Das Ende der westlichen Vorherrschaft


Ein geopolitischer Rundblick

Von Gerulf Stix

Der Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan markiert eine Wende. Wie jede der vielen zeitgeschichtlichen Wenden besitzt auch diese eine lange Vorgeschichte. Dazu gehört, dass sich große Umbrüche meistens über Generationen hinziehen und ihre Anfänge oft gar nicht bemerkt werden. Irgendwann überschreitet der längst im Gange befindliche weltgeschichtliche Umbruch die kritische Grenze. Plötzlich wird er sichtbar. Dann wird sein Anfang an einem bestimmten Großereignis festgemacht. Der hastige Rückzug der USA aus Afghanistan ist ein solches Großereignis. Abgesehen davon legt die Widerstandskraft der freiheitsdurstigen Afghanen, besonders der Paschtunen, ein eindrucksvolles Zeugnis ab von der Kraft nationalen Wollens: „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren …“ (Friedrich Schiller, Wilhelm Tell).

Über Afghanistan hat Bertram Schurian schon des Öfteren in den Genius-Lesestücken geschrieben. Belege dafür wird unsere Leserschaft nicht zuletzt in Schurians Artikel hier im Genius-Lesestück Nr. 2 finden. Aber er wies auch früher schon, und das zu wiederholten Malen, darauf hin, dass Washington seinen Zenit als Weltpolizist Nr. 1 in Wirklichkeit bereits überschritten hat. Das Fiasko der US-amerikanischen Niederlage in Afghanistan macht das jetzt vor den Augen der Weltöffentlichkeit erst richtig sichtbar. Dabei hat der Kampf um die Beherrschung Afghanistans und damit Zentralasiens eine lange Vorgeschichte. Diese beginnt keineswegs erst mit dem „Kalten Krieg“ und dem Einmarsch der inzwischen untergegangenen Sowjetunion Anfang der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts in Afghanistan. In den Jahren danach unterstützten die USA sogar ihre heutigen Feinde, nämlich die Taliban, gegen die Sowjets! Besonders rüsteten die USA damals die Taliban mit Luftabwehrraketen gegen die anfangs erfolgreichen sowjetischen Kampfhubschrauber aus.

Aber die Geschichte geht noch weiter zurück. Die Nordamerikaner rückten erst im Kalten Krieg an die Stelle der Engländer. Die Briten hatten den politischen Machtkampf um Zentralasien wegen ihrer seinerzeitigen Kolonie Indien gegen die vermuteten Ambitionen des zaristischen Russlands schon Mitte des 19. Jahrhunderts geführt. So verloren die Engländer im Jahr 1842 rund 30.000 Soldaten in Afghanistan nach ihrem schmachvollen Rückzug aus Kabul. Erst nach einer langen Pause konnten die Briten ein dann aber weitgehend autonomes Protektorat in Afghanistan errichten, das schließlich bis 1919 hielt.[1] Die Geschichte Afghanistans war und ist eine blutige.

Das Menetekel Vietnam

Nicht nur die Niederlage der USA in Afghanistan, sondern schon deren gewaltige Niederlage im Vietnam-Krieg zeigte die Grenzen der westlichen Vormacht auf. In Vietnam unterstützten die USA ursprünglich ihre späteren Feinde gegen die ganz Indochina beherrschende Kolonialmacht Frankreich. Später verrieten die USA ihre Verbündeten und schlugen sich auf die Seite der Franzosen. Trotzdem ging Frankreich als Kolonialmacht in Vietnam unter (entscheidende Niederlage in Điện Biên Phủ). Wiederum im Zeichen des Kalten Krieges schlitterten die USA in Vietnam in einen wahrlich mörderischen Krieg gegen den Vietcong. Laut einem Bericht im Arte-TV warfen die USA dabei rund eine Million Tonnen an Bomben mehr (!) als im ganzen Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland und Japan zusammen genommen ab. Trotzdem siegte der Vietcong. Die USA mussten fluchtartig Südvietnam und dessen Hauptstadt Saigon verlassen. Trotz umfangreicher Evakuierungen wurden viele südvietnamesische Helfer ihrem bitteren Schicksal überlassen. Erinnert das nicht an die heutigen Zustände in Kabul? US-Präsident Biden hatte nebenbei mit den Taliban die Beendigung der amerikanischen Evakuierungen mit Ende August fix vereinbart. Übrigens überließen schon die Franzosen bei ihrer plötzlichen Beendigung des Algerienkrieges 1962 – Paris betrachtete bis dahin Algerien als seine Kolonie (Algérie française) – Tausende von frankophonen Algeriern gnadenlos ihrem bösen Schicksal. Die Weltgeschichte wiederholt sich leider immer wieder.

