Die noch nie dagewesene Produktivität unserer Wirtschaft


Von Gerulf Stix

Ein Mensch der Steinzeit konnte mit primitiven Jagdwaffen vielleicht genügend Fleischvorräte für den harten Winter und Felle zwecks Bekleidung erjagen. In primitiven Holzhütten und mit Hilfe des Feuers vermochte er sein und das Überleben des Clans halbwegs zu sichern. Dafür brauchte der Steinzeitmensch praktisch seine ganze Arbeitskraft und die seiner Familie. Meist starb er ziemlich jung, wurde selten 30 oder 40 Jahre alt. Wie gänzlich anders verläuft ein „normales“ Leben doch heute!

Schon der Wirtschaftswissenschafter Galbraith prägte den Begriff der Überflussgesellschaft[1]. Sein Buch schrieb er im Jahre 1958. Seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. In dieser knappen Lebensspanne eines Menschen haben wir diese Überflussgesellschaft des Jahres 1958 noch um ein gewaltiges Mehr gesteigert: Heute benützen wir ganz selbstverständlich automatische Heizung, Computer, Mobiltelefon, Internet, Raketen, Satelliten, Drohnen und eine unüberschaubare Zahl vielfältiger Roboter – auf der Erde, im Luft- und im Weltraum. Wir leben inmitten einer bis heute noch nie dagewesenen Produktivkraft des Menschen.

Als Brücke zwischen den in Masse erzeugten Gütern und der bei den meisten Menschen eingeschränkten Konsumbereitschaft dient eine in diesem Ausmaß ebenfalls bis noch vor Kurzem nicht dagewesene Werbung. Noch in meiner Jugendzeit war die Werbung auf bestimmte Zeiten und Orte beschränkt. Heute findet sich Werbung in allen Spielarten überall und mitunter als ganz normale Störung in werbungsfremden Aktivitäten. Werbung unterbricht Filme, Sendungen in Radio und Fernsehen und dient selbst vielfach als Unterhaltung, indem Werbevideos vielfältig phantastische Geschichten darstellen.

Die uns durch Werbung allüberall nahegebrachte Überfülle an Gütern macht einen Gegensatz deutlich: Nämlich den zwischen dem angebotenen Überfluss und jener kleinen Gütermenge, die der Mensch zum Leben eigentlich benötigt. Aber der Mensch hat sich seit der Steinzeit in seinen inneren Antrieben nicht geändert. Wie in allen Lebewesen herrscht in ihm der Drang, Vorräte anzulegen. Immer noch schafft er Überschüsse. Immer noch drängt es ihn, an seine Grenzen zu gehen. Immer noch will er es bequemer haben. Immer noch träumt er davon, dass die unbequemen oder schweren Arbeiten „andere“ für ihn machen sollen. Früher entwickelte er dafür ganze Sklavensysteme (in Europa hießen die Sklaven Leibeigene). Jetzt lässt der Mensch „Lohnsklaven“ (Marx) und hauptsächlich technische Sklaven (genannt Roboter) für sich arbeiten und tüftelt an deren Weiterentwicklung bis zur Künstlichen Intelligenz (KI).

Indem jede Generation auf den Schultern aller früheren Generationen aufbaut, was durch ein ausgeklügeltes Bildungssystem den jungen Menschen beigebracht wird, werden die Grenzen des Wirtschaftswachstums immer weiter hinausgeschoben. Heute umspannt das Wachstum den ganzen Globus, seine Lufthülle, den Mond und Vorstöße in den Weltraum (Mars). Dabei hantieren wir tagtäglich mit unzähligen Gegenständen, von denen wir kaum einen einzigen selbst herstellen können, ohne einen Gedanken auf diesen alltäglichen Umgang damit zu verschwenden.[2] Den jungen Menschen, die mit dem Mobiltelefon wie mit einer Selbstverständlichkeit umgehen, kann man ob ihrer Handy-Verliebtheit keinen Vorwurf machen. Jede junge Generation lebt sich von Kindesbeinen an genau in diejenige Umgebung bzw. Welt hinein, die sie im Zuge ihres Erwachsenwerdens eben vorfindet. Meine Kindheitsgeneration eben mit den Gräueln des Zweiten Weltkriegs sowie den Wiederaufbau danach und die heutige Welt mit dem Überfluss an Gütern und Events. Diese Welten wurden von unzähligen Vorgängergenerationen so gemacht, wie sie waren oder heute sind.

