Chauvinismus, Rassismus und Nationalismus


Von Dieter Grillmayer

Die im Titel genannten Phänomene spielen im öffentlichen Diskurs eine große Rolle, werden dabei aber oft undifferenziert und – im wörtlichen Sinn – als Schlagworte verwendet. Daher scheinen mir dazu ein paar Klarstellungen geboten, auch wenn ich damit (wieder einmal) gegen die Political Correctness verstoßen sollte. Vorab sei allerdings festgestellt, dass nach meiner Interpretation alle drei Phänomene negativ besetzt sind.

1. Chauvinismus, männlicher und weiblicher

Chauvinismus definiere ich als die Überzeugung von einer körperlichen, geistigen und/oder moralischen Überlegenheit sowie die davon abgeleitete abschätzige Meinung und das überhebliche Benehmen anderen gegenüber. Ungeachtet dieser umfassenden Bedeutung wird Chauvinismus zeitgeistig gerne nur mit „männlich“ assoziiert. Unter den verschiedenen Ausprägungen von männlichem Chauvinismus bilden der „Macho“ und der „Patriarch“ Gegenpole, indem Ersterer ein oberflächlicher Egoist ist, der seine Umwelt mit ständigem Balzverhalten nervt, während Letzterer aus seiner – vermeintlichen oder auch real existierenden – Überlegenheit auch eine höhere Verantwortung ableitet. Emanzipation (von lat. e manu cipere) ist ihm nur deswegen suspekt, weil er um das Wohl der ihm Anvertrauten fürchtet, wenn er sie aus seiner (schützenden) Hand entlässt.

Lässt sich die weibliche Form von Chauvinismus auch verantwortungsethisch begründen oder gar rechtfertigen? Wer ein echter Feminist ist, der geht davon aus, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse rundum besser wären, wenn nur die Frauen das Sagen hätten. Das verpflichtet zum Schwarzsehen und zum Aufrechterhalten der Fiktion von der Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, auch wo diese schon längst Geschichte ist. Folgerichtig braucht der Feminismus den Mann als Versager bzw. als Feindbild, je nachdem, ob er schon kapituliert hat oder noch nicht. Nicht Gleichstellung ist das Ziel der Feminismusbewegung, sondern Machtübernahme. Mit Emanzipation im Sinne eines wertschätzenden Miteinander der Geschlechter hat das nichts zu tun.

2. Rasse und Rassismus

Bezieht sich die Überzeugung von Überlegenheit und das abschätzige Verhalten gegenüber anderen auf die Rasse, so haben wir es mit rassischem Chauvinismus oder mit Rassismus zu tun. Der Wahn, einer „Herrenrasse“ anzugehören, ist für dieses Phänomen typisch. Allerdings sind Rassen und Rassemerkmale Tatsachen und betreffen nicht nur Äußerlichkeiten wie z. B. die Hautfarbe, worauf noch zurückzukommen sein wird. Das zu verleugnen, um dem Rassismus den Boden zu entziehen, ist ebenso schildbürgerlich wie die vor einigen Jahren verfügte Schließung des „Rassensaales“ im Naturhistorischen Museum in Wien. Wenn Tatsachen Gefühle verletzen, dann sind die Gefühle zu hinterfragen und nicht die Tatsachen zu verleugnen.

Ebenso absurd ist es, einen „kulturellen Rassismus“ anzuprangern, denn Rasse ist ein biologischer Begriff, der für die verschiedenen Ausprägungen von „Art“ steht. Für meine Überlegungen zu dem Thema ist essenziell, dass sich Lebewesen verschiedener Art zwar kreuzen lassen, wofür der Maulesel als Kreuzung von Pferd und Esel ein markantes Beispiel ist, dass diese Kreuzungen aber nicht fortpflanzungsfähig sind. Die Natur hat hier eine Schranke eingebaut, nicht hingegen bei der Kreuzung verschiedener Rassen. Ganz im Gegenteil: Wie die Erfahrung, z. B. bei Hunden, zeigt, kann es sogar zu Überzüchtungen kommen, während Mischlinge oft gute Anlagen zeigen und in der Regel gesünder sind und älter werden als Rassereine. Rassenmischung kann daher auch beim Menschen nicht als „unnatürlich“ angesehen werden und daher ist „Rassenschande“ aus biologischer Sicht jedenfalls ein deplatzierter Begriff.

