Klima, Wetter, Wirtschaft und Wandel


Von Gerulf Stix

Das Wort vom Klimawandel ist in aller Munde. Leider verstehen unter diesem Wort nicht alle dasselbe. Mancher verwechselt das Klima mit den immer wieder vorkommenden Wetterkapriolen. Klima und Wetter werden oft zu Synonymen. Andere wieder starren auf die gegenwärtige Temperaturerhöhung und suchen nach einer Ursache dafür. Sie finden sie im langsam steigenden CO2-Gehalt der Luft und wollen den dadurch möglicherweise ausgelösten Temperaturanstieg auf bis zu 4 Grad auf nur 2 Grad Celsius in diesem Jahrhundert begrenzen. Ob die Analyse nun stimmt oder nicht, ob das Vorhaben machbar ist oder nicht, darüber wird gestritten.

Dieser Artikel ist in dem Wissen geschrieben, dass dieser Streit durch keine noch so gute Expertise entschieden werden kann. Die Fachwissenschafter selbst liegen sich in den Haaren. Und gesamt gesehen ist das Thema des Klimawandels viel zu komplex, um auch nur einen Experten zu finden, der für sämtliche der berührten Fragen wenigstens einigermaßen kompetent wäre. So bleibt nur der bescheidene Versuch übrig, einen groben Überblick zu geben. Selbst dieser versuchte Überblick wird mehr Fragen offen lassen als beantworten. Eines freilich kann dennoch gelingen, nämlich wichtige Denkanstöße zu liefern. Das ist beabsichtigt. Außerdem ist es wichtig, über wirtschaftspolitische Fragen zu befinden, denn die müssen entschieden werden.

Trotz der Unlösbarkeit des gesamten Themas handelt es sich um ein lebenswichtiges, genauer gesagt: um ein überlebenswichtiges Thema. Die Menschheit hat den Planeten Erde in den letzten Jahrhunderten derart gesamthaft in ihren Betrieb genommen, dass sie in der kommenden Zeit womöglich den Ast absägt, auf dem sie sitzt. Man kann geteilter Meinung darüber sein, bei welcher Jahreszahl man die moderne Industrialisierung beginnen lässt.

Wichtiger erscheint die mit der modernen Wissenschaftsexplosion zusammenhängende Tatsache der Bevölkerungsexplosion.

Demographie

Erst im 19. Jahrhundert erreichte die Gesamtbevölkerung der Erde die erste Milliarde. Schon heute stehen wir bei knapp 8 Milliarden Menschen – und 10 Milliarden sind angepeilt.

Angesichts dieser Milliarden von Menschen binnen kurzer Zeit vergleiche man den Umstand, dass die Menschheit während ihrer ganzen bekannten Geschichte, also seit beiläufig 6–8.000 Jahren, bis vor wenigen hundert Jahren nie mehr als 200–500 Millionen Köpfe zählte. Geht man dagegen von der seit vor gut 200 Jahren überschrittenen Milliarde aus und verdreifacht diese in einer – selbstverständlich nur hypothetischen – Milchmädchenrechnung, so würde sich allein durch eine Beschränkung auf rund 3 Milliarden Menschen die menschliche Nutzung und Vermüllung dieses Planeten um vermutlich rund zwei Drittel verringern! Dann hätten wir wahrscheinlich keine Diskussion um menschengemachtes Klima. Diese reine Milchmädchenrechnung zeigt bereits die schier unfassbaren Folgen der Bevölkerungsexplosion bei steigendem Lebensstandard und trotz der Ungleichheit seiner globalen Verteilung auf. Da reden wir noch gar nicht von der eigentlichen modernen Industrialisierung, wie sie seit ungefähr 300 Jahren abläuft – mit einer langen Vorgeschichte. Per Saldo ist es von eminenter Bedeutung, die zahlenmäßige Explosion der Weltbevölkerung in den letzten 200 Jahren zu beachten.

