Die richtige Diagnose


Ruud Koopmans, „Das verfallene Haus des Islam. Die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt.“ Verlag C.H. Beck oHG, München 2020, ISBN 978-3-406-749247, 254 Seiten Text und 34 Seiten Anhang.

Eine Buchbesprechung von Bertram Schurian

Professor Dr. Ruud Koopmans ist Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität in Berlin und Direktor der Abteilung „Migration, Integration, Transnationalisierung” am Wissenschaftszentrum Berlin. Schon aus den Untertiteln seines Buches „Das verfallene Haus des Islam” wird deutlich, worum es Koopmans in seinem Buch geht, nämlich darum, die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt im Islam zu untersuchen. In einem in der Wochenschrift „Junge Freiheit“ veröffentlichten Interview führt Koopmans als ein wichtiges Motiv für sein Buch das Folgende an: „Zudem sind Worte keineswegs immer ‚nur‘ Worte, da die Lösung eines Problems stets mit der richtigen Diagnose beginnt. Das war auch mein Motiv für das Buch, die richtige Diagnose zu stellen und so falsche Diagnosen aus der Welt zu schaffen.”

Am 2. November 2020 ereignete sich in Wien ein Terroranschlag, bei dem vier Personen getötet und weitere 23 teilweise schwer verletzt wurden. Der mutmaßliche Täter, der in Österreich geboren wurde und dessen Eltern aus Nordmazedonien stammen, war Sympathisant der Terrororganisation „Islamischer Staat”. Regelmäßig wird in der hiesigen und internationalen Presse in solchen Fällen berichtet, es handle sich beim Täter um einen einzelnen verwirrten Mann, der unter dem Ruf „Allahu akbar” seine Tat begangen haben soll. Diese Berichtgebung beruht auf falschen Annahmen und Analysen, wie sich dies im Buch zeigt.

Dieser Anschlag reiht sich auch nahtlos in eine Serie islamistischer terroristischer Anschläge ein, die, um nur ein paar zu erwähnen, in Nizza, Hanau, Paris, Berlin, Halle(Saale), Barcelona, Brüssel, Straßburg, London und Stockholm stattfanden und zu erheblichen Erschütterungen in Europa in den vergangenen Jahren beigetragen haben. Die hier angeführten Anschläge können nicht von Einzeltätern begangen worden sein, sondern müssen sich auf ein sympathisierendes Umfeld und eine gut funktionierende Infrastruktur aus diesem Umfeld stützen können. Einer, der dieses Umfeld, nämlich die Muslimbruderschaft in Österreich sowie in anderen europäischen Staaten beobachtet und studiert hat, ist Dr. Lorenzo Vidino, der auch Programmdirektor für Extremismus an der Georg Washington University ist und die grundsätzlichen Aussagen Koopmans bestätigt. Der französische Präsident Macron sprach in letzter Zeit sogar davon, dass Frankreich mit dem radikalen Islam im Kriegszustand verkehre. Und diese Aussage kommt nicht von ungefähr.

In welch geistigem Klima wir heute schon leben, zeigt ein interessanter Artikel von Adi Wimmer, der von 1978 bis 2016 an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt lehrte, in der Kleinen Zeitung vom 1. Dezember 2020. Zuvor hatten der Historiker und Journalist Philipp Blom und Dr. Ebrahim Afsah, Professor für islamisches Recht an der Universität Wien, auf Ö1 die Krise des Islam besprochen. Professor Afsah sprach dabei einige unangenehme Wahrheiten aus:

  • Die Gräuel, verübt am Pariser Lehrer und den drei Kirchgängerinnen in Nizza.
  • Der Islam war schon immer aggressiv.
  • Die Chancen auf Integration der Strenggläubigen stehen schlecht.

Professor Afsah lehrt an der juridischen und geisteswissenschaftlichen Fakultät. Weil seine Auffassungen den Funktionären des IGGÖ[1] missfielen, intervenierten sie beim Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät und verlangten den Entzug der Lehrbefähigung für Islampädagogik und der Dekan gab der Intervention nach und der Beschwerde statt!

