Gesellschaftsverträge und Weltbilder


Von Mathias Holweg

„Der Mensch ist des Menschen Wolf“ (Römerzeit). Im Kapitalismus beuten Menschen Menschen aus. Im Sozialismus ist es genau umgekehrt (Gegenwart). – Diese beiden Sätze illustrieren das Spannungsfeld, in dem Gesellschaften des Homo sapiens stehen – nach außen, aber gleichermaßen im Inneren von Anbeginn unserer Erinnerungen bis dato.

Am Anfang allen Lebens steht die Entstehung der Arten und weiter Gruppen von Individuen einer Art bis herauf zur heutigen Massengesellschaft bei den Menschen. Evolutionsgesetze und weiter die der Soziobiologie liefern zu dieser Entwicklung in Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen eine immer bessere Rekonstruktion fürs Warum, Wofür, Wie. Die Entwicklungsgeschichte menschlicher Gesellschaft, Zivilisation, Kultur ist bis heute begleitet von dazugehörenden Gesellschaftsverträgen und Weltbildern. Allgemein als Religion, Ideologie bezeichnet.

Tiere, in Gruppen handelnd, haben von Anfang an einen evolutionären Vorteil gegenüber solchen, die sich nicht bis schlechter organisieren. Mit steigender Größe solcher Gemeinschaften steigt auch ihr Potenzial, sich gegen Herausforderungen der Natur und weiter gegenüber Mitbewerbern auch ihrer eigenen Spezies zu behaupten, Ressourcen zu erobern, halten. Es entstehen innerhalb der Gemeinschaften Hierarchien – das Alphatier, dem Betas, Gammas, Omegas zuarbeiten, ihnen untergeordnet sind, ihren Schutz genießen, aber auch benutzt werden wie andere Ressourcen auch. Diese Strukturierung gilt auch für Menschen, sind diese doch – wenn man sich von schöpfungsgeschichtlichen Dogmen befreit – genauso Lebewesen, die ihren nächsten Artverwandten in vielerlei Dingen wie dem Potenzial, soziale Strukturen zu entwickeln, ähneln, und wenn wir uns schmeicheln wollen, sogar überlegen sind.

Andreas Kilian beschreibt in seinem Buch „Egoismus, Macht und Strategien“[1] sehr anschaulich, wie menschliche Gemeinschaften sich entwickeln, beginnend bei der Jagdbande über sesshaft werdende Gruppen herauf bis zur heutigen Massengesellschaft. Zwei Handlungskompetenzen stehen immer im Vordergrund für das Funktionieren von Individuum und Gemeinschaften:

Denkvermögen – alle Tiere entwickeln je nach Entwicklungsstand rationales Denken und darauf aufbauend vorteilhaftes Handeln; mittels Beobachtung Ursachen und zugehörige Wirkungen erkennen und weiter dieses „Wissen“ für ihren Lebenserfolg zu nutzen, durch Selektion ausgelesen, je besser Einzelne und Gruppen diese Fähigkeit entwickeln. Wir nennen diese Begabung rationales, logisches Denken und Handeln.

Soziale Kompetenz – Kooperation unter Mitgliedern einer Gemeinschaft bewirkt eine Win-win-Situation, zuerst zum gemeinsamen Vorteil. Einzelne Tiere, die da cleverer sind, können sich aus den kooperativen Erlösen einen größeren Nutzen herausschlagen – hierarchische Struktur und vorteilhafte soziale Handlungsweise vergrößern den Anteil der begabteren Mitglieder, die von ihrer Genetik her vorteilhafter ausgestattet sind. Diese Fähigkeit – soziale Kompetenz – wird erst in Gruppen selektiert. Neben der Fähigkeit, natürliche Umgebung zu durchschauen, bekommt in Gemeinschaft der Erfolg des Individuums im Umgang mit Mitgliedern der Gruppe zusätzliche Bedeutung. Rein rational denkende, handelnde Individuen sind für andere Mitglieder der Gruppe berechenbar und können daher übervorteilt werden. Daher werden Tiere, die in der Gruppe nicht rational handeln für die anderen unberechenbar, undurchschaubar, nicht übervorteilbar, den anderen überlegen. Andreas Kilian beschreibt diese „Gabe“ in „Die Logik der Nichtlogik“.[2] Diese Gabe haben Alphatiere am besten entwickelt, und sie gibt ihnen neben ihrer Kampfkraft einen entscheidenden Vorteil. Das sind meist Individuen, deren Durchsetzungswillen groß ist, oft größer als ihre rational-logische Fähigkeit. Wie diese Qualität sich heute auf die agierenden Alphas in ihrer Echokammer mit den sie umschmeichelnden Betas auswirkt, beschreibt für unsere Zeitgeschichte anschaulich Barbara Wertheim-Tuchmann in ihrem Hauptwerk: Die Torheit der Regierenden von Troja bis Vietnam.[3]

