Vor dem Totalumbau unserer Wirtschaftsstrukturen


Von Gerulf Stix

Hier wird kein Horrorszenarium ausgebreitet, auch wenn die an den Beginn zu stellenden Thesen einen solchen Anschein erwecken. Vielmehr geht es um eine trocken-nüchterne Lagebeurteilung angesichts dramatischer Änderungen bei wesentlichen Wirtschaftsfaktoren. Folgerichtig sind die auftauchenden großen Probleme zu nennen und mögliche Lösungen anzudenken. Doch das Wichtigste ist, ein Bewusstsein für den großen Wirtschaftswandel zu schaffen, in den wir in den nächsten 10 Jahren hinein getrieben werden.

Was sich derzeit bei der Preisentwicklung für Treibstoffe und Beheizung auf der Basis fossiler Energieträger (Öl, Gas und Kohle) tut, ist nur ein Vorspiel. Wir erleben finanziell den Anfang vom wirtschaftlichen Ende des Ölzeitalters. Sicherlich ist diese knappe Feststellung sehr vereinfacht und apodiktisch überspitzt. Dennoch trifft sie den Kern dessen, worum es geht, und beschreibt so die Ausgangslage, über die wir uns klar werden müssen. Dass die Erdölvorkommen schon in wenigen Jahrzehnten – egal ob in 30 oder 50 oder 100 Jahren – den immer noch steigenden Bedarf nicht decken werden können, bestreiten nicht einmal mehr Optimisten. Bei Erdgas werden sich die Zeiträume länger erstrecken. Gestritten wird eigentlich nur mehr um die Frage, ob die relevanten Zeiträume kürzer oder länger sind. Dieser Streit ist müßig.

Hilflose Preispolitik

Die auf uns zu kommende Ölverknappung, die relativ auch durch den steigenden Bedarf der asiatischen Länder beschleunigt wird, wirft heute schon ihre Schatten durch rasant steigende Preise voraus. Es ist ja nicht so, wie naive Gemüter meinen, dass die Spritpreise gleich bleiben müssen, solange überhaupt noch Sprit geliefert wird. In Wirklichkeit wird durch die steigenden Preise die sichere Erwartung der kommenden Verknappung signalisiert. Wenn also populistische Politiker mit der Begründung, es sei ja „genügend Öl auf dem Markt“ vorhanden, rigiden Preisstopp und dessen staatliche Überwachung fordern, dann betreiben sie Realitätsverweigerung und Volksverdummung. Die Global Players auf den Weltmärkten, von der OPEC bis zu den Multis und Liefergroßmächten wie Russland, werden da bloß mit den Schultern zucken. Und nicht zu vergessen: Wir Europäer sind bei Öl und Gas zu rund 90 % von außerhalb Europas liegenden Bezugsquellen abhängig. Daran ändern Demonstrationen und mediengerechtes Aufbegehren absolut nichts.

Die Politik kann hinsichtlich der Preise nur an jenem hohen Anteil drehen, der aus Steuern besteht, was fast zwei Drittel des Spritpreises betrifft. Es liegt also in der Macht der Finanzminister zu entscheiden, ob sie auf die Steuereinnahmen, die sich automatisch aus den Preissteigerungen ergeben, verzichten sollen. Dieser Verzicht kann theoretisch von der Politik eingefordert werden. In der Praxis werden sich die Finanzminister sträuben, denn die automatisch höheren Steuereinnahmen hier helfen ihnen, Budgetlöcher und Finanzbedarf anderswo, beispielsweise im Gesundheitswesen oder Sozialbereich allgemein, auf elegante Weise zu stopfen. Schon gar nicht werden die Finanzminister überhaupt auf die Steuern auf Treibstoffe verzichten, wie das von verärgerten Treibstoff-Verbrauchern auch schon gefordert wurde. Da müssten zum Ausgleich anderswo Steuern erhöht oder neue eingeführt werden. Das wird sich also nicht spielen. Bleibt summa summarum die Möglichkeit, geringfügiger Abgabenverringerung auf Treibstoffe. Solche Steuerverzichte würden aber sehr bald durch weitere Preiserhöhungen vom Markt her ausgeglichen und sogar überkompensiert werden. Mit anderen Worten: An der grundsätzlich massiven Ölverteuerung auf mittlere Sicht ändern kosmetische Maßnahmen nichts!

