René Descartes (1596–1650) – Denker der Moderne


Von Hans-Joachim Schönknecht

Arthur Schopenhauer hat den vor mehr als 400 Jahren geborenen Philosophen René Descartes einmal als den Vater der neueren Philosophie bezeichnet, und zahlreiche Philosophen vor und nach ihm haben sich ähnlich ausgedrückt. Descartes‘ unvergleichliche philosophische Bedeutung ist unbestritten. Die im Titel gewählte Apostrophierung Descartes‘ als Denker der Moderne geht noch deutlich über die philosophische Verortung hinaus und erklärt Descartes zur prägenden Gestalt einer ganzen Epoche, derjenigen nämlich, der wir selbst angehören, der das Mittelalter ablösenden Neuzeit oder auch Moderne. Bevor ich darauf näher eingehe, hier zunächst ein Blick auf Descartes‘ Biographie und seine philosophische Entwicklung.

Jugendliche Enttäuschung

René Descartes wird am 31. März 1596 in La Haye (heute in Descartes umbenannt) in der französischen Touraine geboren. Seine Familie gehört dem niederen Adel an, seine Vorfahren waren Gelehrte und Ärzte, der Vater Joachim ist ein angesehener Jurist. Von 1604 bis 1612 besucht Descartes das Jesuitenkolleg in La Flèche (Anjou), im Jahr 1616 erwirbt er an der Fakultät von Poitiers eine License in Jurisprudenz.

Doch zum Missfallen des Vaters schlägt René nicht die juristische Laufbahn ein, ihm steht der Sinn nach anderem. In La Flèche war er mit der an den Universitäten kanonischen Philosophie des Aristoteles und der auf dieser gründenden Scholastik bekannt geworden, war aber in seinem Verlangen nach Wahrheit und Gewissheit schwer enttäuscht worden. Von allen Unterrichtsfächern hatte ihm die Philosophie am wenigsten gegeben, die anderen Fächer ließ er gelten, besonderes Interesse galt der Mathematik. Nach eigenen Worten fand er sich am Ende der Schulzeit völlig „in Zweifel und Irrtümer verstrickt“, und die Schule hatte ihm diesbezüglich nichts vermittelt als das Bewusstsein seines Unwissens.

Descartes‘ ungezügelter Wissensdrang verwandelt jedoch die negative Erfahrung in einen Stimulus leidenschaftlicher Wahrheitssuche. Die Richtung, die er dazu einschlägt, wird in diesem Übergangsfeld zwischen Mittelalter und Neuzeit schon bald bestimmt durch großes Interesse für die sich seit Humanismus und Renaissance anbahnende, mit Copernicus virulent gewordene Erneuerung der Wissenschaften, die als Wissenschaftliche Revolution in die Geschichte eingehen wird.

Zunächst hatte Copernicus (1473–1543) die Verfehltheit des von Aristoteles und Ptolemaios entworfenen geozentrischen Weltmodells aufgezeigt, in der Folge weist Galilei (1564–1642) auf die Schwächen der aristotelischen Physik mit ihrer falschen Bewegungslehre hin und erkennt vor allem die Fruchtbarkeit der von Aristoteles ignorierten Mathematik zur Lösung physikalischer Probleme. Im Jahr 1620 publiziert Francis Bacon (1561–1626) sein schon im Titel die polemische Spitze gegen Aristoteles enthaltendes Hauptwerk Neues Organon (Novum Organum) – Aristoteles‘ logische Schriften wurden im Mittelalter schlicht als Organon, d. h. als das Werkzeug (zum korrekten Denken) bezeichnet.