Der Mensch hat die Erde seit vielen Jahrtausenden umgestaltet

Keineswegs hat allein die stattgefundene Industrialisierung die Erde umgestaltet. Spätestens mit seiner Sesshaftwerdung und damit der Landbewirtschaftung hat das der Mensch so gemacht. Man vergleiche dazu das Archeoglobe-Projekt mit der größten Datenbank mit global gesammeltem archäologischem Fachwissen. Nur Stichworte zur Umgestaltung der Erde seien hier genannt: Umfangreiche Waldrodungen, Züchtung von Nutzpflanzen und Ausrottung anderer Pflanzen, Versklavung von Tieren, deren Züchtung und damit Umwandlung zu Haus- und Nutztieren, Anlage von Wegen, Siedlungen, Großstädten usw. So war beispielsweise Europa einstmals von Wald und Sümpfen bedeckt. Die Fläche aller global bestehenden Wälder wurde zu mehr als der Hälfte vom Menschen umgestaltet! Um nur beispielshaft die vielbesungene Almwirtschaft herauszugreifen, sei betont, dass es sich bei ihr um eine ausgesprochene Kulturlandschaft handelt, weit entfernt von der Natürlichkeit einer „unberührten Landschaft“.

Eine schnelle Gegenprobe unterstreicht die Bedeutung der Landwirtschaft: Ohne ausgedehnte und raffinierte Bewirtschaftung der Erde ließe sich die 8 Milliarden Menschen umfassende Weltbevölkerung gar nicht ernähren! Erst diese geschichtliche Sichtweise macht bewusst, wie sehr der Mensch seit Zehntausenden von Jahren diesen Planeten umgewandelt hat.

Aber nicht der Mensch allein hat die „Natur“ umgestaltet. Auch Tiere tun das seit eh und je.

Man denke etwa an die riesigen Heuschreckenschwärme, die binnen Stunden ganze Landstriche kahl fressen. Oder an die Millionen von Huftieren, die dafür sorgen, dass in den Savannen kein Wald aufkommt. Oder an Biber-Kolonien, die ganze Flussläufe verändern. Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen. Doch bleibt unbestritten, dass der Mensch das erfolgreichste „Raubtier“ der Evolution ist und dank seiner Vernunftbegabung wie seiner geschickten Hände am meisten zur Umgestaltung der Erde beigetragen hat. So gab es zum Beispiel Kupfergewinnung im Alpenraum schon in der Jungsteinzeit.[1] Die „moderne Industrie“ ist also zum Teil das Ergebnis einer Jahrtausende lang währenden technologischen Tätigkeit und Wissensansammlung des Menschen, die weit über die „unberührte Natur“ hinausging und diese veränderte.

Das Klima hat sich ständig verändert

Ähnlich vielgestaltig und parallel zur Entwicklung des Homo sapiens spielte sich das Geschehen in der Klimageschichte ab. Überspringen wir ruhig die unvorstellbar langen Zeiträume von der Geburt unseres Planeten aus einem glühenden Feuerball, über das Auftauchen der Urkontinente Gondwana bzw. Pangäa aus dem Urmeer und die Entstehung unserer Kontinente aus der tektonischen Plattenverschiebung, die ja weitergeht (Erdbeben). Dazu kommt die mehrmalige Veränderung der Erdachse. In unserer Gegenwart wandert der magnetische Nordpol immer weiter in Richtung Russland. Jeder Oberschüler lernt die Geologie der Erde in der Schule. Beschäftigen wir uns stattdessen gleich mit den Klimaveränderungen während der evolutionären Herausbildung des heutigen Menschen, also mit den letzten vielleicht 200.000 Jahren, und besonders mit den jüngsten Jahrtausenden unserer geschriebenen Geschichte. Auch während der letzten 1.000 Jahre unserer genau erfassten Geschichte hat sich das Klima ständig gewandelt. Klimawandel gab es immer und gibt es auch in unserer Gegenwart.