Alle Mitglieder einer Gruppe haben das Bestreben, ihren Rang innerhalb der Gruppe zu verbessern – Genegoismus ist die ursächliche Triebkraft dazu. Betatiere unterstützen ihr Alpha zum gegenseitigen Nutzen, wollen aber die Alpharolle übernehmen, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergibt. In diesem Spannungsfeld kommt im Lauf der Generationen ein Betatier zu einer „Verrucktheit“. Es erfindet einen imaginären Alpha, dem es phantastische Eigenschaften zuschreibt, was nicht überprüfbar bleibt, da nicht in der erlebbaren Welt existierend. Dieser Beta erfreut sich des Zuspruchs im Rang tiefer stehender Mitglieder, die fürchten sich weniger, werden ruhiger und disziplinierter. Daran beginnt auch das irdische Alpha gefallen zu finden, duldet dieses Paralleluniversum seines „verruckten“ Betas, es entsteht auch Kooperation – so soll Religion begonnen haben – Krafttiere, Geister, Götter werden immer konkreter beschrieben und respektiert. Eine Partnerschaft in der Führung entsteht zwischen diesseitigem Alpha mit seinem verruckten Beta – das Gespann existiert in vielen Variationen von Stammesoberhaupt und Schamane auch fallweise in Personalunion. Die Geschichte der Religionen beschreibt diese neuen Organisationsmittel, wie sie bis heute menschliche Gemeinschaften gestalten.

Im Rückblick kann eine Vielzahl der Konzepte gefunden werden. Wobei hier in die Abschnitte „Naturreligion“ und darauf aufbauend „Hochreligion“, wie sie heute bestimmend sind, zu unterteilen sich als zweckmäßig erweist. Je größer die Gemeinschaften, desto umfassender und vielfältiger werden das Weltbild und der Vertrag über die Rollen der Mitglieder untereinander wie auch der Umgang mit dem Rest der Welt außerhalb. Aufstieg und Verfall von menschlichen Kulturen sind begleitet nicht nur von natürlich vorteilhaften Klimabedingungen bis Katastrophen[4] oder Seuchen, auch immer mehr von der Effizienz von Weltbild und Gesellschaftsvertrag. Hier sei vorweggenommen: Jede Gemeinschaft schreitet durch Entwicklungen, Veränderungen, angetrieben durch äußere Reize aber genauso durch interne Erneuerung und Abnutzung. Schafft doch ein „Erfolgskonzept“ vorteilhafte Bedingungen in einer Generation, erlebt die folgende die Welt dadurch bedingt ganz anders und versteht „die Welt“ neu. Dieser Zusammenhang wird von Karl Clauß in der Genius-Edition „Parteien in der Sackgasse“[5] für unsere Gegenwart beschrieben. Daher ist es vorteilhaft bei der Beschreibung von Zuständen in Gesellschaften ein Gestern/Heute/Morgen wahrzunehmen, wenn es ums Verstehen im zeitlichen Wandel geht.

Naturreligionen: Mythen von leibhaftigen funktionalen Göttern, die übermenschliche Fähigkeiten auszeichnet, deren Launen günstig beeinflussbar sein können, die man günstig stimmen kann, Mittler zu diesen sind Schamanen, weise Männer, Frauen, Zeremonienmeister, Priester verschiedener Art. Einen anschaulichen Einblick in diese Frühwelten in Europa bietet das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale. Petrus van der Let[6] beschreibt in seinen Büchern und Filmen die frühe Welt der Dorf-Gott-Könige im frühgeschichtlichen Anatolien, den Kult der Zipfelmützengötter.

