Die „aufgehobene“ großdeutsche Lösung 1866/1871 [1]


Von Lothar Höbelt

Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal des Versailler Schlosses König Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen (wohlgemerkt, allen Zentralisten sei es ins Stammbuch geschrieben, nicht zum Kaiser von Deutschland).[2] Der ehemalige Generaladjutant Wilhelms, Lothar von Schweinitz, konnte die Zeremonie nicht miterleben, denn er weilte zu diesem Zeitpunkt als Militärattaché in Wien. Er tröstete sich in seinen Erinnerungen mit der Szene, die er tatsächlich miterlebt hatte – als er nämlich am Nachmittag des 3. Juli 1866 „dicht hinter unserem geliebten König und Kriegsherren durch das Bistritztal nach den Höhen von Chlum hingaloppierte“. Diese paar Kilometer bergauf, schon nach dem Kulminationspunkt der Schlacht von Königgrätz, seien der eigentliche deutsche Kaiserritt gewesen. Und als preußischer Konservativer fügte er erleichtert hinzu: Man habe damit nicht bloß die deutsche Frage gelöst, sondern auch die deutsche Revolution entwaffnet – die bisher immer gegen die einzelstaatlichen Monarchien das Ziel der deutschen Einigung für sich reklamiert hatte.

Der preußische Sieg bei Königgrätz kam für die Zeitgenossen so überraschend wie er für die Nachgeborenen zu den Selbstverständlichkeiten zählt. Auch wenn 1866 mehr Deutsche auf österreichischer Seite standen als auf preußischer, der Ausgang des Ringens um die Vorherrschaft in Deutschland schien nachgerade „überdeterminiert“. Moltkes Genie, der Eisenbahnaufmarsch, das Zündnadelgewehr, sogar die lesekundigeren preußischen Unteroffiziere wurden da ins Treffen geführt. Daran konnten auch diverse kontrafaktische Gedankenspiele wenig ändern, von Moltke, der Bismarck noch auf dem Schlachtfeld an seine Abhängigkeiten von den Zufällen des Schicksals erinnert haben soll: „Nun sind Sie ein großer Mann, aber was, wenn die Kronprinzenarmee zu spät gekommen wäre?“, bis zu Carl Amerys Roman „An den Feuern der Leyermark“, der ausgerechnet seine heimatlichen Bayern mit der subversiven Hilfe geflohener Südstaatler und ihres „Henry-Stutzens“ den Krieg von 1866 gewinnen lässt.[3]

Mangel einer echten politischen Alternative zur „kleindeutschen“ Lösung

Nun kann es selbstverständlich nie schaden, allen allzu selbstherrlichen deterministisch-fortschrittsgläubigen Ableitungen mit einer gewissen Portion wohlverdienter Skepsis zu begegnen. Allerdings, was das preußische Konzept um so vieles erfolgversprechender erscheinen lässt, war nicht bloß die Frage von Blut und Eisen, die 1866 in einem so erstaunlich kurzen Krieg eine Entscheidung herbeiführten, dass sich im Englischen in Anspielung auf den Siebenjährigen Krieg die Formel „Seven Weeks War“ eingebürgert hat. Es war vielmehr der Mangel einer echten politischen Alternative zur „kleindeutschen“ Lösung, die Preußen von Anfang an die besseren Karten bescherte. Denn ein großdeutscher Einheitsstaat war schwer vorstellbar, das hatte sich spätestens 1848 herausgestellt, als die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche ihre Fragen an Österreich formulierte: Waren die Habsburger bereit, auf ihre außerdeutschen Länder zu verzichten (oder ihre Herrschaft dort zumindest auf den Rang einer Personalunion zurückzustufen), dann stand ihnen die Wahl zum Reichsoberhaupt selbstverständlich offen. Doch auf einen Gesamteintritt Österreichs wollten sich die übrigen Deutschen lieber nicht einlassen.

