Das Eigenleben der Osmanen im „Westen“


Wolfgang Caspart, „Revolution in Stambul – Ein interkultureller Diskurs in Geschichte und Soziologie“, Verlag Peter Lang GmbH, Berlin 2021, 150 Seiten.

Eine Buchbesprechung von Gerulf Stix

Für europäische Leser handelt es sich hier um ein merkwürdiges Büchlein, obgleich von einem Salzburger geschrieben. Während uns die Französische Revolution von 1789 ebenso geläufig ist wie der Nordamerikanische Unabhängigkeitskrieg ab 1776 und erst recht der Siebenjährige Krieg zwischen Preußen und Österreich von 1756–1763, wissen wir kaum etwas über die blutigen Unruhen von 1730/31 im Osmanischen Reich, also der Türkei. Dabei erklärt sich durch das Auf und Ab des Osmanischen Reiches so manche jener Fragen, die im heutigen politischen Geschehen des Orients Antworten erheischen. Zum Beispiel gibt es eine sehr lange Geschichte der konfliktreichen Feindschaft zwischen Persern und Türken (Schiiten und Sunniten).

Das vorliegende Buch will diesbezüglich Abhilfe schaffen. Im Rahmen einer romanhaft erdachten Rahmenhandlung erzählt die Geschichte in 29 Kapiteln tatsächliche Begebenheiten in weitgehend chronologischer Reihenfolge.

Eigenartig nimmt sich das als „Sachregister“ bezeichnete Kapitel im Anhang aus. Es enthält auf sechs Seiten praktisch nur türkische Fachausdrücke, von denen wohl die meisten dem abendländischen Leser unbekannt sind. Auch die im Buch geschilderte Handlung verwendet unentwegt osmanische Begriffe, von denen die meisten bildhaft erklärt oder zumindest beschrieben werden. Selbst die Dialoge der handelnden beziehungsweise genannten Personen sind in einer altertümlichen Sprache geschrieben, wodurch der Eindruck von Authentizität entsteht.

Das Buch füllt zweifellos eine Lücke beim mitteleuropäischen Leser. Das Osmanische Reich ist den meisten Leuten zwar als Eroberer am Balkan bis weit ins Ungarische und als Belagerungsmacht vor Wien bekannt, aber kaum als Verbündeter Österreich-Ungarns und des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Im Unterhaltungssektor beschränkt sich die Kenntnis der Osmanen vielfach auf Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“; auch nicht gerade wirklich treffend. Neuerdings sind die Türken als Einwanderer verrufen, desgleichen Erdogån als undemokratischer Herrscher sowie als wohlgesonnen gegenüber Putin, der in der Ukraine Krieg führt. Dass die Osmanen früher oft und oft mit den Russen Kriege führten, wird hierzulande kaum registriert. So ist das in seiner Blüte mächtige Osmanische Reich in der verbreiteten Vorstellungswelt der meisten Europäer eine nicht näher bekannte Größe.

Ein besonderes Verhältnis pflegte das Osmanische Reich zur arabischen Welt. Diese wurde von den Türken unterworfen und dem Osmanischen Reich einverleibt. Erst durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg konnten sich die Araber von der türkischen Oberherrschaft befreien, wobei die Briten eine Rolle spielten („Lawrence von Arabien“). Um den moslemischen Vertretungsanspruch für die Sunniten rangen Saudi-Arabien und die Türkei lange und heftig miteinander. Die Schiiten werden bekanntlich von den Persern vertreten. Mit den Persern lag das Osmanische Reich öfters im Clinch.

Die mangelnde Kenntnis vieler Europäer über die Geschichte der Osmanen ist insofern schade und von Nachteil, als die Türkei sich anschickt, eine wichtige Rolle in der modernen Staatenwelt zu spielen. Besonders im Pokerspiel um den gesamten Orient, in Nordafrika und nicht zuletzt um die Gasvorkommen im Mittelmeer mischt Ankara kräftig mit.

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Bearbeitungsstand: Freitag, 27. Mai 2022

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