Zufall – Emergenz – Information


Ein Essay über die Rätsel des Seienden

 

Von Karl Sumereder

Nicht nur dann, aber meist ab dem vermeintlichen Mittelpunkt oder im Herbst des eigenen Lebens, wird der Blick stärker auf den weiten Horizont des Daseins gerichtet.

Es geht dann um die Auseinandersetzung und die Beschäftigung mit Fragen wie: „Wer bin ich? Warum lebe ich? Was soll ich noch alles tun? Was ist Ursprung, Ziel und Zweck von allem Seienden? Was ist das Gute, was ist Sünde? Wie kann mein Leben gelingen – gar über den Tod hinaus?“

Angesichts stummer Fragwürdigkeit und schwer zu akzeptierender Zufälligkeit, von der das Leben geprägt ist, einer unendlich scheinenden Palette von Möglichkeiten, was alles geschehen kann, erscheint alles Können, alles Wissen begrenzt.

Seit dem Auftauchen des helleren menschlichen Bewusstseins werden Fragen seit Jahrtausenden gestellt, wurde und wird von Schamanen, Religionsstiftern, Priestern, Philosophen, Naturwissenschaftern und Künstlern um Deutungen und Antworten gerungen.

Die Ausgangslage

Unsere gewohnte Vorstellung ist die, dass das Universum, die Welt, die Natur, das Leben ein Komplex von in Raum und Zeit, in Volumen und Dauer ausgebreiteten und aufeinander folgenden Dingen sei. Ein Hauptproblem stellt dabei die Ergründung der Kausalität dar.

Seit dem griechischen Philosophen Demokrit (ca. 460 v. u. Z. bis ca. 370 v. u. Z.) gilt ja der Grundsatz: „Keine Wirkung ohne Ursache“. Wir, alle Lebewesen, sind in einer jeweils eigenen, relativ sicheren Wirklichkeit verwurzelt. Unser persönliches Weltbild wird von dem geprägt, was wir sehen, erleben, fühlen, die Art und Weise, wie wir etwas begreifen und wie wir etwas lernen. Alle sind wir von sprachlichen, regionalen, religiösen, gesellschaftlichen, umwelt- und generationsbedingten Schranken umgeben.

Das Problem, ja die Unfähigkeit, die „letzte Wirklichkeit“ zu ergründen, wurde vom Philosophen und Physiker Werner Heisenberg (1906–1976) als eine Ungewissheit, als „Unschärferelation“, materialistisch formuliert.

Eine Art logische Analogie dazu entwickelte das Mathematikgenie Kurt Gödel (1906–1978), nämlich das, was als „Unvollständigkeitstheorem“ bezeichnet wird. Demzufolge gilt gemäß Ken Wilber („Das Spektrum des Bewusstseins“, rororo Sachbuch, 1991) sowohl logisch als auch physikalisch, dass „objektive“ Überprüfbarkeit nicht das Kennzeichen der Wirklichkeit ist. Am Grunde der materiellen Welt befindet sich so für uns ein Unschärfeprinzip und am Grunde der mentalen Welt ein Unvollständigkeitstheorem.

Solcherart ist uns das wirklich Wirkliche nur als ein Ausschnitt erfassbar, haben wir dafür einen blinden Sehfleck, ist eine unüberwindliche Grenze für eine kausale Weltbeschreibung gegeben. Immerhin ist eine Richtung andeutbar, und zwar durch die Vorgabe von logischen und praktischen Regeln des Experimentierens, die getreu befolgt, zu einer Erfahrungswirklichkeit führen.

Der 2007 in den USA verstorbene österreichische Philologe und Psychologe Paul Watzlawick („Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“, Piper Verlag, 1976) hat festgestellt, dass Chaos und Ordnung im Weltgeschehen im Widerspruch zu tief verwurzelten landläufigen Ansichten, nicht objektive Wahrheiten sind, sondern, wie so viele andere Wirklichkeitsaspekte, von der Perspektive des (der) Beobachters(in), abhängen.

„Vielleicht ist die Welt eben zu kompliziert für unseren menschlichen Geist?“ (Anton Zeilinger: „Einsteins Schleier – Die neue Welt der Quantenphysik“, Verlag C. H. Beck, München, 2003).