Aus diesem Dilemma gab es kaum einen Ausweg: Das Kaisertum Österreich, vom Erzgebirge bis zu den Schwarzen Bergen Montenegros, von Passau bis Belgrad, vom Rhein bis zum Dnjestr, konnte natürlich weiterhin den Vorsitz im Deutschen Bund führen. Aber die Integrationskraft eines Mitteleuropablocks, eines „Reiches der 70 Millionen“, wie es Schwarzenberg propagierte, litt unter den Bedenken der „Binnendeutschen“ über die Majorisierung durch die interessanten Nationalitäten des habsburgischen Hinterlandes, die nicht so recht in einen deutschen Nationalstaat passten. Tschechen und Slowenen, die ihre Zelte immerhin noch auf dem Boden des Deutschen Bundes aufgeschlagen hatten, wären vielleicht akzeptiert worden, Ungarn und Polen, Rumänen und „Illyrer“ (Serbokroaten) nicht. Daran hätte auch ein Sieg der Österreicher und Sachsen bei Königgrätz nicht viel ändern können. Vielleicht hätte sich Österreich als Maximallösung Schlesien zurückgeholt, hätte Preußen die Rheinprovinzen verloren, doch dem Hineinwachsen Österreichs nach Deutschland waren Grenzen gesetzt, gerade durch seine Verbündeten, sprich: durch Bayern, die Heimat von Franz Josephs Mutter Sophie und seiner „Sisi“, das ihm den Weg ins Reich nachhaltig versperrte.

Die entscheidende Weichenstellung lag weit zurück

Die entscheidende Weichenstellung lag Jahrzehnte, ja vielleicht Jahrhunderte zurück: Seit 1713 hatte Österreich immer wieder damit geliebäugelt, doch Bayern zu annektieren, mehr oder weniger gutwillig, wenn schon nicht anders, dann auf dem Tauschwege. Die Habsburger waren immer wieder daran gescheitert – oder hatten im entscheidenden Moment Angst vor der eigenen Courage bekommen. Es waren gerade norddeutsche Nachbarn Preußen, die es an entsprechenden Hinweisen nicht fehlen ließen, die Habsburger möchten sich für anderwärtige Enttäuschungen und Verluste – von Neapel bis zu den österreichischen Niederlanden – durch einen Präventivkrieg gegen Bayern entschädigen: 1735 fand der englische König Georg II. (im Nebenberuf weiterhin Kurfürst von Hannover) die Idee überlegenswert, 1793 stellte Katharina die Große (bekanntlich eine Prinzessin von Anhalt-Zerbst) den Österreichern da einen Blankoscheck aus: Auf ein paar säkularisierte Bistümer solle es ebenfalls nicht ankommen – doch die Österreicher begnügten sich mit Mozarts Salzburg (und gaben 1815 dafür Vorderösterreich und die Wacht am Rhein auf). Preußen hingegen annektierte 1866 frohgemut – nicht ohne ideologisches Bauchgrimmen einiger prinzipienfester Konservativer – Hessen und Hannover (was freilich nur deshalb so leicht möglich war, weil Königin Viktoria als Frau in Hannover nicht erbberechtigt war…)

Die kleindeutsche Lösung ist treffender Weise auch als die erste deutsche Teilung bezeichnet worden: Zehn Millionen Deutsche blieben ausgeschlossen. (Max Weber fügte hinzu: Um 30 Millionen Nichtdeutsche zu neutralisieren.) Es hätten allenfalls ein paar Millionen mehr sein können, wenn Österreich schon vor 1866 auf eine Teilung entlang des „Weißwurstäquators“ eingegangen wäre, der Mainlinie. Bayern wäre ja auch 1870/71 beinahe noch als Pufferstaat erhalten geblieben. Nicht zu vergessen: Das Deutsche Reich von 1871 stellte bloß eine Erweiterung des Norddeutschen Bundes von 1867 dar. An der Verfassung des Bundes änderte sich deshalb nichts (im Gegenteil: Bayern und Sachsen wurden darüber hinaus noch gewisse Vorrechte zugestanden). Der Norddeutsche Bund, ja selbst Preußen allein, aber wäre auch ohne Bayern eine Weltmacht geworden. Der staunenswerte wirtschaftliche Aufstieg des „Zweiten Reiches“ beruhte auf seiner Schwerindustrie, zumal auf den Kohlerevieren, die sich von Westfalen bis Oberschlesien allesamt auf (oder: unter!) altpreußischem Territorium befanden.