Heutige Bischofsmützen sind daraus hervorgegangen! Petrus van der Let besticht da durch die psychologisch geleitete Interpretation frühgeschichtlicher Erzählungen von den Anfängen der orientalischen bis indischen Welt. Buddha lebt und lehrt in Indien und findet Anhänger in weiteren asiatischen Ländern, seine Ideen sind bis heute für viele Menschen Lebensanleitung. In einigen dieser Frühformen der Religionen spielen häufig Drogen und rauschähnliche Zustände zumindest der Priester, aber auch auch ganzer Kommunen eine bedeutende Rolle. Ein Beispiel, wie komplex da schon Wissen über biologische Zusammenhänge erarbeitet war, sind Schamanen sibirischer Stämme: Der Fliegenpilz enthält berauschende Wirkstoffe, aber auch Gifte, die den Konsum abträglich machen. Sie lernten, die Pilze Rentieren zu füttern und den Urin der Tiere zu sammeln. Der Urin beinhaltet die berauschenden Stoffe des Pilzes, aber nicht die Gifte. Im dadurch angenehm gewordenen Rausch kann der Priester (Schamane) Dinge erleben, die phantastisch klingen und seine Gemeinschaft damit beeindrucken. Er berichtet direkt von den imaginären Alphas, Krafttieren usw.

Asiatische Entwicklungen

Über die Frühgeschichte der Menschen im asiatischen Teil der Erde wissen wir wenig. Am besten bekannt sind die Überlieferungen aus dem Reich der Mitte. Laotse, Konfuzius sind da Lehrer für das erfolgreiche Zusammenwirken der Menschen untereinander mit einer hohen Bedeutung der Pflichten für Familie, Dorf bis Reich, in dem der Kaiser idealerweise wohlwollend die Einhaltung der Gesetze betreibt. Wichtig sind Praktiken und Denken des Eins-Seins mit der Welt, mit der Gemeinschaft, Ausgewogenheit der Wirkungen. Diese Grundlagen bestehen bis heute und werden gerade vom ursprünglich kommunistischen Regime wieder geduldet bis beworben. Diese urasiatische Sicht auf die Welt und das Zusammenleben unterscheidet sich nachhaltig vom westlichen Welt- und Menschenbild. Das kommt auch in der chinesischen Präambel zu den Menschenrechten zum Ausdruck, die ja eine westliche Erfindung sind. Die Rechte und Erfordernisse des Individuums müssen in Harmonie zur Gesellschaft stehen. Darin steckt ein Gegensatz, der schon die Missionare christlicher Religionen dort scheitern ließ. Wie grundlegend die unterschiedliche Denke ist, beschreibt Bernd Murawski in einem Aufsatz.[7]

Über die ganze rekonstruierte Geschichte Chinas gibt es „Lehren“ die eines bewirken wollen: der Mensch soll sein Gleichgewicht in seiner Welt finden. Aktuell ist da die Falun-Gong/Falun-Dava Bewegung zu nennen, die 1991 gegründet rasch an Anhängerschaft gewinnt und von der derzeitigen Elite Chinas misstrauisch beäugt und ab 1999 brutal bekämpft wird. Der Kernkader konnte sich ins Ausland absetzen und betreibt unter kräftiger Unterstützung durch Auslandschinesen ein Nachrichtenportal und eine Tanztruppe für chinesische Tanzkultur in hoher Qualität.[8] Diese Entwicklung ist aktuelles Beispiel des Existenzkampfes zwischen Alphas (neue Staatselite) und „verruckten“ Beta (FalunDava). Sollte es da zu einer Fusion kommen, hätte es wohl weltbewegende Folgen.