Das Klima in den letzten 10.000 Jahren

Obwohl wir ungefähr seit 12.000 Jahren erdgeschichtlich in einer der vielen Warmzeiten leben, gab es zwischenzeitlich so genannte Eiszeiten. Unser vorindustrielles Klima schwankte wegen des regen Vulkanismus – Vulkane speien auch heute immer wieder – und den Schwankungen der Sonneneinstrahlung, die u. a. wegen der ungleichmäßigen Bahn der Erde um die Sonne entstanden und nach wie vor entstehen, aber auch durch wechselnde Aktivitäten auf der Sonne selbst. Erst dank der Sonde Solar Orbiter beginnt die Wissenschaft, die Vorgänge auf der Sonnenoberfläche besser zu verstehen. Möglicherweise war die erste Hälfte des Holozäns – unser Erdzeitalter – kälter als das Industriezeitalter.[2] Demgemäß schrumpfte oder wuchs die Vereisung der Landflächen. Wussten Sie zum Beispiel, dass es zur Zeit des „Ötzi“, des Mannes „aus dem Gletschereis“, der vor ca. 5.500 Jahren lebte, keine Gletscher in den Alpen gab? Alle Gipfel waren eisfrei. Erst danach entstanden (wieder einmal) riesige Gletscher, die heute erst (wiederum) abschmelzen. In der letzten Kaltzeit vor ca. 22.000 Jahren lag der Meeresspiegel beispielsweise um 120 m tiefer als heute. Und zu allen Zeiten mussten sich die Menschen wohl oder übel diesen Veränderungen anpassen.

Ein Wärmeoptimum gab es während der Römerzeit (100 v. Chr.–500 n. Chr.). Nordafrika war dereinst die „Kornkammer Roms“. Auf die Kälteperiode der Völkerwanderungszeit folgte ab ungefähr 800 n. Chr. die mittelalterliche Warmzeit, die bis ins Hochmittelalter mit seiner Blüte anstieg. Dann kam es wieder zu einer Klimawende mit deutlich niedrigeren Temperaturen.

Die „kleine Eiszeit“ vor 500 Jahren und El Niño heute

Die fachwissenschaftlich so genannte „Kleine Eiszeit“ begann im 15. Jh. mit starken Sturmfluten, die den Nord- und Ostseeraum verwüsteten. Damals sanken die Temperaturen auf der nördlichen Erdhalbkugel, etwa bis ins 17. Jahrhundert, und die Durchschnittstemperatur war damals ca. um 1 Grad C kühler als im 20. Jahrhundert. Es gab viele Missernten, Hungersnöte und Versorgungskrisen in ganz Europa. Ganze Handelsrouten verlagerten sich. Politisch als schlimmstes Ereignis jener Zeit wird der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) beurteilt. Als er zu Ende ging, war die deutsche Bevölkerung von vorher ca. 18 Millionen auf ca. 6 Millionen dezimiert. Der parallel zur Politik sich vollziehende Klimawandel hatte natürlich die politischen Verhältnisse massiv beeinflusst. Nach der Kleinen Eiszeit begann eine neuerliche, etwa hundertjährige Warmperiode, die mit Schwankungen bis heute anhält.[3]

Wie das Klimageschehen die Politik bis auf den heutigen Tag beeinflusst, beweist nicht nur die im Gange befindliche öffentliche Debatte über den behaupteten Klimawandel, sondern ganz handfeste Erscheinungen wie El Niño und La Niña. Beide sind periodisch auftretende Strömungsmuster im Pazifik. Ihr Auftreten beeinflusst die Regenmenge (Monsun) in Indonesien und Indien, um nur zwei große Länder herauszugreifen, und bestimmt damit die Ernten dort. In einem Wikipedia-Stichwort dazu ist zu lesen: „Der El Niño von 1997/1998 trug maßgeblich dazu bei, dass 1998 zum bis dahin global wärmsten Jahr seit Beginn der systematischen Temperaturaufzeichnungen wurde. Ein verwandtes Klimaphänomen gibt es im Atlantik in Form der Nordatlantischen Oszillation.“[4] Sind das nun Wetterkapriolen oder Klimavorgänge? Wie denkt der indische Bauer darüber, der verzweifelt vor seinem verdorrten Feld sitzt?