Die großdeutsche Tradition lebte auch nach 1871 fort, ganz ohne irredentistische „Velleitäten“ (die blieben auf die Welfen beschränkt). Für die Staatskanzleien waren groß- und kleindeutsche Lösung ein Gambit auf dem Schachbrett der europäischen Politik gewesen. Die Sympathien der deutschen Öffentlichkeit jedoch, so lässt sich vermuten, waren zwar nicht durchgehend, aber weitgehend von ihren konfessionellen Standpunkten abhängig. Die Protestanten konnten sich viel leichter mit preußischer Vorherrschaft anfreunden als die Katholiken (Notabene: Keine Regel ohne Ausnahme, in diesem Fall die Württemberger Demokraten). Die großdeutsche Strömung bezog einen großen Teil ihrer Wirkung und ihres Anhangs aus den katholischen Reaktionen auf die Vorboten des Kulturkampfes. Erzherzog Johann als „Reichsverweser“ wurde 1848 jubelnd empfangen im katholischen Rheinland. In der Zentrumspartei spielten noch lange Familien eine große Rolle, die mit einem Bein weiterhin in der Habsburgermonarchie standen, von den Franckensteins bis zu den Löwensteins. In diesem Milieu erhielt sich bis nach 1918 der schöne Trinkspruch: „Wir erheben das Glas auf unsere beiden Kaiser.“

Deutschösterreicher vor innerem Zwiespalt

In der Polemik der Reichsgründungsära spielte der Popanz eines österreichischen Revanchismus eine gewisse Rolle, mit dem besonders skeptisch beäugten ehemals sächsischen „Reichskanzler“ Beust als Sündenbock vom Dienst. Inzwischen wissen wir: Man hätte sich da viel weniger Sorgen machen müssen. Die innenpolitische Basis einer österreichischen Revanchepolitik war äußerst schmal. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Die Deutschösterreicher standen vor einem inneren Zwiespalt. Sie betrauerten zwar den Ausschluss aus dem Reich, wollten deshalb aber auch keinen zweiten Bruderkrieg vom Zaun brechen (schon gar nicht an der Seite des Bösewichts vom Dienst, Napoleons III). Die nichtdeutschen Nationalitäten der Habsburgermonarchie mochten hie und da instinktiv zu den Franzosen halten, aus Schadenfreude, aber gerade sie waren nicht interessiert an einer Rückkehr der Habsburger nach Deutschland. Denn eine solche Konstellation würde erst recht wieder dazu führen, dass sich die Deutschösterreicher als Scharnier zwischen Reich und Österreich eine Vorrangstellung anmaßten.

Graf Gyula Andrassy, als erster ungarischer Ministerpräsident ab 1867, vertraute Schweinitz deshalb auch an: „Wir sind aus Deutschland hinausgeworfen und das ist gut.“ Mehr als hundert Jahre später soll sich der ungarische Außenminister Gyula Horn an diese Zeit erinnert haben, als er 1989 auf Fragen empörter Alt-Kommunisten, was ihm die Bundesrepublik denn für die Grenzöffnung bezahlt habe, souverän antwortete: „Nichts. Wir begleichen bloß eine alte Schuld. Im 19. Jahrhundert hat die deutsche Einheit die ungarische Freiheit gebracht. Diesmal wird es umgekehrt sein.“ Das Zitat ist schön, wenn auch vielleicht nicht bis in alle Einzelheiten stimmig. Der Ausgleich mit Ungarn, die Gründung der Doppelmonarchie, von „Kakanien“, mit all seinen liebevoll gepflegten staatsrechtlichen Absonderlichkeiten, mit oder ohne „Sisi“, war wohl schon vor Königgrätz angelegt. Der Krieg von 1866 wirkte da allenfalls als Katalysator.

Dazu kamen allerlei ganz praktische Gründe, die gegen einen Revanchekrieg der Wiener sprachen: Die Österreicher waren gerade mitten in der Umstellung auf Hinterlader und allgemeine Wehrpflicht begriffen. Eine Mobilmachung wäre unter solchen Umständen kaum reibungslos vor sich gegangen. Österreich-Ungarn wartete im Sommer 1870 deshalb zuerst einmal ab. Wie sah es Kaiser Franz Joseph selbst? Wieder ist es Schweinitz, dem wir ein treffendes Zitat verdanken: Als er im Herbst, schon nach Sedan und der Abdankung Napoleons, dem Kaiser seine Aufwartung machte, äußerte sich Franz Joseph – in seiner Eigenschaft als fachkundiger Offizier – in höchsten Tönen lobend über die Erfolge der preußischen Armee, ihre Ordnung und Disziplin. „Mein militärisches Herz hat sich gefreut über diese Erfolge und ich wünsche Seiner Majestät Glück dazu.“ Aber er machte aus diesem Herzen auch keine Mördergrube: „Über die Sache selbst habe ich mich nicht freuen können, und das werden Sie auch nicht von mir verlangen!“

