Warum noch fleißig sein?


Deutschlands Wirtschaftstreibende werden systematisch demotiviert

Von Eberhard Hamer

Fünf Millionen deutsche Unternehmer der Klein- und Mittelbetriebe sind nach der Mittelstandsforschung[1] nicht nur die Kernleistungstruppe unserer Marktwirtschaft, sondern tragen auch am meisten Verantwortung, sind die wichtigsten Entscheidungsträger, haben das höchste Risiko, in ihrer Funktion die höchste Qualifikation und arbeiten mehr als alle anderen Bevölkerungsgruppen. Der quantitative und qualitative Anteil von Unternehmern innerhalb der Bevölkerung sowie deren Motivation wurden sogar als Wachstumsindikator jeder marktwirtschaftlichen Volkswirtschaft ausgemacht[²].

Wenn also die Zahl der Unternehmer und/oder ihre Motivation schwindet, also eine Unternehmerlücke entsteht, kommt es auch zu Einbrüchen bei Investitionen, in der Produktion, im volkswirtschaftlichen Wachstum, im Arbeitsmarkt, in den öffentlichen Finanz- und Sozialeinnahmen, also zu Wohlstandsverlusten und zu Verarmung.

Zum ersten Mal in unserer Wirtschaftsgeschichte hat eine Regierung unnötigerweise und sogar verhängnisvoll ganze mittelständische Branchen stillgelegt, ihnen die Produktion oder Dienstleistung verboten bzw. unmöglich gemacht und somit die unternehmerische Leistung abgewürgt: Lockdown, Wirtschaftsstopp. Dies zeigte schon vor eineinhalb Jahren Wirkung und verstärkte sich jetzt:

  • Unsere über eine Million Soloselbstständigen hatten die geringsten Reserven, konnten am wenigsten durchhalten und mussten zu Hunderttausenden aufgeben.
  • Die Gastronomie sitzt zu etwa 80 Prozent in gemieteten Räumen und muss weiter hohe Mieten zahlen. Auch von ihnen wird vielleicht die Hälfte die staatliche Zwangsschließung nicht überleben.
  • Messebau, Touristik, Hotellerie und Gesundheitshandwerk wurden so beschränkt, dass viele inzwischen ihre Reserven verbraucht und aufgegeben, aber noch nicht Insolvenz erklärt haben.

Wenn also nach der dritten oder vierten Coronawelle die staatliche Zwangswillkür des Wirtschaftsstopps wieder aufgehoben wird, dürfen mehr als eine Million mittelständischer Unternehmer einen neuen Aufschwung nicht mehr mitmachen. Sie bilden eine „Unternehmerlücke“[3].

Dazu beigetragen hat auch, dass der Staat dem Mittelstand nur dürftig und meist nur mit Krediten (also Zusatzlasten) aushalf, die Konzerne aber mit Milliardenbeträgen so üppig förderte, dass sie davon sogar hohe Dividenden an ihre ausländischen Fonds zahlen können. Den beschäftigungslosen Arbeitnehmern zahlt der Staat Kurzarbeitergelder.

Auf die quantitative Unternehmerlücke unserer Volkswirtschaft durch eine Million aufgebende Unternehmer folgt nun zusätzlich eine qualitative Unternehmerlücke in Form eines Motivationsverlustes der übrigen Unternehmer. Befragungen des Mittelstandsinstituts Niedersachsen ergaben, dass sich mehr als ein Drittel unserer Unternehmer mit der Frage quält, ob es überhaupt noch lohnt, weiterzumachen, ob man nicht aufhören soll. Als Gründe wurden immer wieder angegeben: Überregulierung, bürokratische Überbelastung, die höchste Steuer- und Sozialabgabenbelastung der Welt und jetzt die Angst vor einer politischen Herrschaft der grünen Öko-Ideologen, der Wirtschaftsfeinde und der Unternehmerhasser.

Zum ersten Mal greift auch noch zusätzlich und zeitgleich unter immer mehr Arbeitnehmern Lustlosigkeit und Demotivation um sich („innere Kündigung“).

Bisher waren zuerst die niedrig bezahlten Berufe frustriert, weil „zu wenig Netto vom Brutto übrigblieb“, weil es wegen der Differenz zu Sozialleistungen „nicht mehr zu arbeiten lohnt“, weil „meine Leistung nicht zählt“ (36 Prozent). Kein Wunder, wenn unser bestausgebildetes, aber zu niedrig bezahltes Handwerk unter Gesellenflucht und Lehrlingsmangel leidet und die Zahl der Betriebe allein dadurch zurückgeht.

Ein weiterer Schwerpunkt des Motivationsverlustes lag nach den Befragungen des Mittelstandsinstituts bei den über 50-jährigen Arbeitnehmern: Zwei Drittel der über 60-jährigen wollen „nur noch gesund die Rente erreichen“, wollen „sich nicht mehr anstrengen“ und nehmen vermehrt „Krankheitsfreizeit“. Für sie sind nicht mehr der Betrieb und die Arbeit, sondern andere Lebensziele vorrangig, z. B. Familie oder Freizeithobbys, vor allem Reisen.