In Afghanistan haben sich nicht bloß die NATO insgesamt, sondern speziell die westlichen Geheimdienste blamiert. Ihre Lageberichte gaben, von Ausnahmen abgesehen, keineswegs die Realität wieder. Und der frühere bundesdeutsche Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) verstieg sich sogar zu der Aussage, „die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch zu verteidigen“. Diesen Kotau vor den USA, der Siegermacht im Zweiten Weltkrieg, musste der Außenminister von Merkels Gnaden, der SPD-Mann Heiko Maas, im Schlamassel von Kabul ausbaden. Deutschland ist ein besiegtes Land und operiert unter einer Schein-Souveränität, so gut es eben kann.[2]

In Wahrheit erklärt sich der Rückzug aus Afghanistan nicht bloß durch falsche Lageeinschätzungen, sondern er geht insgesamt massiv zu Lasten des gesamten Westens.

Die Nachbarstaaten Afghanistans sind alarmiert

Der Rückzug der USA und ihrer Verbündeten verändert nicht nur die politische Lage in Zentralasien gewaltig. Die Rückwirkungen berühren auch die Position der USA im gesamten Orient. Es liegt auf der Hand, dass die Nachbarländer rund um Afghanistan sich mit den dort wiederum herrschenden Taliban so oder so arrangieren müssen. Schon von 1996–2001 beherrschten die Taliban das gerade von den Sowjets befreite Land. Damals wurden sie nur von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Pakistan, alles islamische Staaten, anerkannt. Pakistan, dessen Grenzen zu Afghanistan immer durchlässig waren und das als Rückzugsgebiet für alle Sorten von Untergrundkämpfern gilt, ist für westliche Augen sowieso in mehrfacher Hinsicht ein unsicherer Kantonist. Einzig das umstrittene Einfrieren der afghanischen Auslandsguthaben bietet den USA einen Hebel für Verhandlungen mit den Taliban. Verhandlungen der USA mit den Taliban finden laufend statt; übrigens ebenso seitens Deutschlands. Es bleibt ja auch nichts anderes übrig.

Auch Russland, das seine Lektion gelernt hat, hofiert einerseits die Taliban, andererseits verstärkt es seine militärische Präsenz gegenüber dem islamistischen Afghanistan durch gemeinsame Übungen mit den früheren Sowjetrepubliken Tadschikistan und Usbekistan, die an Afghanistan grenzen. Alle Nachbarn Afghanistans sind muslimische Staaten! Unbeschadet aller internen religiösen Streitigkeiten tauchen dort auch Kämpfer des „Islamischen Staates“, wie der blutige Anschlag am Kabuler Flughafen zeigte, mehr oder weniger behelligt unter. Ebenso tummeln sich in Pakistan wie in Afghanistan Nachfolger der seinerzeitigen Al-Quaida (Osama bin Laden). So nimmt es nicht wunder, dass alle diese Länder als Rückzugsgebiete für unentwegte Kämpfer des Islamischen Staates (IS) vom Westen argwöhnisch beäugt werden.