Franz Joseph als erklärter Feind aller „Wolkenschiebereien“

An diesem Punkt setzt die Erfolgsgeschichte Bismarcks ein, dem es noch im Verlauf der Siebzigerjahre gelang, diese kühle Distanz zu überwinden. Zugute kam ihm dabei der nüchterne Realitätssinn Franz Josephs, der ein erklärter Feind aller „Wolkenschiebereien“ war. Der Satz, wer Visionen habe, gehöre zum Arzt, wahlweise diversen Bundeskanzlern der Achtziger Jahre zugeschrieben, hätte von ihm sein können. Franz Joseph machte das Beste aus der nun einmal gegebenen Situation und war zu einem Bündnis mit Bismarck bereit. Ein Krieg gegen das Deutsche Reich hätte eine Belastungsprobe dargestellt, der man unter allen Umständen aus dem Weg gehen musste. In dieser Beziehung ähnelte das Verhältnis Wiens zu Berlin der Haltung Englands zu den USA, wie sie sich damals herauskristallisierte, mit dem einen Unterschied: Was bei den Angelsachsen ein unausgesprochener nordatlantischer Nichtangriffspakt blieb, mündete in Mitteleuropa schon 1879 in ein Bündnis, das knapp davor stand, sogar in die Verfassung aufgenommen zu werden. Die Logik dieses „Zweibundes“ aber war: Wenn es irgendwann einmal schon Krieg geben musste, dann gegen Russland, mit Franz Josephs bestem Freund als Oberkommandant im Osten, nämlich König Albert von Sachsen, der als Kronprinz 1866 bei Königgrätz noch auf seiner Seite gestanden hatte.

Als der preußische Feldmarschall Wrangel seinem österreichischen Kameraden Heß die Sprachregelung schmackhaft zu machen versuchte, den Krieg von 1866 doch einfach als „Duell unter Freunden“ zu betrachten, stieß er damit anfangs noch auf wenig Gegenliebe. Noch waren die Wunden zu frisch. Doch die nächsten Jahrzehnte ließen diese Betrachtungsweise zur Wahrheit werden. Das Schlachtfeld von Königgrätz legt bis heute davon Zeugnis ab: Dicht gedrängt und vermischt finden sich dort im Swiepwald und auf den Höhen von Chlum die Denkmäler österreichischer und preußischer Regimenter – in dieser Intensität von „Erinnerungskultur“ vergleichbar vermutlich nur mit Gettysburg, der Schlacht, die auf den Tag genau drei Jahre vorher stattgefunden hatte – und noch 1938 Schauplatz eines Veteranentreffens war. Der „Süden“ hatte beide Male verloren. Die amerikanischen Südstaaten waren – gegen ihren Willen – in einen engeren Bund integriert worden, die Österreicher in einen weiteren Bund ausgelagert. Denn der Zweibund konnte als die Verwirklichung des Konzepts gelten, das schon Gagern 1849 nach dem Scheitern der großdeutschen Lösung aus- und angedacht hatte – ein Modell konzentrischer Kreise, mit einem engeren und einem weiteren Bund.

„Nicht nationaler Heros, sondern Begründer des Zweibundes“

Die Deutsch-Österreicher verbanden mit der Reichsgründung von 1871 zwiespältige Gefühle: Auf der einen Seite machte sich bei ihnen immer wieder ein gewisser Minderwertigkeitskomplex bemerkbar, wie er besonders in den Eifersüchteleien während des Weltkriegs immer wieder zum Vorschein kam: „Kamerad Schnürschuh“ fühlte sich von oben herab behandelt und nicht entsprechend gewürdigt. Zum anderen gingen die österreichischen Deutschen aber vielfach auch ganz selbstverständlich davon aus, im „Ernstfall“ automatisch die Hilfe der Brüder im Reich in Anspruch nehmen zu können, sobald die Gefahr bestünde, im Rahmen der heimischen Nationalitätenkonflikte unter die Räder zu kommen. Das geflügelte Wort lautete: Man würde „unsere Schmerzensschreie“ „draußen“ nicht überhören.[4] Bismarck war die Zumutung, die in diesem Gottvertrauen verborgen war, übrigens stets unangenehm: Er ermahnte die Österreicher vielmehr zur Anhänglichkeit an ihre angestammte Dynastie und ließ all seinen übereifrigen Bewunderern ausrichten, sie möchten ihn feiern nicht als nationalen Heros, sondern als den Begründer des Zweibundes.