3. Nation und Nationalismus

Eine Nation ist ein Sozialverband, dessen Mitglieder sich ihrer Zusammengehörigkeit bewusst sind, sei es, weil sie eine gemeinsame Geschichte und Kulturentwicklung verbindet (Kulturnation), sei es, weil sie Bürger desselben Staates sind (Staatsnation), sei es, dass beides zutrifft (Nationalstaat). Ein Volk ist zwar eine gewachsene Kulturgemeinschaft, aber nicht notwendigerweise auch eine Nation. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hat es ein deutsches Nationalbewusstsein nicht gegeben und ist den gebildeten Kreisen offenbar auch nicht abgegangen. Dafür legt das folgende, von Schiller und Goethe stammende elegische Distichon Zeugnis ab:

Zur Nation Euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens. Bildet, Ihr könnt es, dafür freier als Menschen Euch aus.

Nationalismus ist nationaler Chauvinismus im Sinne der oben angeführten allgemeinen Definition, ein übersteigertes Nationalbewusstsein, ein Selbstwertgefühl, das die eigene Nation über alle anderen stellt. Wer sich etwa einem „auserwählten Volk“ angehörig fühlt und daraus Vorrechte ableitet, der ist ein Nationalist, und zwar auch dann, wenn er ansonsten dem Internationalismus das Wort redet. Nicht dem Nationalismus zuordnen würde ich hingegen einen gesunden Egoismus, wie er etwa im Spruch der Engländer „Right or wrong, my country“ zum Ausdruck kommt.

Die Erfahrung lehrt, dass sich in gewachsenen Nationen ein Volkscharakter entwickelt, der auch in der Sprache seinen Niederschlag findet und daher ebenso wenig wegdiskutiert werden kann wie die bereits erwähnten Rassemerkmale. Ein markantes Beispiel für die Überhöhung der eigenen Nation durch Glorifizierung des Volkscharakters findet sich bei Turnvater Jahn, wenn er in „Deutsches Volkstum“ formuliert: „Ein deutscher Mann“, „das war deutsch gesprochen“, „ein deutsches Wort“, „ein deutscher Händedruck“, „deutsche Treue“, „deutscher Fleiß“ – all diese Ausdrücke zielen auf unser festgegründetes … Volkstum. Vollkraft, Biederkeit, Gradheit, Abscheu der Winkelzüge, Redlichkeit und das ernste Gutmeinen waren seit ein paar Jahrtausenden die Kleinode unseres Volkstums, und wir werden sie gewiss auch durch alle Weltstürme bis auf die späteste Nachwelt vererben.

Allerdings muss sich ein übersteigertes Nationalgefühl nicht notwendig auf – vermeintliche oder real existente − Vorzüge eines Volkscharakters beziehen, sondern kann durchaus auch in einer reinen Staatsnation Platz greifen. Beispiel dafür ist etwa der Glaube an die besondere Qualität der amerikanischen Demokratie und des „American way of life“, verbunden mit einem missionarischen Eifer und mit dem Führungsanspruch der USA als „Weltpolizei“.

4. Urteil und Vorurteil

Es gehört zu den Strategien der Gralsritter der Political Correctness, ihnen unangenehme Wahrheiten als Vorurteile zu verunglimpfen. Nun ist aber ein Vorurteil, wie der Name schon sagt, eine vorgefasste Meinung, die sich nicht auf Fakten stützen kann. Eine Meinung, die unter Einbeziehung aller verfügbaren Informationen zustande kommt, ist ein Urteil und kein Vorurteil.

