Ukrainekrieg und Russophobie


Von Fabian Walch

Es ist wieder soweit, in Europa herrscht der Schrecken Krieg. Viele wurden gewaltsam aus ihrem Wunschtraum, Kriege würden auf unserem Kontinent der Vergangenheit angehören, gerissen. Vielfach hat man in den Gazetten des Westens gelesen, dass die Welt mit dem russischen Angriff auf die Ukraine über Nacht eine andere geworden sei. Die Welt war aber immer die gleiche, aber der Wunsch nach der Utopie hat dies lange erfolgreich verdeckt. Nun hat die Realität die Alte Welt eingeholt und die Utopisten eines Besseren belehrt.

Mit dem Krieg kam aber nicht nur die Gewalt zurück, auch die Propaganda hat wieder Hochkonjunktur. Vor allem wurde der Konflikt innerhalb kürzester Zeit zu einem Medien- und Informationskrieg, den die Ukraine bereits für sich entschieden hat. Aus diesem Grund muss man seine Worte vorsichtig wählen, um nicht sofort als „Putinversteher“ gecancelt zu werden. Dabei gibt es in diesem Krieg keinen Guten, sondern Konfliktparteien. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern viel komplexer. Jeder hat Schattenseiten und auch Interessen, das ist geopolitische Realität. Zu schnell sind die Verfehlungen der Ukraine und ihrer korrupten politischen Kaste vergessen, wobei dies natürlich in keiner Weise die russische Invasion rechtfertigt. Dieser Angriffskrieg Putins ist, ohne Wenn und Aber zu verurteilen, so wie jeder Gewaltexzess. Dennoch will man verstehen und aus diesem Grund muss man die Vorgeschichte betrachten, um zu ergründen, wie es zu dieser Eskalation kommen konnte. Schließlich könnte dieses Verständnis auch der Schlüssel für den ersehnten Frieden sein, der das Ziel aller sein sollte.

In der angelsächsischen Geschichtsschreibung hat sich die Tradition durchgesetzt, bei Kriegen den Namen des Aggressors voranzusetzen. Nach diesem System wird dieser Krieg wohl als russisch-ukrainischer Krieg in die Geschichte eingehen. Hoffentlich weitet sich der Krieg nicht aus und ein Waffenstillstandsabkommen wird bald erzielt. Es ist nicht ausgeschlossen, immerhin ist nach Carl von Clausewitz der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Ziel muss es sein, den Modus Vivendi zu erreichen. Nur um dahin zu kommen, muss man verstehen, was der Aggressor will und wie es dazu gekommen ist.

Eine kurze Geschichte der Ukraine

Putin beansprucht die gesamte Ukraine als Teil Russlands oder zumindest als Teil der russischen Einflusssphäre. Der Anspruch, den er dafür ableitet, liegt in der Geschichte begründet. Die Ursprünge dafür liegen bereits im 8. Jahrhundert. Die Waräger, skandinavische Fernhändler, begannen in dieser Zeit regelmäßig mit ihren wendigen Booten, die durch den geringen Tiefgang größere Flüsse befahren konnten, über den Don und Dnjepr ins Schwarze Meer und von dort aus ins Byzantinische Reich zu fahren und Handelsbeziehungen aufzubauen. Als Handelsstation wurde 750 die erste Siedlung Ladoga gegründet. Die gegründeten Siedlungen wuchsen und eine Symbiose mit der ansässigen slawischen Bevölkerung erfolgte über die Jahrhunderte. Es entstanden mehrere Fürstentümer der Rus und eines der einflussreichsten und größten war jenes der Kiewer Rus. Moskau war zu dieser Zeit maximal ein Bauerndorf. Neben Kiew war ein weiteres Zentrum die große Handelsstadt Nowgorod, von der aus auch die erste russische Dynastie von Rurik begründet wurde, der Ende des 9. Jahrhunderts begann auszugreifen und sich auch das große Zentrum in Kiew einverleibte. Die erste große Blüte erfuhren die Rus dann bereits im 10. Jahrhundert. Der historische Kern des russischen Staates liegt also eigentlich zwischen Kiew und Nowgorod.