Alles was wir seh’n und scheinen
ist nur ein Traum in einem Traum
— Edgar Allan Poe

Begriffe als Erklärungsmuster – Die Ursache

Wir erleben eine Wirklichkeit, die nicht stabil ist, in der sich alles verändert. Nichts steht still, alles entsteht, wächst und stirbt. In unserem Erleben präsentieren sich Zweifachheiten, gewissermaßen zwei Pole. Ein Extrem kann ohne das andere nicht begriffen werden. Wie Licht nicht ohne Finsternis, Wärme nicht ohne Kälte, Mut nicht ohne Angst, Liebe nicht ohne Hass, Krieg nicht ohne Frieden oder Freiheit ohne Zwang. Die Pole derselben Sache, wie auch Lärm und Ruhe, Leben und Tod, Sein und Nichtsein, besetzen zwei extreme, jedoch notwendige Positionen. Auch das Potenzial des „Guten“ wie des „Bösen“ ist im lebendigen, existenziellen Spannungsfeld notwendigerweise immer vorhanden.

Wir bewegen uns während des Lebens ständig zwischen den Polen bedrückter, besorgter, unsicherer Zaghaftigkeit und optimistischer, hoffnungsvoller, zu Aktivität drängender Unternehmungslust, hin und her. Wir werden mehr oder minder zwischen diesen Polen bewegt.

Es ergibt sich nicht nur die Frage nach der Ursache des kosmischen Geschehens, sondern auch hinsichtlich der persönlich erfahrenen Wirklichkeit: Schicksal, Fügung?

Was sind die Naturgesetze an sich, die mit der Entstehung des Kosmos aufgetaucht sind?

Unbewegte geistige Energie? Universale kosmische Information?

Der Streit über ein statisches oder ein dynamisches Universum ist eigentlich nicht von Bedeutung. Bedeutsam ist vielmehr, dass das Material, das zum Beginn des vermuteten „Urknalls“ vorgelegen hat, Eigenschaften aufwies, eine Information, ein Potenzial, um Geordnetes zu ermöglichen. Was schließen lässt, dass Intelligenz der Urgrund des Universums ist. Die Eigenschaften, die Kräfteverhältnisse, die Dimensionierung der Elementarteilchen, dieser Grundbausteine der Materie (auch das Auftreten bestimmter Anomalien) sind so gefügt, dass die Möglichkeit gegeben war und ist, Atome und Moleküle, Muster und Strukturen, lebende Materie, Bewusstsein hervorzubringen.

Mit der Herausbildung von Atomen von Wasserstoff, Helium und Kohlenstoff hätte sich die Tendenz, aus einfachen Bausteinen Komplexität zu formen, erschöpfen können. Es hätte dann niemals lebende Organismen gegeben und keine Menschen, die über solche sie beschäftigenden Phänomene nachdenken.

Nur eine geringe Veränderung an einer der Urknallkomponenten, so erklären es die Kosmologen, und das Naturgeschehen würde so gut wie keine Reaktionen zeigen. Alles wäre verglüht, zerstrahlt, ein strukturloser Urnebel geblieben.

Der Quantenphysiker Anton Zeilinger („Einsteins Schleier – Die neue Welt der Quantenphysik“, wie bereits oben erwähnt) verweist auf die nicht nur uns Laien verwundernde Tatsache, dass für die Eigenschaften von Elementarteilchen, wie Photonen, Elektronen, Neutronen und Fullerenen (das sind räumliche Kohlenstoffmoleküle mit 60 Atomen) keine Ursache erkennbar ist. Es handle sich diesbezüglich um „objektive Zufälle“, für welche eine Ursache nicht nur nicht zu finden ist, sondern für die es keine Ursache geben kann.

Dazu ein vielleicht banal wirkender Hinweis auf das Reich der Zahlen in Bezug auf das Auftauchen von Primzahlen in der Zahlenreihe:

Eine natürliche Zahl p > 1 ist eine Primzahl, wenn sie nur die trivialen Teiler 1 und p hat. Also zum Beispiel 2, 3, 5, 7, 11, 13, 19, 23, 29, 31, 37, 41, 43, … 1451, 1453 und so fort. Die Verteilung der Primzahlen wird immer unregelmäßiger, sie sind aber ebenso unendlich. Die Primzahlen wurden nicht vom menschlichen Geist erschaffen, sondern von Mathematikern in der Zahlenreihe entdeckt. Sie sind ohne eine festzustellende Ursache ganz einfach vorhanden.