Immer musste und konnte sich der Mensch anpassen

Das weiträumige Klima auf dieser Erde wandelt sich ständig. Und ständig wandelt sich auch unser lokales Wetter, sogar in Zeiten relativ stabiler Klimaverhältnisse. Die tausende Kilometer von uns entfernten Turbulenzen auf den Wetterkarten, die uns vom Fernsehen täglich ins Haus geliefert werden, zeigen das deutlich. Seit seinem geschichtlichen Auftauchen musste sich der Mensch an die wechselnden Klimabedingungen anpassen. Er hat das auch geschafft, weil er von Anfang an die Fähigkeit zur Anpassung an die ihn umgebenden Lebensbedingungen besaß. Stets war die Entwicklung des Menschen ein Wechselspiel zwischen dem vorgefundenen Klima und seinen angeborenen Fähigkeiten, sich zu behaupten. So ist das auch heute.

Ja, die Menschheit hat sich im Laufe der Geschichte derart entwickelt, dass der Mensch in der Jetzt-Zeit in bislang nie dagewesenem Ausmaß selber auf das Klima Einfluss nimmt. Das ist der Grund, warum wir die heutige Tätigkeit des Menschen auch unter dem Blickwinkel ihrer Auswirkung auf das Weltklima betrachten müssen – nolens volens. Aber wir dürfen dabei niemals übersehen, dass die vom Menschen verursachten, die so genannten anthropogenen Klimaveränderungen immer nur ein Teil des unabhängig vom menschlichen Tun sich vollziehenden Wandels im Weltklima sind. Klimawandel findet ohne und mit dem Menschen statt. Leider können wir nie sagen, wo genau die Grenzen zwischen natürlichem und menschengemachtem Klimawandel liegen. Auch darüber wird gestritten.

Die industrielle Revolution seit etwa 300 Jahren

Seit der Verbesserung der Dampfmaschine durch das Patent des James Watt im Jahre 1769 und dem dadurch ausgelösten Boom des Steinkohleverbrauchs beginnt nach offizieller Lehrmeinung das moderne Industriezeitalter; eher eine konventionelle Abgrenzung. Tatsächlich hat die Menschheit in den letzten 300 Jahren buchstäblich den gesamten Planeten Erde in Betrieb genommen, vor allem seit 1950. Erdöl- und Erdgasquellen wurden und werden weltweit brutal ausgebeutet. Von den Tiefen der Meere, über die Lufthülle bis zu den nächsten Gestirnen, von den Strahlen aller Wellenlängen bis zu den größten und kleinsten Dingen – sichtbar gemacht durch Riesenteleskope und Mikro-Optik – macht sich menschliche Gestaltungskraft geltend. Diese Aufzählung bleibt unvermeidlich lückenhaft. Sie müsste die Computer und Roboter bis hin zur Künstlichen Intelligenz aufzählen. Selbst dann blieben noch die Kunststoffe und Kunstfasern ebenso unerwähnt wie das gesamte Verkehrswesen oder der Hochhausbau. In dieser Aufzählung Vollständigkeit zu erreichen, bleibt vergebliche Liebesmüh. Was wir gegenwärtig erleben, ist der denkbar größte Fall von Synergie-Effekten: In sprudelnder Fülle ermöglicht eine Erfindung die nächste und wieder die nächste usw. Eine schier unerschöpfliche Abfolge.

Doch kehren wir zu einer der ersten Überlegungen zurück. Wo sich während einer Jahrzehntausende langen Geschichte wenige hundert Millionen Menschen mühsam durchschlugen, regen sich jetzt viele tausend Millionen in nie dagewesenem Wohlstand, der allerdings sehr ungleich über die Welt „verteilt“ ist. 8 Milliarden Menschen können im „Anthropozän“, das als Benennung für das vom Menschen bestimmte Zeitalter vorgeschlagen wurde, mit ihren massiv gesteigerten technischen Fähigkeiten das dynamische Gleichgewicht der Erde tatsächlich ins Schwanken bringen. Diesem denkmöglichen Phänomen muss unsere Aufmerksamkeit zugewendet werden. Mit einem nur konservativen Blickwinkel ist den auf uns erst zukommenden Problemen, deren Anfang wir miterleben, nicht beizukommen.

