Die deutschen Reiche und Österreich


Hinter gängigen Bezeichnungen steckt manches Missverständnis

 

Von Richard G. Kerschhofer

War Österreich Teil des Dritten Reiches? Eine nur scheinbar dumme Frage, denn die Antwort setzt voraus zu wissen, von wann bis wann das Dritte Reich existierte. Von 1933 bis 1945, werden viele sagen und vielleicht ergänzen, von der Machtergreifung am 30. Jänner 1933 bis zur Kapitulation am 9. Mai 1945. Leider unrichtig, wie zu zeigen ist. Außerdem ist Hitlers Bestellung zum Reichskanzler nicht „die Machtergreifung“, denn die war ein Vorgang, der lange vor 1933 begonnen hatte und sich danach noch fortsetzte. Bis alle gleichgeschaltet oder ausgeschaltet waren.

Begonnen haben kann das Dritte Reich erst nach dem Ende des Zweiten Reiches – doch wann war das? Ebenfalls eine schwierige Frage. Der Anfang hingegen ist eindeutig: Das Zweite Reich, das „Wilhelminische Deutschland“, begann am 18. Jänner 1871, als König Wilhelm I. von Preußen zum Deutschen Kaiser ausgerufen wurde.

Ebenso eindeutig sind die Eckdaten beim „Ersten Reich“, auch „Altes Reich“ genannt. Es begann am 2. Februar 962, als der zum deutschen König gewählte Sachsenherzog Otto I. von Papst Johannes XII. in Rom zum Kaiser gekrönt wurde. Dieses Reich ist später als „Sacrum Imperium“ belegt, dann als „Sacrum Romanum Imperium“ – Heiliges Römisches Reich – und am Beginn der Neuzeit wurde „deutscher Nation“ hinzugefügt. Es endete am 6. August 1806, als der habsburgische Kaiser Franz II. die Reichskrone niederlegte. Er hatte bereits 1804 das Erzherzogtum Österreich zum Kaisertum gemacht und war Kaiser Franz I. von Österreich geworden. Aber durfte der Kaiser das Reich beenden? Ob er durfte oder nicht – er musste, auf Druck Napoleons.

Das Alte Reich war kein Nationalstaat, nicht einmal ein Staat im modernen Sinn – und schon lange vor Napoleon nur mehr eine Fiktion. Goethe lässt in Auerbachs Keller den einen Saufkumpan ein Spottlied auf dieses Reich anstimmen. Ein anderer bringt ihn zum Schweigen: „Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied.“ Aber das wahrhaft Garstige war der dynastische Egoismus deutscher Fürsten, der das Reich in den Untergang trieb und die Anrainer zum Raub von Reichsgebiet einlud.

Das Erste Reich nannte sich nie „Erstes Reich“, denn kein Reich nimmt an, dass danach noch eines kommt. Auch das Zweite Reich nannte sich nicht „Zweites Reich“, denn für die allermeisten war es keine Wiedergeburt des Ersten Reiches. Es war ein weltliches Reich, keines „von Gottes Gnaden“, und es verkörperte nur die „kleindeutsche Lösung“, war also eher ein „großpreußisches Reich“.

Woher stammen dann die Ausdrücke „Erstes Reich“, „Zweites Reich“, „Drittes Reich“ und „Tausendjähriges Reich“? Sie kommen allesamt aus der Religion. Sie hängen zusammen mit dem „Millenarismus“ (lateinisch) oder „Chiliasmus“ (griechisch), mit dem Glauben an die Wiederkunft des Messias. Für „Drittes Reich“ steht auch „Tausendjähriges Reich“ – wobei „tausendjährig“ nach Ablauf des ersten Jahrtausends nicht mehr wörtlich genommen wurde, sondern soviel wie „ewig“ bedeuten sollte.

Erstmals in politischem Sinn verwendete diese Ausdrücke der deutsche Kulturhistoriker und Politiktheoretiker Arthur Moeller van den Bruck in seinem Buch „Das dritte Reich“ (1923). „Parteigenosse“ war er keiner und er starb schon 1925. Ob man ihn als „Wegbereiter“ bezeichnen kann, ist Geschmackssache, aber sicher erleichterte er die Arbeit nationalsozialistischer Ideologen. „Drittes Reich“ und „Tausendjähriges Reich“ passten trefflich in das mythisch-mystische Gedankengebäude, das der religionsartigen Überhöhung einer durchaus weltlichen Politik diente. „Drittes Reich“ wird heute zwar pauschal für die NS-Zeit verwendet, war aber nicht mehr als ein Schlagwort der Propaganda. Es hatte nie ein Territorium und war nie ein Völkerrechtssubjekt.

