Spracherhalt als Rezept gegen völlige Assimilation


Interview mit dem ungarndeutschen Funktionär der Jakob-Bleyer-Gemeinschaft Armin Stein

Von Peter Wassertheurer*

Wassertheurer: Sie sind in der Jakob-Bleyer-Gemeinschaft tätig. Können Sie diese Organisation vorstellen und auch etwas zum Namenspatron sagen. Was sind die Ziele und Aufgaben?

Stein: Jakob Bleyer (* 25. Januar 1874 in Tscheb; † 5. Dezember 1933 in Budapest) war ein ungarndeutscher Germanist und Nationalitätenpolitiker. Aus der Perspektive der ungarndeutschen Gemeinschaft war es sein größter Verdienst, sich für die nationale Identität der Ungarndeutschen einzusetzen. Dieser Tätigkeit entstammt auch die auf Bleyer gemünzte Bezeichnung „Erwecker der Ungarndeutschen”. Der Erste Weltkrieg hatte bei vielen Ungarndeutschen ein Erweckungserlebnis verursacht, das Zusammentreffen mit anderen Deutschen hatte sie ihrer deutschen Nationalität bewusst gemacht. Kurz darauf folgte jedoch der schicksalshafte Trianon-Vertrag, der die Ungarndeutschen auf drei Staaten (Ungarn, Jugoslawien, Rumänien) verteilte, in denen sie einen noch kleineren Teil der Bevölkerung ausmachten als zuvor in Großungarn. Diese neuen Staaten waren ihren deutschen Minderheiten gegenüber nicht immer gut gesinnt: In Rumpfungarn bedeutete die Horthy-Ära die Fortsetzung des mit dem Ausgleich 1867 begonnenen Abbaus des ungarndeutschen Bildungssystems und der Zwangsmagyarisierung vieler Familiennamen. In dieser schwierigen Zeit hat Jakob Bleyer als Abgeordneter im ungarischen Repräsentantenhaus für die Rechte der Ungarndeutschen gekämpft. Er hat 1921 das Sonntagsblatt für das deutsche Volk in Ungarn und 1923 den Ungarländischen Deutschen Volksbildungsverein gegründet. Seine katholisch-konservative Politik wurde einerseits vom aufkeimenden (groß)deutschen Radikalismus, andererseits vom Assimilierungsdruck des Magyarentums herausgefordert.

Das Ungarndeutschtum hat seitdem viele Schicksalsschläge überstehen müssen: Verschleppung, Vertreibung und Unterdrückung haben die Gemeinschaft stark verändert. Erst nach der demokratischen Wende von 1989 konnte die Jakob-Bleyer-Gemeinschaft von Georg Krix neu gegründet werden. Das Ziel ist seitdem unverändert: Es geht um die Bewahrung, Förderung und Pflege der Muttersprache sowie des Identitätsbewusstseins der Deutschen in Ungarn. Wichtigstes Organ und Sprachrohr ist das Neue Sonntagsblatt, das ebenfalls seit 1993 eine Plattform für den Austausch und Diskurs innerhalb der ungarndeutschen Gemeinschaft bildet.

Das Sonntagsblatt erscheint als Printzeitschrift alle drei Monate, während auf der Facebook-Seite wöchentlich drei neue Artikel und wichtige Informationen rund um das Ungarndeutschtum und seinen Makrokosmos geteilt werden. Da Printmedien stetig an Popularität verlieren, befindet sich das Medium unter einem starken Reformdruck. Seit einem halben Jahr erscheint das Sonntagsblatt in einem erneuerten, dreifarbigen Gewand. Doch Aussehen ist nicht alles, es muss auch der Drahtseilakt bezüglich der Zeitungsinhalte gemeistert werden, denn die langen, analytischen Artikel bilden ein Unikat innerhalb der ungarndeutschen Medienlandschaft, während das Medium, besonders um passivere und junge potentielle Leser anzusprechen, auch im Bereich der neuen Medien und des visuellen Angebots aktiver werden muss.