Koopmans schreibt im Vorwort, dass sein Buch islamkritisch sei und nicht islamfeindlich. Und weiter meint er, dass jeder, der nicht zwischen Kritik an einer Religion – oder an ihrer derzeit dominierenden Interpretation – und Rassismus unterscheiden kann, dieses Buch beiseite legen sollte.

Dasselbe gelte für diejenigen, die meinen, dass der desolate Zustand der islamischen Welt auf unveränderliche Merkmale des Islam zurückzuführen sei. Es gibt, wie bei anderen Religionen auch, viele Auslegungsmöglichkeiten, und eine davon ist, dass alles, was darin steht, wörtlich genommen werden sollte und heute genauso anwendbar ist wie vor fast anderthalb Jahrtausenden. Er meint, dass die öffentliche Debatte inzwischen so polarisiert ist, dass er einen erheblichen Teil seiner potentiellen Leserschaft verliert. Er hofft jedoch, dass es zwischen den Extremen genügend Muslime und Nicht-Muslime gibt, die in der öffentlichen Debatte wohl bereit sind, sich kritisch mit den religiösen Ursachen der Missstände in der islamischen Welt auseinanderzusetzen.

Koopmans hat in den letzten Jahrzehnten viele islamische Länder vom Senegal bis Indonesien besucht und feststellen müssen, dass sich dort seit den 1970er-Jahren viel verändert hat, das meiste davon nicht zum Besseren. Kulturell gesehen waren Städte wie Istanbul, Kairo und Karatschi vor vierzig Jahren fortschrittlicher, toleranter und weltoffener als heute. Eines der stärksten Motive für dieses Buch ist das große Desinteresse an der oft auch geleugneten erschütternden Unterdrückung von religiösen Minderheiten, Glaubensabtrünnigen und Atheisten, Frauen und Homosexuellen in der islamischen Welt. Es bleibt auch erstaunlich still, wenn es um die Solidarität mit den Opfern der islamischen Apartheid geht, die in den meisten islamischen Ländern Frauen im Namen der Scharia zu Bürgern zweiter Klasse degradiert, minderjährige Mädchen in Ehen zwingt, Männern erlaubt, mehrere Frauen zu heiraten und sich per SMS von ihnen scheiden zu lassen, Frauen das Sorgerecht für ihre Kinder nach einer Ehescheidung entzieht und sie in einigen Ländern sogar nach einer Vergewaltigung wegen „außerehelichen Geschlechtsverkehrs” ermorden bzw. inhaftieren lässt. Die islamische Welt lebt zunehmend in einer homogenen kulturellen Wüste, in der nur eine Wahrheit ein Existenzrecht hat. In unseren Ländern wird nicht bzw. kaum demonstriert gegen die Unterdrückung der Frauen, Homosexuellen und religiösen Minderheiten, im Gegenteil, wer dies ausdrücklich thematisiert – wie auch viele Beispiele zeigen – läuft Gefahr, als islamophob, Rassist und oder Nestbeschmutzer an den Pranger gestellt zu werden, oder gar den Job zu verlieren.

In den folgenden Kapiteln (insgesamt sind es sieben) wirft der Autor die folgenden Fragen auf: Warum ist der Islam im Bann des Fundamentalismus? Warum ist die Demokratisierung an der islamischen Welt vorbeigegangen? Wo liegen die religiösen Wurzeln der Unfreiheit im Islam, und die Ursachen der islamischen Religionskriege? Warum stagniert die Wirtschaft in der islamischen Welt? Warum sind muslimische Migranten so schwierig zu integrieren? Und zum Schluss wird auch die alles bewegende Frage gestellt: Kann sich der Islam vom Fundamentalismus befreien?

Solange in Europa nicht die richtigen Diagnosen gestellt werden bzw. den Tatsachen nicht ins Auge gesehen wird, ist die Chance sehr groß, dass in einer bzw. in zwei Generation der Islam die dominierende religiöse und damit politische Kraft in Europa sein wird. Zu dieser Schlussfolgerung führen die Argumente und Tatsachen, die der Autor in seinem Buch zum Ausdruck bringt. Der Leser möge für sich selber beurteilen, ob dem widersprochen werden kann.

Anmerkung

[1] IGGÖ, Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich, Körperschaft öffentlichen Rechts, Anerkannte Religionsgesellschaft.

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Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Jänner 2021

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