Was ist eigentlich Österreich?

Damit ist die eingangs gestellte Frage klar zu verneinen. Doch war Österreich Teil des Deutschen Reiches? Hier kommt es darauf an, was mit Österreich gemeint ist. Das Gebiet der Republik Österreich war von 1938 bis 1945 Teil des damaligen Deutschen Reiches, und der Anschluss war von allen anderen Staaten anerkannt worden – außer von Mexiko.

Was das Erste Reich betrifft, ist die Lage komplizierter. Ursprünglich bestand Österreich – als Markgrafschaft und später Herzogtum der Babenberger – nur aus Teilen der heutigen Bundesländer Ober- und Niederösterreich. Nach dem Aussterben der Babenberger und dem Interregnum belehnte der 1273 zum deutschen König gewählte Rudolf von Habsburg 1282 seine Söhne mit Österreich, Steiermark, Krain und der Windischen Mark.

Im alemannischen Raum hatten die Habsburger bereits umfangreichen Streubesitz, für den sich später die Bezeichnungen „Vorderösterreich“ oder „österreichische Vorlande“ einbürgerten. Die habsburgischen Stammlande gingen allerdings an die Eidgenossen verloren, die elsässischen Besitzungen an Frankreich und die rechtsrheinischen gehören seit dem Wiener Kongress endgültig zu Baden und Württemberg. Der verbliebene Rest ist Vorarlberg.

„Innerösterreich“ ist der Sammelname für die während habsburgischer Erbteilungen von Graz aus regierten Länder Steiermark, Kärnten, Krain und Küstenland. „Österreich“ wurde auch zum Synonym für habsburgischen Besitz, also einschließlich Tirols und später Salzburgs. Das Innviertel mit Braunau kam 1780 zu Oberösterreich. All diese Territorien waren immer Reichsgebiet gewesen!

Zur „Donau-Monarchie“ gehörten auch Länder, die nie Reichsgebiet waren, nämlich die gesamte ungarische Reichshälfte, die von Österreich im Zuge der polnischen Teilungen erworbenen Gebiete und die von Österreich-Ungarn 1908 formell annektierten Länder Bosnien und Herzegowina.

Aber auch das seit 1921 zur Republik Österreich gehörende Burgenland war nie Reichsgebiet. Es hätte ursprünglich ganz Deutsch-Westungarn umfassen und nach den vier ungarischen Komitaten Pressburg (slov. Bratislava), Wieselburg (ung. Moson), Ödenburg (ung. Sopron) und Eisenburg (ung. Vas) „Vierburgenland“ heißen sollen. Doch die Tschechoslowakei, ungarische Freischärler und in Ödenburg eine verfälsche Abstimmung sorgten dafür, dass nur der kleinere Rest zu Österreich kam.

Eines ist noch offen: Wann endete das Zweite Reich? Sicher nicht 1918, wie das die Nationalsozialisten sahen. Denn 1918 wie 1933/34 änderte sich jeweils nur die Regierungsform. 1938 entstand ein „Großdeutsches Reich“, das beinahe den großdeutschen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts entsprach. Aber auch wenn im „Anschluss-Gesetz“ (RGBl Nr. 28 vom 18. März 1938) „Großdeutsches Volksreich“ steht – völkerrechtlich blieb es wie 1918 das „Deutsche Reich“.

Der Ausdruck „Drittes Reich“ war jetzt nicht mehr erwünscht und ab 10. Juli 1939 auf Weisung von Göbbels den Medien sogar untersagt. „Großdeutsches Reich“ findet sich im Gesetz zur Einverleibung der Rest-Tschechoslowakei (RGBl Nr. 47 vom 16. März1939) und in anderen amtlichen Texten. Jener Erlass der Reichskanzlei, der das Deutsche Reich auch formell in „Großdeutsches Reich“ umbenannte (RK 7669 E vom 26. Juni 1943), wurde aber nicht mehr publiziert. „Großdeutsches Reich“ stand nur auf den Briefmarken.

Anders als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wurde das Deutsche Reich nie durch irgendeinen Formalakt für beendet erklärt – nicht durch die Kapitulation, nicht durch die Besatzungsmächte, nicht durch Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, ja nicht einmal durch den „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“. So wurde die Bundesrepublik zwar Rechtsnachfolgerin des nie für tot erklärten Reiches – mit allen daraus erwachsenen Nachteilen. Friedensvertrag gibt es aber keinen. Und auch Österreich hat nur einen „Staatsvertrag“ mit Einschränkungen der Souveränität, darunter das „Anschlussverbot“.

 

Dr. Richard G. Kerschofer lebt als freier Publizist in Wien.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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