Die Ungleichheit von reich und arm

Die Überproduktion zeitigt viele Folgen, von denen drei herausragen: Erstens die Vermögensverteilung (arm und reich). Zweitens der menschengemachte Teil des Klimawandels (Ausbeutung des Planeten Erde). Drittens die Auswirkung auf die Wissenschaft von der Nationalökonomie. Wenden wir uns zunächst der ersten Folge zu.

Schon von der Evolution her wurde im Menschen der Drang zur Vorratsbildung angelegt. Ohne vorausschauende Vorratsbildung konnten keine Hunger- oder Durststrecken überlebt werden, geschweige denn harte Winterzeiten. Die Tiere taten das schon früher und tun es heute noch. Alles Wirtschaften des Menschen war von Anfang an auf die Schaffung von Überschüssen angelegt. Jede Wirtschaftstätigkeit zielt auf die Bildung von Überschüssen ab. Diese kann man aufbewahren oder gegen andere Güter eintauschen. Dieser Urinstinkt nach Überschüssen, nach Vorräten aller Art angesichts der künftigen Ungewissheiten, wandelte sich mit fortschreitendem Lebensstandard bis hin zu unserer Überflussgesellschaft. Dieser Drang ist in uns allen mehr oder weniger stark hineingelegt und wirkt auch heute in Richtung Vermögensbildung. Seit jeher gelingt das dem einen besser, dem andern schlechter. Hinzu kommt der Aufstieg ganzer Familien über Generationen – was begrüßenswert ist –, wovon dann die gegenwärtig Lebenden logischer Weise am meisten profitieren. Verschärfend wirken die tatsächlich vorhandene Ungleichheit der Menschen (F. A. Hayek), deren Unterschiede in Charakter, Tatkraft und Intelligenz. Dazu kommen noch wechselnde Sitten und nicht zuletzt das Schicksal, mit dem sich bekanntlich „kein ewiger Bund flechten“ lässt (Friedrich Schiller).

All das trägt zur Herausbildung von ARM und REICH bei. Das war immer so, das wird auch künftig so bleiben. Kein noch so ausgeklügeltes Wirtschaftssystem wird die Ungleichheit unseres Lebens in der Vermögensverteilung jemals abschaffen können. Alle darauf abzielenden Gedankengebäude bleiben Utopien, auch der ideologisch überhöhte Wunsch nach Gleichheit. Diese Utopien richten sich gegen menschliche Grundverfasstheiten, richten aber politisch große Schäden an.

Wieviel Heuchelei bei dem Verlangen nach wirtschaftlicher „Gleichheit aller“ mitschwingt, belegen laufend die Multi-Millionäre unter Top-Fußballern, Filmstars und Gesangsidolen. Sie werden von den Massen ihrer Anhänger – oft nicht einmal Durchschnittsverdiener – in finanzielle Traum-Höhen gehoben. Wo bleibt da der Ruf nach Gleichheit?

Das einzig Machbare ist ein ständiges Bemühen um eine Verringerung der Unterschiede zwischen arm und reich sowie darum, dass die wirtschaftlich Erfolglosen dennoch einen erträglichen Lebensstandard beibehalten können. Das vermag nur eine soziale Mitverantwortung der Stärkeren zu leisten, unermüdliches und erfolgreiches Bemühen vorausgesetzt. Sozialpolitisch neu an unserer einmaligen Produktivität ist nur, dass es heute der Gesellschaft leichter als früher fällt, Schwächere und Erfolglose mitzuschleppen.

Unbegrenztes Wirtschaftswachstum bewirkt Klimawandel

Zum derzeitigen Klimawandel, wie er in aller Munde ist, wurde in den Genius-Lesestücken bereits ausführlich Stellung genommen.[3] Hier ist anzufügen, dass jener Teil des Klimawandels, der auf das gigantische Wirtschaftswachstum zurückgeführt werden kann, unserer Überflussgesellschaft, die auf Kohle, Erdöl und Erdgas fußt, anzulasten ist. Keine Produktion ohne Abfälle, kein Konsum ohne Müllberge und keine Landbewirtschaftung ohne riesige Rodungen, keine Massenviehzucht ohne Futterflächen! Menschengemachte Produktivität und Klimawandel gehen unweigerlich Hand in Hand. Will man einen Teil des Klimawandels einbremsen, so muss man die gesamte Wirtschaftsweise ändern. Mehr noch: Man muss auch entgegen einigen Grundveranlagungen unseres Menschseins der Expansion stabile Grenzen setzen. Man müsste gegen Überflussproduktion, gegen Massenkonsum, gegen Ausdehnungswünsche aller Art massiv vorgehen. Wer sollte das tun? Wer könnte das schaffen? Ein Ding schierer Unmöglichkeit.