Aber auch die über 50-jährigen Selbständigen wollen sich zu 32 Prozent „nicht mehr kaputtmachen“, „es ruhiger angehen lassen“, „die Hektik nicht mehr mitmachen“, haben einen Präferenzenwechsel[4] von ökonomischen zu außerökonomischen Lebenszielen vollzogen („ausgesorgt statt ausgelaugt“) und sind deshalb mit geringerer Motivation „nicht mehr voll bei der Sache“. Zum Teil wurden Motivationsdefizite der Arbeitnehmer bisher durch Automatisierung und Digitalisierung in großen Betrieben ausgeglichen, zum Teil blieben die älteren Mitarbeiter trotz Präferenzenwechsels wegen ihrer Erfahrung für die Betriebe und Verwaltungen noch unverzichtbar.

Da mehr als ein Drittel unserer Bevölkerung zugunsten von ökologischen oder psychopathischen Ideologien politisch bereit ist, unsere Wirtschaft vorsätzlich zu reduzieren, zu bürokratisieren, zum Teil zu vernichten und ökologischen Idealen statt ökonomischen Realitäten zu dienen, zeigt dies den Sättigungsgrad unserer Bevölkerung an wirtschaftlichem Wohlstand. Einkommen – auch ohne Arbeit – wird inzwischen als selbstverständlich angesehen: „Es geht uns ja so gut!“.

Man kann deshalb ruhig auf Automobilindustrie, auf Flugzeuge, auf Energiesicherung, auf Produktionsbetriebe und auf Landwirtschaft verzichten, um „blühende Wiesen“, Tierwohl, CO2-Freiheit (obwohl wir nur zwei Prozent der CO2-Emissionen der Welt verursachen, also eigentlich global unbeachtlich, jedenfalls wirkungslos sind) und arbeitsloses Einkommen aus Robotern und Digitalisierung zu erwarten.

Die frühere Anerkennung praktisch werteschaffender Arbeit, etwa der Landwirtschaft oder der gewerblichen Berufe, hat durch die bis zur Sättigung gestiegene Güterversorgung unserer Bevölkerung abgenommen, und dafür haben nicht oder nur wenig werteschaffende Tätigkeiten und Dienstleistungen als Lebenserfüllung zugenommen. Dienstleistungen (teilproduktive und unproduktive) machen inzwischen 70 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts aus. Kurz gesagt: Die moderne Gesellschaft produziert nicht mehr. Sie verwaltet, steuert, disponiert, kontrolliert und widmet sich immer weniger produktiver als spielerischer, ideeller oder „lustvoller“ Beschäftigung.

Gesellschaftlich und politisch geben nicht mehr wie früher die Menschen mit Lebensleistung den Ton an, sondern bildungsarme Schwätzer, Ökologen, öffentlich abgesicherte seichte Sozialfunktionäre sowie Staats-, Polit- und Verwaltungsfunktionäre, welche ihre Vorzugsstellung, ihren Zeitgeist, ihr Netzwerk oder ihre politische Doktrin ohne Nachweis einer Werteschaffung genießen. Die Kanzleramtsbewerberin als „Völkerrechtsexpertin“ mit nur zwei Studiensemestern oder der tonangebende Gesundheitsminister mit immerhin Abitur sind Beispiele dafür.

Dass Arbeit und Leistung nicht mehr Ziel unserer Gesellschaft sind, wird auch aus den Arbeitsmarktdaten deutlich. Nur etwa die Hälfte (43,5 Mio.) unserer Gesamtbevölkerung von 83 Mio. ist erwerbstätig. Diese Minderheit muss also eine Mehrheit – allerdings darunter auch ihre Angehörigen – aus ihrem Erwerbseinkommen unterhalten.

Die Wirtschaftswissenschaft[5] differenziert allerdings die Art der Erwerbstätigkeit nach den unterschiedlichen Einkommensquellen, nämlich dem Markt einerseits und den öffentlichen Transferleistungen andererseits.

Die erste Gruppe der Unternehmer und der in privatwirtschaftlichen Unternehmen arbeitenden Arbeitnehmer arbeiten für den Markt, „generieren also ihr Einkommen aus der Produktion und Dienstleistung für den Markt und den Preisen/Einkommen, die sie daraus erzielen“.[6] Sie sind also die produktivste Erwerbstätigengruppe, aus deren Arbeitsergebnissen zwei weitere Drittel unserer Bevölkerung leben wollen.