Aufbruch zu neuen Ufern

Um sich über den einzuschlagenden Weg zur Gewinnung sachhaltigen Wissens klar zu werden, beschließt Descartes, keine weitere Mühe in akademische Studien zu investieren, sondern künftig „kein anderes Wissen zu suchen, als was ich in mir selbst oder im großen Buche der Welt würde finden können“. Da ihm aber das katholisch-konservative Frankreich nicht der geeignete Ort für die Umsetzung dieses Programms der Selbstbildung zu sein scheint, begibt er sich 1618 nach Holland, wo er als Soldat in die Armee des Prinzen Moritz von Oranien eintritt und wo sich durch seine Bekanntschaft mit dem Physiker Isaac Beeckman schnell sein Interesse für mathematisierte Physik entwickelt. Nach einer Dekade von Lehr- und Wanderjahren, die ihn durch verschiedene europäische Länder führen und während derer er für kurze Zeit auch im herzoglich-bayerischen Heer dient und jeweils nur kurzzeitig nach Frankreich zurückkehrt, lässt er sich 1628 endgültig im von ihm wegen seiner Liberalität geschätzten Holland nieder, wo er sein neues, den Aristotelismus endgültig überwindendes, Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft umfassendes wissenschaftliches System aufbaut, das zwar in seinem Umfang nicht mit dem gewaltigen Schriftenkorpus des Aristoteles mithalten kann, aber in seiner thematischen Breite diesem vergleichbar ist, eine Breite, die von keinem späteren Philosophen mehr erreicht wird. Und nicht zu vergessen: Aristoteles war zwar ein großartiger Empiriker, aber er war kein Mathematiker wie Descartes – und von der Mathematik hängt in naturwissenschaftlicher Hinsicht alles ab.

Descartes wird die nächsten beiden Jahrzehnte in Holland verbringen, ständig forschend und in kontinuierlichem brieflichen Austausch mit den Gelehrten der neuen, nicht-aristotelischen Richtung – in der elfbändigen französischen Standardausgabe seiner Werke sind die ersten fünf Bände ausschließlich seiner Korrespondenz gewidmet! (Dass es bis heute keine vollständige deutsche Übersetzung dieser Korrespondenz gibt, ist geradezu beschämend). Dabei wird eine geheime Unruhe Descartes an die zwanzig Mal innerhalb Hollands den Wohnort wechseln lassen. Bezeugt ist seine ständige Angst vor Nachstellungen seitens der Jesuiten, den radikalen Verfechtern der Rekatholisierung und damit zwangsläufig Verteidigern des Aristotelismus.

Allerdings muss Descartes erleben, dass er mit der Etablierung einer neuen Denkweise, insofern sie mit den alten Überzeugungen auch akademische Besitzstände infrage stellt, auch die protestantische Orthodoxie Hollands gegen sich aufbringt. Der Anfeindungen schließlich überdrüssig und inzwischen im gebildeten Europa berühmt, folgt Descartes im Herbst 1649 einer Einladung der Königin Christina von Schweden an den Hof in Stockholm. Christina will sich von ihm über das neue Denken unterrichten lassen, doch zieht Descartes sich bereits im folgenden Winter eine Lungenentzündung zu, in deren Folge er am 11. Februar 1650 stirbt.

Als menschlich sympathisches, der von Descartes für sich selbst in Anspruch genommenen ‚Liebe zum Leben‘ entsprechendes, aber in vielen Darstellungen schamhaft übergangenes und damit wenig bekanntes biographisches Detail sei noch hinzugefügt, dass dem Denker im Jahre 1635 aus der Beziehung zu einer Frau aus dem Volke eine Tochter geboren wird, die er Francine nennt, die jedoch zu seinem großen Schmerz bereits im Alter von fünf Jahren stirbt.

Auf dem Weg zur rationalen Wissenschaft

Der Grundimpuls von Descartes‘ Denken ist, wie gesagt, auf die theoretische wie praktische Begründung sicheren, belastbaren und schließlich verwertbaren Wissens gerichtet. Das zeigt bereits die erste philosophisch relevante Schrift, die um die Zeit der Übersiedlung nach Holland in Angriff genommenen Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft (Regulae ad directionem ingenii). Die Schrift stellt eine Erkenntnistheorie bzw. Methodologie für die aufzubauenden, nicht-aristotelischen Naturwissenschaften dar.

