien. Und auch keines der tonangebenden lokalen Medien.

Anmerkungen

[1] Die Tiroler Tageszeitung titelte am 6. Jänner 2021, eine nicht näher bezeichnete, offenbar weniger konservativ rechnende „Broschüre des Integrationsfonds“ zitierend, in einer auf Seite 16 versteckten Kurznotiz hingegen bereits: „20 Prozent nicht hier gebürtig“. Vor fünf Jahren seien es erst 17,3 Prozent gewesen. Mit 36,7 Prozent sei der Anteil der „im Ausland Geborenen“ in Wien am höchsten. Wieviele von den „nicht hier Gebürtigen“ darüber hinaus einen mehr oder weniger starken Migrationshintergrund aufweisen, bemühte sich das Blatt offenbar gar nicht erst zu eruieren.

[2] Als Bundeshauptstadt lässt sich Wien mit den hier behandelten (Landeshaupt-)Städten nicht direkt vergleichen; laut Statista betrug der Ausländeranteil 2020 in Wien 30,8 Prozent.

[3] Die 2018 abgewählte Stadtchefin war unter grüner Duldung noch von 2018 bis 2019 Vizebürgermeisterin. Seit 2019 ist sie nur noch (sesselklebende) Stadträtin.

[4] In den 9 Jahren von 2002 bis 2011 hatte die Bevölkerung Innsbrucks um 6.000 Personen zugenommen (davon 4.200 Ausländer).

[5] Die offizielle Stadtpostille „Innsbruck informiert“ jubelte in der Aprilausgabe 2016: „Es ist schön, wenn Innsbruck als Stadt im Herzen Tirols ein Anziehungspunkt für viele Menschen ist, die hier ihren Lebensmittelpunkt ansiedeln möchten (…) Wer nach Innsbruck zieht oder hier wohnt, erwartet sich ein Paket an Infrastruktur vom Wohnen bis hin zum öffentlichen Verkehr oder Bildungs- und Kultureinrichtungen. Unser Ziel ist es, dies alles bestmöglich zu vereinen, damit sich Innsbruck weiterhin im Wettstreit der Städte gut positionieren kann.“

[6] Das https://www.zukunftsranking.at wird regelmäßig von der privaten „Pöchhacker Innovation Consulting“ in Linz erstellt.

[7] In bereits 8 der 16 Grazer Stadtbezirke überwiegt im Schuljahr 2020/21 der Anteil von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache:
1. Gries 94,6 % 2. Lend 92,6 % 3. Eggenberg 76,1 % 4. Jakomini 73,3 % 5. Gösting 70,1 % 6. Puntigam 57,0 % 7. Straßgang 54,5 % 8. Innere Stadt 50,2 %

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Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Jänner 2021

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