In Folge zerfiel das Reich der Rurikiden aufgrund von Senioratsprinzip als Erbfolgeregelung in viele Teilfürstentümer, die ständig untereinander Krieg führten. Neben den beiden Genannten waren dies etwa Smolensk, Rostov, Ryazan, Polotsk, Chernigov und andere. Diese Uneinigkeit begünstigte die Invasion der Mongolen zu Beginn des 13. Jahrhunderts in das zersplitterte Reich der Rus. Der Mongolensturm beendete schließlich die Ära Altrusslands und läutete die Zeit der Untertänigkeit ein. Die russischen Teilfürstentümer wurden zu Vasallen der Goldenen Horde degradiert. In dieser Zeit, die heute als Demütigung gesehen wird, erstarkte das Fürstentum Moskau, was schließlich unter dem Großfürsten Iwan dem Großen das Ende der Mongolenherrschaft über die Rus gegen Ende des 15. Jahrhunderts beendete. Nach dem erfolgreichen Abschütteln der Herrschaft durch die Mongolen begann die schrittweise Einverleibung der anderen Teilfürstentümer, darunter jenes der Handelsrepublik Nowgorod durch das Großfürstentum Moskau.

Das 16. und 17. Jahrhundert war dann von der Auseinandersetzung mit dem in Personalunion regierten Polen-Litauen geprägt, welches über weite Teile westrussischer Gebiete, darunter Kiew, Chernigov und Smolensk herrschte. Zudem begann die Eroberung des mittlerweile in mehrere Einzelteile zerfallenen Mongolenreichs. Mitte des 16. Jahrhunderts eroberte Iwan IV., der das Zarenreich begründete, etwa die Tatarenhauptstadt Kasan, was wiederum den Grundstein zur Eroberung und Kolonialisierung Sibiriens legte. Es folgte weitere Expansion und der Aufstieg zur Großmacht unter Zaren wie Katharina der Großen und Peter dem Großen sowie eine Orientierung an den Westen. Im 19. Jahrhundert nahm das inzwischen panslawistisch ausgerichtete Zarenreich dem kranken Mann am Bosporus, dem Osmanischen Reich, die Krimhalbinsel ab und verleibte sie dem erneuerten russischen Kaiserreich ein. Zuvor sicherten die Teilungen Polens den Anschluss Russlands an Mitteleuropa und eine Grenze mit Preußen, dem späteren deutschen Kaiserreich, und der Donaumonarchie der Habsburger, die in Galizien, der heutigen Westukraine, herrschten.

Die Eingliederung in die Sowjetunion

Es folgten zwei Weltkriege und die erfolgreiche kommunistische Oktoberrevolution, die zur Gründung der Sowjetunion, was militärisch den Aufstieg von der Großmacht zur Weltmacht nach sich zog. Chruschtschow schenkte dann 1954 die Krim der Ukraine. Der Grund dafür ist bis heute unbekannt. Die bipolare Weltordnung und der Kalte Krieg hinterließen auch im russischen Selbstverständnis tiefe Spuren, die bis heute nachwirken. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Gründung der Russischen Föderation, die als größtes Land und Rechtsnachfolger der Sowjetunion gilt, 1992 begannen der Niedergang und das kollektive Trauma. Der Sturz von der Weltmacht zur Regionalmacht grub sich tief ins kollektive Bewusstsein Russlands, was bis in unsere Gegenwart spürbar ist. Putin bezieht sich in seinen Reden immer wieder auf diese beiden Aspekte, nämlich die Einheit der russischen Nation und der Platz als Großmacht, was territoriale Expansion oder zumindest Ausweitung des Einflussbereiches vorsieht. Beides bestimmt nicht unerheblich Putins geopolitisches Vorgehen. Vorboten konnte man schon in Georgien und Tschetschenien ausmachen, wobei in der Ukraine ein großer Anteil Russischsprachiger im Osten des Landes hinzukommt und der Umstand, dass Ukrainer zumindest als Brudervolk wahrgenommen werden.

