Wikipedia, die NATO und die Geheimdienste


20 Jahre Wikipedia – Kriminelle Degeneration einer an sich guten Idee – Teil 3

Von Bernd Stracke

Nachdem Teil 1[1] dieser kritischen Trilogie die wenig schmeichelhafte Wikipedia-Entstehungsgeschichte des Online-Lexikons analysiert, es als „gigantischste Stalkingmaschine der Welt“ entlarvt und den Mega-Umfang dieser gefährlichen geistigen Machtzusammenballung sowie das Ausmaß des versuchten und vollzogenen Monopolmissbrauchs aufzeigt, befasst sich Teil 2[2] mit – dank GENIUS nun nicht mehr so ganz anonymen – denunziatorischen Wiki-Heckenschützen wie „Kopilot“, „Jesusfreund“, „Andol“ und „Feliks“, nennt weiters schlagende Beispiele für die ideologisch weitgehende Linksausrichtung von Wikipedia, was der vielgeklickten Plattform aber trotzdem Rassismus- und Frauenfeindlichkeitsvorwürfe nicht erspart. Zudem informierte Teil 2 über mittlerweile im Netz etablierte „Gegenwikis“ wie Pluspedia, Vetopedia, Everybody-Wiki und die Moscheepedia, vor allem aber die ganz böse Metapedia. Der hier vorliegende dritte Teil enthüllt nun das offensichtliche Ineinandergreifen von gut geölten Zahnrädern im „Dreiganggetriebe“ von Wikipedia, NATO und Geheimdiensten.

Wikipedia als Propaganda-Sprachrohr der NATO[3]

Im vermutlich noch manchem erinnerlichen Fall „Gladio und NATO“ spielen Wikipedia und deren Autor „Kopilot“[4] eine wenig rühmliche Rolle. „Gladio“ (italienisch für „Kurzschwert“) war der Codename für NATO-Strukturen im Kalten Krieg. Die Idee dahinter war, für den Fall eines Einmarsches von Sowjettruppen in Westeuropa sogenannte „Stay-Behind-Armeen“[5] aufzubauen, die dann als Partisanen gegen die Sowjettruppen aktiv werden sollten. Solche gab es in jedem europäischen NATO-Staat, aber auch in der Schweiz. Und es dürfte sie immer noch geben. Jedenfalls wurden die Strukturen nie offiziell für aufgelöst erklärt. Die dafür autonom arbeitenden Einheiten waren/sind gut ausgerüstet mit Waffen, Kommunikationstechnik sowie Geld und Gold, versteckt für den Tag X in unzugänglichen Wäldern. In jedem Land hatten diese Strukturen eigene Namen. In Italien, wo die Sache ans Licht kam, war die Bezeichnung „Gladio“ am geläufigsten. Heute fungiert das Vokabel als Sammelbegriff allgemein für besagte „Stay-Behind-Armeen“. Das Problem war (und ist), dass diese Armeen jenseits des Gesetzes und der parlamentarischen Kontrolle arbeite(te)n.

Die nationalen Parlamente waren nicht eingeweiht, oft nicht einmal die jeweiligen Regierungen. Beim Auffliegen 1990 soll der belgische Verteidigungsminister seinen Generalstab entgeistert gefragt haben, ob es „so etwas“ auch in Belgien gebe. Als das bestätigt wurde, soll er weiter gefragt haben, warum er als Verteidigungsminister darüber nicht informiert war. Die bestechende Antwort soll gewesen sein: „Ihr Minister wechselt ja ständig, da können wir euch nicht alles erzählen.“

In Italien kam das Ganze deshalb ans Licht, weil dort Staatsanwälte nicht weisungsgebunden sind und in ihren Ermittlungen praktisch nur gestoppt werden können, indem man sie tötet. In Deutschland hingegen entscheidet die Politik darüber, in welchen Fällen Staatsanwälte ermitteln dürfen. Nach einer EUGH-Rüge dürfen deutsche Staatsanwälte seitdem keine europäischen Haftbefehle mehr ausstellen, das ist seither nur noch Richtern erlaubt[6]. In Italien gelang es jedoch einem hartnäckigen Staatsanwalt (dort „Ermittlungsrichter“ genannt), den ehemaligen italienischen Premier Giulio Andreotti vor Gericht zu bringen, der die Existenz von „Gladio“ öffentlich zugab. Und nicht nur das. Es stellte sich heraus, dass „Gladio“ Terroranschläge verübt hatte, darunter jenen auf den Bahnhof in Bologna mit fast 100 Toten.

