Die Ukraine zwischen den römischen Kaisern in Byzanz, den Mongolen, polnischen Königen, russischen Zaren und im alten Österreich …


Das geopolitische Vakuum in der geographischen Mitte unseres Kontinentes und das alte Galizien als Geburtsort der „Austrian School of Economics“, einer der heute weltweit führenden Schulen der politischen und wirtschaftlichen Freiheit

Von Rüdiger Stix

Was wir bedrückt in diesen Tagen mit ansehen müssen, ist der fortgesetzte und derzeit wieder blutige Kampf um den geopolitischen Nachlass aus der geographischen Mitte Europas. Diese Mitte unseres Kontinentes ist umkämpft seit dem Untergang eines der bedeutendsten und stolzesten Reiche im blühenden alten Europa der Minnesänger, der höfischen Turniere und der aufblühenden Städte.

Schlimmer noch als das verschwundene Reich der Burgunder, das noch nachklingt im Nibelungenlied mit seinen Herrscherinnen und Helden zwischen Worms und Speyer, Passau und die Donau entlang weiter über Pöchlarn und Melk, war es das Reich der „Kiewer Rus“, das zertrümmert wurde in einer katastrophalen Niederlage eines Eroberungs- und Vernichtungskrieges. Das Reich der „Kiewer Rus“ lag im oströmischen, byzantinischen Kulturkreis, und ja, es war auch das Zentrum der russischen Kultur.

Es war blühend, wohlhabend, und begehrt. Es umfasste konkurrierende slawische Stämme, politisch geformt durch das Geschlecht der Rurikiden, die ihr Zentrum von Nowgorod nach Kiew verlegt hatten. Das Reich der Kiewer Rus eroberte die Chasaren im Osten, genauso wie im Südwesten am Balkan das donaubulgarische Reich.

Kiew war geprägt durch die skandinavische Expansion der Waräger entlang der großen Flüsse Dnjepr und Don von Norden her. Nach Osten gab es keine feste Grenze in Richtung des „wilden Feldes“ der Reiternomaden, später dann Schauplatz der Kosaken, und vom Süden kommend setzte sich die orthodoxe Missionierung aus dem weiter bestehenden, mächtigen Römischen Reich aus Konstantinopel durch. Kiew war begehrt für Heiraten aller europäischen Herrschaftshäuser in Skandinavien, Polen und Ungarn genauso wie im Sacrum Imperium, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, sowie in Frankreich und in England.

Im Mongolensturm vernichtet

Das Reich der Kiewer Rus wurde vernichtet im Mongolensturm durch Batu Khan, einem Enkel von Dschinghis Khan in den Jahren 1237 bis 1240. Es war die mongolische Expansion, die damals dabei war, das größte zusammenhängende Landreich der Weltgeschichte zu erobern. Mongolische Heere vernichteten im Osten eine der größten Hochkulturen der Menschheit, das Reich der Sung-Dynastie in China, und sie versuchten dann später auch die Eroberung Japans, was nicht zuletzt durch die Stürme der Kamikaze, der „Göttlichen Winde“ verhindert worden ist.

In Europa drängten mongolische Heere nach der völligen Zerstörung von Kiew weiter in Richtung Westen vor, zerstörten Krakau und vernichteten das deutsch-polnische Ritterheer der Schlesier in Liegnitz, wo in diesen Wochen am 9. April, dem Tag der Schlacht, die jährliche Gedenkmesse abgehalten wurde.

Nach dem Tod des schlesischen Herzogs Heinrich II. stand der König von Böhmen, Wenzel I., den Mongolen alleine gegenüber. Die Mongolen eroberten wichtige Städte in Mähren, obwohl Olmütz und Brünn dem Ansturm widerstehen konnten, und sie vernichteten die Streitmacht des Königs von Ungarn, Bela IV. Mongolische Truppen standen damals vor Wiener Neustadt in Österreich, und vor Dubrovnik in Kroatien.

Danach hatten wir in Mittel- und Westeuropa unglaubliches Glück: Die Mongolen zogen sich zurück, um die Erbfolge nach ihrem Großkhan Ögedei zu regeln. Die russischen Fürsten jedoch blieben unter der Herrschaft der Goldenen Horde bis in das 16. Jahrhundert, und das Erbe der Kiewer Rus wurde danach umkämpft und aufgeteilt zwischen den Zaren der Russen und den Königen der Polen, den Sultanen der Türken und den Anführern der Kosaken … und den Österreichern unter den Habsburger Kaisern und Königen, zuletzt als Königen von Galizien und österreichischen Kaiser bis zum Untergang Europas in der Mutterkatastrophe des Weltkrieges.