Es geht um Sicherheit und fossile Energieträger

Wie immer ist so ein Konflikt aber nicht monokausal. Neben den historischen und damit eng verschränkten ethnisch-völkischen Beweggründen, die auch ideologisch gesehen werden können, gibt es handfeste wirtschaftliche Interessen. Das Rückgrat russischer Wirtschaft sind Bodenschätze und fossile Ressourcen. Russland ist der weltweit größte Exporteur von Erdöl und Erdgas. Die wichtigsten Pipelines nach Westeuropa laufen über die Ukraine, weshalb der Wegfall aus der russischen Einflusssphäre nach der Maidanrevolution 2013/14 eine sofortige Gegenreaktion Russlands auslöste. Die Annexion der Krim war aus Putins Sicht die logische Antwort. Auch über die Krim laufen Pipelines, die noch aus der Sowjetzeit stammen. Russland hat aber vorgesorgt und weitere Pipelines nach Westen aufgebaut. Berühmteste davon ist Northstream 2, welche durch die Ostsee verläuft und nun von Deutschland blockiert werden soll.

Neben den für die russische Wirtschaft wichtigen Pipelines geht es aber auch um Rohstoffvorkommen in der Ukraine. Vor allem im westlichen Teil des Schwarzen Meeres zwischen der Krim und Odessa werden große Gasfelder vermutet, und auch östlich der Krim soll es Erdölvorkommen geben. Aber auch auf dem Festland gibt es riesige fossile Rohstoffvorkommen. Zum einen im Osten der Ukraine, einen großen Teil davon im Westen der von den russischen Separatisten beanspruchten Oblasten Luhansk und Doniezk, sowie umfangreiche fossile Vorkommen im Westen des Landes. Bislang war die Ukraine nicht in der Lage, diese Rohstoffvorkommen zu fördern, da ihnen das wirtschaftliche Kapital dazu fehlte. Nach der Revolution drangen immer mehr westliche Investoren wie Shell als Investoren auf, um diese Erdöl- und Erdgasvorkommen zu fördern. Dies bedrohte Russland massiv, da die hegemonialartige Stellung im fossilen Export gefährdet war, was die ohnehin stark angeschlagene russische Wirtschaft schwer getroffen hätte. Aus diesem Grund kann der Ukrainekrieg auch als fossiler Krieg angesehen werden.

Die Sicherheitsfrage

Natürlich geht es auch um die geostrategischen Interessen Russlands. Der Osten Europas ist Teil der Nordeuropäischen Tiefebene, die sich von Norddeutschland ausgehend, wie ein Trichter im Norden von der Ostsee und im Süden von Sudeten und Karpatenbogen begrenzt bis zum Uralgebirge ausweitet. Salopp gesagt weitläufiges flaches, von Flüssen durchzogenes Land, kurz ein verteidigungsstrategischer Alptraum. Die NATO rückte seit dem Ende des Kalten Krieges immer weiter gen Osten. Ungeachtet dessen, ob es das Versprechen gab, dass die NATO sich nicht weiter nach Osten ausbreiten wird, beziehungsweise keine ehemaligen Warschau-Pakt-Mitglieder aufnehmen wird, wurde keine Rücksicht auf russische Sicherheitsinteressen genommen. Die USA muss sich zumindest den Vorwurf gefallen lassen, die Schwäche Russlands lange ausgenutzt und diese teilweise im Siegesrausch des Kalten Krieges gedemütigt zu haben. Die russische Exklave Königsberg ist mittlerweile umgeben von NATO-Mitgliedern und völlig abgeschnitten. Der sogenannte Suwalki-Korridor trennt den Oblast Kaliningrad von Weißrussland und verbindet Polen mit dem Baltikum. Das ist aber auch der vermutliche größte Schwachpunkt der NATO in Europa, welches die baltischen Staaten in ständige Nervosität versetzt. Immerhin leben vor allem in Estland und Lettland viele ethnischen Russen, von denen nicht alle in den neuen Nationalstaaten eingebürgert sind.