Zwei Gedanken bestimmen die Fragment gebliebenen Regulae, zum einen, als Grundvoraussetzung erfolgreicher Wissenschaft, die Implementierung des analytisch-reduktiven Prinzips, jedes ins Auge gefasste Problem in möglichst kleine, nicht weiter reduzierbare Teilfragen zu zerlegen, zum anderen, diese Teilprobleme so weit wie möglich mathematisch beschreibbar zu machen. Ein Beispiel aus dem Text ist die optische Linse. Das Schleifen von vergrößernden Linsen war längst bekannt, und es gab Erfahrungswerte für optimales Gelingen. Descartes aber macht klar, dass man zur Berechnung von Linsen gelangen muss, was erfordert, sowohl das Prinzip der Lichtbrechung als solches mathematisch darstellen zu können wie auch die spezifischen Brechungsverhältnisse eines jeden Mediums. Sind diese Daten ermittelt, lässt sich für jeden Zweck und jeden Vergrößerungs- oder Verkleinerungsfaktor die exakt passende Linse berechnen. Ausführlich wird Descartes dies in seiner Dioptrique, der ersten mathematisierten Theorie der Optik, darlegen. Descartes bringt die Regulae nicht zum Abschluss, wie es scheint, weil ihm die theoretische Integration von Mathematik und physischer Realität noch nicht nach Wunsch gelingt, vielleicht auch, weil ein starkes Verlangen ihn „zu den Sachen“, d. h. zur Umsetzung seiner methodischen Ideen in konkrete Naturforschung zieht.

Erforschung der Natur – Das Projekt „Le Monde – Die Welt“

In dieser Einstellung widmet Descartes sich in den Jahren zwischen 1630 und 1637 seinem naturwissenschaftlichen Projekt, das er unter den in seinem Anspruch nicht mehr überbietbaren Titel Le MondeDie Welt stellt.

Erst aus der heutigen Situation der ins Unüberschaubare angewachsenen Naturwissenschaften werden die gewaltigen Ausmaße des Unternehmens deutlich, das Descartes zunächst noch im Alleingang glaubte bewältigen zu können. Fünf umfangreiche und jeweils einen revolutionär neuen Ansatz der Betrachtung bietende Abhandlungen entstehen in dieser Zeit.

Weltentstehung als Mechanismus

In der Abhandlung über das Licht (Traité de la Lumière) gibt Descartes erstmals in der christlichen Ära eine von jeder Teleologie freie, rein funktionalistisch gedachte Theorie der Kosmosbildung, womit er sich in klaren Gegensatz gegen die bis dato weithin wörtlich genommene Schöpfungserzählung der Genesis setzt. In Descartes‘ Entwurf reduziert sich der göttliche Beitrag auf die Bereitstellung der Grundkomponenten Materie und Naturgesetze, aus deren Wirken sich der Kosmos nach kausalmechanischen Prinzipien entwickelt. Später wird man einfach diesen rudimentären Gottesbezug fallen lassen und so zu einer rein säkularen Auffassung kommen.

Da Descartes noch nicht über das erst durch Newton entdeckte Prinzip der Gravitation verfügt, kann er die Entwicklung der Himmelskörper nur durch unmittelbaren Druck und Stoß von Materiepartikeln erklären, was ihn nötigt, die Existenz eines Vakuums zu bestreiten. Dadurch wirkt die Theorie auf einen heutigen Betrachter sehr befremdlich. Jedenfalls ist damit aber das Prinzip einer sich aus einem ursprünglichen Materiechaos naturgesetzlich entwickelnden Welt formuliert, das Kant in seiner Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels auf Newtonscher Basis aufgreifen und verfeinern wird und das bis hin zu den neuesten Theorien der Autopoiesis unter Kosmologen und spekulativen Naturforschern Konsens ist.

Als Reaktion auf die Verurteilung Galileis 1633 wagt Descartes jedoch eine Veröffentlichung der die Wahrheit der kopernikanischen Wende voraussetzenden Schrift nicht mehr; sie wird erst aus dem Nachlass erscheinen.