Westliche Eingottkonzepte

Vor 3000 bis 2000 wird ein allmächtiger imaginärer Alpha erfunden, dem alle anderen untergeordnet wären, der alles kann und weiß. Zaradustra beschreibt für uns zugänglich erstmalig dieses Konzept des allmächtigen imaginären Alphas. In Ägypten versucht es Echnaton mit dem Eingottkonzept. Er wird aber von den Priestern der bisherigen Ordnung eliminiert.

Die auf diesen Grundgedanken hervorgehenden Eingottreligionen haben neben ihrer Vielfalt Gemeinsamkeiten wie die 10 Gebote. Als deren zentrales das fünfte gilt: Du sollst nicht morden (töten geht immer). Über die Dialektik dieses Zwiespalts räsoniert Peter Stiegnitz in seinem Werk „Das fünfte Gebot / Eine Geschichte der Gewalt“.[9] Gewalt ist eben wesentliches Moment in den Beziehungen der Menschen in und zwischen Gemeinschaften.

Auserwähltheit (der bessere Mensch)

Moses, ein begnadeter Alpha, überredet seine Anhänger, aus der Knechtschaft in Ägypten auszubüxen, was auch gelingt. Seine Gruppe entkommt der Züchtigung durch ihre bisherigen Herren. Er verkündigt das Konzept der Auserwähltheit durch den einzigen Allmächtigen, der seine Gruppe durch einen Vertrag aus der Menge der Menschen hervorhebe und sie begünstige – sofern sie die Gesetze, die er durch Moses übermittelt, einhalten. Dieses Konzept bewährt sich. Nur Menschen, die von den ursprünglich begünstigten Vorfahren abstammen – Erblinie über die Mutter – haben Vertragsfähigkeit und werden vom Allmächtigen bevorzugt behandelt. Auf den Punkt gebracht gilt: ein Zugehöriger zu den Auserwählten wird mit Lebenserfolg belohnt, soweit er ein gottgefälliges Leben führt und sich durch Schicksalsschläge welcher Art auch immer, nicht davon abbringen läßt – Peter Stiegnitz gibt dazu eine prägnante Beschreibung.[10]

Erlöser (altgriechisch: Christos)

Das nächste bedeutende Eingottkonzept wird von Paulus nach Beginn unserer Zeitrechnung konzipiert. Er verwendet Erzählungen, die damals zirkulieren. Die von den Römern von sich selber befreiten Juden haben ein Problem mit der Unterordnung, die ihnen die Römer aufzwingen. Rebellen profilieren sich reihenweise, der Geschichtsschreiber der damaligen Zeit Flavius Josephus nennt mehrere solcher Revolutionäre, die den damals gängigen Namen Jesus tragen.[11]

Die Kernaussage des Konzepts von Paulus: Mühsal und Demütigung die ein Mensch erträgt sowie selbstloses Handeln und sich opfern für die Gemeinschaft, werden im postulierten jenseitigen Leben abgegolten. Der Tod erlöst von allem Leid, der Mensch wird danach vom „Erlöser“ belohnt. Als Beweis für diesen Zusammenhang hat der Allmächtige seinen eigenen Sohn beispielgebend geopfert. So die Erzählung, die eben wahr ist.

Dieses Konzept trifft den damaligen Nerv der Zeit und findet entsprechenden Anklang. Im degenerierenden römischen Imperium schwächelt die Staatsdoktrin mit Jupiter als obersten Gott. Im Söldnerheer des Imperiums dienen immer mehr Menschen aus allen möglichen Ethnien, die auch ihre Weltbilder mitbringen – Vielfalt entsteht! Eines davon, der Mitraskult (Mitras heißt Vertrag) liefert mit seinem Gottesehrentag – den Sonntag – dem sich etablierenden Erlösertum (Christentum) den wöchentlichen Feiertag. Ein paar hundert Jahre nach Paulus erkennt auch der damalige römische Kaiser Konstantin die Zweckmäßigkeit dieses Weltbilds und Gesellschaftsvertrags und macht sie zur Staatsdoktrin.