Als Ausweg bleibt nur, dass man nach und nach unsere Wirtschaftsweise verändert, indem die Menschheit teils auf andere Verhaltensweisen, teils auf Technik setzt und auf die Endlichkeit des Planeten Erde und seine Bewohnbarkeit bewusst Rücksicht nimmt. Die Menschheit muss die Begrenztheit allen Lebens auf der Erde zugleich als ihre eigene Grenze für irdische Expansion akzeptieren. Nicht nur auf sich allein müsste der Mensch schauen, sondern praktisch auf alles Leben. Diese Verantwortung für den Globus ist dem Menschen angesichts seiner technischen Machtfülle heute zumutbar. Die große Veränderung erscheint langfristig wenigstens machbar, wenngleich eine immens schwierige Aufgabe. Gewiss lässt sich diese Aufgabe aber nicht in ein paar Jahrzehnten lösen. Falls diese Lösung überhaupt gelingt, so wird der allmähliche Umbau unserer gesamten Lebens- und Wirtschaftsweise mehrere Generationen dauern.

Die Alternative zum Gelingen des Umbaues würde das erbarmungslose Zurückschlagen der Natur sein. Gewaltige Katastrophen würden häufiger über die Menschheit hereinbrechen. Ihr Überleben in dieser Anzahl und in gewohntem Wohlstand wäre dann unmöglich. Der Mensch bleibt eben trotz seiner Kulturentwicklung ein Naturwesen und damit kosmischen Schwankungen ausgeliefert – das unabhängig von seinem Beitrag zum Klimawandel oder seiner Überforderung, damit vernünftig umzugehen.

Die gigantische Produktivität wird die Wirtschaftswissenschaften verändern

Drittens fällt die sich anbahnende Änderung hinsichtlich der Denkgewohnheiten in den Wirtschaftswissenschaften ins Auge. Nicht umsonst wird die Nationalökonomie nicht den Naturwissenschaften, sondern den Geisteswissenschaften zugeordnet. Die so genannte Dogmengeschichte belegt, dass sich die Wirtschaft und das Nachdenken darüber in Jahrhunderten entwickelt haben. Wirtschaft bildet sich aus dem Zusammenspiel von evolutionären Grundmustern und kulturell-technischen Entwicklungen der menschlichen Gesellschaft. Parallel zur Wirtschaft hat sich unser Nachdenken darüber ebenfalls entwickelt. Ein gutes Beispiel bietet der strapazierte Begriff vom „kapitalistischen Wirtschaftssystem“.

Der als solcher bezeichnete „Kapitalismus“ sah vor 200 Jahren noch anders aus als vor 100 Jahren oder gar heute. Zwischen Karl Marx und heute liegt u. a. eine umfangreiche Sozialgesetzgebung; von Bismarck in Deutschland 1871 begonnen und bis in die Gegenwart fortgesetzt. Soziale Ansätze gab es schon früher. Die früher wohl größte Sozialtat war die Aufhebung der Leibeigenschaft (in Europa übliche Form der Sklaverei) in Österreich durch Joseph II. um 1781.

Der heute oft und oft angeprangerte „Neoliberalismus“ ist angesichts überbordender Regulierungssucht und einer Vielzahl an internationalen Vertragswerken und Institutionen ein irreales ideologisches Konstrukt; jedenfalls weit entfernt von jenem klassischen Liberalismus, den es in früheren Jahrhunderten gegeben hat, der aber längst der Vergangenheit angehört. Auch die „Lohnsklaven“ des Karl Marx, die buchstäblich von der Hand in den Mund lebten, gibt es dank mächtiger Gewerkschaften und einer in Jahrzehnten ausgebauten Sozialgesetzgebung schon lange nicht mehr, von Randbereichen abgesehen. Dafür quälen uns heutzutage andere Probleme. Per Saldo hat uns der so genannte Kapitalismus aber genau die Überflussgesellschaft gebracht, jene bisher noch nie dagewesene Arbeitsproduktivität, von der in diesem Lesestück die Rede ist.