Unser Lebensstil hängt in der Luft

Schaut man dieser Wahrheit ins Auge, dann muss man sich auf gewaltige Umstellungen in unserer gesamten Wirtschaftsstruktur gefasst machen und vorbereiten. Derzeit fußt unsere gesamte technisch-zivilisatorische Wirtschaftsweise zum Großteil auf bisher reichlich vorhandenem Erdöl und Erdgas. Für jedermann leicht sichtbar, betrifft das unser gesamtes Verkehrswesen: Kraftfahrzeuge, Schiffe und Flugzeuge. Auf diesen beruhen unsere Mobilität und unser überdimensionales Transportwesen. Wiederum auf diesen Faktoren haben sich weltumspannende Wirtschaftszweige entwickelt: Tourismus, extrem arbeitsteilige Produktionsweisen (Lieferung „just in time“) und insbesondere alle jene Unternehmensgruppen, welche dieses ölabhängige Mobilitätssystem bauen und erhalten.

Schaut man tiefer, dann sticht unsere Siedlungsweise ins Auge. Die sich endlos dehnenden Vorstädte und die ins Land wuchernden Einfamilienhaus-Siedlungen weit draußen hätten ohne „das Auto“ so nie entstehen können. Diese Siedlungsstruktur hängt also auch vom Öl ab – und ohne dieses in der Luft. Bedenkt man dazu noch, wie viele Ölheizungen in Millionen von Häusern (europäisch gesehen) für Beheizung und Komfort sorgen, wird einem buchstäblich kalt im Wissen um das Versiegen der billigen Ölversorgung.

Damit sind aber noch längst nicht alle Problemfelder beschrieben. Öl und Gas sind nicht nur Energieträger, sondern dienen in unüberschaubarer Vielfalt als Rohstoffe für die chemische Industrie: Kunststoffe, Farben, Fasern, Schläuche usw. In den meisten Gegenständen unseres Plastik-Alltages steckt Öl, auch in den Unmengen von Verpackungsmaterial. Da schlägt dann die Verteuerung gleich zweimal zu, nämlich einmal beim Rohstoff und zum zweiten Mal als Folge der steigenden Transportkosten für jedes und alles. Es wäre kurzsichtig, diese praktisch sämtliche Wirtschaftszweige durchdringenden Kosten-Preis-Zusammenhänge außer Acht zu lassen und bloß auf die Verteuerung von Treibstoffen und Beheizung zu starren. Keineswegs ist es eine Übertreibung zu sagen, dass unsere Wirtschafts- und Konsumwelt, so wie wir sie kennen und tagtäglich erleben, auf dem Massenverbrauch billigen Erdöls entwickelt wurde. Damit aber geht es unweigerlich zu Ende.

Europa ist darüber hinaus auch bei anderen wichtigen Rohstoffen, die nicht Energieträger sind, von anderen Erdteilen abhängig. Als Beispiel sei hier nur grob die Abhängigkeit der EU bei wichtigen Nichteisenmetallen in Prozent des Gesamtverbrauches angeführt: Aluminium (Bauxit) 60 % / Chrom 100 % / Kobalt 100 % / Kupfer 95 % / Blei 70 % / Mangan 99 % / Nickel 100 % / Zinn 99 % . Auch bei diesen dreht sich angesichts der weltweit zunehmenden Nachfrage die Preisspirale kräftig nach oben. Speziell auf Europa kommt also einiges zu.

Untergangspropheten haben so gesehen zunächst einmal starke Argumente auf ihrer Seite. Ich hingegen halte es mit dem dichterischen Zuspruch („Beherzigung“) von Johann Wolfgang von Goethe:

Feiger Gedanken bängliches Schwanken,
weibisches Zagen,
ängstliches Klagen
wendet kein Elend,
macht Dich nicht frei.
Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten,
nimmer sich beugen,
kräftig sich zeigen,
rufet die Arme der Götter herbei!

In die nüchterne Sprache des wirtschaftlichen Alltages übersetzt, heißt das für mich, dass wir angesichts der oben beschriebenen Lage mit aller Klarheit die sich vor uns auftürmende neue Aufgabe sehen und sodann entschlossen anpacken müssen. Das heißt, wir müssen unsere Wirtschaftsstrukturen zielbewusst umbauen!

Wirtschaft zielbewusst umbauen!