Hinsichtlich allfälligem tieferen Interesse am Phänomen der Primzahlen, sei auf Peter Plichta: „Gottes geheime Formel“, 5. Auflage 2001, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München, hingewiesen.

In der modernen Quantenphysik wird, zwar nicht unumstritten, die Kausalität in Frage gestellt und an deren Stelle der Zufall, ein Geschehen ohne Grund, eingeführt. Wenn dies aber tatsächlich so wäre, so ist zu mutmaßen, würde dies einen radikalen Umsturz der bisher erstellten Weltbilder bedeuten.

Der Zufall

Die Evolution verlaufe zufällig, heißt es. Was aber steckt hinter dieser Aussage? Wie kommt überhaupt der Zufall, ein Geschehen ohne Grund, in die Evolution?

Umgangssprachlich bezeichnet man ein Ereignis als zufällig, wenn es nicht absehbar, vorhersagbar, berechenbar oder reduzierbar ist. Wenn also auf Grund von unbekannten Anfangs- oder Hintergrundbedingungen keine Aussage darüber zu machen ist, was geschieht oder geschehen wird.

Man neigt dazu, in zufällige Geschehnisse unbekannte Gesetzmäßigkeiten hinein zu interpretieren, da das kausale Denken sich ja im Großen und Ganzen als erfolgreich erwiesen hat. Zufallsereignisse scheinen dem Prinzip von Ursache und Wirkung ja nicht zu widersprechen.

Der reine Zufall, die absolute blinde Freiheit
Ist die Grundlage der Evolution

— Jacques Monod

Gemäß Peter Aichelburg (Beilage Wissenschaft in die „Presse“ vom 1. Oktober 2005) ist der Zufall in der Quantentheorie aber von ganz anderer Qualität. Es gibt nämlich im Mikrokosmos Ereignisse, deren Eintreten nicht vorhersagbar sein kann. Es gibt bis heute auch keine konsistente Quantenkosmologie. Niemand könne sagen, ob eine solche Theorie nicht die Grundlagen der Physik in Frage stellen und zwingen würde, den Zufall unter einer gänzlich neuen Perspektive zu beurteilen.

Helmut Kern („An der Grenze des menschlichen Erkennens“, Genius-Lesestücke, Folge 3/2003) stellt dazu klar heraus, dass der „objektive“ Zufall den Anfang einer neuen Kausalkette, eine unerforschliche, nur in einem Chaos mögliche Schöpfung aus dem Nichts, bedeuten würde.

So besehen erscheint es hinsichtlich so mancher naturwissenschaftliche Erklärung legitim, den puren Zufall, was offensichtlich ein Nichtwissen bedeckt, anzuzweifeln.

Wenn gesagt wird, der Mensch sei nichts anderes als ein, wenngleich ganz besonderes Produkt einer Reihe von blinden Zufällen und Notwendigkeiten, dass das Wesen der Evolution die Abwesenheit von Motiv und Zweck sei (Salvador Edward Luria), kann hinzugefügt werden, dass unsere Existenz, wenn auch nicht weiter erklärlich beweist, dass geordnete Fortschritte von ersten Bakterien bis zur Krone der Intelligenz möglich waren.

Das Zauberwort Emergenz

Das Phänomen „Leben“, diese Episode von einem „niederen“ pflanzlichen oder tierischen oder einem „höheren“ menschlichen Bewusstsein zwischen zwei Bewusstlosigkeiten, dieser auf materieller Basis vorübergehende Zustand, ist auf diesem Planeten irgendwann, irgendwo, irgendwie aufgetaucht. Es war nicht von vorneherein da.

Unter Emergenz (von lateinisch: emergere = auftauchen, hervorkommen, sich zeigen) wird in der Naturwissenschaft eine nicht vorhersehbare neue Eigenschaft auf der Makroebene eines Systems, die durch das Zusammenwirken der Systemelemente auf der Mikroebene zustande kommt, verstanden. In der Philosophie und Psychologie bezeichnet Emergenz das Phänomen, wonach sich bestimmte Eigenschaften eines Ganzen aus seinen Teilen nicht hinreichend erklären lassen.