So verunglimpfen die erwähnten Gralsritter jeden Hinweis auf Rassemerkmale, soweit sie über rein körperliche hinausgehen, oder einen Volkscharakter als rassistisches oder nationalistisches Vorurteil, und zwar auch dann, wenn damit gar keine Wertung verbunden ist. Wenn zum Beispiel jemand mit Hinweis auf die sehr unterschiedliche historische Entwicklung die Vermutung äußert, der durchschnittliche Intelligenzquotient von Schwarzen sei niedriger als jener von Weißen, dann ist er deswegen noch kein Rassist. Der aufgeklärte Mensch wird eine solche Aussage allerdings zum Anlass für Reihenuntersuchungen nehmen und diese statistisch auswerten. Auch dann, wenn sich der geäußerte Verdacht bestätigt, wird der aufgeklärte Weiße jedem Schwarzen mit der gleichen Achtung begegnen, die er einem Weißen entgegenbringt, weil die Menschenwürde ein integraler Bestandteil seines Weltbildes ist. Ganz abgesehen davon wird er selbstverständlich in Betracht ziehen, dass das Einzelindividuum, mit dem er es konkret zu tun hat, vom statistischen Durchschnitt erheblich abweichen kann. Jeder weiße Nicht-Rassist hat etwa in Kofi Anan einen der besten Generalsekretäre erkannt, welche die Vereinten Nationen je hatten.

5. Islam und Islamismus

Der Hinweis auf die Aufklärung bietet Anlass, auch diesem hochaktuellen Thema ein paar Zeilen zu widmen. Religion gehört zu den markanten Hervorbringungen einer Hochkultur und konstituiert zusammen mit dem wissenschaftlichen und künstlerischen Austausch Kulturgemeinschaften, wie etwa die christlich-humanistisch-aufklärerische europäische Kulturgemeinschaft. Diese hat durch die Aufklärung eine intellektuelle Qualität und sittliche Reife erreicht, welche die islamische Welt für sich nicht in Anspruch nehmen kann.

Es ist mir bewusst, dass ich den politisch Korrekten damit ein typisches Beispiel für „kulturellen Rassismus“ liefere. Daher ist folgende Klarstellung geboten: Wem Freiheits- und Menschenrechte sowie politische Grundsätze wie etwa die strikte Trennung von Kirche und Staat wertvolle Errungenschaften unseres Kulturkreises sind, der muss auch für diese eintreten. Der kann also nicht alternative Gesellschaftsmodelle als gleichwertig anerkennen, die konträren Prinzipien huldigen, wie das beim Islamismus der Fall ist. Sein Gesellschaftsmodell ist nicht der freiheitlich-laizistische Rechtsstaat, sondern der autoritäre Gottesstaat, in dem die religiösen „Wahrheiten“ des Islam der absolute Maßstab sind. Die Beschwörungen naiver „Gutmenschen“ und islamischer Geistlicher, man müsse zwischen Islam und Islamismus unterscheiden, sind als Beruhigungspillen untauglich, solange sich immer mehr Muslime, auch in Europa, zum Islamismus bekennen.

Nach aktuellem europäischem Verständnis ist Religion Privatsache, und nur unter dieser Voraussetzung ist Religionsfreiheit möglich und steht die objektive Wertigkeit einer Religion nicht zur Diskussion. Dazu kommt, dass der Islam in Europa, im Unterschied zum Judentum, keine Tradition hat. Wo er durch die Türkenherrschaft ansässig geworden ist, da hat er die Aufklärung mitgemacht und Lessings Ringparabel verinnerlicht. Muslimische Zuwanderer haben das nachzuvollziehen oder sie haben in Europa nichts zu suchen. Ein positives Beispiel ist der deutsche Politikwissenschafter syrischer Abstammung Bassam Tibi, Universitätsprofessor in Göttingen, Bergen und Harvard, der auch ganz klar die Alternative aufzeigt, wenn er meint: Entweder der Islam wird europäisiert oder Europa wird islamisiert.

 

Mag. Dieter Grillmayer, 1941, Oberösterreich, AHS-Direktor i. R., seit Jahrzehnten maßgeblich in der freiheitlichen Lehrerschaft tätig.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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