Der islamische Gottesstaat Iran, der im Westen an Afghanistan grenzt, spielt eine besondere Rolle. Die Iraner sind Schiiten, die Taliban in großer Mehrheit Sunniten. Natürlich schaut der Iran auf seine schiitische Minderheit, die Hazara, in Afghanistan. Aber die USA sind für den Iran wie für die Taliban ein gemeinsamer Gegner. Außerdem schafft die gemeinsame Grenze zwischen beiden Ländern viele Verbindungen.

Der Orient orientiert sich um

Schwer erschüttert ist auch das Ansehen der USA und damit des gesamten Westens im Nahen Osten, dem Orient. Nach deren Rückzug aus Afghanistan und dem für Dezember dieses Jahres angekündigten Abzug der US-Truppen aus dem Irak wird die früher quasi als allmächtig angesehene Vormacht des Westens von allen der im Weichbild des Orients oder dort selbst angesiedelten Staaten als unzuverlässiger Verbündeter eingestuft. Eine Ausnahme macht Israel. Es verlässt sich auf das starke jüdische Element und dessen Einfluss in den USA. Israels diplomatische Einigung mit den Arabischen Emiraten wird seine Stellung in Nahost stärken.

Im Kampf gegen den vorläufig besiegten IS waren insbesondere die Kurden mit den USA verbündet. Aber auch die Kurden wurden nachher von der Nordamerikanern im Stich gelassen und fühlen sich verraten. Das alles trägt zum enormen Gesichtsverlust der USA bei.

Hingegen sieht sich der muslimische Gottesstaat Iran als Gewinner in dem ganzen Geschehen. Er hofft, das Erbe der Amerikaner im Irak antreten zu können. Der irakische Premier Kadhimi bemüht sich vergeblich, Irans Einfluss im Irak zurückzudrehen. Sein Gipfel Ende August in Bagdad, an dem u. a. die Türkei und Frankreich teilnahmen, brachte nur ein allseitig vorsichtiges Abklopfen nach Eintritt der neuen Gesamtlage zustande. Direkt und indirekt fördert der Iran die vielen schiitischen Organisationen, die wie die Hizbollah offen oder aber im Untergrund arbeiten. Natürlich verfolgen diese Organisationen eigene Ziele, dienen aber praktisch der Stärkung des Einflusses Teherans im Orient. Israel fühlt sich dadurch bedroht, desgleichen Saudi-Arabien.

Ungeachtet der massiven islamischen Mission weltweit – friedlich wie gewalttätig – darf nicht übersehen werden, dass es teils erbitterte Machtkämpfe zwischen den Schiiten und den Sunniten unter den Mohammedanern gibt, um nur die beiden wichtigsten Gruppen zu nennen. Ohne auf die religionsgeschichtlich erklärbaren Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten eingehen zu können, sei aus Gründen besserer Verständlichkeit der Vergleich mit katholischen, orthodoxen und evangelischen Christen gewagt. Auch diese haben einander in der Vergangenheit erbittert bekämpft. Europa hat mit ungezählten Religionskriegen und Vertreibungen von Christen durch Christen jahrhundertelang schlimme Erfahrungen gemacht. So wurde die Bevölkerung Mitteleuropas im Dreißigjährigen Krieg mehr als halbiert. Extremistische Geistliche, gleichgültig welcher Konfession, wenn sie sich im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnten, haben seit jeher zur gewalttätigen Verbreitung ihres Glaubens aufgerufen. Daher ist nicht auszuschließen, dass die Expansion des Islam durch Religionskriege zwischen Schiiten und Sunniten ebenfalls ins Stocken gerät. Die Anzeichen dafür mehren sich. Abgesehen davon wirkt sich auch der aufgeklärte Zeitgeist, der praktisch allen tradierten Religionen ins Gesicht bläst, aus. Die rasanten Fortschritte der Naturwissenschaften tragen das Ihrige dazu bei. Trotzdem oder gerade deswegen sowie auf Grund allgemeiner Rivalitäten ist ein Bürgerkrieg in Afghanistan möglich.