Die weiteren Ambitionen und Projekte der Jakob-Bleyer-Gemeinschaft lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Einmal wollen wir die ungarndeutsche Volksgruppe in Ungarn sichtbarer machen. Dazu gehören Kampagnen, die darauf abzielen, auch den deutschen Familiennamen im Personalausweis führen zu dürfen und Schilder bzw. Gedenktafeln an Orten aufzustellen, die für die Gemeinschaft wichtig sind. Die zweite Zielsetzung soll dafür sorgen, dass innerhalb der ungarndeutschen Gemeinschaft ein konstruktiver Diskurs über Sprachgebrauch, Identität und Erinnerung geführt wird.

Wassertheurer: Wie viele Deutsche leben heute noch in Ungarn und wo liegen die Zentren der deutschen Volksgruppe?

Stein: Die genaue Zahl der Ungarndeutschen lässt sich nicht genau bestimmen, aber anhand der Daten aus verschiedenen Volkszählungen definieren sich zwischen 150.000 und 250.000 Personen als Ungarndeutsche. Diese Zahl stieg in den letzten 20 Jahren signifikant an, da sich in der Ära der KP-Diktatur viele nicht getraut hatten, ihre deutsche Herkunft anzugeben – viele trauen sich das bis heute nicht. Der Grund dafür sind die Daten der Volkszählung von 1941, auf deren Basis die Vertreibung und Verschleppung der Ungarndeutschen erfolgt waren.

Die wichtigsten historischen Siedlungsgebiete sind die Schwäbische Türkei, die große Teile der Komitate Tolnau und Branau in Südtransdanubien abdeckt, das Ofner Bergland, die Siedlungen um Budapest auf transdanubischer Seite, das Hochland des Plattensees und das Heinzenland, das als Gebiet an der Grenze zu Österreich liegt. Es gibt jedoch abseits dieser Siedlungsflecken noch fernliegende ungarndeutsche Siedlungen wie zum Beispiel: Almasch im Komitat Bekesch oder Sulk in der Schomodei. Ein weiterer wichtiger Aspekt der ungarndeutschen Siedlungsgeschichte ist, dass die betroffenen Gebiete keinen ethnisch homogenen Block bildeten, es handelte sich vielmehr um einen Flickenteppich verschiedener Nationalitäten. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg begann die Assimilation in den urbanen Gebieten, während in den isoliert liegenden Siedlungen der Schwäbischen Türkei, die vorwiegend ungarndeutsch waren, die Assimilierung erst nach der Zerstörung der Siedlungsstruktur infolge des Zweiten Weltkriegs anlief.

Als Folge der sich stetig verschlechternden Lebensumstände in den Dörfern begann in den 1960er-Jahren eine Abwanderung aus den ungarndeutschen Siedlungen, zuerst in die regionalen Zentren und nach Budapest. Nach der Wende – und besonders nach der Öffnung des deutschen und österreichischen Arbeitsmarktes 2011 – erfolgte eine Migration in das deutschsprachige Ausland. Das hat den Dorfgemeinschaften ihrer jungen Generationen beraubt, andererseits fanden sich die Abgewanderten in einem fast rein ungarischen Umfeld wieder, was den Assimilationsdruck maßgebend verstärkte und zum Verlust des Deutschen als Muttersprache beigetragen hat. Im 21. Jahrhundert leben die Ungarndeutschen weitgehend zerstreut, während in ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten ihre Zahl durch die stetige Abwanderung und die negativen demographischen Trends weiterhin sinkt.

Wassertheurer: Im Unterschied etwa zu den Donauschwaben aus dem jugoslawischen Raum oder zu den Sudetendeutschen blieb 1945 doch eine erhebliche Anzahl von Ungarndeutschen im Land und wurde nicht vertrieben. Welche Gründe gab es dafür, dass die Vertreibung teilweise anders verlief?