Tausend Wikipedia-Varianten über „Gladio“

In der ersten Wikipedia-Version über „Gladio“ las man 2004 noch: „Eine öffentliche Aufarbeitung fand bisher nirgendwo statt, obwohl einzelne Waffen und Sprengmittel aus solchen Depots bei Attentaten und Anschlägen, gerade auch in Italien, auffielen. Danach wurden in der BRD und im sich damals neutral gebenden Österreich ebenfalls geheime Waffenverstecke aufgedeckt, was aber bis heute weder medial, noch juristisch oder sonstwie aufgearbeitet wurde. Italiens bekanntes Gesetz des Schweigens (Omerta) greift länder- und themenübergreifend und zuverlässig.“

Seither wurde der Wiki-Text über „Gladio“ fast tausend (!) Mal verändert. 2007 war beispielsweise zu lesen: „1990 deckte der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson nach Recherchen in den Archiven des Militärgeheimdienstes SISMI die Existenz von ‚Gladio‘ auf. Er konnte beweisen, dass SISMI-Mitglieder, Neofaschisten und Teile des ‚Gladio‘-Netzwerks von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre in Italien zahlreiche politisch motivierte Terroranschläge und Morde begangen hatten. Dabei hatte ein Netzwerk geheimdienstlicher Stellen durch Verbreitung von Falschinformationen und Fälschung von Beweisen dafür gesorgt, dass die Verbrechen linksextremen Terroristen zugeordnet wurden, vor allem den Roten Brigaden. Die Vorgehensweise zielte auf die Diskreditierung der in Italien traditionell starken Kommunistischen Partei (KPI). Eine bis heute nicht vollständig aufgeklärte Rolle spielte dabei die Geheimloge Propaganda Due unter Licio Gelli. Andreotti gab unter dem Druck der nachfolgenden parlamentarischen Untersuchung an, dass ‚Gladio‘ auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern existierte, was einen europaweiten Politskandal auslöste und zu parlamentarischen Anfragen bzw. Untersuchungskommissionen führte, darunter in Belgien und der Schweiz. Das Europaparlament drückte nach einer Debatte am 22. November 1990 seinen scharfen Protest gegenüber der NATO und den beteiligten Geheimdiensten aus.“

Es lohnt sich aber auch, einen Blick auf spätere Wiki-Versionen zu werfen, speziell auf jene vom März 2014, nachdem der Autor „Kopilot“ den Artikel gekapert hatte und Wiki-intern ein Edit-War („Bearbeitungskrieg“) entbrannt war. Nachdem – wenig überraschend – der gut vernetzte „Kopilot“ diesen gewonnen hatte, war der Artikel schon am 1. April 2014 stark gekürzt und „entschärft“. worden. Kopilot wollte offenbar nicht, dass deutsche Leser allzu viel über „Gladio“ sowie Verbindungen zu CIA und NATO und Staatsterrorismus erführen. Anders als bei „Feliks“, der den Nahost-Konflikt augenscheinlich im Sinne der Politik Israels bearbeitet, scheint „Kopilots“ Lieblingsthema das transatlantische Bündnis zu sein. Alles, was die NATO oder die USA in ein schlechtes Licht rücken könnte, entfernt er sofort. Er „beherrscht“ eine Unzahl an Artikeln zu dem Thema, und wer versucht, dort objektive Informationen einzustellen, die der NATO-Propaganda und ihrem gewünschten Narrativ widersprechen, riskiert eine lebenslange Wiki-Sperre. In der Folge 6 der investigativen Sendereihe „Neues aus Wikihausen“ berichtet ein Autor, der mit „Kopilot“ einen Edit-War zum Thema „Gladio“ führte, detailliert, wie so etwas abläuft.