Selbstverständlich geht es nicht bloß um eine allgemeine Machtfrage im Orient, sondern maßgeblich auch um die Frage der Atombewaffnung. Iran steht dicht vor dem Bau der eigenen Atombombe. Diese fürchtet Israel, das selbst eine Atommacht ist. Die USA haben bekanntlich das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt. Während sich dieser nicht mehr an das alte Abkommen gebunden fühlt, tagen alle Beteiligten in Wien, um über den Versuch zu verhandeln, doch noch zu einem neuen Abkommen zu gelangen, bevor die Katze aus dem Sack (sprich: eine iranische Atombombe) ist. Merke: Auch das islamische Pakistan ist eine Atommacht. Die Aussichten für einen positiven Abschluss der Wiener Verhandlungen sind ziemlich düster. Derzeit pokern alle Seiten hoch. Somit entsteht allmählich das Menetekel eines Krieges im Orient, der schneller, als allen Betroffenen gewärtig ist, zu einem Atomkrieg ausarten könnte. Egal wer damit anfängt, die Folgen wären verheerend.

Die Türkei und Erdog˘ans Traum

Dass Präsident Erdog˘an erstens die Türkei, gleichfalls ein muslimischer Staat, hinter einer demokratischen Fassade quasi diktatorisch regiert, und zweitens von der Wiederherstellung eines osmanischen Großreiches träumt, dürfte bekannt sein. Der Rückzug der USA erweitert nun Erdog˘ans Spielraum. Zwischen den Taliban und der Türkei gibt es laufend Gespräche. Wie intensiv diese sind, beweist der Umstand, dass die Türkei den Flughafen von Kabul übernehmen und verwalten wird. An ihrer Ostgrenze baut die Türkei gerade an einer gigantischen Mauer. Abgesehen davon kämpft die Türkei gegen die von den USA im Stich gelassenen Kurden schon seit Längerem. Sie will unter allen Umständen das Entstehen eines kurdischen Staates an ihrer Südgrenze verhindern. Diesem Zweck wird auch die Beachtung der syrisch-türkischen Grenze untergeordnet.[4] Weniger Aufmerksamkeit als das türkische Geplänkel mit der EU und mit den USA findet das zähe Ringen um die Erdgas-Funde im östlichen Mittelmeer. Desgleichen das türkische Engagement in Libyen, wo ägyptische und türkische Interessen sowie diejenigen anderer Staaten und der UNO aneinanderstoßen.

In diese wirre Interessenlage hinein platzen nun der plötzliche Abzug der USA aus Afghanistan und ihr angekündigter Rückzug aus dem Irak. Und in Damaskus residiert entgegen den westlichen Wünschen immer noch Assad, obschon Syrien in einem langen Bürgerkrieg zerstört wurde, seine Bevölkerung verarmt, weitgehend vertrieben oder geflüchtet ist.

Die Position der Türkei gegenüber ihrem Nachbarland Syrien wird sich nach der Räumung des Iraks durch die US-amerikanischen Truppen nochmals verschieben. Und der Libanon ist ein untergehender Staat.

In Nordafrika breitet sich Chaos aus

Im schon erwähnten Libyen herrscht nach dem Sturz und Tod Gaddafis nach wie vor Chaos. Die „internationale Gemeinschaft“, mit dabei die EU und besonders voran Frankreich, haben sich in Libyen wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Nicht nur die Türkei mischt dort mit, sondern auch der mächtige Nachbar Ägypten. Es mutet eigenartig an, dass ausgerechnet die USA, offiziell weltweit Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte, den ägyptischen Militärdiktator Präsident Al-Sisi als ihren Verbündeten betrachten. Realpolitik und erklärter Idealismus als „hehre Politik“ sind augenscheinlich zwei Paar Schuhe. Die Welt strotzt vor Heuchelei. Wie dem auch sei, Präsident Sisis Stellung ist durch die Niederlage des Westens in Afghanistan enorm aufgewertet worden.