Wie soll das gehen und kann es überhaupt gelingen? Die endgültigen Antworten auf solche verständlichen Fragen liegen sicherlich noch im dunklen Horizont der Zukunft. Aber erste positive Antworten lassen sich schon finden. Die sich seit vielen Jahren anbahnenden Entwicklungen in den Bereichen der so genannten Erneuerbaren Energien (EE) zeigen, dass es sehr wohl Ersatz für die fossilen Energieträger gibt. Die Literatur darüber ist inzwischen fast unüberschaubar geworden. Aber mehr noch spricht die praktische Entwicklung für diese Möglichkeiten. Als ich 1972 im österreichischen Nationalrat erstmals über die Möglichkeiten zur direkten Nutzung der Sonnenenergie referierte, erntete ich viel Spott. Heute? Die Solarindustrie boomt und die Wissenschaft entwickelt laufend Neues. Auch das Entstehen der modernen Windkraft-Parks, von konservativen „Energieexperten“ immer noch als unbedeutend abgetan, ist ein konkretes Signal in eine zukunftsfähige Richtung. Das Thema Biotreibstoffe in vielen Varianten beschäftigt im Streit der Meinungen die Medien weltweit.

Doch auch das ist ein neuer Weg in eine jedenfalls machbare Zukunft, egal ob in diesem Bereich noch einiges an Lehrgeld zu bezahlen sein wird, bevor sich die nachhaltig richtigen Lösungen herauskristallisieren. Ebenso zerbrechen sich überall Wissenschafter, Techniker und Unternehmer die Köpfe über eine Wasserstoff-Wirtschaft. Brennstoffzellen stehen schon in praktischer Verwendung, große Autohersteller testen Hybridfahrzeuge und verschweigen im Übrigen sorgfältig, was sie schon alles an Neuem in ihren Schubladen liegen haben.

Alle hier genannten Entwicklungen sind lediglich als ein paar wenige Stichworte zu verstehen. Sie belegen, dass es im Prinzip tatsächlich neue Wege gibt, die aus dem Erdölzeitalter herausführen können. Selbstverständlich gehören zu unserem gemeinsamen Potenzial an Erneuerungsfähigkeit eine ganze Reihe technisch-wissenschaftlicher Entwicklungen, die nicht direkt mit der Energieversorgung zu tun haben. Dazu zählen etwa der IT-Bereich, die Robotertechnologie, die Nano-Technologie und last not least die sich stürmisch weiter entwickelnde Bio-Technologie. Nur zu dieser ein einziges Beispiel, um die sich eröffnenden Chancen im Energiebereich zu verdeutlichen: Gelingt es, die Photosynthese des Sonnenlichtes, die jedes grüne Blatt auf dieser Erde beherrscht, großtechnisch nachzuahmen, so sieht unsere künftige Energieversorgung gänzlich anders aus als heute. Doch das ist wirklich Zukunftsmusik. Zunächst einmal liegt ein schwieriger Umstellungsprozess vor uns.

Schmerzhafte Umstellung

Die rotierende Preisspirale bei Öl, Gas und anderen Rohstoffen ist zugleich die schmerzhafte Aufforderung an uns, in den unvermeidlichen Umstellungsprozess einzusteigen. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten werden anfangs enorm sein. Der Umbau unserer Wirtschaft, die uns bislang komfortabel versorgte, wird fürs erste Kosten und nochmals Kosten verursachen und daher Einschnitte in den gewohnten Lebensstandard mit sich bringen.

In vielen Bereichen werden technisch bewährte Strukturen wirtschaftlich entwertet werden, h.d. fachlich ausgedrückt, privat wie kommerziell wird sich der Abschreibungsbedarf deutlich erhöhen. Jeder Hausbesitzer versteht, was damit gemeint ist, wenn er z. B. eine voll funktionstaugliche Ölheizung nun aus wirtschaftlich Gründen durch eine Pellets-Heizung ersetzen muss. Ersparnisse, die vielleicht für eine Fernreise gedacht waren, müssen nun für eine Investition herangezogen werden, die bestenfalls den bisherigen Lebensstandard zwar bewahren hilft, aber gewiss nicht erhöht. Der Verzicht auf die erträumte Fernreise ist also der Preis für die Systemumstellung. Dieses kleine Beispiel soll nur veranschaulichen, was wirtschaftlich auf uns alle, Konsumenten, Firmen und Gebietskörperschaften zukommt.

Zornausbrüche über steigende Preise als Signal für die anhebende Umstellung und über die zu schluckenden Kosten der nötigen Anpassung helfen da nicht. Ganz im Gegenteil würde das populistische Nachgeben gegenüber zornigen Verbrauchern mittels kosmetischer Preisgängelung oder irgendwelcher Ausgleichszulagen (die letztlich doch wieder der Steuerzahler trägt!) nur die nötigen Anpassungsprozesse verzögern. Diese Verzögerung würde mittelfristig die Umstellungsschwierigkeiten und damit die Kosten nur verschärfen.