CO2 – vom Klima-Killer zum Rohstoff

Im Mittelpunkt der erregten Debatte um einen menschengemachten Klimawandel steht der minimale Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre. Normal beträgt der CO2-Gehalt 0,04 Volumenprozent. Sein Anstieg um 0,01–0,02 % und darüber gilt nach offizieller Lesart als gefährlich, weil die Wärmeabstrahlung der Erdoberfläche zurückgehalten wird. Der durch die moderne Industrialisierung enorm gestiegene Verbrauch an Kohle, Erdöl und Erdgas zusammen mit großflächigen Abholzungen wird als Hauptursache für den CO2-Anstieg angesehen. An und für sich sind diese Analysen grundsätzlich richtig, aber zu einseitig. Der Kohlenstoffkreislauf ist äußerst kompliziert. Ohne näher darauf eingehen zu können, sei auf die Größenordnung der Speicherung von Kohlenstoff verwiesen. Demnach sind 65.000.000 Gigatonnen in verschiedener Form fest auf bzw. unter der Erde gespeichert, dagegen nur 3.000 Gigatonen in der Luft. In den Gewässern ist das wasserlösliche CO2 (ph-Wert) als eine Art Säure gespeichert.[5] Die Massenverhältnisse verschieben sich laufend. Menschliche Aktivitäten spielen hier eine wichtige Rolle, aber deren Ausmaß ist strittig.

Andererseits zeitigen andere Treibgase noch größere Klimaauswirkungen als das CO2. Zum Beispiel gilt das für Methangas, welches durch das Auftauen des Permafrosts auf natürliche Weise freigesetzt wird. Die FCKW-Treibgase wurden im Hinblick auf die Bildung des Ozon-Loches – Ozon schützt uns vor der Weltraumstrahlung – schon vor Jahren verboten.

Der vor allem durch die Medien stark unterstützte Kampf gegen einen CO2-Anstieg erscheint besonders einseitig und allzu vordergründig, wenn man CO2 als möglichen wertvollen Rohstoff in Zukunft betrachtet. Das ist keineswegs so abwegig, wie es auf den ersten Blick anmutet. Sowohl in der Schweiz als auch in Kanada und anderen Ländern gibt es bereits Unternehmen, die mittels größerer Pionier-Anlagen CO2 aus der Luft rückgewinnen. Deren Techniker – darunter ETH-Absolventen – sind zuversichtlich, die Schwelle zur Wirtschaftlichkeit dieser Technologie überschreiten zu können. Insofern klingen die parallel laufenden Bemühungen, CO2 grundsätzlich zu bepreisen, evtl. durch staatliche Abgaben, wie Musik in den Ohren der hoffenden Techniker eines Capture of CO2 from the air. In Zukunft sollte und wird CO2 einen Wert besitzen, später wahrscheinlich sogar einen steigenden Marktwert. Man rechnet mit einem Marktpreis von etwa € 40,– für 1 t CO2 bis zum Jahr 2050.

Auf eine andere Methode, CO2 zu neutralisieren, setzt ein norwegisches Großprojekt. Dieses Verfahren mit der Kurzbezeichnung CCS (Carbon Capture and Storage) will das CO2 gleich bei der Verarbeitung von fossilen Rohstoffen abfangen und unterirdisch binden. Auch dieser Weg ist zwar technisch machbar, ist aber ebenso wie Kohlenstoff aus der Luft von der Wirtschaftlichkeit noch weit entfernt. Daher hoffen die Norweger ebenfalls auf einen entsprechenden Marktpreis für CO2 aus CCS.

Das Gas CO2 lässt sich übrigens leicht in verschiedene andere Stoffe, darunter auch Kraftstoffe, umwandeln. Das sind keine grundsätzlich technische, sondern letzten Endes wirtschaftliche Probleme. An ihrer Lösung wird weltweit fieberhaft gearbeitet. Welche Technologie das Rennen machen wird, bleibt offen.