Die Macht der Geheimdienste

Diesbezüglich große Aufdeckerverdienste erwarb sich in Deutschland Markus Fiedler, der zusammen mit Dirk Pohlmann Wiki-Recherchen betreibt. Dachten Fiedler und Pohlmann zuerst noch an eine Art „Betriebsunfall“, kamen sie während ihrer Recherchen immer mehr zu dem Schluss, dass „die Wikipedia planmäßig von westlichen Geheimdiensten als Instrument für Propaganda und Desinformation eingesetzt wird“. Inzwischen sei wohl auch klar, dass es sich dabei nicht um ein rein deutsches Phänomen handle. Wikipedia – müsse man heute schlussfolgern – war „wohl nie als demokratisches Online-Lexikon geplant, sondern von Anfang an als Propaganda-Instrument angelegt“. Aufgrund von Belegen und Indizien, die Pohlmann und Fiedler für Geheimdienst-Verbindungen der Wikipedia und einiger der dort aktiven Autoren fanden, liegt für sie die Annahme nahe, dass Geheimdienste von vornherein im Boot waren. In den USA kam die Journalistin Helen Buyniski[7] zu gleichen Ergebnissen wie Fiedler und Pohlmann. Buyniskis Informationen deuten darauf hin, dass die Rolle Israels und seiner Geheimdienste bei Wikipedia noch viel größer ist als man auch nur ahnen könnte.

So wird zum Beispiel die israelische Wikimedia-Foundation, also das „juristische Dach“ der Wikipedia, von einem Mann geleitet, der vorher für eine Abgeordnete der Knesset gearbeitet hatte, die Mossad-Mitarbeiterin war. Und viele Dinge, die später in der weltweiten Wikipedia genutzt wurden und werden, wurden zuerst in Israel ausprobiert, zum Beispiel eine Zusammenarbeit von Wikipedia mit TV-Sendern. Auch die Wikimedia-Foundation in Kalifornien habe Geheimdienst-Verbindungen, und es werde nicht einmal ernsthaft versucht, diese Verbindungen geheim zu halten.

Der Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales (vgl. Teil 1) sitzt zum Beispiel im Beirat von Newsguard[8] und befindet sich in Gesellschaft von ehemaligen Geheimdienstlern, wobei jeder, der sich in der Materie auskennt, weiß, dass es per Definition keine „ehemaligen“ Geheimdienstler gibt. Und in diesem Beirat sitzen nicht bloß einfache Mitarbeiter von Geheimdiensten, sondern zum Beispiel General a. D. Michael Hayden, ehemaliger Direktor der CIA (!) und der NSA. Die Newsguard selbst bezeichnet sich auf ihrer – kostenlos downloadbaren – Homepage als „Vertrauenstool fürs Netz“, das „Desinformation bekämpft, indem dort ein Team von Analysten Nachrichten-Webseiten anhand von neun Qualitätskriterien untersucht und beurteilt“. Diese Bewertungen „zeigen Nutzern, welche Webseiten sich um seriösen Journalismus bemühen und welche nicht“.

Fehlende Informationen und viele Unwahrheiten

Eine der umfassendsten und lesenswertesten Wiki-Analysen verfasste der Osteuropa-Experte und Medienkritiker Thomas Röper[9] unter dem Titel „Wikipedia – Online-Lexikon oder Propagandainstrument? Geschichten aus Wikihausen – Neuigkeiten aus Absurdistan“. Als Röper 2015 ein Buch über die Ukraine-Krise schrieb, arbeitete er viel mit der Wikipedia. Dass sie keine wissenschaftliche Quelle ist, war ihm klar. Auf Wikipedia gab es aber viele Artikel über den Maidan, die Ukraine-Krise, die Krim und so weiter. Bei der Analyse der Wikipedia-Artikel auf Deutsch, Englisch, Russisch und Ukrainisch stellte er gravierende Unterschiede der Wiki-Fassungen in den verschiedenen Sprachen fest. Röper erkannte, dass in der deutschen Wikipedia viele Informationen fehlen, und dass sich in den Artikeln auch viele Unwahrheiten finden. Dennoch war Wikipedia für Röper – ungewollt – sehr hilfreich, denn er hatte sich angewöhnt, den Artikeln nicht blind zu glauben, sondern er studierte stets auch die angegebenen Quellen. Dabei stellte er fest: In der deutschen Wikipedia log man besonders dreist, denn teilweise stand in den Quellen das Gegenteil von dem, was im betreffenden Wikipedia-Artikel unter Bezug auf die Quelle zu lesen war! Schon damals fand Röper heraus, dass die deutsche Wikipedia „nicht objektiv über Ereignisse berichtet, sondern sie nach Lesart der transatlantischen Propaganda darstellt, auch wenn dafür die Wahrheit stark verbogen werden muss“.