Verantwortungsbewusste Wirtschaftspolitiker werden nicht auf eine kurzsichtige Verzögerungspolitik setzen, sondern entschlossen die Weichen in Richtung effektiver Umstellung unserer Wirtschaftsweise stellen.

Volkswirtschaftlich betrachtet eröffnet die schwierige und sich gewiss lange hinziehende Umstellung dennoch auch eine große Chance, nämlich hinsichtlich der Beschäftigungslage. Die Entwertung vorhandener Wirtschaftsstrukturen und der notwendige Aufbau neuer anstelle der alten erfordert umfangreiche Investitionen und schafft in deren Gefolge neue Arbeitsplätze im Ausgleich für verloren gehende. Dieser Effekt wird längerfristig sicherlich eintreten.

Schöpferische Zerstörung

Die Wirtschaftsgeschichte lehrt uns, dass große Innovationsschübe, wenn sie auf breiter Front in Gang gekommen waren, immer zu einer positiven Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungslage geführt haben. Diesmal geht es nicht bloß um einen Innovationsschub in einem Teilbereich, sondern um eine Erneuerung unserer gesamten Wirtschafts- und Lebensweise. Gefragt ist viel Unternehmungsgeist und schöpferisches Unternehmertum; ganz im Sinne des österreichischen Nationalökonomen J. Schumpeter, der seinerzeit von der „schöpferischen Zerstörung“ durch unternehmerische Pioniere sprach. Die „Zerstörung“ trifft diesmal auf die bereits bröckelnden Wirtschaftsstrukturen, die auf billigem Erdöl errichtet wurden und nun ins Wanken geraten. „Schöpferisch“ müssen unsere unternehmerischen Antworten auf die sich auftürmenden Probleme sein.

Zu warnen ist vor einem allzu bequemen Ruf nach dem Staat. In unserer durch Wohlstand verwöhnten und durch soziale Versprechungen aller Art eingeschläferten Gesellschaft kann leicht das Verlangen nach einer Politik, die alles machen, regeln und absichern soll, erwachen. Aber der Staat ist ganz gewiss überfordert, wenn ihm allein die Verantwortung für diese epochale Wirtschaftsumstellung aufgebürdet wird. Wieder auflebenden planwirtschaftlichen und sozialistischen Ideen müssen energisch die schlechten Erfahrungen mit den Systemen des „realen Sozialismus“ entgegen gehalten werden. Wir besitzen heute die historisch untermauerte Gewissheit, dass für die Bewältigung großer Neuerungen gerade sozialistische Regime am wenigsten geeignet sind. Bestenfalls sind sie bemühte Verwalter andauernder Mangelsituationen.

Freiheitliche Gesellschaften werden mit großen Umstellungen besser und schneller fertig. Das gilt für die Politik ebenso wie für die Wirtschaft und für den höchstpersönlichen Lebensbereich. Privatinitiative, freies Unternehmertum, und gelebte Mitverantwortung eines jeden Bürgers legen ungeahnte Kräfte frei. Sie fördern Ideenreichtum und intelligente Anpassungsprozesse. Der in seinen Prinzipien freiheitlich organisierte Staat hat dabei selbstverständlich eine aktive Rolle in allen Bereichen der Politik zu spielen. Er muss vorausschauend taugliche Rahmenbedingungen schaffen, um all die notwendigen Neuerungsprozesse einerseits zu ermöglichen und andrerseits in human verträglichen Bahnen zu halten. Die Politik muss zukunftsorientiert fördern, in Problembereichen auch Härten abfedern, vor allem aber den Leistungswilligen helfen. Der Leistungsbereitschaft die Tore zu öffnen, ist die wichtigste wirtschaftspolitische Aufgabe des Staates angesichts des unausweichlichen Totalumbaues unserer Wirtschaftsstrukturen. Politisch darauf hinzuwirken, sollten ungeachtet parteipolitischer Farbenspiele alle dem Grunde nach freiheitlichen Kräfte in unserer Gesellschaft, in unserem Land und in ganz Europa als ihre vordringlichste Aufgabe verstehen.

 

Dr. rer. oec. Gerulf Stix war lange Zeit Energie- und Wissenschaftssprecher der FPÖ im Nationalrat in Wien.
Einschlägige Buchveröffentlichung:
„Die arbeitslose Gesellschaft“, Orac Verlag, Wien 1979

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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