Nachdem der „arabische Frühling“ in ganz Nordafrika (und darüber hinaus) kläglich gescheitert ist, muss auch diese Entwicklung als Scheitern westlicher Vorstellungen beurteilt werden. Jüngst erst haben sich im demokratischen Vorzeigeland Tunesien Dinge ereignet, die in Richtung autokratischer Versuche weisen. Damit mehren sich die autokratischen Vorzeichen, die die islamischen Staaten von Nordafrika über die Türkei und den iranischen Gottesstaat bis nach Afghanistan dominieren. Über Russland und China wird später noch in diesem Artikel zu sprechen sein.

Afrika als schlafender Riese

Nicht nur Nordafrika, ganz Afrika und vor allem Schwarzafrika (unterhalb der Sahelzone) befindet sich in einer Bewegung, die entgegen den offiziell betonten Vorstellungen des Westens verläuft. Das Thema Afrika ist insgesamt zu groß, als dass es praktisch nebenbei in einer globalen Lageanalyse auch nur annähernd der Sache gerecht abgehandelt werden könnte. Dennoch muss Afrika in einen geopolitischen Lagebericht hier aufgenommen werden.

Der missionarische Islam macht sich auch in Afrika empfindlich bemerkbar. Der Rückzug der französischen Truppen mit der ihnen geleisteten deutschen Hilfe aus umkämpften Gebieten in Mali signalisiert Resignation. Westliche Resignation zeigen auch die Bilder aus dem Kongo, dem Sudan und weiter bis Südafrika. In diesem riesigen Gebiet mit gänzlich verschiedenem Entwicklungsstand ereignen sich unterschiedliche Dinge, die in ihrer Größenordnung unsere gewohnten europäischen Vorstellungen übersteigen. Boomende Großstädte blühen in verwestlichter Zivilisation, während es gleichzeitig trostlose Landstriche mit dahinvegetierenden Bewohnern gibt.

Es tobt ein internationaler Kampf um Bodenschätze (Rohstoffe) und um Landflächen gewaltigen Ausmaßes für die Bewirtschaftung. China ist emsig dabei, in Afrika Fuß zu fassen. Aber in Wirklichkeit versuchen alle mehr oder weniger großen Staaten, auch die Europäische Union als Staatenbund sui generis, ihre Interessen, so verschieden diese auch sein mögen, in Afrika zu behaupten. Doch alle machen die Rechnung ohne den schwarzen Mann und die schwarze Frau.

Die Demografie zeigt die Rückstufung aller „Weißen“

So ungewiss die Entwicklung Schwarzafrikas auch sein mag, in einer Hinsicht ist sie gewiss: Die explosive Steigerungsrate seiner Bevölkerung wird anhalten und damit die Zukunft nicht allein Afrikas bestimmen. In einer Übersicht der UNO, die die Bevölkerung Afrikas für 2015 mit 1,2 Milliarden Menschen ausweist, verdoppelt sich diese auf 2,4 Milliarden bis etwa 2050 und dann nochmals auf 4,4 Milliarden bis zum Jahr 2100. Afrika dürfte dann 40 Prozent der Weltbevölkerung stellen, Europa nur noch rund 6 Prozent.[5]

Was diese demografischen Zahlen – sogar falls sie zu hoch gegriffen sind – für den Westen bedeuten, bedarf keiner weiteren Erklärung. Die ähnliche Entwicklung in den USA selbst wird weiter unten betrachtet werden. Für das heutige Europa wird ganz abgesehen von der aktuellen Fluchtbewegung aus Afghanistan die nach wie vor stattfindende Masseneinwanderung aus Afrika zu einer der existenziellen Fragen. Oft und oft wurde dazu in den Genius-Lesestücken Thilo Sarrazin erwähnt.[6] Als Ex-SPD-Mitglied hat dieser mutige Verfasser des Buches „Deutschland schafft sich ab“ viele Male die „Willkommenskultur“ und damit auch Angela Merkels betonte Unterstützung der Masseneinwanderung kritisiert. Allen, die heute noch Masseneinwanderung und Massenintegration gutheißen, sei ein alter Spruch ins Gedächtnis gerufen: „Wen die Götter stürzen wollen, den schlagen sie mit Blindheit.“

