„Das Hindernis ist der Weg“


Dissidenz und Arbeit. Ein Erfahrungsbericht

Von Jan Mahnert*

Ich schreibe in der Regel distanziert, dieser Beitrag wird aber etwas anders, d.h. persönlicher, sein. Er soll meinen letzten Beitrag (Die Zukunft der Arbeit in der linksliberalen Gesellschaft, Genius-Brief Mai–Juni 2021) ergänzen, in dem ich darüber schrieb, wie Menschen, deren Meinung vom linksliberalen Mainstream abweicht, ihre Arbeitsstelle verlieren können. Ich erwähnte politisch und publizistisch aktive Freunde, denen dies widerfahren war. Ich erwähnte aber nicht, dass auch ich aufgrund meiner Tätigkeit als politischer Autor in der Vergangenheit eine Arbeitsstelle verloren habe. Auch wenn Georg von Frundsbergs Spruch „Viel Feind’, viel Ehr’!“ einen Kern Wahrheit in sich trägt, gibt es Dinge, mit denen man nicht prahlt. Schon allein aus praktischen Gründen nicht. Deshalb ist dieser Beitrag auch so verfasst, dass keine Rückschlüsse auf den Arbeitgeber möglich sind. Es geht mir nicht um eine Abrechnung, sondern darum, die Lehren, welche ich aus dem Geschehenen gezogen habe, zu teilen – in der bescheidenen Hoffnung, dass sie anderen helfen können.

Als ich vor über zwanzig Jahren publizistisch tätig wurde, stellte sich zuallererst die Frage, ob ich unter einem Pseudonym oder unter meinem richtigen Namen schreiben soll. Konsequenzen waren damals wie heute ein Thema; wer sich exponiert, muss damit rechnen, dass seine Botschaft nicht überall gut ankommt – umso mehr, wenn er gegen den Strom denkt. Nach etwas Zögern entschied ich mich dafür, unter meinem richtigen Namen zu schreiben. Nicht weil ich ein Egomane wäre, sondern weil ein Pseudonym in der Regel früher oder später auffliegt. Und weil man zu dem, was man meint und schreibt, stehen sollte. Letztere Ansicht mag in Anbetracht der möglichen Konsequenzen naiv erscheinen, doch hier darf nicht vergessen werden, dass Leser dazu neigen, einem Autor, der unter seinem richtigen Namen schreibt, mehr Vertrauen und Glauben zu schenken. Ein solcher Autor wirkt authentischer, der Leser kann sich besser mit ihm identifizieren. Es gibt aber auch Ausnahmen zu all dem, was oben steht: Seit Jahren ist es dem französischen, mainstreamkritischen Journalisten, der unter dem Pseudonym Laurent Obertone schreibt, gelungen, seinen richtigen Namen geheim zu halten. Obwohl er ein Pseudonym verwendet, hat er Hunderttausende von Büchern verkauft. Sein Roman Guerilla wurde ins Deutsche und ins Italienische übersetzt.

Letztendlich hat jeder eine Interessenabwägung vorzunehmen und für sich zu entscheiden, ob er unter seinem richtigen Namen schreiben möchte oder nicht. Es sprechen einige Gründe dafür, ein Pseudonym zu verwenden. Manche Autoren haben viel zu verlieren, sie haben auch eine Familie zu schützen.

Wer unter seinem richtigen Namen schreibt, hat sich der Mäßigung im Ton und der Sachlichkeit zu verpflichten, denn jeder Satz, den er veröffentlicht, kann – und wird – gegen ihn genutzt werden. Natürlich sind Mäßigung und Sachlichkeit kein absoluter Schutz: Wir leben in Zeiten, in denen es bereits als „extremistisch“ gilt, die Fakten beim Namen zu nennen. Zudem gibt es unzählige Menschen, die nur nach einem Grund suchen, sich lautstark und medienwirksam empören bzw. selbstinszenieren zu können. Die Hetzjagd auf Thilo Sarrazin nach dem Erscheinen seines Buches „Deutschland schafft sich ab“, in dem Sarrazin sich die Bewahrung der kulturellen Eigenart des deutschen Volkes wünschte, zeugt davon. Weder Sarrazins nüchterner Ton noch seine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vermochten zu verhindern, dass er in die rechte Ecke gedrückt wurde. Vermutlich war seine Parteizugehörigkeit sogar ein erschwerender Faktor, da Sarrazin als Verräter dahingestellt wurde. Die Wucht der Reaktion auf sein Buch war Ausdruck einer Angst vor einem politischen Flächenbrand, da Sarrazin nicht am rechten Rand des politischen Spektrums agierte, sondern aus der Mitte der Gesellschaft kam. Es sollte um jeden Preis verhindert werden, dass seine Ansichten salonfähig werden.