Konsequente Transatlantik- und Pro-Israel-Linie

Später stieß Röper auf die Filmdokumentation „Die dunkle Seite der Wikipedia“ von Markus Fiedler, dessen Motiv, das Projekt zu realisieren, der Wiki-Rufmord-Artikel über den Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser war. Ganser ist bekannt dafür, dass er in seinen Vorträgen zu verschiedenen Themen sehr korrekt vorgeht und transparent seine Quellen nennt. Was er erzählt, ist nachprüfbar. Aber er stellt eben unbequeme Fragen – unter anderem zu 9/11, zu den Kriegen der NATO und zu Medienberichten über diese Themen. In der Wikipedia wird Ganser allerdings als „Verschwörungstheoretiker“ denunziert und sogar in die Nähe von Holocaust-Leugnern gestellt. Fiedler war aufgefallen, dass, wer derartige Netz-Verleumdungen korrigieren möchte, bei Wikipedia kommentarlos auf Lebenszeit gesperrt wird. Heute analysiert und kritisiert Fiedler zusammen mit Dirk Pohlmann in der Sendereihe „Neues aus Wikihausen“ die Wikipedia unbeirrt weiter. Dabei fand das Duo heraus, dass das „System Wiki“ nicht nur ein „deutsches Phänomen“, sondern international etabliert zu sein scheint. Journalisten in den USA kamen unabhängig von Fiedler und Pohlmann zum Ergebnis, dass einige wenige User fast alle einschlägigen Wiki-Artikel bearbeiten und „beherrschen“. Die wichtigste Gemeinsamkeit sei, dass dabei konsequent die transatlantische und die pro-israelische Linie vertreten werde und jeder, der Fakten in Artikel einarbeiten möchte, die dem offiziellen Narrativ widersprechen, verwarnt oder sogar gesperrt wird. Korrigierende Änderungen würden nicht zugelassen.

In einer Konferenz über Pressefreiheit listete Pohlmann vor versammelten internationalen Medienleuten Beispiele auf, wie Journalisten, Kabarettisten und Autoren, die sich gegen die Wiki-Linie stellen, systematisch verleumdet werden. In Wikipedia-Artikeln werden sie in die „rechte Ecke“ gestellt und als Spinner gebrandmarkt. Speziell für Kabarettisten könne das den Ruin bedeuten, denn Veranstalter würden sich oft weigern, jemandem einen Saal zu vermieten, über den derart Negatives in der Wikipedia stehe. Trauben von internationalen Journalisten, die Pohlmann nach dem Vortrag umringten und die zuvor, isoliert voneinander, gedacht hatten, sie seien Einzelfälle, waren für Pohlmann schlagende und lebende Beweise dafür, dass bei Wiki ein fast lückenloses System vorliegt.

Instrument für Rufmord, Knebelung der Meinungsfreiheit

Wikipedia sei aber nicht nur ein Instrument der transatlantischen und pro-israelischen Propaganda, sondern habe noch eine zweite Funktion: Menschen, die sich gegen diese Propaganda stellen, sollen durch Verleumdung mundtot gemacht werden. Zum Beispiel wurde der beliebte Kabarettist Uwe Steimle beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) wegen seiner (angeblich) rechten Einstellung gefeuert. Steimle warf nämlich dem MDR „mangelnde Staatsferne“ vor. Öffentlich-rechtliche Sender sind aber nun einmal staatlich und werden geleitet von Personen, die von den politischen Parteien ernannt werden. Und finanziert werden sie durch gesetzliche Zwangsbeiträge. Da kann man schlecht behaupten, diese Sender wären „staatsfern“, im Gegenteil. Ein weiterer Vorwurf gegen Steimle lautete, er habe in einem Interview gesagt, Deutschland sei „ein besetztes Land“. Im Spiegel lasen sich die Vorwürfe zusammengefasst so: Der sächsische Komiker ist wegen seiner politisch kontroversen Äußerungen seit Langem umstritten. In dem von Jacobi angesprochenen Interview mit der Wochenzeitung Junge Freiheit hatte der 56-jährige Deutschland als besetztes Land bezeichnet. Im Juni ließ sich Steimle mit einem „Kraft durch Freunde“-Shirt fotografieren – eine Anspielung auf die NS-Freizeitorganisation. Entgegen der Spiegel-Behauptung war das keineswegs der Fall, sondern der über 40 Jahre alte Satz war eine eindeutige Kritik an nationalsozialistischen Ideen. Schon in den 1970er-Jahren hatte der Kabarettist Werner Fink eine Platte mit dem Titel „Kraft durch Freunde“ herausgebracht. Und Fink steht als ehemaliger KZ-Häftling sicher nicht im Verdacht, mit NS-Ideen zu sympathisieren. Steimle hat also bloß seine Meinung offen geäußert, sowohl in seiner Funktion als Kabarettist, als auch als Privatmann in Interviews. Das reicht in Deutschland heute sichtlich aus, um seinen Job zu verlieren.