Wenn CO2 in Zukunft ein gefragter Rohstoff wird, sieht die gegenwärtige Hysterie um den befürchteten Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre und ein dadurch verursachter Klimawandel freilich ziemlich überholt aus.

Elektrischer Strom – meist überschätzt und trotzdem unverzichtbar

Ein gleichfalls im Vordergrund stehendes Thema in der aktuellen Debatte um den Klimawandel ist der elektrische Strom. Strom, wie er kurz genannt wird, soll nicht mehr aus fossilen Quellen, sondern alternativ erzeugt werden. Die EU wie auch die verschiedenen Staaten überbieten sich in ihren Bestrebungen, Strom aus Sonnenkraft (Photovoltaik), Wind und Wasserkraft (Alpen) zu erzeugen, hingegen aus Kohle, Öl und Erdgas auszusteigen. Sie setzten sich dabei ehrgeizige Ziele, wie beispielsweise Österreich, das bis 2030 Strom nur mehr aus erneuerbaren Quellen erzeugen will.

Nun bin ich als erklärter Anhänger der Sonnenenergie seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ganz und gar nicht gegen die „erneuerbaren Energien“ (EE) aus Sonne und Wind.[6] Trotzdem erlaube ich mir auf die Tatsache hinzuweisen, dass elektrischer Strom gerade einmal rund 22 % der insgesamt verbrauchten Energie ausmacht. Mit anderen Worten: Mehr als 75 % aller verbrauchten Energie sind nicht elektrischer Strom! Die meiste Energie wird im Bereich Heizung und Verkehr verbraucht, ein anderer Teil in Industrieprozessen. Allein mit EE wird man die Energieprobleme, insofern sie das menschengemachte Klima beeinflussen, sicherlich nicht lösen können. Daher muss es als Unfug bezeichnet werden, dass in der Diskussion um den Klimawandel die EE übergroß behandelt werden. Sie spielen sehr wohl eine wichtige, aber nicht die entscheidende Rolle.

Probleme der Nachhaltigkeit um E-Auto, Verbrennungsmotor und Wasserstoff

Ein gutes Beispiel, um die Rolle des elektrischen Stroms zu betrachten, ist das Verkehrswesen. Derzeit wird in den einschlägigen Diskussionen der Verbrennungsmotor verteufelt. Diesel und Benzin sind als Kraftstoffe „out“, der Elektromotor und damit das E-Auto „in“. Ohne auf die Einzelheiten des Für und Wider einzugehen, seien nur ein paar derzeit noch unbeantwortete Fragen aufgeworfen: Ist wirtschaftlich überhaupt gesichert, dass die E-Autos in ihrer gesamten Erzeugungskette (Batterien, Seltene Erden usw.) wirklich weniger das Klima belasten als Autos mit Verbrennungsmotor? Könnte nicht der Verbrennungsmotor eine Art Auferstehung feiern, wenn die von ihm verwendeten Kraftstoffe aus einer technischen Wiedergewinnung stammen? Was ist mit Wasserstoff, Brennstoffzelle und Kohlenwasserstoffen aus wieder gewonnenem CO2, das als Rohstoff dient? Wie ist das überhaupt, wenn es gelingt, eine komplette Kreislaufwirtschaft aufzubauen?

Wasserstoff beispielsweise kann auch mittels EE erzeugt werden. Nur die Wirtschaftlichkeit seiner technisch möglichen Gewinnung lässt noch zu wünschen übrig. Im Übrigen lässt sich einmal erzeugter Wasserstoff vielseitig verwenden, auch als Kraftstoff. Im Gasnetz kann er mittransportiert werden. Neben dem Stromnetz bietet das Gasnetz als solches eine parallele Alternative – auch als Speicher. Während Erdgas als fossiler Energieträger abgelehnt wird, bleibt es als rasch einzusetzender Energieträger doch für eine lange Übergangszeit unverzichtbar, obwohl viele Leute schon von einer Wasserstoffwirtschaft träumen.