Russland profitiert vom Rückzug der USA

Dass Putin, der sein Reich hinter einer demokratischen Fassade autoritär regiert, und damit Russland durch die Niederlage der USA in Afghanistan aufgewertet wurde, liegt auf der Hand. Putin, ein erfahrener Staatsmann, konnte seine Genugtuung kaum verbergen. Gönnte er den USA das Scheitern, so traf er doch gleichzeitig die nötigen Sicherungsmaßnahmen gegenüber dem missionarischen Islam an der Südflanke Russlands, der durch die Machtübernahme der Taliban, mit denen Russland wieder spricht, gestärkt wurde. Der vom Süden her andrängende Islamismus ist für Russland eine Gefahr.

Insgesamt wurde die Position Russlands gegenüber dem gesamten Westen deutlich verbessert, die der Ukraine geschwächt. So sehr auch der Westen, d. h. die USA und die EU sowie deren Verbündete, auf einer Rückgabe der Krim und des Donbas durch Russland bestehen, so sieht es derzeit und auch in Zukunft nicht nach einem Einlenken Moskaus aus. Die geschwächten USA wirken mit ihren Drohungen kaum, und mit den europäischen Staaten betreibt die russische Außenpolitik ohnedies ein eigenes Spiel. Der Besuch Merkels bei Putin lässt viele Fragen offen.

Sorge bereitet nicht nur die Ukraine, sondern mehr noch Weißrussland. Der dortige Diktator Lukaschenko hält nicht allein dem Druck der Straße nach wie vor Stand. Im Gegenteil lehnt er sich mehr denn je an Russland an, von dessen Hilfe er lebt. Langfristig könnte es Russland sogar gelingen, Weißrussland unter seine Oberherrschaft zu bringen und damit dessen ganzes Territorium faktisch wieder zu gewinnen. Ein Ergebnis, mit dem die Demokratiebewegung in Minsk sicherlich nicht gerechnet hat. Die baltischen Staaten und auch das angrenzende Polen sind jedenfalls durch die nun tatsächlich eingetretene Entwicklung aufs Höchste alarmiert.

Der Koloss China

Der Sprung von Russland zu China erscheint gewaltig, doch bleiben wir damit gleichwohl in Asien, dessen geografisches Anhängsel das kleine Europa ist. Über das Rot-China des Xi Jinping hier ausführlich zu sprechen, erübrigt sich angesichts der ständigen Diskussionen über dessen globale Expansion. Fakt ist, dass der Rückzug der NATO aus Afghanistan ebenfalls die Bedeutung des kommunistischen Chinas enorm gestärkt hat. Dessen Bestrebungen, sich Zugang zu den reichen Rohstoffvorkommen Afghanistans zu verschaffen, wird die laufenden Gespräche zwischen den Taliban und Peking beflügeln.

Beachtenswert ist die neue Hinwendung der USA zum pazifischen Raum und die erklärte Konfrontation mit Rot-China. Der neue Pakt der USA mit Kanada, England und Australien hat Frankreich, das dadurch „seinen“ U-Boot-Auftrag nun an die USA verloren hat, mehr als verschnupft. Die USA waren immer schon eine pazifische Macht, was in Europa wegen des entscheidenden Eingreifens der USA in beiden Weltkriegen gern übersehen wird.[7]