In dieser Vorgeschichte kommt Wikipedia ins Spiel. Der Wiki-Artikel über Steimle war bis Juni 2015 sachlich. Er berichtete von Steimles Wirken und den Preisen, die er gewonnen hatte. Am 11. Juni 2015 trug dann aber jemand Folgendes ein: „Steimle erklärte bei seinem zweiten Auftritt bei der WDR-Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“: „Wieso zetteln die Amerikaner und Israelis Kriege an und wir Deutsche dürfen den Scheiß bezahlen?“ Dies dechiffrierte Jan-Philipp Hein für den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (SHZ) dahingehend, dass „die Juden mal wieder die Welt in Brand setzen würden, dabei die US-Regierung kontrollieren und die Mittel dafür den Deutschen abpressen, indem sie aus deren schlechtem Gewissen bezüglich des Holocaust seit Jahrzehnten bekanntlich Profit schlagen“. Hein wertete dies als Beleg dafür, dass „antisemitische Ressentiments im deutschen Fernsehkabarett als Humor getarnt weiterleben“. Wenn man nun weiß, dass Steimle ein Linker und Unterstützer der Friedensbewegung ist, der sogar von der Partei „Die Linke“ zu deren Bundesversammlung eingeladen wurde, entpuppen sich diese Vorwürfe als schlicht lächerlich. Aber sie standen nunmal in der Wikipedia. Die Versionsgeschichte von Steimles Wiki-Artikel wurde vom – aufmerksamen GENIUS-Lesern nicht unbekannten – User Jörg Grünewald alias „Feliks“ regelrecht gekapert. Der hatte diesen Eintrag erstellt und in der Folge Hunderte weitere Änderungen in den Artikel geschrieben. Wer in der heutigen Version die Rubrik „Kontroversen um Steimle“ liest, bekommt den Eindruck, man habe es mit dem Teufel persönlich zu tun. Aber alles hatte mit diesem einen Eintrag begonnen, dessen Grund eine humoristische Äußerung Steimles in einer Kabarett-Sendung war, und über die irgendein kleiner Reporter einen Artikel schrieb, in dem er Steimle Antisemitismus vorwarf. Er erschien unter der Überschrift „Darf Satire wirklich alles? – Fernsehkabarett – da wo der Antisemitismus blüht.“ Und der Grund für Aufregung war der eine Satz von Steimle: „Wieso zetteln die Amerikaner und Israelis Kriege an, und wir Deutsche dürfen den Scheiß bezahlen?“ Was ist an dem Satz falsch? Es ist doch tatsächlich so, dass Deutschland für die Kriege der Israelis und der Amerikaner bezahlt. Die US-Kriege bezahlen wir in Deutschland mindestens, indem wir über eine Million Flüchtlinge aufgenommen haben, die es ohne die Kriege der USA im Nahen Osten und in Libyen nicht gegeben hätte. Und Israel wird von Deutschland kräftig unterstützt, sogar hochmoderne und atomwaffenfähige U-Boote bekam Israel von Deutschland teilweise geschenkt. Steimles Fehler war wohl, dass er gegen das Narrativ sprach.

Zu 60 Prozent stammt der Steimle-Eintrag von „Feliks“, der so ziemlich alle Artikel dominiert, die mit Israel zu tun haben. In der deutschen Wikipedia erscheint Israel daher als friedliebender Staat, der nie gegen das Völkerrecht verstoßen würde, und die Palästinenser leben dank Israel in Freiheit und Wohlstand (ein wenig überspitzende Ironie sei an dieser Stelle erlaubt). Um es klar zu sagen: Hier geht es um die Politik Israels, um seine Regierung, nicht um die Menschen in dem Land, mögen es Juden, Araber oder Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion sein. Feliks und der Kolumnist Hein sind übrigens über Twitter miteinander verbunden, sie könnten einander also kennen und den Rufmord an Steimle gemeinsam inszeniert haben. Jedenfalls sprangen dann andere Medien auf den Zug auf und fuhren Kampagnen gegen Steimle. Die Hintergründe zeigen Fiedler und Pohlmann sehr unterhaltsam in Folge 26 von „Neues aus Wikihausen“ auf.