Für Strom gilt grundsätzlich und für solchen aus EE ihrer Schwankungen wegen besonders, dass er eigentlich eine Dienstleistung darstellt, die im Moment der Erzeugung auch verbraucht werden muss. Jede Speicherung von Strom ist deshalb eine Umwandlung, weswegen die Wirkungsgrade der Umwandlungen über die Wirtschaftlichkeit entscheiden. Wie sich Pumpspeicherwerke, Batterien, Elektrolyse oder andere Verfahren, evtl. in Kombinationen, künftig durchsetzen werden, steht in den Sternen. Die Suche nach möglichen Lösungen ist global an vielen Orten in ein spannendes Stadium eingetreten und bis dato nicht entschieden.

Atomenergie ist keine Alternative

Als eine von CO2-Abgasen völlig freie und zugleich verfügbare Technik wird oft auch eine Stromerzeugung mittels großer Atomkraftwerke (KKW), also durch großtechnische Kernspaltung propagiert. Nachdem sehr, sehr viel Geld aus waffentechnischen Gründen in die Kernspaltung gesteckt wurde, nimmt es nicht wunder, dass die KKW-Industrie die Gelegenheit beim Schopf ergreift, um mit ihrer CO2-freien Abluft zu werben. Dazu ist einiges zu sagen. Gewiss haben alle Physiker und Techniker recht, wenn sie erstens auf die CO2-Absenz und zweitens auf die enorme Ergiebigkeit der Atomenergieerzeugung verweisen. Ihr großes und auf Sicht nicht gelöstes Problem ist aber nicht die Physik der Kernspaltung mit ihrem enormen Potenzial an Energie, sondern deren unvermeidbare Radioaktivität als nicht wegzubringende Nebenwirkung. Nicht die Technik der Kernspaltung ist das Problem, sondern vielmehr sind ihre biologischen und medizinischen Auswirkungen unannehmbar. Je nach Art der Strahlung geht es bei den gefährlichen Zerfallszeiten des strahlenden Materials um Stunden, Tage, Jahre, Jahrhunderte und viele Jahrtausende. Ein Isotop des hochgiftigen Plutoniums besitzt eine Halbwertzeit von über 300.000 Jahren. Bis heute gibt es weltweit kein Endlager für Atommüll! Ein erstes Endlager wird derzeit in Finnland gebaut. Bislang wird leicht wie mittel und stark strahlender Atommüll nur in streng bewachten Zwischenlagern, die da und dort aus allen Nähten platzen, global gelagert bzw. verschoben. Ein Endlager müsste für Jahrtausende sicher sein. Da ist es kein Wunder, dass es bis heute keines gibt.

Weil KKW quasi nebenbei auch Kernbrennstoffe für Atomwaffen produzieren, sind natürlich alle Staaten, die selbst Atomwaffen besitzen oder danach schielen, an KKW interessiert. Umgekehrt ziehen sich Staaten wie die Schweiz und Deutschland, die selbst keine Atomwaffen besitzen, aus der Atomenergie zurück, obwohl sie bereits einige KKW betrieben haben. Allein dieses Verhalten spricht Bände, obgleich der Rückzug aus einmal begangenen Sackgassen ein langer und mühsamer sein wird. Atomstrom ist daher keine ernstzunehmende Alternative. Das gilt trotz der hartnäckigen Bemühungen der Atom-Lobby, insbesondere des französischen Staatspräsidenten Macron. Der Anteil des Atomstroms an der Welt-Stromerzeugung beträgt überdies (je nach Berechnungsweise) nur zwischen 10–13 %, fällt daher nicht wirklich ins Gewicht.

Trotzdem soll und muss die Atomforschung weiter betrieben werden. Nukleartechnik und kleinere Forschungsreaktoren sind daher zu bejahen. Es macht das Wesen jeder Forschung aus, dass sie unerwartete Lösungsmöglichkeiten findet. Auch geht die Erforschung der Kernfusion (Wasserstoff wird zu Helium) weiter, was von der Kernspaltung grundsätzlich zu unterscheiden ist. Aber auch für die Kernspaltung gibt es denkbare Anwendungen, die „nicht von dieser Welt“ sind. So bleiben für die Vorstöße des Menschen in den Weltraum Atomantriebe und Atomstrom brauchbare Optionen. Auf der Erde hingegen ist Atomstrom keine Antwort auf den Klimawandel. Und möge uns das Schicksal eines Atomkrieges erspart bleiben! Dessen verheerende Auswirkungen wären jedenfalls ärger als ein Klimawandel.