Der Evolutionsprozess des Lebens muss als zwangsläufiger Molekularprozess, ohne Richtung und Ziel, angesehen werden.
— Nobelpreisträger Manfred Eigen

Die Emergenztheorie ist nicht nur für die Erklärung der materiellen Evolution zuständig, sondern auch für jene der Phänomene Bewusstsein, des Selbst und des Ich, sowie des subjektiven Geistes. Wobei aber das nicht weiter hinterfragbare, so genannte Auftauchen, eine „Fulguration“ (von lateinisch „fulgur“, der Blitz), wie Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903–1989) es bezeichnete, ja keine letzte Erklärung darstellt.

Der menschliche Körper ist ein biologisches, der menschliche Geist ein psychisch-mentales System. Beide Systeme sind aufgetaucht, weisen Emergenzen auf. Eigenschaften, wie Atmung oder das Selbstbewusstsein, lassen sich aus den Einzelteilen (Zellen, Neuronen, einzelner Gedanke) nicht ausreichend erklären. Erst aus dem Zusammenspiel von Hirnzellen, von Neuronen, emergieren Aktivitätsmuster, welche die eigentliche Gehirntätigkeit ausmachen.

In den technikzentrierten und kybernetisch-systemtheoretisch orientierten Theoremen bildet der Begriff Emergenz auch eine Schlüsselkategorie, die meist als Selbstentfaltung verstanden wird. Da die Fragen um das Phänomen Emergenz weitgehend ungeklärt und der Begreifbarkeit für unseren Verstand entzogen sind, ergibt sich daraus meist die Zugrundelegung eines Willens, eines Wirkens einer, wie auch immer sich vorgestellten übernatürlichen Instanz, oder einer kosmologischen Konstante.

Das Geheimnis der Muster (Strukturen)

Ein Phänomen und Rätsel stellt auch das Entstehen von Mustern im Naturgeschehen dar. Muster werden diesbezüglich als Anordnungen von molekularen Bausteinen, als wiederholte Strukturen verstanden, die sich in selbst beschränkender Freiheit entwickeln. Ein Muster ist das Resultat eines verketteten Prozesses. Eines Ereignisses, bei dem das bereits Bestehende die Wahrscheinlichkeit für alternative Möglichkeiten bestimmt. Auch alle für Lebewesen bedeutsamen Dinge weisen Muster auf, deren wahrnehmbare Eigenschaften durch ein Mindestmaß an Wiederholung gekennzeichnet sind. Die Wiederholungen können exakt oder ungefähr sein. Zwischen Mustern und der Kategorie „Information“ besteht dabei ein enger Zusammenhang.

Wie Carsten Bresch („Zwischenstufe Leben – Evolution ohne Ziel“, Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1979) erläutert, ist das Eigentümliche eines materiellen Musters dessen Abhängigkeit von Ort und Art seiner Bausteine untereinander.

Muster sind üblicherweise aus materiellen Bausteinen (Elementarteilchen, Atomen, Molekülen) beziehungsweise Strukturen zusammengesetzt. Aber nicht nur. Auch Gedankengebäude, Wortfolgen, Begriffe und Sätze unserer Sprachen bilden Muster. Bilder, Schriften und Töne sind ebenfalls durch ein beziehungsvolles Einpassen jedes Bauelements in seine Nachbarschaft und über diese in den Zusammenhang einer Gesamtheit geprägt. Bei gesprochenen Sätzen, Wortfolgen zum Beispiel, wird die Informationsübertragung durch ein Zusammenspiel von Gehirnmustern bewirkt.

Von einem Muster können ganz bestimmte, charakteristische Wirkungen ausgehen. Ob eine Wirkung tatsächlich stattfindet, hängt davon ab, in welcher Umgebung das Muster ist.

Beziehungsweise mit welchen anderen Mustern es in Wechselwirkung tritt. Zum Beispiel ob ein Mensch da ist, der eine bestimmte Sprache versteht.

Auch Muster, die nicht menschlicher Geist hervorgebracht hat, sondern insbesondere solche, die im Rahmen der Evolution auftauchen, besitzen Eigenschaften für spezifische Wirkungen, wie die Informationsweitergabe.

Die Musterbildung ist so ein erstaunliches Phänomen in der Evolution. Wenn sich Elementarteilchen zu Atomen vereinigen, bildet dies den Anfang von weiteren Mustern. Das Musterwachstum kann man so als ein Fundamentalereignis von Geist und Materie deuten.