Die zweite Gruppe lebt nämlich direkt oder indirekt aus öffentlichen Mitteln, also aus den Abgaben, welche die erste produktive Gruppe erarbeitet und dem Staat zumeist als Steuern oder Sozialabgaben abgeben muss. Zur letzteren Gruppe gehören zum Beispiel die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und der öffentlichen Organisationen, das Gesundheitspersonal, Lehrer, Kulturbeschäftigte und andere. Das soll nicht die Leistung dieser Menschen, zum Beispiel der Ärzte, Lehrer und Beamten u. a., mindern, sondern nur darauf hinweisen, dass diese Bevölkerungsgruppen eben nicht primär von produktivem Markteinkommen, also vom Ergebnis produktiver Arbeit, sondern sekundär von staatlichen Transferleistungen unterhalten werden.[7]

Diese zweite Gruppe lebt also indirekt von der ersten und erhält ihr Einkommen nicht aus dem Arbeitsergebnis, sondern für bloßen Zeiteinsatz.[8]

„Stellt man die beiden für den Markt leistenden Gruppen der Unternehmer der direkt für den Markt arbeitenden Mitarbeiter bzw. Arbeitnehmer mit etwa 34 % (33,9 %) den von Steuern und Sozialabgaben Lebenden (37,7 %) und den Angehörigen (28,4 %) gegenüber, so erwirtschaften auf dem Arbeitsmarkt ein Drittel der Marktleistungsträger das Einkommen für zwei Drittel weiterer Bevölkerungskreise“[9], die aus der produktiven Erwerbstätigkeit und den Abgaben der Marktleister (der ersteren Gruppe) sekundär bezahlt werden müssen.

  • Arbeitslose — 3,8 %
  • Öffentlicher Dienst/Transfereinkommen — 12,2 %
  • Rentner — 22,0 %
  • Angehörige — 28,8 %
  • Summe — 65,8 % werden von
  • Erwerbstätigkeit für den Markt 28,2 %
  • Unternehmer 6,0 %
  • Summe — 34,2 % ernährt.

In den künstlichen Boomjahren der vergangenen 20 Jahre spielten die von den Produktiven bezahlten unproduktiven oder nur teils produktiven Mitläufergruppen etwa der Arbeitslosen (3,8 %), der Rentner (22 %), der Angehörigen (28,6 %) und der Transfereinkommensbezieher (12,2 %) zwar eine zunehmende, aber noch keine dramatische Rolle.

Dies wird sich nun ändern, wenn durch den Wirtschaftsstopp eine Million Unternehmer und etwa drei bis vier Millionen Mitarbeiter aus der Wertschöpfung in die Sozialsysteme fallen und weitere Millionen Zuwanderer unser Sozialsystem stürmen, wenn sich also das Verhältnis von den Erwerbstätigen zu den Transferleistungsforderern von jetzt 1:2 auf 1:3 oder 1:4 ändert. Dann müssen entweder die Abgaben der Erwerbstätigen dramatisch erhöht oder die Transfer- bzw. Sozialleistungen drastisch vermindert werden oder beides. Verteilungskämpfe und Revolutionen sind also vorprogrammiert.

Jedenfalls sind die Sorgen der Erwerbstätigen um ihre Zukunft, um ihren Wohlstand, um ihre Existenz berechtigt. Wenn eine grüne produktions- und wirtschaftsfeindliche Regierung allein schon wegen ihrer Immigrationsversprechen vor wachsenden Transferproblemen steht, wird sie im Zweifel die abnehmenden Ergebnisse der Leistungsträger auf Kosten der zunehmenden Leistungsnehmer weiter begünstigen.

Schon heute wird mehr als die Hälfte unseres Bruttoinlandsproduktes umverteilt. Je weniger also die Leistungsträger selbst behalten, desto weniger lohnt noch ihre Leistung. Wenn sich nach der Bundestagswahl die Ökologie noch auf Kosten der Ökonomie austobt, sinken Produktion, Erwerbstätigkeit und Einkommen der Leistungsträger weiter – und damit auch die Transferleistungen und Sozialabgaben an die Leistungsnehmer.

Aber vielleicht muss ein Volk der Wohlstandskinder erst die Armut wieder kennenlernen, damit es den Wert der Güterversorgung wiederentdeckt und – wie es wir Älteren nach dem Kriege hielten – Ideologie wieder durch Erwerbstätigenfleiß und Leistung ersetzt.

Anmerkungen

[1] Vgl. Hamer E. „Wer ist Mitteltand?“, Hannover 2020/2021 u. ders. „Was ist ein Unternehmer?“, München 2001 u. ders. „Mittelstand unter lauter Räubern“, Hannover 2011

[2] Vgl. Hamer, E. „Die Unternehmerlücke“, Stuttgart 1984

[3] Vgl. Hamer, E. „Die Unternehmerlücke“, Stuttgart 1984

[4] Vgl. Hamer/Jörgens „Wer ist Mittelstand?“, Hannover 2021, S. 75 ff. und ders. „Die Unternehmerlücke“, a. a. O., S. 124

[5] Vgl. Hamer/Jörgens „Wer ist Mittelstand?“, S. 162 ff.

[6] A. a. O., S. 162

[7] A. a. O., S. 163

[8] Auch ohne Ergebnis

[9] Vgl. Hamer/Jörgens „Wer ist Mittelstand?“, S. 163

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Bearbeitungsstand: Dienstag, 27. Juli 2021

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