Islam (Frieden)

Eine weitere bedeutende Kreation eines absoluten und erfolgreichen Weltbildes und Vertrags schafft Mohamad, ursprünglich für die unorganisierten arabischen Stämme, die mit Mekka einen gemeinsamen Kultplatz betreiben. Mohamad dürfte bei Teilnahme an Einkaufsreisen nach Palästina Kenntnis von den damals existierenden „Schriftreligionen“ der Juden und Christen erworben haben. Sein Konzept enthält ein zentrales Dogma des Judentums, die Auserwähltheit und das Erlöserdogma der Christen. Das alles zugeschnitten auf die Bedingungen seiner Lebenswelt. Seine Lehre ist erfolgreich in der Disziplinierung der arabischen Stämme, was in der Folge das muslimische Imperium entstehen lässt und mit entsprechender Modifikation gerade heute eine Revitalisierung erfährt. Die Entstehung des Islams ist durch Berichte und Schriften bedeutend besser dokumentiert als die Entstehung von Juden- und Christentum. Eine anschauliche Beschreibung liefert Ali Dashti in seinem „ Jahre“.[12] In dieser Beschreibung wird klar, dass Weltbild und Gesellschaftsvertrag immer die zentrale Rolle in einem Gemeinwesen spielen, sonst zerzaust sich dieses.

Jedes Konzept ist zuerst für die Situation bei seiner Erschaffung ausgelegt. So wie sich Erfolge einstellen, ändern sich Anforderungen, die eine Abwandlung des vorhandenen Dogmensystems erfordern. Judentum, Christentum, Islam durchzieht ein meist blutiger Faden von Auseinandersetzungen zwischen den Alphas und ihren Gruppen. Umweltbedingungen ändern sich und erfordern zeitgemäße Deutung der jeweiligen Wahrheit. Deutungshoheit ist Ausdruck von Macht, die jeder, der Alpha sein will, anstrebt, wofür ihm jedes Mittel recht ist. Daher sehen die hier genannten Religionssysteme heute wohl anders, vielfältiger aus, als sie zur Zeit ihrer Entstehung waren. Dies zu beachten ist wichtig, wenn man aktuelle Zustände verstehen will!

Aufklärung

Der geistige Zustand, der im Europa des Mittelalters existiert – alles Wissen ist der absoluten (Glaubens)Wahrheit untergeordnet – wird durch die Denke der Aufklärung erweitert. Ein Prozess, der nicht abgeschlossen ist. Kernaussage: durch exakte Beobachtung natürlicher Zusammenhänge werden dazu passend berechenbare Relationen gefunden, die Richtigkeit einer Aussage muss der Überprüfung durch andere Personen standhalten. Immer wieder werden bisher gültige Naturgesetze durch bessere Erkenntnisse abgelöst. Ein Wettbewerb der besseren Lösungen kommt in Gang, es gibt keine endgültige Wahrheit. „Fürchte dich nicht, deinen Verstand zu benutzen“, ist eine Losung dieser nicht ganz neuen Denke. Auch im antiken Griechenland gab es mal eine solche Strömung, die da aber wieder gegen die Wunschvorstellungen von Mythos und Macht verliert. Glaubenswahrheit wird durch prüfbares beweisbares Wissen ersetzt, Naturwissen wird mit exakt mess- und prüfbarer Arbeitsmethode zugänglich und verschafft ihren Verwendern Vorteile und Überlegenheit gegenüber den Menschen, die in bisheriger Dogmen- und Mythenwelt und absolut gesetzter Wahrheit verharren. Der in die Aufklärung hineingehende Teil Europas erobert förmlich den Rest der Welt, besiedelt Amerika, Australien, …. Dieser geistige Aufbruch in die Rationalität wird aber ergänzt durch neue Dogmen, die bei den Menschen Gefallen finden: Gleichheit der Menschen wie sie J. J. Rousseau mit seinem „Sozialkontrakt“ postuliert, befeuert weitere dogmatische Traumdenke – Ideologien des Sozialismus, Liberalismus und Kombinationen davon mit verabsolutierter Gleichheit, ein Mix, wie er immer mehr in der westlichen Wertewelt Beachtung erfährt. Trotz der Entdeckung der naturgesetzlichen Ungleichheit der Individuen jeder Art, angestoßen durch Darwin. Robert Ardrey zeigt in seiner Antithese zu Rousseau mit seinem „Sozialkontrakt“[13] in welche geistige Sackgasse die westliche Wertewelt unterwegs ist. Klingt wie eine Parodie auf das antike Intermezzo. Parallel dazu gewinnen ab dem 20. Jhdt. in anderen Teilen der Erde Konzepte an Kraft, in denen naturgesetzliche Rationalität über Gleichheit und Dogmen Vorrang bekommen. China und die umliegenden asiatischen Länder nutzen, aufbauend auf ihr historisch vorhandenes Wissen, die aufgeklärte Rationalität Europas für ihren Aufstieg.