Wir wissen beispielsweise nicht, ob das Musterwachstum zur Photosynthese bei Pflanzen und parallel zum Tier führen muss. Wir wissen nicht, warum Einzeller über Millionen Jahre als solche existieren oder früher oder später sich zu Vielzellern zusammenschließen. Wir wissen kaum etwas über die Entstehung von Nervenzellen und das Entstehen von informierbaren Musterbereichen.

Erstaunlich ist, dass die Kategorie „Information“ bei Mustern stets ab einer gewissen Komplexität gegeben ist. Man kann letztlich den Mechanismus eines informierten Musters noch weniger verstehen, als den einer sich von selbst vermehrenden biologischen Struktur.

Die Schlüsselkategorie Information

Das Phänomen Information (von lateinisch: „informare“, bilden, durch Unterweisung Gestalt geben), im Sinne des üblichen Sprachgebrauches als Nachricht verstanden, bedingt ein potenziell oder tatsächlich vorhandenes nutzbares oder genutztes Muster von Materie und/oder Energieformen oder etwa eine universale Konstante? Damit Information erkennbar wird, muss Materie oder Energie eine bestimmte Struktur aufweisen. Die diesbezüglich inhärente Information kann durch elektromagnetische Wellen übertragen werden. Die Information kann, da masselos, im Prinzip mit Lichtgeschwindigkeit transportiert werden.

Viele physikalische Systeme wie Schallwellen, elektromagnetische Wellen, Materiestrukturen, Stoffkonzentrationen, wie zum Beispiel Enzyme, sind Informationsträger.

Die entscheidenden Biomoleküle, die Nukleinsäuren RNA und DNA mussten sich ja zusammenfinden und auch wieder spalten können, so dass das Leben sich nicht selbst blockierte. Nukleinsäuren geben Informationen weiter, indem sie Stränge bilden und komplementäre Stränge anlagern. Vor jeder neuen Runde müssen sie wieder auseinander.

Dazu kann man die Frage stellen: Steckt auch in einem Stein Information?

Im Prinzip ja, nämlich seine Herkunft, Größe, Gewicht, Temperatur, Form, Oberfläche, Beschaffenheit, Farbe usw. Jedoch nicht nur das. Steine machen Leben möglich. Forscher der Universität Bonn haben das Mineral Majorit als bedeutenden Sauerstoffspeicher identifiziert. An den Grenzen zwischen den Kontinentalplatten tauche der Erdmantel viele hundert Kilometer in das Erdinnere ab und transportiere dorthin auch Sauerstoff in Form von Eisenoxid, das in der Tiefe schmelze. Der zuvor in Eisenoxid gebundene Sauerstoff werde in das in der Tiefe lagernde Mineral Majorit eingebaut. Anschließend steige das Gestein wie warme Luft über der Heizung nach oben. Der im Gestein gespeicherte Sauerstoff werde dabei frei. Mit Wasserstoff aus dem Erdinneren verbinde er sich zu Wasser – einer Grundvoraussetzung für das Lebendige (Quelle: „Die Welt“, Beilage Wissenschaft, Seite W1, 29. September 2007).

„Die Spitze meines Bleistiftes ist klüger als ich“

Albert Einstein (1879–1955) hat mit dieser Feststellung gemeint, dass man das gesamte Universum erforscht hätte, wenn es gelänge, alle Eigenschaften einer Bleistiftmine zu ergründen. Würde man nämlich das molekulare Geschehen in der Mine des Bleistiftes vollständig wissenschaftlich beherrschen, so wäre dies nur aufgrund der Erkenntnis der exakten Gesetze des gesamten raumzeitlichen Geschehens im Kosmos möglich. Einstein behauptete, jedes Sandkorn, die Spitze eines Grashalmes, die Spitze eines Bleistiftes, sei letztlich das Universum. Selbst ein Atom berge letztlich das ganze Universum in sich.

Die von der Außenwelt auf Lebewesen einfließenden Informationen werden auf das für diese wirklich Wichtige durch die Sinnesorgane reduziert. Es wird so dem Organismus ein Signalmuster geliefert, das die Außenwelt extrem vereinfacht beschreibt.

Völlige Abwesenheit von Information ist im Zustand totaler Unordnung oder totaler Ordnung denkbar. Wenn alles vollkommen gleichförmig ist, können keine Unterschiede wahrgenommen werden. Jede lebende Struktur ist eine geordnete Struktur, ein schwingungsfähiges System.