Stein: Die Situation der Ungarndeutschen zwischen 1944 und 1949 gestaltete sich recht komplex und weicht von der Geschichte ihrer Nachbarn ab. Die ungarische Regierung wollte mit der Vertreibung eigene innen- und außenpolitische Ziele verwirklichen. Der Krieg hatte das Land verwüstet und die wirtschaftliche Situation des Landes in erhebliche Mitleidenschaft gezogen. Die Regierung betrachtete die Vertreibung der Ungarndeutschen als eines der „Wundermittel” zur Lösung ihrer Probleme. Die Vertreibung wurde nicht nur zur Entfernung „nichtungarischer Elemente aus dem Volkskörper” genutzt, es wurde auch ein Sündenbock für Kriegsschuld und Leid gefunden. Mit der Verteilung der Besitztümer der Ungarndeutschen, besonders Immobilien und agrarisches Nutzland, an ethnische Ungarn aus dem ungarischen Osten oder aus den „erneut” verloren gegangenen Gebieten, wollte sich die Regierung mit der Landreform politisch stärken. Die Alliierten behandelten den Fall der Ungarndeutschen im Potsdamer Abkommen zusammen mit den der Sudetendeutschen und der Deutschen aus Polen. Die ungarische Regierung hatte von den Alliierten große Freiheiten bei der Vertreibung erhalten. Im Nachhinein kann man behaupten, dass die Vertreibung nicht konsequent durchgeführt wurde, denn Personen, die strategisch wichtigen Beschäftigungen nachgingen, wie zum Beispiel Bergleute oder Werkarbeiter, wurden von den Vertreibungslisten entfernt. Auch Familien, deren Besitz für Mitglieder von Parteien oder Neuankömmlingen nicht reizvoll genug war, durften weiterhin ihre Häuser bewohnen. Insgesamt wurden etwa 220.000 Menschen vertrieben. Die Ironie des Schicksals ist, dass die Tschechoslowakei die Vertreibung der Ungarndeutschen als Grundlage für den „Bevölkerungsaustausch” zwischen Ungarn und der Slowaken nutzte.

Wassertheurer: Unter dem kommunistischen Regime durften sich die Ungarndeutschen  zumindest kulturell betätigen. Über welche Einrichtungen verfügten die Ungarndeutschen unter dem KP-Regime?

Stein: Entscheidend für jegliche Minderheitenorganisation während des Kommunismus in Ungarn war, dass diese Strukturen nicht „von unten“ entstanden sind, stattdessen waren sie ein Weg, um die Propaganda und Direktiven der kommunistischen Partei an die Mitglieder der Minderheiten zu vermitteln. Die verbliebenen Mitglieder der Volksgruppe haben ihre Rechte als Staatsbürger Ungarns offiziell 1949 mit der neuen sozialistischen Verfassung wiedererhalten. Die Ungarndeutschen erhielten ihre landesweit agierende „politische Vertretung“ 1955 in Form des Demokratischen Verbands der Ungarndeutschen Werktätigen. Das Sprachrohr der Organisation wurde die Zeitschrift Freies Leben, das nach der gescheiterten Revolution von 1956 nicht erscheinen durfte, und erst 1957 wieder als Neue Zeitung gegründet wurde. Nach der Machtübernahme der Kommunisten dominiert in Ungarn die stalinistische Philosophie in der Nationalitätenpolitik. Deren Ziel war es, die Minderheiten in der sozialistischen Gemeinschaft zu assimilieren. Die Wende innerhalb der Nationalitätenpolitik erfolgt 1968. Die staatliche Aufsicht über den Verband wurde gelockert. Das Ziel der neuen Nationalitätenpolitik war nicht länger die Assimilation, sondern die Integration der Minderheiten in die sozialistische Gemeinschaft. Als letztes nennenswertes Datum während des Kommunismus ist das Jahr 1983 zu erwähnen, als der sozialistische Kulturpolitiker György Aczél während des Kongresses des Demokratischen Verbandes der Ungarndeutschen Werktätigen eine Rede hielt, in der er die vom ungarischen Staat nach Kriegsende ausgesprochene Kollektivschuld verurteilt hat. Eine weitere Folge der Rede war die Enttabuisierung der Vertreibung im öffentlichen Diskurs. Das Fazit der Nachkriegsjahre bis zur Wende war für die ungarndeutsche Gemeinschaft verheerend: Die erlittenen Verluste der Nachkriegsjahre, die erzwungene Assimilation der Kádár-Periode und der damit verbundene Sprachverlust haben die Gemeinschaft erheblich geschwächt. 