Grundsätzlich lässt sich über die ganze Geschichte eine Konstante erkennen: Jede Gesellschaft bildet eine Struktur der Funktionen, Rechte, Gewalten aus. Wie Andreas Kilian formuliert:[1] „Hierarchien, die aus dem Genegoismus hervorgehen.“ Die heutigen Massengesellschaften, wie sie weltweit seit dem 19. Jhdt. aufgrund der technischen und medizinischen Errungenschaften entstehen, erfordern neue Organisationsformen und ein dem Wissensstand angepasstes Weltbild. Dieses Erfordernis lassen in den großen Bereichen der Welt neue Konzepte entstehen, wie sie mit den neuen Möglichkeiten jetzt machbar sind. Ein gemeinsamer Nenner kennzeichnet diese neuen Ordnungen: die archaische Gliederung von Alphas, Betas verschmilzt zu einem „Pool“, aus dem ein repräsentierender Alpha bestimmt wird, sowie Gammas, denen es verhältismäßig gut geht und beliebig vielen Omegas, die gleich viel/wenig zum Leben haben – sozialistische Gleichheit. Die meisten sind gleich (arm), nur die Minderheit der Elite sind „gleicher“ in schier unbegrenztem Wohlstand und Machtfülle, die immer weniger für sie Bedeutung haben und anstelle dessen die Lust auf Gestaltung der Welt in den Vordergrund ihrer Aufmerksamkeit tritt.

Massengesellschaft, Massenmedien, konzentriertes Kapital – Sozialismus/Leninismus

Der Sozialismus war immer in Ergänzung zum Kapitalismus beginnend im 19. Jhdt. Die volle Umsetzung des zentralkapitalistischen Konzepts gelingt erstmals Lenin mit seiner Revolution 1917. Sein Konzept, Leninismus 1,0 genannt, beruht auf der Erkenntnis Lenins, dass das Proletariat selber unfähig wäre, sein Schicksal zu bestimmen. „Er schuf eine Partei. Diese Partei hatte die Macht, die Bevölkerung durch die Revolution zu führen.“[14] Weiter: „Wir sind die Bourgeoisie, … haben aus der Geschichte gelernt und gründen eine kommunistische Partei, übernehmen die Macht und nehmen das Proletariat mit ….“ Stalin übernimmt und formt seinen Ismus – Leninismus 2,0. Er steigert die Brutalität bis zum Exzess[20] und lässt eine Parteielite – Nomenklatura genannt[15] entstehen, die sich vom Rest der Bevölkerung abgrenzt und in eine bequeme selbstgefällige Erstarrung geht und das Projekt mit Abschlusskonkurs um 1989 beerdigt. Die chinesische Revolution beginnt auch mit Staatskapitalismus unter Mao Tse Dong, der aber durch den chinesischen Hintergrund modifiziert wird. Es entsteht eine Art Franchise-Kapitalismus, mit dem die Partei einzelnen Könnern, die gute Ergebnisse liefern (Katzen, die Mäuse fangen) einen Teil des Gewinns gönnt[16] – Leninismus 3,0.

Leninismus 4,0: Schon im 19. Jhdt. beginnend, langsam stetig wachsend und verfeinert, entsteht der angloamerikanische Konzernkapitalismus/Sozialismus, der zur Zeit einen weiteren Sprung vorwärts zu setzen dabei ist – Neugestaltung der westlichen Wertewelt, bei Orwell Ozeanien genannt.