Wie einzelne User nach Belieben Artikel manipulieren

In einem weiteren Beispiel geht es um Folter und darum, wie diese durch Wiki-Autoren verschleiert wird: Unter der Bezeichnung „Camp 1391“ wurde in Israel von verschiedenen dortigen Geheimdiensten ein Foltergefängnis betrieben, das Historiker mitunter als „Vorbild“ für das von den USA im Irak betriebene berüchtigte Folter- und Tötungszentrum Abu Ghraib bezeichnen. Im – von „Feliks“ mitgestalteten – Beitrag in der deutschen Wikipedia wird der grausige Ort allerdings nichts als „Lager 1391“, sondern verniedlichend als „Anlage 1391“ bezeichnet. Das Camp wurde bereits 1985 genutzt, um ausländische Gefangene zu internieren und zu verhören. Der Standort konnte bis 2004 geheimgehalten werden, von Luftaufnahmen wurde das „Camp 1391“ sogar in Stalin-Manier herausretuschiert. Daher konnten Gefangene unauffällig „verschwinden“. Weder Angehörige noch das Rote Kreuz noch Anwälte wussten, wo die Insassen verwahrt wurden, oder ob sie überhaupt noch am Leben waren. Auch die Gefangenen selbst wussten nicht, wo sie waren. Wenn sie danach fragten, lautete die Antwort zum Beispiel: „Auf dem Mond“. Die Haftbedingungen waren schrecklich. Die Zellen waren teilweise nur zwei mal zwei Meter groß, hatten keine Toiletten oder Waschbecken und waren total schwarz gestrichen. So konnten Insassen in kompletter Dunkelheit gehalten werden. Schlafentzug war normal, Gefangene wurden bei Verhören geschlagen und von Soldaten anal oder mit Holzstöcken vergewaltigt. Die israelische Zeitung Haaretz versah damals einen langen Artikel mit dem Titel „UN fragt Israel zu palästinensischen Foltervorwürfen“[10]. Darin steht: „Vor dem Bezirksgericht von Tel Aviv ist noch eine Klage von Dirani gegen den Staat Israel und Major George wegen zweier Vorfälle anhängig, bei denen Dirani sagt, er sei sexuellem Missbrauch ausgesetzt gewesen. Im ersten Fall rief George vier der Soldaten hinzu, und einer von ihnen soll Dirani auf Befehl von George vergewaltigt haben. In einem anderen Fall, sagt Dirani, habe George selbst einen Holzstab in sein Rektum gesteckt (…).“ Strenge Strafen wurden nicht verhängt.

Während französische[11] und britische[12] Zeitungen über das „Lager 1391“ breit berichteten, hielten deutsche „Qualitätsmedien“ die Causa für nicht einmal notierenswert. Erst als auch das UNO-Komitee gegen Folter 2009 Berichte veröffentlichte, erwähnte das der Spiegel kurz[13] und zitierte überproportional ausführlich die Reaktion Israels: „Israel wies die Vorwürfe zurück. Die Anlage 1391 werde seit September 2006 nicht mehr als Haftanstalt genutzt, es fänden dort auch keine Verhöre mehr statt, zudem seien die Foltervorwürfe von den israelischen Behörden bereits untersucht und entkräftet worden.

Und nun zu Wikipedia: 2007 wurde in der deutschen Wiki über das „Lager 1391“ ein Artikel angelegt, an dessen Ende man las: „Amtlich bestätigt wurde dabei auch eine Anlage Barak; vermutet wird eine weitere bei Tel Aviv namens Sarafend.“ Aber über diese Lager sei nichts bekannt. Diese erste Version des Wikipedia-Artikels enthielt auch noch folgende Sätze: „Danach ist den Inhaftierten, die zu 68 Prozent der Folter unterzogen werden, der Zugang zu Anwälten und das Wissen um den Ort des Aufenthalts verwehrt, Familienkontakt ist nur selten möglich. Es gibt fensterlose Isolationshaft in kleinen Zellen mit Dauerbeleuchtung, was als mentale Folter gilt und zum DDD-Syndrom[15] führt.“