Der Konfrontationsschwenk der USA wird von den Staaten, die sich von Chinas Expansion bedroht fühlen, einerseits begrüßt, andererseits werden die USA nach ihren Niederlagen in Vietnam und Afghanistan misstrauisch beäugt. Hauptsächlich der Inselstaat Taiwan fühlt sich gar nicht wohl in seiner Haut. Offiziell wird er ganz offen von Rot-China als chinesische Provinz betrachtet. Nur die militärische Beistandspflicht der USA und seine eigenen starken Streitkräfte haben bisher die Drohungen Pekings, die Einverleibung Taiwans nötigenfalls mit Gewalt vorzunehmen, in Schach gehalten. Aber Peking hat viel Geduld, und die Zeit arbeitet für Rot-China.

Ähnlich unwohl fühlt sich Südkorea. Bekanntlich endete der seinerzeitige Koreakrieg (1950–1952) durch eine Teilung des Landes in einen westlichen Süden und einen kommunistischen Norden. Südkorea stellt sich heute global als wirtschaftlich bestens florierender Staat dar. Aber es hängt praktisch von den USA und deren Schirmherrschaft ab.

Besser als Südkorea steht Japan da. Gedemütigt durch die USA, die das in Fernost markant expandierende Japan im Zweiten Weltkrieg vernichtend besiegten, wird dieses erstaunliche Inselreich heute zu einem besonders wichtigen Bündnispartner der USA. Schritt für Schritt werden die ihm auferlegten militärischen Beschränkungen aufgehoben. Japans Aufrüstung – von der Bevölkerung nur mäßig goutiert – macht Riesenfortschritte. Für die USA scheint diese Entwicklung günstig, doch bleibt sie gerade für die Vereinigen Staaten von Amerika langfristig zweischneidig.

Indien, mit deutlich über einer Milliarde Menschen der zweitvolkreichste Staat der Welt, ist mit seiner hinduistischen Mehrheit und buddhistischen Minderheit eingeklemmt zwischen dem islamischen Pakistan und dem „gottlosen“ China. Aus erkennbarem Eigeninteresse wird Indien zum wichtigsten Verbündeten der USA in Asien werden. Desgleichen muss Europa am erfolgreichen Bestehen von Indien lebhaft interessiert sein. Hoffentlich wird das begriffen.

Die USA selbst sind innerlich zerrissen

Das 20. Jahrhundert war eindeutig das Jahrhundert der USA. Sie entschieden beide Weltkriege, rangen wirtschaftlich die Sowjetunion nieder und standen um das Jahr 2000 unangefochten als erste Weltmacht mit nie zuvor dagewesener militärischer und wirtschaftlicher Macht da. Nach der Jahrtausendwende bröckelte diese Macht allmählich ab. Zuerst kaum merkbar, dann immer schneller und mit der Niederlage in Afghanistan sowie dem Aufstieg Rot-Chinas wurde diese Veränderung vor den Augen aller schließlich sichtbar. Niemand kann heute sagen, wie diese Entwicklung weitergehen wird.

Einen gewissen Aufschluss gibt ein kurzer Blick auf die innere Entwicklung in den Vereinigten Staaten von Amerika. Während im Vordergrund aller Nachrichten die Spaltung der Gesellschaft nach Anhängern der Demokraten und der Republikaner steht (Trump contra Biden), geht die Spaltung in Wirklichkeit tiefer. Das Entstehen der „Black Lives Matter“-Bewegung“, der „Sturm aufs Capitol“ und ähnliche Ereignisse signalisieren eruptive Entwicklungen. Auskunft über die langfristige Entwicklung gibt die Demografie.

Nach einem Bericht der NZZ vom 16. August 2021 stellen die „Nichtweißen bei den unter 18-Jährigen bereits die Bevölkerungsmehrheit (52,7 Prozent)“. Nach William Frey werden „die Weißen ungefähr im Jahr 2045 zu einer Minderheit werden“. Wenn man bedenkt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika am Höhepunkt ihrer Expansion, also nach ihrem Sieg über die Spanier, nach dem Bürgerkrieg und nach dem Sieg über Mexiko überwiegend von ausgewanderten Nord-, Mittel-, West- und Osteuropäern dominiert wurden, stimmt die jetzige Entwicklung nachdenklich.