Die Körpermaschine

Vielleicht aus dem gleichen Grund unveröffentlicht bleibt der Traktat L‘Homme – Der Mensch, dessen erster Teil den bezeichnenden Titel Über die Maschine seines Körpers trägt.

Das klingt befremdlich, sogar anstößig, doch bedeutet es nichts anderes, als dass Descartes erstmalig in der Geschichte von Physiologie und Medizin den menschlichen Körper als rein stofflichen Funktionszusammenhang interpretiert, als eine Entität, deren Teile nach Naturgesetz mit- und aufeinander wirken, die etwa Nahrung in Körpersubstanz umsetzt, die sich kontinuierlich aus sich selbst reproduziert, deren Natur also Prozessualität ist. Und dies trifft zu: unser Körper ist ein mit seiner Umgebung in labilem Gleichgewicht interagierendes Prozessgebilde.

Diese von Descartes eingeführte funktionalistische Perspektive wird in der Folgezeit ungeheuer verfeinert und bestimmt bis heute den medizinischen Ansatz. Allerdings haben wir den grobschlächtig wirkenden, nur relativ grobe mechanische Funktionen bezeichnenden Ausdruck Maschine durch den Begriff Organismus ersetzt. Die für Descartes noch nicht absehbare, quasi grenzenlose Komplexität der Funktionszusammenhänge biochemischer, elektrophysiologischer, genetischer und sonstiger Art in diesem Organismus aufzudecken und die vielfältig möglichen Störungen pharmakologisch oder ‚operativ‘, eingreifend, zum Besseren zu manipulieren, darin besteht cartesianische, d. h. neuzeitliche Medizin. Descartes bezieht übrigens selbst noch das Gehirn in den Funktionalismus ein und zeigt sich damit, zumindest theoretisch, als Begründer der Hirnphysiologie. Ausgenommen bleibt lediglich das Logistikon,

auch bekannt unter den Termini Geist, Geistseele, Verstand, Bewusstsein. Insofern diese Instanz die Funktionszusammenhänge denkend aufdeckt, kann sie nicht bloßer Teil von ihnen sein, sondern muss als unabhängig aufgefasst werden. Das scheint für manchen naturwissenschaftlich orientierten Betrachter ein schwieriger Gedanke! Doch davon weiter unten Genaueres.

Die erste Publikation: „Rede über die Methode“ und „Essais“

Erst im Jahr 1637, Descartes ist inzwischen 41 Jahre alt und die gelehrte Welt, soweit sie an neuer, nicht-aristotelischer Wissenschaft interessiert ist, erwartet dringend theoretische Ergebnisse von ihm, folgt Descartes dem Druck zur Veröffentlichung. Eingeleitet durch die auch als Einführung in sein Denken bestens geeignete Abhandlung Discours de la méthode (Rede über die Methode), publiziert er die verbleibenden drei ihm bezüglich der Inquisition unverfänglich erscheinenden Essais. Es handelt sich um die bereits erwähnte Dioptrique, also die Grundlegung einer mathematischen Optik, ferner um einen Les MétéoresDie Meteore betitelten Text, der, thematisch in der Tradition des Aristoteles stehend, die in der Lufthülle der Erde stattfindenden Ereignisse (Wolken, Winde, Schnee, Regen, Regenbogen, Gewitter usw.) nach kausalmechanischer Methode behandelt. Die einzelnen Erklärungen sind längst überholt, der methodische Ansatz aber hat sich durchgesetzt, und gerade er ermöglicht es, in den jeweilig gültigen Erklärungen steckende Irrtümer aufzudecken und zu korrigieren, sodass das Verständnis der natürlichen Zusammenhänge mit der Zeit immer besser wird. Es ist dies ein Prozess, der uns im Laufe der Jahrhunderte unter dem Stichwort Wissenschaftlicher Fortschritt zu einer Art Selbstverständlichkeit geworden ist. Dass er nicht selbstverständlich ist, wird klar in Erinnerung an das Mittelalter: Da galt alles naturwissenschaftlich Wesentliche als von Aristoteles bereits gesagt. Es konnte gar nichts Neues gefunden werden, allenfalls musste die Interpretation von Aristoteles Aussagen‘ verfeinert werden. Der dritte von Descartes in seine Publikation aufgenommene Essai ist die Géometrie. In diesem äußerst schwierigen, für Nicht-Mathematiker kaum zugänglichen Text wendet Descartes erstmals arithmetische Operationen auf die Geometrie an und begründet damit die Analytische Geometrie. Quasi nebenbei erfindet er die noch heute gebräuchliche Schreibweise der Potenzen mit kleiner hochgestellter Zahl sowie das zur Abbildung physikalischer Prozesse als mathematische Funktionen unabdingbare zwei- bzw. dreistrahlige Koordinatensystem.