Als ich vor rund 50 Jahren Wirtschaftswissenschaften studierte, wurde uns Studenten eingebläut, dass das Wesen der Wirtschaft der Umgang mit knappen Mitteln sei. Das war größtenteils richtig. Ob das angesichts der gewaltigen Überschüsse in unserer heutigen Wirtschaft so noch stimmt? Auch das biblische „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen!“ muss heute hinterfragt werden. Ja, es gibt noch schweißtriefende Arbeit, aber die meisten Menschen in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern sind fast schon mehr mit der Planung ihrer Freizeit beschäftigt als mit dem Broterwerb – und der spielt sich oft in klimatisierten Büros ab. Praktisch haben wir es mehr mit Überproduktion zu tun als mit Knappheit. Das ist die heutige Realität.

Im Folgenden sollen in unzusammenhängender, bunter Weise einige Gedanken für eine modernere Wirtschaftsbetrachtung festgehalten werden.

Die Geldwirtschaft verändert sich fortlaufend

Um über die Geschichte unseres Geldwesens bis in die Moderne zu schreiben, müssten dickleibige Wälzer verfasst werden. Natürlich ist das in einem Artikel nicht zu machen. Dennoch bleibt Geld in jeder seiner ungezählten Erscheinungsformen auch in Zukunft das, was es immer war, nämlich das „tauschbarste Gut“ (Ferdinand Ulmer). Abgesehen davon muss man sich angesichts der riesenhaft gesteigerten Produktivität zumindest mit der Kaufkraft des Geldes neu befassen. Eine (anfechtbare) Grundthese mag dabei sein, dass viele Menschen einfach über mehr Kaufkraft verfügen, als sie für materielle und immaterielle Güter – ohne groß darüber nachzudenken – ausgeben können. Immerhin fällt auf, dass die Schere zwischen großen und kleinen Vermögen ständig größer wird, obwohl die Armen gar nicht mehr wirklich arm sind. Nach EU-Begriffen gilt heute als arm, wer nur (!) 60 % des Durchschnittseinkommens bezieht. Diese statistisch Armen haben wohl nur mehr wenig gemein mit den einkommenslosen, zerlumpten und hungrigen Armen vergangener Zeiten!

Der kritisierte Umstand, dass die Reichen immer reicher werden, führt zu einer allgemeinen Belebung der Umverteilungsdebatte. Abgesehen von deren ideologischer Überhöhung unter dem „Wahn der Gleichheit“ – dazu wurde oben schon einiges gesagt – und einiger markanter Rechenfehler (siehe dazu weiter unten) ist in diesem Zusammenhang die Rolle des so genannten Wohlfahrtsstaates (praktisch alle heute bestehenden und einigermaßen demokratischen Staaten) neu zu hinterfragen.

Tatsächlich findet im Rahmen der staatlichen Budgets laufend eine enorme Umverteilung statt, die als solche selten gesehen, geschweige denn argumentiert wird. Unter dem Titel „Soziales“ werden in allen Budgets rund ein Drittel der Staatsausgaben subsummiert. Das ist eine gewaltige Umverteilung, die an sich den Fachleuten bekannt ist, über die aber oft gar nicht geredet wird. Beispielsweise könnten die „normalen“ Pensionen ohne erhebliche Staatszuschüsse gar nicht ausbezahlt werden.

In Wirklichkeit wird für jeden Arbeitnehmer im Laufe seines Lebens ein kleines Vermögen angelegt. Legt man eine durchschnittliche Lebensdauer von 80 Jahren und bei einem Pensionsantrittsalter von 65 Jahren eine Pensionszeit von 15 Jahren zu Grunde, so schafft jeder in ungefähr 35 Arbeitsjahren einen gesetzlich (!) verbrieften Pensionsanspruch von vielleicht € 1.000,– (oder mehr), somit einen Pensionsgenuss von zumindest € 210.000,– Dieser durchschnittlich gerechnete Mindestgenuss kommt einem kleinen Vermögen gleich! Wieso das in keinem Vermögensvergleich aufscheint, obwohl es gesetzlich garantiert und im Vergleich zu angesparten Wertpapieren sogar noch wertgesichert ist, ist nicht zu verstehen.

Richtig betrachtet, ist daher jeder Arbeitende spätestens mit 65 Jahren sogar ein zumindest kleiner Vermögender – allein auf Grund der Gesetzeslage und seiner einbehaltenen Pensionseinzahlungen.