Nachdem ich meine Arbeitsstelle verloren hatte, überlegte ich mir, ob es doch nicht ratsam wäre, unter einem Pseudonym weiterzuschreiben. Meinen Eltern wäre es wohl am liebsten gewesen, dass ich das Schreiben ganz aufgebe. Ich kann es ihnen nicht verübeln: Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder; sie wollen nicht, dass wir Risiken eingehen. Nicht mehr zu schreiben oder unter einem anderen Namen zu schreiben, wäre aber einer Selbstverleugnung gleichgekommen. Ich hätte in letzterem Fall wieder bei null anfangen müssen und hätte mich nicht auf meine früheren Publikationen beziehen können. Es wäre auch einer Art Schuldbekenntnis gleichgekommen. Ich habe aber nichts geschrieben, wofür ich mich schämen müsste. Ich habe auch bisher nichts strafrechtlich Relevantes geschrieben und musste mich nie vor Gericht verantworten. Dies kann daran liegen, dass ich in der Schweiz lebe, wo es (derzeit noch) mehr Freiheiten gibt als in Ländern wie Deutschland oder Österreich. Die Art und Weise, wie in Österreich seit Jahren mit den Identitären und mit ihrem bekanntesten Exponenten, Martin Sellner, umgegangen wird, obwohl sich die Bewegung und der Mann gewaltlos, mit denselben Rezepten wie dem Mainstream genehme Organisationen wie Greenpeace für patriotische Anliegen stark machen, lässt es einem den Rücken kalt runterlaufen.

Ich hatte immer den Gedanken im Hinterkopf, dass ich eines Tages meine Arbeitsstelle verlieren könnte. Ich dachte, ich wäre deshalb darauf vorbereitet. Wie es der amerikanische Boxer Mike Tyson aber einst sagte: „Everyone has a plan until they get punched in the mouth“ (auf Deutsch: „Jeder hat einen Plan, bis er eins in die Fresse bekommt“). Es ist eine Sache, sich über eine mögliche Krisensituation Gedanken zu machen, es ist eine andere, diese Krisensituation zu erleben. Der Verlust der Arbeitsstelle erwischte mich auf dem falschen Fuß. Ich verdiente damals gut, hatte es aber versäumt, so viel wie möglich auf die hohe Kante zu legen. Ich gab im Gegenteil viel aus, im Wesentlichen für Bücher, meine große Leidenschaft. Ich war mit anderen Worten die ganze Sache äußerst leichtsinnig angegangen, ich hatte keine richtigen Vorkehrungen getroffen. Ich wurde unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und lernte den wesentlichen Unterschied zwischen Denken und Machen.

Bevor ich Vorkehrungen für die Zukunft treffen konnte, bestand meine Priorität darin, wieder Arbeit zu finden. Dies gelang mir zum Glück schnell, der Weg dorthin war deshalb aber nicht weniger steinig. Ich hatte viele schlaflose Nächte, die mich an den Rand der körperlichen und seelischen Erschöpfung brachten; ich dachte, ich würde nie wieder arbeiten können und unter einer Brücke enden. Heute kann ich über solche Gedanken lachen, doch damals war ich davon überzeugt, die Lage sei aussichtslos. Ich ging mit Bauchschmerzen zu Vorstellungsgesprächen. Ich machte allerdings die Erfahrung, dass nicht jeder potenzieller Arbeitgeber im Internet nachschaut, ob er dort einen Grund findet, mich nicht anzustellen. Wurde ich nicht auf meine publizistische Tätigkeit angesprochen, sagte ich von mir aus nichts dazu. Ein späterer Arbeitgeber googelte mich erst zwei Jahre nach der Anstellung. Er war zwar nicht erfreut über das, was er über mich fand, meinte aber, meine publizistische Tätigkeit sei in seinen Augen kein Kündigungsgrund. Er hatte mich in der Zwischenzeit als Mensch kennengelernt und er schätzte meine beruflichen Leistungen. Er fügte aber hinzu, meine publizistische Tätigkeit könne problematisch sein, falls ein Kunde herausfinde, was ich in meiner Freizeit treibe. Deshalb sollte man m. E. idealerweise für Firmen arbeiten, die nicht die Namen und Bilder ihrer Angestellten auf ihrer Webseite hochladen.