Im Süden sind die Weiten der Ukraine aus russischer Sicht eine offene Flanke, die eine permanente Bedrohung darstellen. Ein Einfall nach Russland über die Ukraine würde das Abschneiden des Mittelmeerzugangs, den Zugang zu den kaukasischen Ölfeldern und die Wolga-Transportlinie bedrohen. Dieses Bedrohungsszenario ist aus geopolitischer Sicht ein Alptraum für Russland, weshalb der Wegfall der Ukraine aus der russischen Einflusssphäre aus Sicht Putins ein Supergau war. Diese Scharte soll nun wohl ausgewetzt werden. Dass dies durchaus auch ein Grund für die Invasion war, verdeutlicht die Aussage des russischen Außenministers Lawrow, der sagt, dass Russland einem Angriff durch die Ukraine zuvorkam. Schon die Annexion der Krim hat einen sicherheitspolitischen Makel Russlands ausgemerzt. Der Zugang zu einem warmen Meer, der wichtige Militärhafen Sewastopol und die Kontrolle über das Asowsche Meer durch die Straße von Kertsch sicherte die russische Präsenz im gesamten Schwarzen Meer und macht Russland dort zum regionalen Faktor, was sowohl militärisch als auch wirtschaftlich gilt.

Aus militärischer Sicht haben die Oblaste Luhansk und Doniezk keinen nennenswerten Mehrwert. Somit ist klar, dass eine reine Abtretung dieser Gebiete an Russland nicht die russischen Interessen befriedigen würde. Es gibt mehrere Szenarien, die denkbar wären, mit denen sich Russland aus sicherheitspolitischer Perspektive zufriedengeben könnte. Ein Szenario wäre die völlige Annexion der Ukraine oder die Einsetzung einer russischen Marionettenregierung, welche den Verbleib der Ukraine innerhalb der russischen Machtsphäre sicherstellt. Aber selbst in diesem Fall würde die Ukraine wohl nicht ihre territoriale Integrität wahren können, da Russland sich nicht der Gefahr aussetzten möchte, in dieselbe Situation zu geraten, in der es sich aktuell befindet. Es wäre denkbar, dass eine Landverbindung zwischen der Krim und den Separatistengebieten angestrebt wird. Das könnte den Dnjepr beinhalten, der aus militärischer Sicht gut zu verteidigen wäre und das Problem der Nordeuropäischen Tiefebene abschwächen würde sowie die Trinkwasserversorgung der Krim sicherstellen würde, was nicht vernachlässigt werden darf. Immerhin hat die Ukraine nach der Annexion der Krimhalbinsel eben jene Versorgung gekappt.

Die Grenze zu Rumänien verdient Beachtung

Ein weiteres Szenario ist eine Verbindung mit den Russen in Transnistrien, die sich ein autonomes Gebiet im Osten Moldawiens gesichert haben. Das würde in diesem Fall die ganze Südukraine umfassen und wohl die Ukraine zu einem Binnenstaat machen. Die Dnjepr-Grenze würde hingegen die Abtretung der gesamten Ostukraine bedeuten. All diese Szenarien sind theoretisch denkbar, aber praktisch von der ukrainischen Regierung nicht akzeptierbar. Eine Einigung wird hier wohl nur erzielt werden, wenn vorher militärisch Fakten geschaffen wurden und die russischen Streitkräfte diese Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Leider hat man die historische Chance, Russland seinen Platz in der europäischen Völkerfamilie zuzugestehen, verpasst. Vielleicht hätte uns dies diesen schrecklichen Krieg auf unserem gemeinsamen Kontinent erspart. Mit der Aufmerksamkeit der Welt auf Russland könnte China seine Chance sehen und auf Taiwan Fakten zu schaffen. Auch in anderen Regionen der Welt könnte Ähnliches passieren. Der Iran hat bereits Provokationen gegen US-Militärbasen im Irak gesetzt. Der Rückzug der USA als Weltpolizei macht sich überall bemerkbar, wie bereits in Artikel „Die Welt im Umbruch“ beschrieben wurde, was viele ausnützen werden, indem sie das entstehende Vakuum zu füllen versuchen.