Die neue Metaphysik

Das Zentrum von Descartes Philosophie sind zweifellos die 1641 erschienenen Meditationen über Erste Philosophie, die seine Metaphysik enthalten. Sie bilden die tiefsinnigste seiner Schriften und diejenige, die dem Verständnis am meisten abverlangt; sie enthalten auch die berühmte, jedem Instruierten geläufige Sentenz Cogito ergo sumIch denke, also bin ich.

Metaphysik bzw. Erste Philosophie ist ein eigenartiges philosophisches Unternehmen: Sie fragt nach den letzten Gründen der Dinge, nach der Wahrheit, dem Wesen oder dem Sein als solchem, anders gesagt: nach dem, was über die erfahrbare Wirklichkeit hinausgeht, aber dieser bedingend und sie ermöglichend zugrunde liegt, d. h. sie versucht die endliche Realität unserer Erfahrung in einem Absoluten zu verankern. Begründet wurde diese Perspektive von Platon, der als das metaphysisch Reale ein Reich transzendenter Ideen ansetzt; diese sind Paradigmata der erfahrbaren Dinge ebenso wie der intellektuellen Formen, mit denen das Denken sich darauf bezieht.

Im Mittelalter tritt an die Stelle der Metaphysik die Theologie, denn man setzt als Urgrund und Erstursache den christlichen Gott. Scholastiker wie Thomas von Aquin verfassen dickleibige Summen über Gottes Natur und sein Verhältnis zur Welt und zum Menschen und seiner Seele.

Mit Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft (1781/87) fällt die neuere Philosophie das Verdikt der Unmöglichkeit über die Metaphysik. Über transzendente, jeder menschlichen Erfahrung entzogene Gegenstände lässt sich nichts wissen, bezüglich der metaphysischen Fragen nach der Existenz Gottes und der Unsterblichkeit der Seele ist der Mensch auf den Glauben verwiesen, Philosophie und Wissenschaft sind ihm da keine Hilfe.

Descartes steht zwischen Thomas und Kant; er überwindet die mittelalterliche Sicht und leitet die neuzeitliche ein, indem er die Metaphysik vom religiösen Glauben löst. Vor allem ändert Descartes die metaphysische Problemstellung: Er fragt nicht mehr nach dem ursprünglichsten oder höchsten Seienden, nicht nach der ersten Ursache oder dem Absoluten. Vielmehr subjektiviert er das Problem, indem er es in die Frage überführt, ob es ein schlechthin unbezweifelbares Wissen, eine durch kein Argument zu widerlegende Gewissheit gibt, die als Grundlage für alles weitere Wissen dienen kann. Die Religion wird dabei als rational nicht überprüfbar ausdrücklich aus der Beurteilung ausgeschlossen. Allein dies ist ein wesentlicher Schritt in Richtung Moderne, und Descartes wird damit zum Begründer des philosophischen Rationalismus.