Meine zweite Priorität bestand darin, weniger finanzielle Angriffsfläche zu bieten. Ich dachte daran, in eine kleinere bzw. günstigere Wohnung zu ziehen. Ich begann in meiner Privatbibliothek auszumisten. Aus über 5.200 Büchern wurden 3.400. Letztlich lebe ich noch immer in derselben Wohnung, weil ich mich dort sehr wohl fühle, doch ich bin noch immer daran, die Büchermenge zu reduzieren. Auch meinen allgemeinen Besitz habe ich reduziert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ich Minimalismus als Lebensphilosophie entdeckt habe. Minimalismus besteht darin, auf das Überflüssige zu verzichten, um den Kopf zu befreien und Raum für die wichtigen Dinge im Leben zu schaffen; Minimalismus steht für ein Leben mit mehr Absicht und Selbstbestimmung. Manche Minimalisten treiben es auf die Spitze und besitzen kaum etwas. Doch es geht beim Minimalismus nicht zwingend darum, so wenig wie möglich zu besitzen, sondern darum, Dinge zu besitzen, die uns wirklich etwas bedeuten und nutzen.

Neben einem frugaleren Lebensstil besteht die andere Möglichkeit, die finanzielle Angriffsfläche zu reduzieren, darin, mehr zu verdienen. Dies lässt sich entweder über eine besser bezahlte Arbeitsstelle oder mittels zusätzlicher Einkommensquellen erreichen. Mir wurde damals klar, dass man nicht alle Eier in einen Korb legen sollte, d. h. von einer einzigen Geldquelle abhängig sein darf. Ich fing an, auch als selbstständiger Übersetzer und Lektor zu arbeiten. Das zusätzlich verdiente Geld legte ich von nun an systematisch auf die Seite, um ein finanzielles Polster zu schaffen. Es ist auf jeden Fall ratsam, zusätzliche Einkommensquellen aufzubauen. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich alles ändern kann, und mit welcher Wucht der Staat sich in das Wirtschaftsleben einmischen kann. Sie hat mir auch gezeigt, dass es ein Segen ist, Übersetzer und Lektor zu sein. Zur Ausübung meiner Tätigkeit brauche ich lediglich einen Internetanschluss und einen Computer. Ich erhalte meine Aufträge per E-Mail und schicke sie per E-Mail an die Auftraggeber zurück. Ich bin nicht an einen Ort gebunden: Ich kann vom Büro, von zu Hause oder vom anderen Ende der Welt aus arbeiten. Die Jahre 2020 und 2021 haben die Vorteile von Berufen, die sich über Internet ausüben lassen, klar zum Vorschein gebracht. Natürlich ist damit nicht jede Gefahr gebannt. Wie ich es in meinem letzten Beitrag schilderte, hat der Beruf des Übersetzers im vergangenen Jahrzehnt infolge der Digitalisierung große Veränderungen erfahren. Ich gehe davon aus, dass die nächsten fünf bis zehn Jahre weitere Veränderungen mit sich bringen werden. Es ist deshalb wichtiger denn je, am Puls der Zeit zu bleiben. Ich lese vermehrt zum Thema der Digitalisierung und zu ihren Auswirkungen auf meinen Beruf. Ich mache mir ebenfalls Gedanken über weitere Einkommensquellen.

Ich habe auch gelernt, unser Verhältnis zur Arbeitswelt zu hinterfragen. Robert Kiyosakis Buch Rich Dad Poor Dad ließ mich erkennen, dass das gesamte Bildungssystem darauf ausgerichtet ist, uns zu folgsamen Arbeitnehmern zu konditionieren. Ich bin in der Regel recht kritisch, wenn es um Lehrinhalte geht, insbesondere bei Fächern wie Staatskunde oder Geschichte. Ich habe es hingegen immer für normal gehalten, dass wir während der Schul- und Studienzeit auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Ich habe lange gebraucht, um darauf aufmerksam zu werden, dass uns zu den mit Unternehmertum verbundenen Möglichkeiten so gut wie nichts beigebracht wird. Die meisten von uns sehen infolgedessen nur die unselbstständige Erwerbstätigkeit als Weg, ein Einkommen zu verdienen.