Die Elite besteht auch hier nicht allein aus begnadeten Einzelpersonen als zentralen Alphas, sondern aus Personengruppen, die sich über die Generationen immer besser vernetzen und gegenseitig fördern, aber auch ergänzen durch Hereinnahme neuer Talente, und so ihre Qualität bis auf weiteres in Schuss hält. Eigentum wird in größer werdenden Konzernen angehäuft, austauschbare Alphas argumentieren die Entscheidungen für die Öffentlichkeit. Die als Unternehmer beginnenden Kapitalisten entdecken im Zuge des 1. europäischen Kriegs den Wert der Öffentlichkeitsarbeit und die Einflussnahme auf Politik und die Zusammenarbeit mit der im 2. europäischen Krieg beginnenden Militärwirtschaft. Es entsteht eine gesamtstaatliche international operierende Elite in Form des Konzern-Finanz-Militär-Komplexes. Vernetzung von Wirtschaft, Hochfinanz, Militär, Politik mit den Medien als Werkzeug für die Bewusstseinsarbeit. Diese Struktur wird auch in den Bildern unserer Welt beschrieben. Zuerst in den utopischen Zukunftsdarstellungen Orwells 1948 in seinem „1984“ oder „Farm der Tiere“, von Huxley 1932 in „Brave New World/Schöne neuen Welt“ und real von C.Wright Mills 1956 für die Vereinigten Staaten von (Nord)Amerika und damit stellvertretend für die ganze westliche Wertewelt, die auch immer mehr EU-Europa einschließt, in „Die Macht der Eliten“[17] beschreibt Mills, wie die angloamerikanische Finanzelite ihre Stellung ausbaut und ein zentraler Konzernkapitalismus mit den Hauptbereichen Militär/Wirtschaft/Politik, die sich der Medien für ihre Selbstdarstellung bedienen – Mittelstand löst sich auf, eine breiter werdende Masse Lohnabhängiger entsteht, die bei Laune/Motivation gehalten werden – Mills bis Stand 50er-Jahre 20.Jhdt.. Dieser Gesellschaftsvertrag – Leninismus 4,0 nimmt als „Woke“-Bewegung[14, 18, 19] den Westen gerade immer fester in den Griff.

Unsere Welt erlebt einen Wettbewerb der Konzepte von Weltbild und Vertrag – weltweit. Welches setzt sich besser durch, wer organisiert sich besser, zu größerer Vitalität? Die Welt war, ist und wird spannend!

Literatur

[1] „Egoismus, Macht und Strategien – Soziobiologie im Alltag“ Andreas Kilian alibri.de 2009, ISBN 978-3-86569-047-0.

[2] „Die Logik der Nichtlogik – Wie Wissenschaft das Phänomen Religion heute biologisch definieren kann“ Andreas Kilian alibri.de 2010 ISBN 978-3-86569-063-3.

[3] Barbara Wertheim-Tuchmann hat mehrere Werke über die Zeitgeschichte verfasst. Das eindruckvollste: Die Torheit der Regierenden von Troja bis Vietnam – Geschichte Fischer ISBN 3-596-24438-2.

[4] Wolfgang Behringer „Kulturgeschichte des Klimas“ www.dtv.de 2011 / 2019 ISBN 978-3-423-34652-8.

[5] Karl Claus „Die Parteien in der Sackgasse“ Edition Genius ISBN 978-3-9502238-1-1.

[6] Petrus van der Let hat anschauliche Darstellungen über das Entstehen von Religion in Form von Buch und Film geschaffen: Erlöser – der Übermensch macht Karriere / Woher die Götter stammen / Posse und Prophetie / Reise zur Wiege Europas / Drachentöter / Unterwelten / Klänge der Steinzeit / Metallzeiten oder: Die Hierarchisierung der Gesellschaft / …

[7] Bernd Murawski „Der Aufstieg Chinas – eine Bedrohung für den Westen?“ in: https://de.rt.com/meinung/ 115728-der-aufstieg-chinas-eine-bedrohung-fuer-den-westen/.