Wassertheurer: Die Änderung kam mit der Wende 1989/90. Was bedeutete die Wende für das Ungarndeutschtum?

Stein: Die Wende wurde mit großem Optimismus verfolgt, auch aus der Perspektive der Ungarndeutschen. Große Ereignisse der Nachwendezeit waren die Verabschiedung des Nationalitätengesetzes von 1993, welches das Verhältnis zwischen der Minderheit als Gruppe und dem Staat auf ein rechtsstaatliches Niveau hob, und auch im Bildungswesen großzügiger mit den Minderheiten umging. Es muss jedoch erwähnt werden, dass die Umsetzung des Gesetzes nicht vollständig war. Ein weiteres wichtiges Ereignis war auch die Frage der Entschädigungen für die Taten der ungarischen Regierungen zwischen 1939 und 1989, wobei sich das Parlament mehrmals mit dieser Frage beschäftigt hat. Wer und wie sollte entschädigt werden? Die Entschädigung der Enteigneten löste in einem Teil der Mehrheitsbevölkerung Unmut aus, während bestimmte politische Kräfte die Entschädigungen mit dem Ziel zu instrumentalisieren versuchten, diese nicht zu gewähren. Als Begründung wurde die wirtschaftliche Lage des Landes genannt, die eine solche nicht erlaube. Auch die bisherige Struktur der politisch-kulturellen Organisation der Ungarndeutschen veränderte sich grundlegend. Als Ergebnis der Kommunalwahlen von 1994 entstanden die ersten lokalen Nationalitätenselbstverwaltungen (insgesamt 163), denen folgte Anfang 1995 die Entstehung der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU), welche sich auf die lokalen Nationalitätenselbstverwaltungen stützte. Als Folge ihrer Entstehung wurde der Demokratische Verband der Ungarndeutschen aufgelöst. Es wurden erste Schritte in die Richtung einer politischen Vertretung der Ungarndeutschen unternommen.

Wassertheurer: Minderheiten verfügen in Ungarn über eine Selbstverwaltung. Können Sie dieses System kurz erklären? Welche Aufgaben fallen der ungarndeutschen Selbstverwaltung zu?

Stein: Das System hat drei Ebenen: die Gemeinde-, die Regional- und die Landesebene. Auf der Gemeindeebene ist die wichtigste Aufgabe die Koordination und das Management kultureller Aktivitäten für die Ungarndeutschen. Diese betrifft Museen, Tanzgruppen, Chöre, Kindergärten und Grundschulen. Selten befindet sich eine Schule in der Trägerschaft der lokalen deutschen Minderheitenselbstverwaltung, welche auch für das Funktionieren und die Administration der Schule verantwortlich ist. Auf regionaler Ebene geht es um das Koordinieren der verschiedenen Selbstverwaltungen der Gemeinden und die Durchführung von regionalen Programmen. Diese Aufgaben werden von den Regionalbüros der LdU übernommen. Auf Landesebene sind die Tätigkeiten der LdU am vielfältigsten, offiziell werden diese wie folgt beschrieben:

„Das erklärte Ziel der Selbstverwaltung liegt im Erhalt und der Förderung der Sprache, des geistigen Kulturerbes, der geschichtlichen Traditionen und der Identität der Ungarndeutschen. Dazu zählen auf kultureller Ebene die Bewahrung und Pflege der deutschen Muttersprache, die Förderung des Deutschunterrichts im ungarischen Schulwesen und der Austausch mit Deutschland in Form von Partnerschaften und Programmen. Die Verwirklichung der kulturellen Autonomie, d.h. die Übernahme von ungarndeutschen Institutionen in eigene Trägerschaft, ist Schwerpunkt der Tätigkeit der LdU.“

Das Nationalitätengesetz wurde 2011 geändert, was zur Folge hatte, dass jede Minderheit einen Sprecher ins Parlament entsenden darf und bei genügend Stimmen für die ungarndeutsche Liste ist es möglich, einen Abgeordneten mit einem Vorzugsmandat zu entsenden. Nach den Parlamentswahlen 2014 konnte die Minderheit den Parlamentssprecher Emmerich Ritter entsenden, nach den Parlamentswahlen 2018 erhielt er ein volles Mandat. Die neue Rolle des Abgeordneten hat die LdU vor Herausforderungen gestellt, da die Arbeit im Parlament von Seiten der Allgemeinheit mit größerer Aufmerksamkeit verfolgt wird. 

Wassertheurer: Man hört immer wieder, dass die deutsche Sprache zu den größten Herausforderungen zählt. Wie würde Sie die Situation der deutschen Sprache bei den Ungarndeutschen beschreiben? Wo wird sie gelernt? Wird sie noch in den Familien gesprochen? 

Stein: Die Lage der deutschen Sprache in Ungarn ist schwierig. Die Assimilation und das seinerzeitige Verbot, die Sprache öffentlich zu verwenden, haben dazu geführt, dass viele der heutigen Elterngeneration zu Hause nur Ungarisch gelernt haben. Da die Eltern kein Deutsch mehr sprechen, werden sie auch ihren Kindern die Sprache nicht mitgeben. Das heißt, dass für etwa zwei Drittel der Gemeinschaft Deutsch eine Fremdsprache ist, welcher sie das erste Mal in der Schule (oder im Kindergarten) begegnen. Die Bildungseinrichtungen, die von der LdU getragen werden, sind innerhalb Ungarns hoch angesehen, aber eine in der Schule als Fremdsprache gelernte Sprache wird nicht so einfach zur Muttersprache. Problematisch ist jedoch auch, dass viele Jugendliche den Wert der deutschen Sprache erst zu spät erkennen, da sich bei den jüngeren Generationen der Medienkonsum zumeist auf Englisch oder Ungarisch vollzieht. Erst im späteren Lebensabschnitt, egal ob in Ungarn oder im mitteleuropäischen Ausland, wird Deutsch als eine zumindest gleich wichtige Sprache erkannt.

Die Situation der Sprache befindet sich für die Gemeinschaft in einem Dilemma, denn es gibt zwar hilfreiche Förderungen zum Spracherhalt, ohne die aktiven Anstrengungen der Mitglieder ist aber zu befürchten. dass die deutsche Sprache innerhalb der Gemeinschaft weiterhin an Bedeutung verlieren wird. 

Wassertheurer: Kultur und Sprachen gehören zur Identität einer Volksgruppe. Wie lebendig ist die deutsche Identität innerhalb der Ungarndeutschen? Welche kulturellen Aktivitäten und Veranstaltungen würden Sie nennen, die identitätsstiftend sind? Ich denke hier an die Volksmusik oder Volkstänze, die immer eine große Rolle spielten. 