Robert Kiyosaki wird als Geschäftsmann zum Teil kontrovers diskutiert, doch das Lesen seines Buches war ein Aha-Erlebnis. Eine neue Welt eröffnete sich mir; ich begann, mehr zu den Themen Selbstcoaching, persönliche Finanzen und Unternehmertum zu lesen. Nebst Robert Kiyosaki haben Autoren wie Chris Guillebeau, MJ DeMarco und Oliver Pott bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. Chris Guillebeau hat mehrere Bücher zum Thema Nebenerwerb publiziert, in denen er zeigt, dass es heute wenig Kapital braucht, um unternehmerisch tätig zu werden (lesenswert sind vor allem The $100 Startup, Side Hustle und 100 Side Hustles). DeMarcos Buch The Millionaire Fastlane hat einen reißerischen Titel, doch ist es inhaltlich eine Fundgrube. DeMarco unterstreicht, wie wichtig es ist, Produkte und Leistungen anzubieten, die eine Antwort auf das Problem eines Kunden sein sollen; er spricht auch von den Vorteilen der Entkoppelung von Arbeitszeit und Einkommen, insbesondere dank der Skalierbarkeit von digitalen Produkten. Oliver Pott schreibt in seinem Buch Wissen zu Geld darüber, wie man das eigene Wissen zum digitalen Produkt machen kann. Solche Lektüren genügen natürlich nicht, um zum Unternehmer zu werden, doch sie bewirken eine „Umverdrahtung“ des Gehirns; man beginnt anders zu ticken und nimmt Dinge wahr, die man bis dahin nicht wahrgenommen hatte, insbesondere mögliche Geschäftsideen.

Der plötzliche Verlust der Arbeitsstelle war eine sehr unangenehme Erfahrung, dennoch betrachte ich diese rückblickend als die wertvollste meines Lebens, denn sie hat viel geändert – zum Besseren. Ich wurde brutal aus meiner Komfortzone gerissen, es gelang mir aber, mich nach einer Panikphase wieder einzukriegen, Arbeit zu finden und eine Infrastruktur aufzubauen, die es mir ermöglicht, weniger Angriffsfläche zu bieten. Mein Selbstbewusstsein erfuhr dadurch eine massive Steigerung. Ich lernte in dieser Zeit auch, auf wen ich mich verlassen kann, wenn es hart auf hart kommt; dieses Wissen ist Gold wert. Doch ich muss ehrlichkeitshalber hinzufügen, dass diese Erfahrung auch seelische Narben hinterlassen hat. Sie hat mein Selbstempfinden als Dissident verstärkt und mich misstrauischer gemacht.

Es ist zum Klischee geworden zu sagen, jede Krise sei auch eine Chance. Wer mitten in einer Krise steckt, hält diese Aussage für einen Hohn. Erst mit genügend Abstand zu den Ereignissen ist man in der Lage, die Dinge besser einzuordnen. Auch Nietzsches viel zitierter Satz „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ kann man erst nach überstandener Krise schätzen. Krise bedeutet im ursprünglichen, altgriechischen Sinne „Entscheidung“ – und in der Tat stellt uns jede Krise vor eine Entscheidung: Wir können uns entweder als Opfer oder als Herr sehen. Wer sich als Opfer sieht, läuft Gefahr, andere für sein Schicksal verantwortlich zu machen, über die Ungerechtigkeit der Welt zu jammern und in Passivität zu verharren. Wer sich als Herr über das eigene Leben sieht, fängt sich bei Schicksalsschlägen auf und handelt aus eigenem Antrieb, um sein Los zu verbessern. Er wächst an der Herausforderung. Diesbezüglich eine Buchempfehlung, um diesen Beitrag abzuschließen: Ryan Holidays Werk Das Hindernis ist der Weg.

* Mag. Jan Mahnert, Jg. 1973, hat Geografie an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Genf studiert. Er ist als Übersetzer, Lektor und Publizist tätig. 2011 erschien sein Buch Demokratie und Homokratismus. Wie die Gleichheitsideologie der Menschenrechte die Demokratie und die Völker bedroht (Edition Genius, Wien).

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Bearbeitungsstand: Samstag, 27. November 2021

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