Die großdeutsche Lösung war im oft strapazierten Hegel’schen Sinne aufgehoben. Sie war inaktuell geworden, auf einer höheren Ebene verwirklicht – und gleichzeitig bewahrt worden, um wieder hervorzutreten, sobald die Lösungen von 1866/67, 1870/71 und 1879 nach dem „Großen Krieg“ von 1914–18 in die Brüche gingen. Sobald die Habsburgermonarchie zerfiel, blickten die Deutschösterreicher einmal mehr auf das Reich. Wie immer in der Politik, nicht ohne Hintergedanken: Die Sudetendeutschen wollten in erster Linie ihre Gebiete vor dem Zugriff der Tschechoslowakei retten; die katholischen Bauern in den Alpenländer ihren Viehexport sichern; die findigen Rechner die Lücke in der Zahlungsbilanz stopfen, die sich ergab, sobald Wien seiner Funktion als Drehscheibe des Donauraums verlustig gegangen war. Natürlich sei Österreich auch allein lebensfähig, gaben selbst überzeugte Befürworter des „Anschlusses“ zu: Es frage sich nur, lebensfähig auf welchem Niveau, vielleicht demjenigen Albaniens?

Die Reichsbank fand aus eben diesen Gründen wenig Gefallen am Zuschussbedarf, der mit dem „Anschluss“ verbunden war. Die Diplomaten im Auswärtigen Amt übrigens auch: Frankreich als Siegermacht von Gnaden der USA war klarerweise dagegen, dass Deutschland als Resultat des Kollaps von 1918 sechs bis zehn Millionen Deutsche mehr zählte, die „heim ins Reich“ wollten. Wenn sich dieser Zuwachs im Südosten schon nicht verhindern ließe, würden die französischen Militärs sich dann vielleicht doch noch durchsetzen mit ihrer Forderung, das Rheinland zu behalten? Dieses Risiko wollte man in Berlin und Weimar lieber nicht eingehen. Da fand man sich in der Wilhelmstraße zunächst einmal lieber mit dem Anschlussverbot ab. Großdeutschland wurde vorerst auf Eis gelegt. Doch über all diesen Sonderinteressen schwebte das Wort des großen austromarxistischen Theoretikers Otto Bauer, der im Vollbewusstsein republikanischer Selbstgerechtigkeit verkündete: Die deutsche Teilung von 1866, wie sie die Dynastien mit ihren reaktionären Rivalitäten verschuldet hätten, gehe im Zeichen der Volkssouveränität nunmehr zu Ende. Oder, in der Sprache eines anderen Umbruchs gefasst: Jetzt wachse zusammen, was zusammen gehört.

Diese großdeutsche Perspektive von 1918/19 war vom Unglück verfolgt: Ihre Verwirklichung 1938 unter den Vorzeichen des Exil-Österreichers Adolf Hitler hat sie dann erst recht nachhaltig diskreditiert. Dass aus dem 1918/19 geplanten friedlichen Zusammenwachsen nichts wurde, gehörte zu den immer wiederkehrenden Klagen der Zwischenkriegszeit und war Thema zahlloser Sonntagsreden. Das „Anschlussverbot“ verstieß nun zweifellos gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das ein Realpolitiker wie Clemenceau freilich auch niemandem versprochen hatte. Selbst die vielzitierten 14 Punkte des US-Präsidenten Wilson ließen da so manches Hintertürchen offen.