Information wird nach wissenschaftlicher Mehrheitsmeinung als eine Eigenschaft der beiden Grundsubstanzen Stoff (Materie) und Strahlung (Energie) angesehen. Eine offene Frage ist jedoch die, ob den Informationsträgern Information, wie auch immer, eingeprägt ist.

Die Conclusio

Die Erde, auf der das Lebendige aufgetaucht ist, ist in kosmischer Hinsicht ein kleiner Himmelskörper in einer kleinen Galaxie in irgendeinem nicht weiter auffälligen Teil des Universums.

Wenn man sich überlegt, nach welch raffinierten Naturgesetzen unsere Welt, unser Sonnensystem, der gesamte Kosmos funktioniert, stellt sich die Frage, worauf diese Gesetze beruhen? Wir denken in der Form raumzeitlicher Abfolge von Ereignissen, von der Vergangenheit in die Zukunft. Stellen wir eigentlich die richtigen Fragen?

Schon Kant (1729–1804) und Schopenhauer (1788–1860) haben festgestellt, dass es Erkenntniskategorien gibt, die außerhalb der Grenze unseres Bewusstseins liegen.

Aus dem erfahrbaren und nicht erfahrbaren kosmischen Geschehen wird einerseits gemäß fundamentalistisch verengten, theistisch-transzendenten Vorstellungen geschlossen, dass das Leben nicht durch Zufall aufgetaucht sein kann. Es wird an einen Schöpfungsplan, ein willkürliches Eingreifen einer außerweltlichen Größe, wie auch immer, mit mehr oder weniger Hingabe geglaubt.

You only live once,
but if you do it right,
once is enough.

Andererseits wird durch die materialistischen Naturwissenschaften dargelegt, dass die Entstehung von Formen und Mustern, das Auftauchen von Ordnung und des Lebendigen, als zufälliger, zwangsläufig notwendiger Prozess, ohne Richtung und Ziel, gemäß selbst ordnender Eigenschaften der Materie angesehen werden muss. Das Lebendige eben als ein geglücktes Zusammentreffen passender molekularer Strukturen. Es gibt nun ohne Zweifel eine materielle und eine biologische Evolution. Was aber hiezu fehlt, sind wirklich konsistente Theorien über deren Antriebe.

Die geistige Sphäre von uns Menschen besteht in einem Entwickeln von Ideen in vielen Köpfen, eines Netzes gegenseitiger Anregungen. Von einer Seite kommen experimentelle Daten, von einer anderen Teilwahrheiten.

Manche tragen vorliegendes Gedankengut zusammen – wie der Autor –, andere verhelfen bestehenden Konzepten durch prägnantere Formulierungen zur Verbreiterung.

Rationale Teilantworten auf die Frage nach dem Lebensursprung erwachsen aus dem Lebenswerk von Wissenschaftern vieler Nationen. Die wissenschaftliche Version vom ersten Leben auf unserem Planeten ist unter den Schöpfungsmythen wohl als die am wenigsten engstirnige einzustufen.

Die Wissenschaft aber ist ein Produkt des menschlichen Geistes. Dieses Produkt kann nicht über seine Urheber hinausgehen. Dies ist im Prinzip spätestens seit Immanuel Kant klar. Es ist so eine unüberwindliche Grenze für eine erschöpfende kausale Weltbeschreibung gegeben.

Jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, woraus wir kommen und wohin wir wieder gehen, bleibt unangetastet. Wir können so in der Lebenszeit nur in einem Miteinander, das von Verständnis und Respekt gegenüber den verschiedenen Kulturen, Religionen und Philosophien gekennzeichnet ist – auch wenn so manches dabei nicht einleuchtet –, als Individuen wirksam sein.

Die Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine schlüssigen Antworten gibt, mit dem Wissen, nicht viel zu wissen, und mit den paradoxen Ungewissheiten um die eigene Existenz, dürfte das Wesen menschlicher Reife und daraus resultierender Toleranz sein.

 

Dr. Karl Sumereder, Innsbruck, absolvierte eine Spitzenkarriere im Management und beschäftigt sich seit Jahrzehnten leidenschaftlich mit Erkenntnisphilosophie.
Buchveröffentlichung: „Erweiterter Horizont“, ISBN 978-3-8334-79069

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010

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