Stein: Die Frage der ungarndeutschen Identität ist recht komplex. Ich glaube nicht, dass sich dazu eine eindeutige Definition finden lässt, weshalb man die Daten heranziehen soll, die ein Individuum zur Frage der eigenen Identität abgibt. Kurz nach und selbstverständlich auch vor der Wende haben sich die meisten nicht getraut, sich zu ihrer deutschen Identität zu bekennen. Seit den 1990er-Jahren wächst die Zahl jener stetig an, die sich als Ungarndeutsche bezeichnen. Aus diesen Daten ist ersichtlich, dass die Sprache nicht das alleinige identitätsstiftende Merkmal ist. Vor allem der Volkstanz und die Volksmusik erleben in ihrer Popularität eine Renaissance. Das Bildungssystem und die ungarndeutschen Vereine haben viele Jugendliche mit den traditionellen Aktivitäten bekannt gemacht. Auch Schwabenbälle sind sehr populär geworden, diese ziehen inzwischen auch Teilnehmer an, welche über keinen ungarndeutschen Hintergrund verfügen. Hier ist ein interessantes Detail zu beobachten. Während die meisten Volkstanzgruppen über jugendlichen Nachschub verfügen, ist die Lage der Chöre hingegen weiterhin kritisch. Für viele scheint die Sprache ein Hindernis zu sein.

Wassertheurer: Sprechen wir über das Problem der Überalterung der Volksgruppe. Ist sie tatsächlich ein existenzgefährdendes Problem, und wie sieht es mit der Jugendarbeit aus? Gibt es ungarndeutsche Jugendvereine? Was sind deren Ziele?

Stein: Generell ergeben sich aus den demographischen Daten der ungarndeutschen Volksgruppe keine maßgeblichen Unterschiede zu der Mehrheitsbevölkerung, ebenso bezüglich der Geburtenrate und der Sterberate. Die Kinderzahl pro Frau in Ungarn beträgt in etwa 1,4 bis 1,5 und ist somit, wie in den meisten europäischen Ländern weit unter dem Reproduktionswert von 2,1. Da die Ungarndeutschen eine sehr stark in der Mehrheitsbevölkerung integrierte Volksgruppe sind, und es als Ergebnis dieser „Überanpassung“ viele Ehen zwischen Ungarndeutschen und Nichtungarndeutschen gibt, ist die Geburtenrate innerhalb der ungarndeutschen Gemeinschaft gleich (niedrig) wie die der Mehrheitsgesellschaft. Anhand dieser Daten ließe sich vermuten, dass die Überalterung für die Ungarndeutschen kein größeres Problem darstellt als für die Mehrheitsgesellschaft. Diese Schlussfolgerung beachtet jedoch nicht die Folgen der innerungarischen und intereuropäischen Migration. Die klassischen Siedlungsgebiete der Ungarndeutschen habe ich schon erwähnt, entscheidend ist jedoch, dass diese größtenteils rurale und für ungarische Verhältnisse strukturschwache Gebiete sind. Dies führte Anfang der 1960er-Jahre zu einer Migration der Arbeitnehmer in die lokalen Zentren (z. B. Fünfkirchen), welche mit einer Abwanderung nach Budapest ergänzt wurde. Nach dem Beitritt Ungarns in die EU 2004 und besonders nach der Öffnung der EU-Arbeitsmärkte 2011 wanderten zusätzlich Angehörige der deutschen Minderheit in den deutschsprachigen Arbeitsraum, was zu einem weiteren Verlust von Angehörigen der ungarndeutschen Gemeinschaft führte. Die wichtigste Motivation hinter den erwähnten Bevölkerungsbewegungen war und ist die Suche nach besseren Verdienstmöglichkeiten und einem höheren Lebensstandard. Diese Prozesse haben zur Folge, dass die ungarndeutschen Dörfer ihre jüngeren Generationen verloren haben und somit vom Aussterben bedroht sind. Währenddessen wachsen die meisten jungen Ungarndeutschen ohne wirklichen Kontakt zu anderen Angehörigen der Gemeinschaft auf. Ob es Lösungsansätze für dieses Problem gibt, entscheidet sich in den nächsten Jahrzehnten. Die bis jetzt aufgestellten Prognosen sind jedoch weitgehend negativ.