Kreislaufwirtschaft aufzubauen, braucht einen langen Atem

Die oben dargelegten, in der vordergründigen Diskussion stehenden Probleme wurden hier herausgegriffen, um an ihnen aufzuzeigen, wie komplex in Wahrheit das riesige „Thema Klimawandel“ ist. Aber genau so wichtig wie die behandelten Fragen sind die Bereiche der Kunststoffe (Plastik), der Agrarchemie, des Umgangs mit der Pflanzen- und Tierwelt, des Bodenverbrauchs (Bodenversiegelung) und der Vermüllung von Ländern und Meeren weltweit. Nicht umsonst sind viele Bücher darüber geschrieben worden. Doch kommt es hier letztlich darauf an, Schwerpunkte zu setzen.

Ein Schwerpunkt ist sicherlich die Demographie. 10 Milliarden Menschen auf diesem Planeten anzupeilen, ist einfach zu viel. Gerade weil der Mensch die Fähigkeit besitzt, ständig an die Grenzen seiner Existenz zu gehen und diese Grenzen immer weiter hinauszuschieben, muss er selbst innehalten. Ein mühsamer Lernprozess! Dieser ist umso schwieriger, als eine herrschende Wirtschaftsideologie dem Menschen ständiges Wachstum verspricht, ihm solches als Möglichkeit vorgaukelt. Zugleich mit jeder Kritik an diesem Wachstumswahn muss erstens an das Verantwortungsbewusstsein des Menschen appelliert werden und es müssen ihm zweitens Alternativen zum dauernden Wachstum vor Augen geführt werden.

Eine dieser Alternativen ist die Schaffung einer Kreislaufwirtschaft. Dem auf Wirtschaftswachstum hin orientierten Menschen muss gesagt werden: „Wenn Du schon glaubst, wirtschaftlich weiterwachsen zu müssen, dann sorge wenigstens dafür, dass die Wirtschaft eine totale Kreislaufwirtschaft wird. Das schuldest Du Deinem Heimatplaneten Erde!“ Wer mächtig ist, dem kommt auch Verantwortung zu.

Eine Kreislaufwirtschaft anzustreben, erfordert einen sehr langen Atem. Nicht Tausende von Einzelmaßnahmen sind dafür nötig, sondern Millionen von Einzelentscheidungen. Kein noch so begabter Mensch vermag sich diese alle auszudenken; manche müssen sogar erst erfunden werden. Aber wenn wir alle anpacken und dieses Ziel einer Kreislaufwirtschaft über mehrere Generationen nicht aus den Augen verlieren, wird es letztlich gelingen, dass der Mensch die Erde sowohl beherrscht, als auch das dynamische Bestehen dieses Planeten mitverantwortet.

In der langen Übergangszeit drohen der Menschheit andere Gefahren. Ein großer Atomkrieg zum Beispiel wäre jedenfalls viel schlimmer als ein Klimawandel.

Anmerkungen

[1] Vgl. „Cuprum Tyrolense – 5550 Jahre Bergbau und Kupferverhüttung in Tirol“, Hrsg. Montanwerke Brixlegg, Edition Tirol, 2013, in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck.

[2] Siehe den einschlägigen Artikel in „Neue Zürcher Zeitung“ vom 1. Februar 2021.

[3] Vgl. Philipp Blom, „Die Welt aus den Angeln“, Carl Hanser Verlag, München 2017.

[4] Vgl. im Internet Wikipedia unter dem Stichwort „Klimageschichte“.

[5] Vgl. im Internet Wikipedia die Stichworte „CO2“ und „Carbon capture from air“.

[6] Vgl. Gerulf Stix, „NATIONAL – LIBERAL – GLOBAL”, Genius Edition, Wien 2020, Kapitel „Energie und Klima“, Seiten 385 ff.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. März 2021

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