[8] FalunGong/FalunDava Organisation aktuell Zentrale in NewYork Öffentlichkeitsarbeit zur Selbstdarstellung: EpochTimes (epochtimes.de Nachrichtenportal) / NewTangDynastyTelevision / ShenYun Tanztruppe-traditionelle chinesische Tanzkunst.

[9] „Das fünfte Gebot / Eine Geschichte der Gewalt“ Peter Stiegnitz Edition Vabene 2005 ISBN 3-85167-175-9.

[10] „Judentum / Fundament der westlichen Kultur. Sieben Prinzipien und zehn Gebote waren der Anfang.“ Peter Stiegnitz in Reihe Kurz+bündig des hpt-Verlags 1988 ISBN 3-85128-006-7.

[11] „Der jüdische Krieg + kleinere Schriften“ marixverlag.de ISBN 3-86539-018-8.

[12] „23 Jahre – Die Karriere des Propheten Muhamad“ von Ali Dashti Ausgabe in deutscher Sprache: alibri.de 2007 ISBN 978-86569-080-723.

[13] „Der Sozialkontrakt – Das Naturgesetz von der Ungleichheit der Menschen“ Robert Ardrey 1979 Verlag Fritz Molden ISBN 3-217-00399-3.

[14] Woke-Bewegung: Ein neuer Leninismus hat Amerika jetzt fest im Griff: Quelle: https://www.epochtimes.de/politik/ausland/woke-bewegung-ein-neuer-leninismus-hat-amerika-fest-im-griff-a3487050.html.

[15] Wolfgang Leonhard „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ 1955 Kiepenheuer & Wietsch Köln, ISBN 3-596-26046-9.

[16] Der Aufstieg Chinas – eine Bedrohung für den Westen? Quelle: https://de.rt.com/meinung/115728-der-aufstieg-chinas-eine-bedrohung-fuer-den-westen/.

[17] C. Wright Mills „Die Macht der Eliten“ im Original: 1956, letzte Auflage in deutscher Übersetzung: ISBN 978-3-86489-270-7 2019 Westend Verlag GmbH Frankfurt/Main.

[18] „Demokratie in Gefahr: Der <woke> Kapitalismus diktiert uns, wie wir zu denken haben“ Quelle: https://de.rt.com/meinung/116844-der-woke-kapitalismus-diktiert-uns-wie-wir-zu-denken-haben-und-bedroht-die-demokratie/.

[19] „Wissenschaftler: Unternehmenssozialismus in den USA auf dem Vormarsch“ Quelle: https://www.epochtimes.de/politik/ausland/wissenschaftler-unternehmenssozialismus-in-den-usa-auf-dem-vormarsch.

[20] Edvins Snore (Litauer) mit seinem Lebenswek The Soviet Story 2008 www.sovietstory.com.

Weiterführende Literatur zum Thema:

Thomas Faßbender „Freiheit oder Demokratie / Russlands Weg und die Illusionen des Westens“ ISBN 978-3-944872-06-3 www.manuscriptum.de.

Martin van Crefeld „Wir Weicheier: Warum wir uns (der Westen) nicht mehr wehren können und was dagegen zu tun ist“ Ares Verlag 2017 ISBN 9 783 902732 675 Crefeld zeigt den Wandel der Gewichte in veröffentlichter westlicher Wahrnehmung von Pflichten weg, hin zu Rechten des Individuums.

Eckartschrift 239: „Klimareligion – Wissenschaft oder politisches Kalkül?“, H. J. Schmidt, oder Netzseite https://klimafaktencheck.de. Wie politische Naturwissenschaften neue Dogmen schaffen.

Zusammenfassende Darstellung der klassischen Religionslehren:

Mensching Gustav „Leben und Legende der Religionsstifter“ Goldmann gelbe Taschenbücher Band 829/830 1962 gibt eine umfassende Darstellung von Personen, die in uns bekannter Geschichte Weltbilder und Gesellschaftsverträge in ihrer Zeit geschaffen haben. Moses/Jesus/Paulus, Mohamed, Zarathustra, Buddha, Konfuzius, Laotse.

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Bearbeitungsstand: Mittwoch, 26. Mai 2021

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