Als sich die Engländer aufs hohe Ross schwangen und im Sommer 1918 – aus Gründen, die mit Böhmen und dem Sudetenland denkbar wenig zu tun hatten – mit dem Selbstbestimmungsrecht der Tschechen zu kokettieren begannen, kommentierte der amerikanische Staatssekretär Lansing launig: Als Österreicher würde er jetzt als Retourkutsche einfach den Iren, Ägyptern und Indern die Unabhängigkeit versprechen. (In Wien dachte man übrigens tatsächlich daran, ließ es aber dann aus naheliegenden diplomatischen Rücksichten doch besser bleiben.)

Doch wenn man von der pflichtschuldigen Empörung über Versailles und Saint Germain für einen Moment abrückt und die Dinge nüchtern betrachtet: Brauchte es den Anschluss überhaupt (von handelspolitischen Quisquilien, Meistbegünstigungsklausel und Zuchtrindern einmal abgesehen). Wenn man politisch einer Meinung war, konnte man dann nicht auf staatsrechtliche Formeln verzichten, um im Sinne Moltkes getrennt zu marschieren und vereint zu schlagen? Wenn man aber nicht einer Meinung war, ersparte man sich ohne Anschluss vielleicht sogar überflüssige Streitigkeiten. Eine schrittweise Rechtsangleichung und ähnliche Dinge ließen sich auch ohne Anschluss verwirklichen. Ein gesamtdeutsches Handelsrecht hatte sogar noch der Deutsche Bund zustande gebracht. Eine Währungsunion scheiterte noch knapp vor 1938, weil die Österreicher darin nicht ganz zu Unrecht eine Schuldenunion sahen: Denn die Reichsmark sei im Zeichen des überbordenden „deficit spending“ ja demnächst nichts mehr wert…

Wieviel Berlin (oder Brüssel) braucht der Mensch?

Die Frage lässt sich mutatis mutandis immer wieder stellen: Nationale Selbstbestimmung, sprich: bürgernahe Verwaltung in der eigenen Muttersprache, bringt zweifellos Vorteile – beim exponentiellen Wachstum der Bürokratie und ihrer Vorschriften heute mehr denn je! Aber wieviel (über-)nationalen Einheitsstaat, wie viel Berlin (oder Brüssel) braucht der Mensch? Ist die Einheit der Einigkeit in jedem Fall zuträglich? Otto von Habsburg hat die Deutschen in einem seiner vielen Bücher als das eigentliche Reichsvolk bezeichnet. Bei seinem Reichsbegriff hatte er dabei sicherlich nicht das zentralistische französische Modell im Auge, viel eher schon ein Commonwealth nach angelsächsischem Vorbild. Ein Reich ist nicht einfach ein Zentralstaat in größeren Dimensionen, sondern durch abgestufte Souveränität charakterisiert. Diese Unterscheidung sei der Beachtung empfohlen – gerade in Zeiten, wo soviel von Vielfalt die Rede ist, wenn Uniformität eingefordert wird.

Anmerkungen

[1] Der Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in Faktum 03-2021, S. 50–58, der Zeitschrift der Desiderius-Erasmus-Stiftung.

[2] Bismarck selbst warnte später, er sei überzeugt, es werde zur Republik führen, wenn Deutschland wie Frankreich zentralistisch regiert werde.

[3] Den Roman Amerys – der ein Schulkollege meines Lehrers Heinrich Lutz war – erhielt ich im Erscheinungsjahr 1979 als Weihnachtsgeschenk. Auf das Pendant dazu, „The Guns of the South“ von Harry Turtledove, stieß ich 1992 in den USA: Lee gewinnt den Sezessionskrieg mit Kalashnikovs, die ihm Südafrika mittels Zeitmaschine zukommen lässt. Den Topos der Zeitmaschine hatte Amery (1922–2005) schon vorher aufgegriffen: Der Vatikan schickt mit ihr einen Schweizergardisten zu „Bonnie Prince Charlie“ in die Highlands („Das Königsprojekt“, 1974).

[4] Die potenziellen „Schmerzensschreie“ der Deutschösterreicher hatten ihre Vorläufer in den „grida di dolore“ aus weiten Teilen Italiens, die König Viktor Emanuel von Sardinien-Piemont im Vorfeld des Krieges von 1859 nicht glaubte, überhören zu dürfen. Sein „ghost-writer“ war dabei vermutlich Luigi Carlo Farini, 1862/63 dann einer der ersten Ministerpräsidenten Italiens.

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Bearbeitungsstand: Mittwoch, 26. Mai 2021

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