Die Rolle des überschuldeten Umverteilungsstaates

Natürlich muss man sich die Rolle des modernen Sozialstaates genauer ansehen. Sein Zuschuss zu den Pensionen macht ja nur einen kleinen Teil des Sozialbudgets aus. Es zählen dazu auch die Staatsausgaben zum Beispiel für die „Willkommenskultur“ zugunsten der Masseneinwanderung. In Österreich betrugen die Staatsausgaben 2021 dafür rund 2000 Millionen Euro jährlich.[5] Ohne weitere Beispiele wie Mindestsicherung oder Wohnzuschüsse u. ä. strapazieren zu wollen, zeigt sich deutlich, in welchem Ausmaß der Staat inzwischen auch in die Finanzierung von Umverteilungsangelegenheiten eingestiegen ist. Einerseits bezieht der Staat dafür Steuereinnahmen hauptsächlich von den Leistungsträgern unter seinen Bürgern (die Mehrwertsteuer gehört zu den Ausnahmen), andererseits besitzt er gar nicht das Geld, um allen seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Notfalls borgt er sich einfach das Geld dafür aus. Bei vielen Staaten ist die Kreditaufnahme zwecks Budgeterstellung gar nicht mehr wegzudenken. Das Thema der maßlos überschuldeten europäischen Staaten war viele Male Gegenstand von Genius-Lesestücken, u. a. aus der Feder von E. Hamer. Zuletzt wurde das Problem der Verschleuderung von Volksvermögen von G. Schultze-Rhonhof behandelt.[6]

Faktum ist, dass der moderne Staat in seinen Jahresbudgets nicht bloß umverteilt, sondern auch in die Rolle des privaten Konsumenten schlüpft, also quasi als Ersatzkonsument für diesen auftritt. Teils geschieht das im Zuge der Umverteilung (zu erleben bei den Immigranten), teils im Wege gigantischer Zuschüsse, wie sie gegenwärtig in der Corona-Pandemie üblich wurden. Wenn der Staat dafür kein Geld hat (wie soll das bei „normaler“ Überschuldung anders gehen?), dann borgt er sich einfach Geld aus. Über den Umweg der unbeschränkten Anleihekäufe druckt dann die EZB als Notenbank einfach die benötigten Papierscheine neu. Und die EU verschenkt über ihren neu geschaffenen Fonds zum Ausgleich der Kosten für die Pandemiebekämpfung ungefähr die Hälfte aller Gelder an verschiedene Staaten, darunter besonders hoch verschuldete. Kein Wunder, dass dadurch so etwas wie eine zurückgestaute Inflation entstand, die sich jetzt allmählich bemerkbar macht. Mit einer insgesamt auf uns zukommenden großen Inflation müssen wir so und so rechnen.[6]

Dass dieses Kartenhaus nicht schon viel früher zusammenkrachte, ist das eigentlich Erstaunliche daran. Des Rätsels Lösung könnte die gewaltige Überproduktion bei gleichzeitig abnehmender Kauflust sein. Zugleich stiegen die nicht konsumierten Ersparnisse, die in finanzpolitisch eingeschränkte Anlagemöglichkeiten drängten. Infolgedessen explodierten die Preise für Immobilien, was Folgen für die Mieten hatte, und an den Börsen stiegen inflationär die Aktienkurse. Es bildeten sich eigene Märkte für die Anlage von Ersparnissen mit eigenen Inflationen.

Parallel dazu flammten neue Diskussionen um „Helikoptergeld“ und „Grundeinkommen“ auf. So abwegig beides auch erscheinen mag (Hamer), so deuten diese und ähnliche Diskussionen dennoch an, dass man sich gedanklich mit der Situation einer noch nie dagewesenen Produktivität (bei gleichzeitig nachlassender Konsumbereitschaft) zu befassen beginnt. Was daran falsch und was richtig ist, kann hier unmöglich ausgelotet werden. Bis erste stichhaltige Ergebnisse vorliegen, dürfte noch sehr viel Zeit verstreichen. Wichtig erscheint vorerst nur, dass sich die brillantesten Köpfe aus allen ideologischen Lagern in diese Diskussionen einschalten. Nur auf diese Weise kann altes Wirtschaftsdenken kritisch hinterfragt und neues Wirtschaftsdenken nach und nach entstehen.

