Ein sudetendeutsches Genie der Spätromantik


Zum hundertzehnten Todestag von Gustav Mahler

Von Rüdiger Stix

Vor gerade einmal einhundertzehn Jahren, in der Blütezeit der Jahrhundertwende und vor dem Höllensturz Europas in den Weltkrieg, starb Gustav Mahler am 18. Mai 1911. Begraben wurde er auf dem Grinzinger Friedhof, neben seiner vierjährig verstorbenen Tochter Maria Anna Mahler, deren Andenken in den uns allen bekannten „Kindertotenliedern“ weiterlebt.

Gustav Mahler ist mit Büchern an seinem Sanatoriumsbett gestorben, und er hat bis zuletzt in seinen Werken immer wieder die Sprache und die Musik miteinander verbunden, beginnend von Märchen und Sagen über die Argonauten von Franz Grillparzer bis hin zu Friedrich Nietzsches „Worten des Zarathustra“ und bis zur Sage um Doktor Faust von Johann Wolfgang von Goethe.

Von Kalischt über Wien nach New York und zurück nach Wien

Aber beginnen wir von vorne: Gustav Mahler erblickte das Licht der Welt in Böhmen, in Kalischt, und sein Leben führte ihn nach Wien, nach New York an die Metropolitan Opera und schließlich wieder nach Wien zurück. Gustav Mahler ist bis heute rund um den Erdball einflussreich als Komponist und Dichter, und er ist einer der großartigsten Repräsentanten spätromantischer Wiener Klassik.

Gemeinsam mit Sigmund Freud, zu dem er nicht nur in Wien enge Beziehungen hatte, und den er später auch nochmals im Rahmen seiner dramatischen Beziehungsprobleme kontaktierte, die er mit seiner Frau, der legendären Alma Mahler-Werfel, hatte, ist Gustav Mahler wohl einer der weltweit bekanntesten Sudetendeutschen aus der uralten deutschjüdischen Tradition der altösterreichischen Kronländer Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien.

Mahlers Eltern zogen dann von Kalischt in das wunderschöne Iglau, wo Mahler den überwiegenden Teil seiner Jugend verbrachte. Gustav war der Zweitgeborene, und von den insgesamt vierzehn Kindern starben sechs früh. Als er vier Jahre alt war, begann Gustav seine musikalische Erziehung mit Akkordeon und Klavier. Er besuchte die Grundschule, später das Gymnasium, las schon als Schüler ausnehmend viel. Er hörte die Volks- und die Tanzmusik der Stadt genauso wie die Militärmusik der in der Garnison Iglau stationierten Soldaten, und natürlich auch die Musik in der Synagoge. Alle diese Elemente sind auch in seinen Werken immer wieder zu finden.

Zwei unvollendete Opern

Mit fünfzehn Jahren ging er auf Ratschlag eines Freundes der Familie nach Wien ans Konservatorium und studierte bei Julius Epstein Klavier, und bei Franz Krenn Komposition, worauf er in beiden Fächern gleich im nächsten Jahr den ersten Preis gewann. 1877 stellte er sich der Abschlussprüfung am Gymnasium in Iglau. Beim ersten Versuch fiel er zwar durch, schaffte es aber beim zweiten Mal. In seinen Jahren am Konservatorium in Wien arbeitete Mahler an zwei Opern, die unvollendet blieben, und zwar die eine zum Thema der Argonauten nach Franz Grillparzer, und die zweite über eine der volkstümlichsten Sagengestalten aus dem Sudetenland, den Rübezahl.

Mahler studierte auch einige Semester lang Archäologie und Geschichte sowie bei Eduard Hanslick auch spezielle Musikgeschichte. Er hörte Vorlesungen bei Bruckner und verkehrte im literarischen Freundeskreis um Engelbert Pernerstorfer.

Beide Eltern starben, als Mahler noch keine dreißig Jahre alt war. Danach fühlte er sich verpflichtet, für seine jüngeren Geschwister zu sorgen. Er half seinen Brüdern, bis sie selbstständig waren. Einer von ihnen wanderte nach Amerika aus. Mahler nahm seine Schwester Justine zu sich, die ihm bis zu ihrer Heirat viele Jahre den Haushalt führte.

