Zitaten-Truhe


Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
ich hab’ nichts, was mich freuet,
verlassen steht der Baum im Feld,
hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
und rüttelt an dem Baume.
Da rührt er seinen Wipfel sacht
und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
von Grün und Quellenrauschen,
wo er im neuen Blüten-Kleid
zu Gottes Lob wird rauschen.

  • Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Erster Schnee

Wie nun alles stirbt und endet
und das letzte Lindenblatt
müd sich an die Erde wendet
in die warme Ruhestatt.
So auch unser Tun und Lassen,
was uns zügellos erregt,
unser Lieben unser Hassen
sei ins welke Laub gelegt!

Reiner weißer Schnee, oh schneie,
decke beide Gräber zu,
dass die Seele uns gedeihe
still und kühl in Wintersruh!
Bald kommt jene Frühlingswende,

die allein die Liebe weckt,
wo der Hass umsonst die Hände
dräuend aus dem Grabe streckt.

  • Gottfried Keller (1819–1890)

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
es kracht der Schnee von meinen Tritten,
es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
nur fort, nur immer fortgeschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! Friere mir ins Herz hinein,
tief in das heißbewegte, wilde!
Daß einmal Ruh mag drinnen sein,
wie hier im nächtlichen Gefilde!

  • Nikolaus Lenau (1802–1850)

Alles still

Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur.
Und darüber thront das Schweigen
und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet
und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! Die Dorfeshütten
sind wie Gräber anzusehn,
die, von Schnee bedeckt, inmitten
eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
als mein Herze durch die Nacht –
Heiße Tränen niedertropfen
auf die kalte Winterpracht.

  • Theodor Fontane (1819–1898)

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Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Jänner 2021

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