Der Verlust der Weisheit


Der Mensch lebt zu kurz und die Menschheit ist zu beschränkt, um alles wissen zu können

Von Wolfgang Caspart

„Alles Gescheite ist schon gedacht worden; man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken.” – Goethe. Wie recht hat er, gibt es doch viele vergessene Männer und Frauen der Geschichte, deren Einsichten oder Lehren uns nur durch Zufall enthalten blieben, verdreht wurden oder uns gar absichtlich unterschlagen werden.

Weisheit bedeutet nicht Allwissenheit, sondern Grundsätze zu klären und systematische Fehler zu vermeiden. Von einem Weisen zu verlangen, er sollte für alles und jedes eine gültige Antwort haben, ist geradezu der Ausweis für fehlende Weisheit. Der Mensch lebt zu kurz und die Menschheit ist zu beschränkt[1], um alles wissen zu können. Weisheit meint nicht Cleverness, Gerissenheit, Schlauheit, rhetorischen Sophismus, ideologische oder dogmatische Rechthaberei, Utopismus oder scheinmoralische Betroffenheit, vielmehr geistige Überhöhungs-, Versöhnungs- oder Transzendierungsfähigkeit.

Bildung und Empathie

Ohne gewisse Bildung lässt sich wohl kaum Weisheit erlangen. Ein hoher Intelligenzquotient bietet allerdings keine Garantie, die Spitze der Weisheit zu erreichen. Es bedarf vielmehr eines ausgeprägten Sinnes für Empathie. Ohne eine hermeneutische Einfühlung in Probleme lässt sich keine Weisheit erringen. Gesellt sich zum Einfühlungsvermögen noch fachliches Wissen und Allgemeinbildung, werden die Grundlagen für Weisheit geschaffen. Ein aalglattes Fachwissen alleine steht ihr eher im Wege und führt psychologisch zu einer bloßen Rationalisierung, dem Abwehrmechanismus intellektualistischer Scheinklugheit.

Die Allwissenheit liegt bei einer anderen Instanz, genannt Gott, dem Synonym für Allweisheit, Absolutheit, Unbedingtheit, Allmacht, Überzeitlichkeit, Unsterblichkeit etc., auf die wir bedingt durch unsere Beschränktheit, Relativität, Unzulänglichkeit, Ohnmacht und Sterblichkeit schließen und mit der wir eine Wiederverbindung suchen, genannt Religio(n), dem „Gefühl der schlechthinigen Abhängigkeit“. In der Immanenz oder dem A posteriori hängen zu bleiben und die Transzendenz oder das A priori zu ignorieren oder die unterschiedlichen Spektren des Bewusstseins[2] zu leugnen, ist glatter Reduktionismus und mentale Unreife, wie sie uns im Materialismus begegnen.

Hierarchie

Weisheit setzt sich zum Ziel, Wege zur Wahrheit zu finden. Um die Möglichkeit unterschiedlicher Wahrheiten zu vermeiden, entwickelten manche Kulturen ein organisatorisches System zur Weisheitsentwicklung und Wahrheitsfindung. Im Christentum sind dies die Konzile und die Unfehlbarkeit des ex cathedra entscheidenden Papstes. Beim Islam erfüllte diese Funktion der Kalif. In Ostasien war dies der „Sohn des Himmels“, der an der Spitze der Gelehrtenhierarchie stehende und von der Hanlin-Akademie und dem Zensorat beratene chinesische Kaiser. Für die Buddhisten erfüllte er die Funktion der Inkarnation des Manjushri, des Bodhisattvas der Weisheit.

In einer haltlosen Welt und bei unsicheren Menschen dienen trotz aller Äußerlichkeit wahrheitsvermittelnde Institutionen doch einem gewissen moralischen und geistigen Halt. Eine Destabilisierung oder gar Abschaffung solcher heilsvermittelnden und bildenden Organisationen führt zu keiner Emanzipation eines freien Geistes. Wo nämlich ein solches vorhanden ist, engen auch hierarchische Autoritäten und Einrichtungen die Weisheit niemals ein. Nicht jeder muss ein Philosoph (ein „Weisheitsliebender“) sein oder Philosophie studieren, und wer darauf freiwillig verzichtet, tut gut daran, sich solchen anzuvertrauen. Hierarchische Institutionen zerrüttelnde Gesellschaften dürfen sich nicht wundern, selbst destabilisiert zu werden und ins Chaos zu stürzen.