Was bedeutet der Ukraine-Krieg für uns?

Wagen wir noch den Blick in unsere Breitengrade und eruieren, welche Auswirkungen die russische Invasion für uns hierzulande bedeutet. Was bereits für jeden spürbar ist, sind die explodierenden Energiepreise. Bei jeder Zapfsäule spüren wir bereits die Auswirkungen. Neben den offensichtlichen Treibstoffpreisen werden die Nebenwirkungen aber bald auch in den Lebensmittelgeschäften und bei den Bäckern spürbar werden. Die Ukraine ist nämlich die Kornkammer Europas und zusammen mit Russland sind sie die zentralen Produzenten für Getreide wie Mais und Weizen. Nicht nur bleiben die Lieferungen aus der Ukraine aus, sondern die Sanktionen gegen Russland werden auch die Versorgung von dort einbrechen lassen, da eine russische Gegenreaktion gesetzt ist. Hierzulande müssen wohl bald erste Industrien ihre Produktion einstellen, da die Energiekosten weiter steigen werden, was dann diverse Produktionen nicht mehr rentabel macht. Welchen Dominoeffekt dies alles auslöst, ist schwer vorherzusehen. Jedenfalls wird es viele Bereiche betreffen, die aktuell noch gar nicht auf dem Schirm sind. Weiter steigende Inflation, ansteigende Arbeitslosenzahlen, erhöhte Sozialausgaben und Teuerungen auf allen Ebenen werden uns jedenfalls hart treffen, wenn an den Sanktionen festgehalten wird. Hinzu kommen die massiven Fluchtbewegungen gen Westen. Experten sprechen von 7–11 Millionen zu erwartenden Flüchtlingen. Diese Bewegung wird zusätzlich bereits von Schleppern genutzt, um Wirtschaftsmigranten aus anderen Teilen der Welt unterzumischen. Die EU ist in keiner Weise darauf vorbereitet. Auffallend ist jedenfalls schon jetzt, dass es angeblich sehr viele Studenten aus Afrika in Kiew gegeben hat. Die multi-kulti-trunkenen EU-Technokraten reiben sich jedenfalls schon freudig die Hände über die neuen „Fachkräfte“ für den Großen Austausch.

Dramatisch ist, mit welchem Fanatismus die Deutschen jetzt gegen Russland vorgehen und immer mehr Waffenlieferungen absegnen. Fehlt gerade noch, dass die ersten Politiker fordern, dass deutsche Soldaten in der Ukraine kämpfen sollen. Der deutsche Michel ist, so scheint es, von der tiefen Sehnsucht getrieben, endlich einmal auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, das heißt auf der Seite der Sieger. Diese Sehnsucht scheint auch archaische Instinkte zu wecken. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit verbreitet sich der Ungeist der Russophobie, die vor wenig Halt zu machen scheint. Jeder Russe, der hierzulande lebt, wird gezwungen, sich unmissverständlich gegen Putin auszusprechen, ansonsten droht die soziale Ächtung und der wirtschaftliche Tod. Jeder, der nicht in das Gut-Böse-Schema einstimmt, wird sofort zum „Putinversteher“ abgestempelt. Welche Auswüchse das annimmt, ist gelinde gesagt, beängstigend. Die Methoden erinnern dabei frappierend an Corona, die keinen Widerspruch in der öffentlichen Debatte erlaubten. Eine unrühmliche Rolle spielen dabei wieder einmal die Systemmedien, die in einer schwindelerregenden Weise und völlig unreflektiert antirussische Propaganda betreiben.