Die „weiße Bevölkerung schrumpft anscheinend unaufhaltsam“, schreibt die NZZ. Die sogenannte „Rassenvermischung“ erhöhte sich von 9 auf mehr als 33 Millionen, sie verliert zusehends an ideologischer Bedeutung. Die schleichend vonstatten gehenden Veränderungen werden langfristig enorme Auswirkungen zeitigen.

Das Vordringen der Latinos, die keine homogene ethnische Gruppe darstellen, in Nordamerika wird den einstigen Kriegsverlierer im Krieg mit den USA von 1846–1848, nämlich Mexiko, aufwerten.

Was aus dem früheren „Hinterhof der USA“, aus Südamerika, wird, ist völlig offen. War es einst (Monroe-Doktrin) mehr oder weniger eine Angelegenheit der Nordamerikaner, so entwickelt es selbstbewusst mehr und mehr seine Unabhängigkeit. Südamerika kann hier nicht weiter betrachtet werden. Dieser Kontinent ist erstens zu vielschichtig und befindet sich zweitens in einer ungemein dynamischen Entwicklung, auch politisch. Festgehalten werden muss nur, dass trotz intensiven Einwirkens des CIA die Selbstständigkeit der südamerikanischen Großstaaten gegenüber den USA zunimmt.

Das schleichende Ende der Vorherrschaft

Global gesehen hat die Vormacht „der Weißen“ – das sind nun einmal die USA – den Zenit ihrer weltweiten Vorherrschaft überschritten. Europa als Anhängsel der USA wirkt ohne diese eher hilflos. Die Krise der EU wird gegenwärtig in vielen Einzelfragen sichtbar und leider auch für die Menschen in Europa spürbar. Während offiziell der völkische Nationalismus nachgerade verteufelt wird, feiert der Staatsnationalismus fröhliche Urstände. Die sogenannte Corona-Pandemie hat den Staatsnationalismus in Europa sogar noch gepuscht. Zugleich verändert die ständige Masseneinwanderung aus fremden Kulturkreisen die europäischen Völker und Staaten markant. Die Entwicklung Gesamteuropas im Schlepptau der in eine Krise geratenen USA ist zutiefst beunruhigend. Die USA selbst haben ihren Glanz als bestimmende Weltmacht nach ihrer Niederlage in Afghanistan in den Augen aller verloren. Das winzige Österreich, nach dem Wunsch der Siegermächte entstanden aus zwei Weltkriegen, spielt angesichts dieser globalen Entwicklungen keine Rolle – außer für seine nun neun Millionen Einwohner, die ziemlich genau einem Promille der Weltbevölkerung entsprechen. Diese Österreicher werden es sich „irgendwie richten“. So oder so, die Geschichte der Menschheit wird trotzdem weitergehen.

Anmerkungen

[1] Vgl. „Unzensuriert“, Ausgaben im August 2021.

[2] Vgl. Wolfgang Schimank, „Ist Deutschland ein souveräner Staat?“, Lesestück Nr. 5, Genius-Brief Sept.–Okt. 2015.

[3] Vgl. NZZ , Ausgaben im August 2021.

[4] Vgl. die Artikel-Serie von Peter Toplack in den Genius-Briefen 3–5/2021.

[5] Vgl. Genius Lesestück Nr. 1/März–April 2017.

[6] Vgl. Buchbesprechung, „Der Staat an seinen Grenzen“, Lesestück Nr. 9/Genius-Brief Nov.–Dez. 2020

[7] Vgl. Fabian Walch, „Die Welt im Umbruch“, Lesestück Nr. 2, Genius-Brief Nov.–Dez. 2020

Bearbeitungsstand: Mittwoch, 29. September 2021

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