Fehlentwicklungen

Die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft[3] genauso wie ihre sogar aposteriorischen Bestätigungen[4] zu ignorieren, wirft kein gutes Licht auf die moderne Scheinaufklärung. Die Methode, die Relativitätstheorie, die Gestaltpsychologie, die Unschärferelation, das Unvollständigkeitstheorem, die Chaostheorie, die Selbstorganisation und die Synergetik schlichtweg nicht zur Kenntnis zu nehmen, kennzeichnet keine Weisheit[5]. Der kritische Rationalismus, wonach jeder wahre Wissenschafter gehalten ist, an der Falsifizierung der von ihm selbst aufgestellten Theorien zu arbeiten, es also keine endgültige, sondern nur provisorische empirische Erkenntnisse gibt, entzieht sich der Rezeption der heutigen Populärwissenschaftler[6]. Durch ein System von Selbstreferenzen aus Anpassungseffekten und Verankerungsfehlern, einseitige Übereinstimmungssuche, illusionären Korrelationen durch Marginalisierung widersprechender Befunde, Nichtrepräsentativität und Rückschaufehlern wird eine antiaufklärerische selbstverschuldete Unmündigkeit in neuer Gestalt errichtet bzw. prolongiert[7].

Wer in renommierten Fachzeitschriften veröffentlichen will, muss sich dem Druck der Wissenschaftsverlage nach „sozial erwünschten“ und sensationellen Beiträgen beugen[8]. Da niemand gerne für die Schublade schreibt[9], verbiegt sich selbst im rein wissenschaftlichen Bereich das Wahrheitsbild. Dass die Axiome der induktiven Naturwissenschaften (Logik, Beobachtbarkeit, Wiederholbarkeit, Mathematisierbarkeit und Experimentierbarkeit)[10] selbst auf vorhergehendem deduktiven Wege gefunden werden, übersehen unsere heutigen naiven Zauberlehrlinge. Allmählich droht die Wissenschaft zur Volkspädagogik zu verkommen. Von der Weisheit der Massenmedien schweigt überhaupt des Sängers Höflichkeit.

Folgen

Es rächt sich eben, wenn sogar heutige Akademiker keine Wissenschaftstheorie mehr gelehrt und auch nur eine Ahnung von Hermeneutik, Heuristik, Hypothese, Theorien und Naturwissenschaften vermittelt bekommen. Wegen des bestimmenden Einflusses des Denkens auf die Erkenntnis und Gestaltung der Wirklichkeit ist nämlich der Weisheitsverlust mehr als nur ein akademisches Problem, weil wir durch ihn in den willkürlichen Absolutsetzungen von beliebigen Utopien und Ideologien landen. Dasselbe gilt für die Recherche-Ethik im Journalismus. Die „Moderne“ klagt nicht nur unter einem Verlust der Mitte[11], sondern leidet zunehmend an einem Verlust der Weisheit.

Anmerkungen

[1] Karl Steinbuch: Kollektive Dummheit. Streitschrift gegen den Zeitgeist. Herbig Verlag, München 1992.

[2] Ken Wilber: Das Spektrum des Bewusstseins. Ein metapsychologisches Modell des Bewusseins und der Disziplinen, die es erforschen. Aus dem Amerikanischen von Jochen Eggert. Scherz Verlag, Bern 1987.

[3] Immanuel Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Zuerst 1786. Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe), Band IV. Verlag Reimer, Berlin 1903. Reprint Verlag de Gruyter, Berlin 1968.

[4] Fritjof Capra: Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild. Zuerst 1983. Aus dem Amerikanischen von Erwin Schuhmacher. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage. Scherz Verlag, Bern 1986.

[5] Wolfgang Caspart: Idealistische Sozialphilosophie. Ihre Ansätze, Kritiken und Folgerungen. Universitas Verlag, München 1991.

[6] Karl Raimund Popper: Logik der Forschung. Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft. Zuerst 1935. Herausgegeben von Herbert Keuth. Akademie Verlag, Berlin 1998.

[7] Wolfgang Caspart: Soziologie der Erkenntnis. In Soziologie heute, Heft 37, Linz, Oktober 2014, S. 20–23.

[8] Theodore D. Sterling: Publication decisions and their possible effects on inferences drawn from tests of significance – or vice versa. In: Journal of the American Statistical Association. 54, Nr. 285, March 1959, S. 30–34.

[9] Robert Rosenthal: The „file drawer problem“ and tolerance for null results, Psychological Bulletin, Vol. 86, No. 3, 1979, 838–641.

[10] Herbert Pietschmann: Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1980.

[11] Hans Sedlmayr: Der Verlust der Mitte. Zuerst 1948. 7. Auflage, Otto Müller Verlag, Salzburg 1961.

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Bearbeitungsstand: Samstag, 27. November 2021

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