Das beschauliche Leben dieses Artikels fand am 15. Juni 2017 ein jähes Ende, als „Feliks“ den Text „kärcherte“. Pohlmann schließt aus dem Vorgehen, dass es sich „Feliks“ offenbar zur Aufgabe gemacht hat, in der deutschen Wikipedia den Ruf von Israel zu verbessern und dass er deshalb aus Artikeln konsequent alles entfernt, was Israels Politik in ein schlechtes Licht rücken könnte. So sei der zum Judentum konvertierte Grünewald, Pardon: Feliks, „zum vielleicht wichtigsten Autoren für alle Artikel geworden, die mit Israel, den Palästinensern und dem Nahostkonflikt zu tun haben“. Nach Feliks sprang nahtlos ein anderer Wikipedia-Anonymus namens „Hvd69“ ein. Nun findet sich in dem Artikel zwar die Überschrift „Foltervorwürfe“, das Kapitel geht aber nur in sehr allgemein gehaltenen Formulierungen auf die Vorgänge in „Lager 1391“ ein. Der deutsche Leser soll offenbar weiterhin möglichst keine Details erfahren. Im englischen Wiki ist der Artikel hingegen völlig anders aufgebaut[14]. Zwar fehlen auch dort deutliche Worte, und das entsprechende Kapitel trägt die nichtssagende Überschrift „Kritik“, aber immerhin erfährt man hier – im Gegensatz zur deutschen Version – die meisten Tatsachen.

Bedrohungen und Racheakte

Wer sich mit Wiki-Allmächtigen anlegt, kann sich seines Lebens nicht mehr sicher sein. Dirk Pohlmann: „Ich habe es selbst erlebt, wie Drohungen und Schlimmeres eingesetzt wurden, als ich über die Wikipedia-Junta zu berichten anfing. Das reichte von Morddrohungen per e-Mail, deren Absender die Polizei nicht ermitteln konnte, bis hin zu konstanten Belästigungen in der Öffentlichkeit, von teuren Gegenständen, die in meinem Namen bestellt wurden, die sich jemand anderer liefern ließ und deren Inkassoforderungen bei mir landeten, bis hin zu antideutschen Denunziationsflugblättern, die vor meinen Vorträgen über Wikipedia verteilt werden, und bis zu vielen anderen Methoden der Zersetzung. Aus Revanche für viele Prozesse, die ich gegen Wikipedia gewann, wird mein Wikipedia-Eintrag aktuell (Anm: 2. Februar 2021) wieder denunziatorisch bearbeitet. Diese Wikipedia-Autoren haben viele Verbindungen und alle Möglichkeiten, sich in ihrer Plattform und über ihnen nahestehende Journalisten zu rächen, die z. B. im Tagesspiegel, im Deutschlandfunk, in der Süddeutschen Zeitung, im Münchner Merkur und im österreichischen Standard arbeiten.“

Wie der französische Geheimdienst an mutigem Schweizer Wiki-Autor abblitzte

Sich gegenüber geheimdienstlichen Avancen als willfährig und gefügig zu erweisen, kann allerdings – vermutlich wohl nur in Einzelfällen – auch einem hochkarätigen französischen Wiki-Mann wie Rémi Mathis zeigen, dass er nicht die „letzte Instanz“ im Hierarchiegefüge ist. 2013 missfiel dem französischen Inlandsgeheimdienst D. C. R. I.[16], was in der französischen Wikipedia über die militärische Funkstation Pierre-sur-Haute, einer der militärischen Kommunikation dienende Richtfunkeinrichtung der französischen Armee auf dem Berg Pierre-sur-Haute (Region Auvergne-Rhône-Alpes im Südosten Frankreichs) zu lesen war. Die Schlapphüte intervenierten bei der Wikimedia-Foundation und pochten auf eine „Säuberung“ des Eintrages mit dem Argument, dass der Text Geheimnisse enthielte, deren Veröffentlichung unter Strafe stünde. Sie holten sich aber bei der zuständigen Justitiarin Michelle Paulson kalte Füße: Die mutige Lady beharrte auf dem bestehenden Wiki-Eintrag mit dem Argument, dass darin keine Informationen enthalten seien, die nicht auch an anderer öffentlicher Stelle zu finden wären. Daraufhin fuhr die D. C. R. I. schwerere Geschütze auf und drohte Rémi Mathis, der übrigens gar nicht Autor des Textes war, mit Untersuchungshaft. Mathis bekam es wohl mit der Angst zu tun und entfernte gehorsamst den Artikel. Womit weder der Geheimdienst noch sein Erfüllungsgehilfe rechneten: Flugs stellte ein mutiger Schweizer Administrator den inkriminierten Artikel unter dem Hinweis, dass der Geheimdienst nicht präzisiert habe, welche „strafwürdigen“ Passagen Anstoß erregt hätten, wieder ins Netz. Mehrere andere Länder-Wikis folgten dem eidgenössischen Beispiel, und der französische Geheimdienst gab schließlich offenbar genervt auf: Zum GENIUS-Redaktionsschluss waren die Informationen nach wie vor unzensiert verfügbar – auch in der deutschen Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Milit %C3 %A4rische_Funkstation_Pierre-sur-Haute.