Musikalischer Austausch mit Wagner, Tschaikowsky und Brahms

Mahler entwickelte sich im Austausch mit praktisch allen Musikgenies seiner Zeit, von Richard Wagner über Tschaikowsky bis Brahms, und von Budapest über Kassel bis nach Hamburg. Der Kontakt und der Respekt waren gegenseitig, aber in den realen Machtverhältnissen gab es natürlich die bekannten, heute bei uns fast unvorstellbaren gegenseitigen Ablehnungen auf Grund der Gesinnung, obwohl formell das Staatsgrundgesetz für jedermann die Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit seit 1867 festgeschrieben hatte. Gustav Mahler schrieb jedoch „Mein Judentum verwehrt mir, wie die Sachen jetzt in der Welt stehen, den Eintritt in jedes Hoftheater. Nicht Wien, nicht Berlin, nicht Dresden, nicht München steht mir offen. Überall bläst der gleiche Wind.“

Im Februar 1897 konvertierte Mahler zum Katholizismus und ließ sich gemeinsam mit seinen beiden Schwestern Justine und Emma in der Hamburger St. Ansgarkirche, dem „Kleinen Michel“, taufen, was ihm natürlich umgehend bei seiner Bestellung zum ersten Kapellmeister der Wiener Hofoper vorgehalten worden ist – mit der Anspielung auf die Worte des König Heinrich IV. „Paris ist eine Messe werth“.[1] Der Kapellmeister Mahler dachte wohl ähnlich, als er sich taufen ließ, um die Anwartschaft auf die Leitung der k. k. Hofoper zu erlangen. Dennoch begann Gustav Mahler gleich im April 1897 an der Hofoper in Wien mit gerade einmal 38 Lebensjahren als erstaunlich junger Chef. Er wählte für seine Antrittsvorstellung am 11. Mai 1897 Richard Wagners „Lohengrin“.

Zehn Jahre lang wirkte Gustav Mahler in der für die gesamte Welt herausragenden Stellung des ersten Kapellmeisters und Direktors des Wiener Opernhauses. Seine Vorstellung von Oper als Einheit von Musik und Darstellung orientierte sich an Richard Wagners Begriff des Gesamtkunstwerks, und in dem Repertoire, das ihm am Herzen lag, also Mozart, Beethoven und Wagner, leistete er Hervorragendes.

Am 24. November 1907 dirigierte Mahler zum letzten Mal in Wien, nachdem ihm die Aufführung der Salome von Richard Strauss von der Zensur verboten worden war, und schon im Januar 1908 begann sein Vertrag bei der Metropolitan Opera in New York, wiederum mit Richard Wagner. Es waren spannende Jahre in Amerika zwischen Arturo Toscanini, Enrico Caruso und Leo Slezak, aber zum Sterben begab sich Gustav Mahler vor einhundertzehn Jahren wieder nach Wien.

Nach seinem Tod heiratete Mahlers Witwe Alma den Architekten Walter Gropius und später, nach ihrer Scheidung von Gropius, den Dichter Franz Werfel. Bereits ein Jahr danach schuf Thomas Mann in der Novelle „Der Tod in Venedig“ ein literarisches Denkmal für Gustav Mahler. Darin trägt der Protagonist, der Schriftsteller Gustav Aschenbach, Züge des Komponisten Gustav Mahler.

Später verstärkt Luchino Visconti in seinem Film „Tod in Venedig“ diesen Eindruck noch, indem er aus Aschenbach einen Komponisten macht. Gustav Mahler jedoch wurde und bleibt unsterblich.

Anmerkung

[1] Seine Konversion zum Katholizismus bezeichnete Heinrich IV als „gefährlichen Sprung“ („saut périlleux“). Der dazu immer wieder zitierte Satz „Paris ist eine Messe werth“ („Paris vaut bien une messe“) wurde ihm später angeblich von den Protestanten in den Mund gelegt. Jedenfalls stand nach dem Konfessionswechsel Heinrichs Thronanspruch nichts mehr im Wege.

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Bearbeitungsstand: Dienstag, 27. Juli 2021

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