Ein Gedankenexperiment

Um zu einem solchen Wissen zu gelangen, entwirft Descartes ein Gedankenexperiment: In einem Akt radikalen Zweifels – er selbst nennt ihn am Ende hyperbolisch, völlig übertrieben – stellt der Denkende die Wirklichkeit als Ganze infrage, bestreitet der Welt, besser gesagt: allem, was Seinsgeltung beansprucht, die Realität. Das Ergebnis des Experimentes ist bekannt:

Bezweifle ich die Wirklichkeit generell, so bleibt doch eines unbestreitbar: das Faktum meines Zweifelns selbst, der Denkakt als solcher. Es hat keinen Sinn zu behaupten, auch dieser existiere nicht, denn diese Behauptung vollzieht ihn ja gerade, d. h. sie widerspricht sich selbst. Sie ist, in der Sprache der Philosophen, dialektisch: Indem ich sie bejahend ausspreche, negiere ich sie zugleich. Ich kann zwar das Leben für einen bloßen Traum halten, aber auch dann beanspruche ich für mein Dafürhalten Realität. Indem ich die Nichtexistenz behaupte, setze ich gleichzeitig mein Dasein als Denkender. Darum gilt: Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich.

Nach der historischen Seite hin ist dieses cartesianische Gedankenexperiment des radikalen Zweifels und seiner Überwindung die Geburtsstunde des seiner selbst sicheren, in der Welt heimischen, eben des modernen Bewusstseins. Das Bewusstsein ist kein Ding, sondern Instanz, d. h. die uns selbstverständliche und darum meist gar nicht wahrgenommene Gewissheit, als dieses Ich in der Welt zu sein. Diese oben als Logistikon, als Träger des Logischen, bezeichnete und nur in Akten des Denkens und Auffassens bestehende Instanz wird von Descartes an die Stelle jener vermeintlichen, in ihrem Seinsstatus gar nicht fassbaren Entität namens ‚Seele‘ gesetzt, die, nach platonischer Ansicht, aus der Ewigkeit kommend und in diese zurückstrebend, dem Körper in der Zeit seines Lebens wie einem Gefängnis einwohnt.

Damit geht das Mittelalter mit seiner Ausrichtung auf das jenseitige Leben und seinen romantischen Unternehmungen wie den Kreuzzügen zum Heiligen Grab, den Europa in alle Richtungen durchquerenden Wallfahrten zu irgendwelchen wundertätigen Reliquien, den mönchischen Bußübungen, dem Engelglauben und der mystischen Gottesschwärmerei definitiv zu Ende, und das Bewusstsein schreitet in den hellen Tag der Gegenwart ein. Ort der Bewährung wird die Welt. Nun heißt es: Hic Rhodus hic salta!

Der Dualismus

Ein zentrales, eng mit der Herausstellung des Bewusstseins als Kristallisationspunkt von Wirklichkeit verbundenes Lehrstück von Descartes‘ Metaphysik ist der berühmt-berüchtigte Dualismus der Substanzen, die Reduktion der Gesamtwirklichkeit auf die beiden Letztgegebenheiten res cogitans und res extenso, vulgo Geistiges und Körperliches. Zwar ist die Unterscheidung der Entitäten Geist und Körper eine der ältesten der Philosophie, ja der denkenden Menschheit überhaupt, aber sie war stets primär anthropologisch-ethisch aufgefasst worden, etwa im Sinne der Mahnung Platons, der Mensch solle sich mehr um die Seele als um das Wohl des Körpers sorgen.

Descartes treibt den in der Unterscheidung verborgenen logischen Gegensatz heraus und ontologisiert ihn zu zwei einander vollständig ausschließenden Substanzen. Danach gilt: der Geist ist unausgedehnt und unteilbar, der Körper ist ausgedehnt und teilbar, und Letzteres im Prinzip unbegrenzt, denn Descartes anerkennt keine Atome (von a-tomos, unteilbar), und dies, wie wir heute wissen, mit einem gewissen Recht, denn die Zerlegung der sogenannten Atome in noch kleinere Partikel ist noch in vollem Gange.