Der Apokalypse-Fetischismus der Medien

Der Apokalypse-Fetischismus der Medien ist evident. Die Berichte schwanken zwischen Weltuntergang durch Corona, Ukrainekrieg samt Atomgefahr und Drittem Weltkrieg sowie Klimakatastrophe. Was jedoch wirklich bedrohlich ist, ist der Verlust unserer Debattenkultur und der Meinungsfreiheit, die Grundsäule unserer freiheitlichen Demokratie. Das wird jedoch medial nicht beklagt. Dafür ist kein Platz, da die Russophobie befeuert werden muss und jedes Mal, wenn ein Russe hierzulande in Bedrängnis gerät, ungeachtet dessen, ob er auch nur irgendwas mit Putin oder dem Krieg zu tun hat, dies von den Schreiberlingen der Systemmedien beklatscht wird. Während die Propaganda und Zensur Russlands zurecht kritisiert wird, wird im Westen unreflektiert NATO-Propaganda abgeschrieben.

Anna Netrebko und der Dirigent Gergijew sind die ersten berühmten Opfer der russischen Ausgrenzung. Da Gergijew sich weigerte, eine vorgefertigte Stellungnahme zur russischen Invasion zu unterzeichnen, wurde er bei den Münchner Philharmonikern rausgeworfen. Er gilt als Putinfreund. Ähnlich erging es Anna Netrebko, die sich in einer Stellungnahme in den sozialen Medien gegen ein Schwarz-Weiß-Bild ausgesprochen hat. Anschließend wurden all ihre Konzerte abgesagt. Der österreichische Bildungsminister Polaschek ließ mit der Forderung aufhorchen, die Hochschulen des Landes sollten doch alle Kooperationen und Zusammenarbeiten mit russischen Wissenschaftlern einstellen, obwohl diese sich zuhauf öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen hatten. Die Russophobie wendet sich aber nicht nur gegen Personen, sondern auch gegen die Kunst und Kultur. Erste Konzerte wurden schon umdisponiert, weil keine Werke von Tschaikowsky mehr gespielt werden sollen. Eine internationale Schriftstellervereinigung hat nun dazu aufgerufen, russische Werke wie jene von Puschkin und Tolstoi zu boykottieren. Alle russischen Sportler wurden von den Paralympics ausgeschlossen. Selbst der internationale Katzenverband verbietet nun die Ausstellung russischer Katzen. Dies sind nur einige absurde Beispiele, um zu zeigen, welche Giftblüten die antirussische Propaganda bereits treibt. Dass dies Putin in seiner Propaganda gegen den Westen eigentlich hilft, erkennen diese wahrscheinlich nicht.

Es brechen bereits die ersten Dämme. Facebook hat nun beschlossen, vorübergehend ihre Benutzerrichtlinien zu ändern und erlaubt nun Gewaltaufrufe gegen Russen auf ihrer Plattform. Erschreckend sind auch die medialen Jagden, die nun veranstaltet werden. Beklatscht von der internationalen Presse soll nun auch die Stieftochter von Lawrow auf eine schwarze Liste gesetzt werden. Die Sippenhaft ist zurück. In Tirol gibt es schon die ersten politischen Stimmen, die alle Oligarchen, die Hotels hierzulande besitzen, enteignen wollen, ungeachtet was ihre politische Rolle in Russland ist. In Deutschland gab es schon die ersten Berichte über „Kauf nicht bei Russen“-Aktionen. Es gibt sogar Bilder von Geschäften, die mit entsprechendem Schriftzug versehen wurden. Kürzlich kam es sogar zu einem Brandanschlag auf eine deutsch-russische Schule in Berlin-Marzahn.

Diese Auswüchse lassen einen erschaudern und erinnern an eine Zeit, die wir eigentlich alle hinter uns lassen wollten. Ironischerweise berufen sich beide Seiten darauf, Antifaschisten zu sein. Putin will die Ukraine angeblich Entnazifizieren und im Westen wird Putin als Faschist verteufelt. Der ukrainische Präsident Selenskyj hat mittlerweile Russlandunterstützern mit dem Tod gedroht. Dies zeigt nur, dass es in diesem Krieg keine Guten gibt, weshalb man gut beraten ist, sich mit keiner Seite gemein zu machen. Denn wie immer stirbt im Krieg zuerst die Wahrheit.

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Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. März 2022

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