Ansiedlung von Handwerkern aus dem Deutschen Reich in Lemberg

Diese Epoche beginnt mit der ersten Ansiedlung im Königreich Polen des Jahres 1750, als schlesische Tuchweber durch Fürst Stanislaw Poniatovski angesiedelt wurden. Maria Theresia, österreichische Herzogin, Königin von Ungarn und Kaiserin an der Seite ihres Gemahls Franz Stephan von Lothringen als gewählter römisch-deutscher Kaiser, hat dann unmittelbar nach der ersten Teilung Polens die ersten Handwerker aus dem Deutschen Reich etwa um 1774 in Lemberg ansiedeln lassen. Nach dem Tode von Maria Theresia im Jahre 1780 begann unter Kaiser Joseph II. die eigentliche, nach ihm benannte Kolonisation des Landes: Mit dem Ansiedlungspatent von 1781 wurden die Bedingungen für die Ansiedlung von Bauern und Handwerkern aus dem Deutschen Reich festgelegt. Das betraf vor allem die Zuteilung des Bodens und die Gewährung einer mehrjährigen Steuerfreiheit. Das Toleranzpatent Josephs II. von 1781 ermöglichte erstmals die Ansiedlung von Andersgläubigen im katholischen Österreich. Daraus erklären sich der hohe Anteil evangelischer Christen unter den Ansiedlern in Galizien und die spezielle Entwicklung der jüdischen Kultur.

Die Werber des Kaisers konzentrierten ihre Bemühungen besonders auf die Pfalz und auf das Saarland, denn dies war eine Gegend im Deutschen Reich, die durch häufige Angriffe aus dem Frankreich Ludwig XIV. besonders verarmt war. Auf diese Weise ist zu erklären, dass die meisten der zwischen 1782 und 1785 in Galizien eingewanderten Bauern und Handwerker die Mundart der Pfalz sprachen. Die meisten Pfälzer zogen zunächst rheinaufwärts bis nach Speyer und dann zwischen Schwarzwald und Odenwald hindurch bis nach Ulm. Von Ulm aus fuhr man auf der Donau in den berühmten Flößen der Ulmer Schachteln bis nach Wien, wobei dieser Typ der Ulmer Schachteln so konstruiert worden ist, dass man damit in einer Richtung donauabwärts fahren und sie am Ende ihrer Reise als Brennholz verkaufen konnte. Von Wien aus ging die Reise auf dem Landwege weiter, meist mit Pferdewagen in größeren Gruppen über Brünn und Olmütz bis nach Krakau und weiter in die leeren Siedlungsgebiete. Ab 1790 begannen sich auch polnische Grundherren für die Aufnahme von Siedlern zu interessieren, denn sie erkannten die Ergebnisse der deutschen und böhmischen Siedler nicht nur für die Landwirtschaft. Siedler wurden ins Land geholt, erhielten gegen eine bestimmte Abgabe Urwald zum Roden, und sie durften dann das so gewonnene Land als ihr Eigentum landwirtschaftlich nutzen.

Nach 1810 gab es noch eine dritte Einwanderungswelle kleineren Ausmaßes aus dem Egerland, und umgekehrt wanderten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts viele Menschen nach Amerika aus, oder auf Anwerbung der preußischen Regierung nach Westpreußen und Posen. Im Jahr 1900 beispielsweise gab es rund 80.000 deutsche Christen in Galizien, wobei die Zählung nach Sprache und Religion zeigt, dass die überwiegende Mehrheit der über 212.000 deutschsprachigen Bewohner in der Volkszählung die jiddischsprachigen Juden waren, was in Österreich-Ungarn natürlich als eigenständiger deutscher Dialekt gezählt worden ist, wobei allerdings die Juden im westlichsten Galizien tatsächlich Hochdeutsch sprachen.

Geistige Leistungen aus dem alten Österreich, die die Welt bis heute prägen

Diese einmalige Kultur im alten Österreich am Boden der heutigen Ukraine schuf auch geistige Leistungen, welche die gesamte Welt bis heute prägen, am nachdrücklichsten durch die Väter der „Austrian School of Economics“. So wurde Ludwig Heinrich Edler von Mises im Lemberg des Jahres 1881 als Sohn einer nicht nur wohlhabenden, sondern auch hochgebildeten jüdischen Familie geboren. Seinen Militärdienst absolvierte Ludwig von Mises 1902/03 als Einjährig-Freiwilliger, und er diente im Ersten Weltkrieg als Offizier, ähnlich wie die anderen „Austrians“, deren bekanntester Vertreter Friedrich August von Hayek den ersten Nobel-Gedenkpreis für Wirtschaftswissenschaften erreichen konnte. Ludwig Mises wurde als Offizier mehrfach ausgezeichnet. Er schrieb in seinen Erinnerungen 1940:

„In der ersten Periode, die vom Zusammenbruch der Monarchie im Herbst 1918 bis zum Herbst 1919 währte, war die wichtigste Aufgabe, die ich mir gesetzt hatte, die Verhinderung des Bolschewismus. Ich habe schon erzählt, wie mir das durch Einwirkung auf Otto Bauer gelang. Dass es damals in Wien nicht zum Bolschewismus gekommen ist, war einzig und allein mein Erfolg. Nur wenige Leute unterstützten mich im Kampfe, und deren Hilfe war ziemlich wirkungslos. Bauer habe ich allein von der Idee, den Anschluss an Moskau zu suchen, abgebracht. Die radikalen jungen Leute, die Bauers Autorität nicht anerkannten und gegen den Willen der Parteileitung auf eigene Faust vorgehen wollten, waren so unerfahren, unfähig und von gegenseitiger Eifersucht erfüllt, dass sie nicht einmal einen halbwegs arbeitsfähigen Parteiverband der Kommunisten gründen konnten. Die Entwicklung lag in der Hand der Führer der alten sozialdemokratischen Partei. In diesem Kreis hatte Bauer das letzte Wort zu sprechen. Was ich erreichte, war nur, die Katastrophe hinauszuschieben. Dass es im Winter 1918/1919 nicht zum Bolschewismus gekommen ist und dass der Zusammenbruch der Industrie und der Banken nicht schon 1921, sondern erst 1931 eingetreten ist, war zu einem guten Teil der Erfolg meiner Bemühungen.“

Diese einmaligen geistigen Leistungen aus dem alten Österreich, welche die gesamte Welt bis heute durch die Väter der „Austrian School of Economics“ prägen, nahmen tatsächlich auch in Böhmen und Galizien ihren Ursprung: Wenn man heute die Väter der „Austrian“ anführt, so werden weltweit parallel mit Ludwig Mises natürlich vor allem Carl Menger genannt, sowie Böhm-Bawerk, Joseph Schumpeter und darauf aufbauend wie schon erwähnt, Friedrich August von Hayek, deren Werk heute nicht nur von bedeutenden Nobelpreisträgern weiter getragen wird, sondern natürlich vor allem die Grundlage bildet für unseren wieder aufgebauten Wohlstand auch in Mitteleuropa nach den Weltkriegen, organisiert durch das „Wirtschaftswunder“ unter dem deutschen Kanzler Ludwig Erhard.

Dabei kamen Carl Mengers Vorfahren sowohl mütterlicherseits wie väterlicherseits aus Böhmen, und einige der Vorfahren zogen weiter in den Osten nach Galizien. Dort wurden sein Großvater, Anton Menger, und seine Großmutter, Anna Müller, geboren. Carl Mengers Vater, dessen Vorname ebenfalls Anton lautet, führte den Titel eines „Edlen von Wolfersgrün“. Allerdings legten sowohl Carl Menger als auch seine beiden Brüder später diesen Titel aus Bekenntnis zur bürgerlichen Gleichheit vor dem Gesetz ab.

Ebenfalls Sudetendeutscher war Joseph Alois Schumpeter, der im Jahre 1883 in Mähren, in Triesch, geboren wurde. Schumpeter war Student bei Böhm-Bawerk und lehrte später auch als Professor in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, sowie in Graz. Er war Staatssekretär in Deutschösterreich bis 1919 in der (zweiten) Regierung von Karl Renner, ebenfalls einer der bedeutendsten Sudetendeutschen. Eine der zeitlosen Erkenntnisse von Joseph Schumpeter lautet : „Eher legt sich ein Hund einen Wurstvorrat an, als eine Regierung eine Budgetreserve“.

Das altösterreichische Galizien war Kulisse eines interessanten Zusammentreffens unterschiedlicher europäischer Kulturen, Sprachen und Religionen sowie ein Labor für spektakuläre Entwicklungen im modernen Recht der europäischen Aufklärung. Dies reicht vom ersten Test für das ABGB, das noch heute gültige und damals sicher fortschrittlichste bürgerliche Recht auf der ganzen Welt unter Kaiser Josef II. (als Westgalizisches Gesetzbuch experimentell getestet), bis zum hochkomplexen galizischen Ausgleich, eine Demokratisierung, die nur deshalb nicht mehr in Kraft gesetzt werden konnte, weil der Weltkrieg ausgebrochen ist.

Der Erste Weltkrieg machte dann aber auch aus Ukrainern Sudetendeutsche. Zumindest in jenen Gebieten aus dem altösterreichischen Galizien, die der neu geschaffenen CSR zugeschlagen worden sind, wurden aus Ruthenen, wie die altösterreichischen Ukrainer genannt wurden, Staatsbürger der CSR, genauso, wie aus den deutschsprachigen Altösterreichern des ehemaligen österreichisch-ungarischen Galizien.

Heute können wir nur hoffen, dass möglichst rasch das Leid unschuldiger Frauen, Kinder und alter Menschen in der Ukraine des Jahres 2022 beendet wird. Wir alle helfen humanitär so gut wir können, und wir werden uns aus eigener Erfahrung und unbeirrbar dafür einsetzen, dass die Menschenrechte auch für Heimatvertriebene des 21. Jahrhunderts wiederhergestellt werden.

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Bearbeitungsstand: Freitag, 27. Mai 2022

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