Descartes‘ Radikalisierung des Gegensatzes von Körperlichem und Geistigem hat bewusstseinsgeschichtlich enorme Konsequenzen gehabt und zu Auseinandersetzungen geführt, die bis heute andauern – ein Zeichen für seine überragende Bedeutung. Was am meisten verstörte, war Descartes‘ völlige Entgeistigung des Körperlichen zum bloß Ausgedehnten und von mechanischen Gesetzen Beherrschten, wie im Abschnitt über die Körpermaschine dargestellt. Der deutsche Philosoph Leibniz (1646–1716) etwa entwirft gegen diese Auffassung seine Metaphysik der Monaden als den unsichtbaren Bausteinen der Wirklichkeit, den ‚wahren Atomen‘, die im wesentlichen geistiger Natur sein sollen, jedoch mit abgestuften Graden der Bewusstheit. Körperlichkeit bedeutet für Leibniz Dunkelheit des Bewusstseins. In reiner Form ist das Geistige in Gott, der Geistmonade, und es verdunkelt sich über die Stufen Mensch – Tier – Pflanze bis zur Materie als dem ganz Bewusstlosen. Die zu diesem Konzept passende Idee der petites perceptions, der unbewussten Empfindungen, hat der Psychologie Anregungen gegeben.

Leibniz glaubt, auf diese Weise die aristotelische Scala Naturae, die Einheit der Wirklichkeit, retten zu können, doch hat sich Descartes‘ Konzept einer funktionalistisch-dualistischen Betrachtung der Körperwelt als effizient erwiesen.

Fehlgeleitete Kritik an Descartes

Während Leibniz versucht, den Dualismus nach der Seite des Geistes hin aufzulösen, vollzieht der Materialismus die entgegengesetzte Vereinseitigung. Er behauptet dogmatisch das körperlich-materielle Sein, die res extensa, als einzige Wirklichkeit und erklärt das in seiner Präsenz ja nicht zu leugnende Geistige zum bloßen bedingten Reflex materieller Prozesse.

Diese Verzerrung der Wirklichkeit reicht bis in unsere Gegenwart hinein und äußert sich etwa in der unsinnigen Sentenz des Hirnphysiologen Holk Cruse: „Ich bin mein Gehirn“. Wäre dem so, wüsste ich von keinem Ich und keinem Gehirn, denn das Gehirn ist ein Apparat und kann nichts wissen, es ist vielmehr selbst ein Gewusstes! Wie sehr auch geistige Akte ihre materielle Basis im Gehirn haben mögen, so sind sie doch nicht einfach durch dieses bedingt, sondern haben ihre eigene, eben als Denken bezeichnete Realität. Und es ist gerade Descartes‘ Reduktion des Geistigen auf Bewusstsein und Logik im Gegensatz zu einer Welt bloßen Stoffs, die der Stimulus für die unvoreingenommene Erforschung und in der Folge Beherrschung der stofflichen Realität geworden ist, die sich als über die Maßen erfolgreich erwiesen hat. Gerade die dualistische Sicht Descartes‘ hat den Menschen befähigt, einstmals als rein geistig aufgefasste Prozesse wie das Rechnen, das sprachliche Übersetzen, das Schreiben nach Diktat usw. technisch zu simulieren.

Besonders angegriffen wird Descartes‘ Dualismus heute von Biologen und Tierpsychologen. In der Tat hat Descartes das Tier, da sich diesem kaum Bewusstsein im menschlichen Sinne zusprechen lässt, sehr stark apparativ betrachtet. Wir sehen das heute milder, konzedieren dem Tier Emotionen und sogar gewisse Intelligenzleistungen. Wer aber ein Buch mit dem trotzigen Titel Tiere denken schreibt (R. D. Precht) und den Wesensunterschied zwischen Tier und Mensch bestreitet, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Allein schon, dass die Sprache dieses ungeheure Reich verschiedenartigster Wesen toto coelo unter den gemeinsamen Gattungsnamen Tier subsumiert und gegen die Gattung Mensch abgrenzt, sagt eigentlich alles.