In der ungarndeutschen Gemeinschaft wird Jugendarbeit großgeschrieben. Jedoch liegt der Fokus hauptsächlich auf dem Bewahren der bäuerlichen Traditionen, das heißt Volkstanz, Trachten und Schweineschlachten. Diese Tätigkeiten können zwar als Grundelemente der Identitätsbewahrung betrachtet werden, sie ergeben aber keineswegs eine Lösung, denn sie setzen sich nicht grundsätzlich mit den Fragen des Identitätsmanagements auseinander. Mit dem zentralen Element der Identität, vor allem mit der deutschen Sprache, beschäftigt man sich nur in den Bildungseinrichtungen. Des Weiteren geht auch die Pflege der bürgerlichen Traditionen und die Geschichte der politischen Selbstvertretung des Ungarndeutschtums aus dem kollektiven Gedächtnis der Gemeinschaft verloren.

Die einzige sogenannte Nachwuchsorganisation der Ungarndeutschen, die Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher (GJU) wurde 1989 in Fünfkirchen gegründet. Die GJU hat das Ziel, der ungarndeutschen Jugend die ungarndeutsche Kultur und die Traditionen weiterzugeben. Den Jugendlichen soll eine aktive Beziehung zur eigenen Identität vermittelt werden. Die Organisation hat in den letzten Jahren ein starkes Wachstum bezüglich der Mitgliederzahl aufgewiesen. Dieser Anstieg der Mitgliederzahlen hat jedoch auch für die ungarndeutsche Gemeinschaft komplexe Frage des Sprachgebrauchs wieder in den Vordergrund gerückt. Manche Mitglieder der GJU interessieren sich für lokale Minderheitenpolitik und setzen ihre Arbeit bei lokalen Minderheitenselbstverwaltungen fort; bei entsprechenden Fähigkeiten werden sie sogar zu Mitgliedern der LdU gewählt.

Wassertheurer: Wenn Sie für die Zukunft der ungarndeutschen drei Wünsche offen hätten, welche wären das? 

Stein: Mein erster Wunsch ist, dass die ungarndeutsche Gemeinschaft die Wichtigkeit der deutschen Muttersprache für die Existenz der Minderheiten erkennt. Wenn wir das Schicksal einer vollständigen Assimilation vermeiden wollen, ist es notwendig, unsere Sprache als Teil unserer Identität zu bewahren.

Mein zweiter Wunsch ist, dass die ungarndeutsche Gemeinschaft die Kraft und Energie in sich findet, um die eigene Identität so zu stärken, dass sie auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechende Antworten geben kann. Wir leben in einer Zeit der Möglichkeiten und Herausforderungen: Die Ungarndeutschen leben verstreuter denn je, und die gemeinsamen Erlebnisse und Traumata der älteren Generationen verblassen langsam. Es müssen Strategien gefunden werden, die helfen, die Werte und die Identität des Ungarndeutschtums zu bewahren, gleichzeitig muss man sich jedoch auch den sich stetig verändernden Umständen anpassen.

Mein dritter und wohl zugleich wichtigster Wunsch ist, dass die Ungarndeutschen, egal wo und wie sie leben, ihr Glück finden. Denn was nützen uns Identität und Sprache, wenn Sicherheit und Lebensunterhalt nicht gegeben sind. Das 20. Jahrhundert barg schreckliche Erlebnisse in sich, folglich wünsche ich meiner Gemeinschaft, dass sie prosperiert und mit mehr Selbstbewusstsein in die Zukunft blickt.

Wassertheurer: Danke für das Interview.

* GENIUS-Autor Dr. Peter Wassertheurer ist Präsident der Deutschen Weltallianz (DWA) und führte im Rahmen einer Interviewserie das vorliegende Gespräch mit dem Ungarndeutschen und Funktionär in der Jakob-Bleyer-Gemeinschaft, Armin Stein.

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Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. März 2022

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