Anmerkungen

[1] Mit Vorsicht zu genießen – 20 Jahre Wikipedia – Kriminelle Degeneration einer an sich guten Idee – Teil 1

[2] Mit Vorsicht zu genießen – 20 Jahre Wikipedia, Teil 2: Wiki-Jäger und Wiki-Alternativen

[3] Den Löwenanteil, nämlich 23,1 Prozent, des Wiki-Beitrages über das 1949 gegründete Nordatlantische Verteidigungsbündnis NATO steuerte „Wikifreund“ bei, der nach einer Sperre seit 2019 auf eigenen Wunsch nicht mehr für Wikipedia tätig ist. „Wikifreund“ kommentiert seinen Abgang (Orthografiefehler im Original, Anm.) wörtlich so: „Es ist traurig das es soweit gekommen ist“. Wikifreund war 2016 mit dem Wikiläums-Verdienstorden in Silber ausgezeichnet worden.

[4] GENIUS-Lesern ist „Kopilot“ bereits aus dem Wikipedia-Teil 2 als der Klavierlehrer und Hausbesetzer Gerhard Sattler aus Melle in Niedersachsen bekannt.

[5] Der englische Begriff „stay behind“, etwa „bleib zurück“ bzw. „bleib dahinter“, wird auch mit „Rücklass-Organisation“ oder „Überrollgruppe“ übersetzt und bezeichnet eine geheime paramilitärische Widerstandsorganisation, die im Fall einer feindlichen Besetzung eines Staates oder Teilgebieten davon hinter der Front nachrichtendienstliche Aufklärung leistet und Sabotageakte gegen die Besatzungsmacht verübt. Während sich reguläre Armeen vor einem Angreifer zurückziehen, lassen sich diese Einheiten von der Front überrollen, um dann in ihrem Rücken zu operieren. Heute versteht man darunter meist nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa gegründete Organisationen, die bei einer Invasion von Truppen des Warschauer Paktes hinter deren Linien eingesetzt werden sollten. Sie wurden teils im, teils nach dem Kalten Krieg aufgelöst. Viele Details sind erst seit 1990 bekannt.

[6] https://www.anti-spiegel.ru/2019/urteil-des-europaeischen-gerichtshofes-justiz-in-deutschland-ist-nicht-unabhaengig/

[7] „Propaganda in der Wikipedia, international betrachtet“ – Interview: Helen Buyniski | #32 wikihausen

[8] https://www.anti-spiegel.ru/2019/newsguard-will-wissen-ob-anti-spiegel-vertrauenswuerdig-ist-wie-wohl-die-antwort-ausfaellt/ sowie https://www.newsguardtech.com/de/unser-beirat/

[9] Thomas Röper, geboren 1971, bekleidete als Experte für Osteuropa Vorstands- und Aufsichtsratspositionen in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland. Er lebt heute in seiner Wahlheimat St. Petersburg und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft. Siehe auch https://www.anti-spiegel.ru/2019/wikipedia-online-lexikon-oder-propagandainstrument/

[10] Haaretz 2009: https://web.archive.org/web/20090519200828/http://www.haaretz.com/hasen/spages/ 1083225.html

[11] Le Monde Diplomatique 2003: https://mondediplo.com/2003/11/02israel

[12] The Guardian 2003: https://www.theguardian.com/world/2003/nov/14/israel2

[13] Spiegel 2009: https://www.spiegel.de/politik/ausland/geheimes-gefaengnis-uno-untersucht-foltervorwuerfe-gegen-israel-a-623053.html

[14] https://en.wikipedia.org/wiki/Camp_1391#Criticism

[15] Im Englischen heißt das Syndrom „Debility, dependency and dread“, etwa: Debiliät, Abhängigkeit, Furcht. Vgl. auch: https://de.linkedin.com/pulse/wikipedia-verliert-vor-gericht-und-denunziert-weiter-bernd-henke

[16] Direction Centrale du Renseignement Intérieur, der dem Innenministerium unterstellte französische Inlandsgeheimdienst, nennt sich seit 2014 Direction générale de la sécurité intérieure (DGSI), deutsch: Generaldirektion für innere Sicherheit).

Bearbeitungsstand: Mittwoch, 29. September 2021

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