Das Tier bleibt in seinen natürlichen Gegebenheiten gefangen, es verfügt über keine unabhängige Intelligenz und über keine von seinen Erhaltungsbedürfnissen unabhängige Sprache. Es baut sich keine künstliche Welt mit komplizierten Systemen der Bedürfnisbefriedigung und vielfältigen, zum Teil einander widersprechenden sozialen Regelungen. Gerade solche Widersprüchlichkeit ist bezeichnend für die Unabhängigkeit des Menschengeistes. Die einzelnen Tiergattungen funktionieren nach festen Schemata. Schließlich finden wir beim Tier zwar komplizierte Techniken der Verfertigung wie die Waben der Bienen, aber diese Fähigkeiten sind nicht adaptiv, sie wiederholen sich unverändert durch Hunderte Generationen. Es fehlen dem Tier Wissenschaft, Kunst und Kultur, eine systematische Erschließung der Erde und religiöse Sinnsysteme. So bleibt es beim Befund des deutschen Philosophen Johann Gottfried Herder (1744–1803), dem Freund Goethes: Der Mensch ist der erste Freigelassene der Natur – und man darf hinzufügen: auch der einzige!

Technik statt Ethik? – Descartes’ Praktische Philosophie

Manche Interpreten hat es verwundert, dass Descartes zu einer der klassischen philosophischen Disziplinen, der Ethik, keine eigene Theorie ausgearbeitet hat. Im Discours de la méthode berichtet er zwar, dass er sich für sein Projekt, durch Infragestellung der Überlieferung zu gediegenen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen, einige vorläufige moralische Regeln gegeben habe, die allerdings eher Klugheitsregeln als wirkliche moralische Prinzipien darstellen. So hat man versucht, aus vereinzelten Äußerungen in späteren Schriften Descartes‘ definitive Ethik herauszulesen, allerdings mit geringem Erfolg.

Die Erklärung dafür ist einfach. An die Stelle des die religiöse Ära kennzeichnenden Korsetts moralischer Normen und Strafandrohungen tritt bei Descartes die Idee des Commonsense, der Glaube an die natürliche Vernunft jedes Menschen, die ihn befähigt, sein Leben nach eigenem Urteil zu führen – das wird die klassische liberale Auffassung.

Darüber hinaus ist Descartes der erste Denker, der den Glauben an wissenschaftlich-technischen Fortschritt artikuliert. Von den Fortschritten in Medizin und Mechanik (d. h. Technik) erhofft sich Descartes die wohltätigsten Wirkungen für das menschliche Leben und Zusammenleben, unter anderem auch eine merkliche Verlängerung der Lebenserwartung, die ja ebenso wie zahllose andere technische Errungenschaften tatsächlich eingetreten ist. Er erwartet aber auch einen Effekt dieses Fortschritts auf die Moral in dem Sinne, dass die von der objektiven Wissenschaft gefundenen unbestreitbaren Wahrheiten „die Geister zur Milde und Eintracht und geneigt machen, ganz im Gegensatz zu den Streitigkeiten der [im scholastischen Geist befangenen] Universitäten“, sodass eine normative Ethik sich erübrigt. In diesem Optimismus wird man Descartes nicht uneingeschränkt zustimmen können.

Vielmehr war er sich der der wissenschaftlich-technischen Entwicklung immanenten Dialektik noch nicht bewusst, jener Fülle von negativen Begleiterscheinungen des Fortschritts, die heute viele Menschen an dem Sinn des gesamten Prozesses der Transformation der menschlichen Welt durch Wissenschaft und Technik zweifeln lassen. Andererseits erscheint mir eine pauschale Verwerfung der Fortschrittsidee mit ihren zahllosen die Lebenserhaltung erleichternden technischen Errungenschaften nicht gerechtfertigt. Dafür gibt es sogar eine Art metaphysischer Begründung. Wenn man mit Kant das menschliche Leben als Zweck an sich selbst definiert, so besteht ein objektives Interesse, möglichst vielen Leben Dasein zu ermöglichen.

Das aber gelingt nur in einer technisierten Welt.

Hinweis: Der vorliegende Aufsatz stellt das Konzentrat einer demnächst erscheinenden umfangreichen Monographie des Autors zur Philosophie Descartes‘ dar.

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Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. März 2022

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