Kriege und Wiederaufbau

Ein bekannter Spruch, der dem griechischen Philosophen Heraklit zugeschrieben wird, besagt: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Wenn man sich die unzähligen Kriege und Zerstörungen, die den wirtschaftlichen Aufstieg der Menschheit begleiteten, vor Augen hält, wird die heute erreichte Produktivität noch erstaunlicher, als sie an sich schon ist. Allein im Zweiten Weltkrieg wurden praktisch alle größeren Städte in Deutschland und Japan völlig zerstört und niedergebrannt. Doch alle diese Städte waren nach einer knappen Lebensspanne wieder aufgebaut und zudem moderner denn je zuvor. Die Kriegsverlierer Deutschland und Japan wurden global zu führenden Wirtschaftsländern. Aber auch der eigentliche Sieger im Zweiten Weltkrieg, die Vereinigten Staaten von Amerika, rückte gewaltig auf. Nicht nur spielten die USA ihre Wirtschaftsmacht im Krieg selbst militärisch aus; sie belieferten zusätzlich ihre Verbündeten mit Unmengen von Kriegsmaterial. Insbesondere rüsteten die USA die Sowjetunion auf. Nach dem Krieg halfen die USA beim wirtschaftlichen Wiederaufbau (Marshall-Plan) und wurden gleichsam nebenbei die größte Wirtschaftsmacht der Welt.

Das gegenwärtig spektakulärste Phänomen dieser Art bietet Vietnam. Dieses vom Krieg völlig niedergewalzte, ja durch Bomben und Granaten praktisch umgepflügte Land zählt heute zu den wirtschaftlich fortschrittlichsten Ländern Asiens. Nur mit Entsetzen erinnert man sich an den Film „Apocalypse now“. Er schien das Ende Vietnams zu dokumentieren. Und heute? Die Wirtschaft Vietnams erstrahlt wie der Phönix aus der Asche!

Zumindest erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch das China Xi Lingpings. Nach Kolonialzeit, vielen Kriegen, Bürgerkriegen und einer zerstörerischen Kulturrevolution rafften sich rund eintausendvierhundert Millionen Chinesen zu einer wirtschaftlichen Hochleistung auf, die Ihresgleichen sucht. China gilt heute als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und versucht, die USA vom ersten Platz als Wirtschaftsmacht zu verdrängen. Ob das diesem rotfaschistischen Staat langfristig auch gelingen wird, bleibt ungewiss. Jedenfalls wird die Produktivität der Wirtschaft im geopolitischen Machtpoker vermutlich entscheidend werden.

Der Anstieg der Weltbevölkerung von 1 Milliarde auf bald 10 Milliarden Menschen in nur ungefähr 200 Jahren ist die eine Kehrseite unserer ins Riesenhafte angewachsenen Produktivität. Die andere Kehrseite bildet der menschengemachte Klimawandel. Obwohl heutzutage der Klimawandel in aller Munde ist, bleibt die Grenze zwischen natürlichem und vom Menschen erzeugtem Klimawandel strittig. Denn niemand kann leugnen, dass seit Millionen von Jahren ein ständiger Klimawandel von Natur aus stattfindet. In diesem großen Spiel mischt heute der Mensch mittels seiner die Erde umfassenden Produktivkraft mit. Unsere technisch-wirtschaftliche Makro-Produktivität wendet sich über unseren Planeten hinaus dem Weltraum zu. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht unversehens die Basis unserer Expansion selbst zerstören. So muss uns die erreichte Produktivität dazu veranlassen, über alle Fragen menschlicher Existenz gründlich nachzudenken.

Anmerkungen

[1] John K. Galbraith, The Affluent Society, Originalausgabe 1958, Deutscher Titel „Gesellschaft im Überfluss“, erschienen 1959.

[2] Vgl. Gerulf Stix, „Leben in vertrauter Umgebung“, Genius-Brief Juli–August 2021.

[3] Vgl. Gerulf Stix, „Klimawandel“, Genius-Brief November–Dezember 2021.

[4] Bei der Zahlenangabe laut Internet handelt es sich um die Untergrenze einer großen Bandbreite wegen Schwierigkeiten bei der Berechnung der Aufteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden.

[5] Vgl. Gerd Schultze-Rhonhof, „Verschleuderung von Volksvermögen“, Genius-Lesestück Nr. 1, Folge Juli–August 2021.

[6] Vgl. Gerulf Stix, „Die große Wirtschaftskrise bahnt sich an“, Genius-Brief Jänner–Feber 2021.

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Bearbeitungsstand: Donnerstag, 27. Jänner 2022

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