Antisemitismus und Antiamerikanismus


Von Dieter Grillmayer

Dieser Text schließt an meinen Aufsatz „Chauvinismus, Rassismus, Nationalismus“ an und ich setze damit den Versuch fort, die mit Emotionen, Vorurteilen und Fehlinterpretationen überladene Diskussion zu diesen Themen auf eine rationale Ebene zu verlagern.

Es beginnt schon damit, dass das Wort „Antisemitismus“ als Bezeichnung für Judenfeindlichkeit falsch gewählt ist, weil nicht nur das „auserwählte Volk“ der biblischen Überlieferung nach auf Noas Sohn Sem zurückgeht, sondern auch andere Völker, zum Beispiel die Araber. Was landläufig als Antisemitismus firmiert, müsste also eigentlich „Antijudaismus“ heißen. Unbeschadet dessen wollen wir bei dem Wort bleiben, das sich für das in Rede stehende Phänomen nun einmal eingebürgert hat.

1. Worauf gründet Antisemitismus?

Es erstaunt, dass üblicherweise nicht unterschieden wird, worauf eine judenfeindliche Haltung gründet, obwohl es mindestens drei Möglichkeiten gibt, die ich als biologischen, als religiösen und als politischen Antisemitismus bezeichnen möchte. Der biologische Antisemitismus gründet auf der Vorstellung, dass im jüdischen Volk bzw. in der jüdischen Rasse eine Reihe von negativen Eigenschaften veranlagt sei und sich kontinuierlich fortvererbe – der „ewige“ Jude sei danach moralisch defekt, hinterhältig, geldgierig und machthungrig. Der religiöse Antisemitismus stößt sich hingegen vor allem daran, dass sich die Juden als das von Gott – „ihrem“ Gott – auserwählte Volk sehen, das keine Religion außer der eigenen gelten lässt. Für die Christen kommt noch dazu, dass die Juden Jesus verfolgt haben, ermorden ließen und darob bis heute keine Reue empfinden. Beim politischen Antisemitismus geht es hingegen schlichtweg um die Macht, nämlich auf welche Weise und wofür von Juden in aller Welt Einfluss genommen wird, und insbesondere um die Politik des Staates Israel.

Es liegt auf der Hand, dass oftmals zwei oder alle drei Motive für eine antisemitische Einstellung zusammenkommen, aber natürlich gibt es auch den Fall, dass nur eines maßgeblich ist. Ich kann verstehen, wenn die Betroffenen an solchen „Spitzfindigkeiten“ nicht interessiert sind, lässt sich doch die weltweit beworbene Opferrolle nur am religiösen Motiv und – wegen Hitler, seiner Vorbilder und Gefolgsleute – am biologischen Motiv festmachen, was sehr nützlich ist, um damit die politische Dimension zu überdecken. („Was mir Sorgen macht, das sind Menschen, die sagen: Wir sind keine Antisemiten, wir sind nur gegen Israel. Antisemitismus und Kritik an Israel gehen Hand in Hand.“ Ronald S. Lauder, Präsident des WJC, im „profil“-Interview, 29. Oktober 2007.)

2. Rassenantisemitismus

Aufgeklärte Menschen müssen auf solchen Unterscheidungen jedoch beharren, weil sie der Wahrheit verpflichtet sind und kritisieren wollen, was zu kritisieren ist, unabhängig davon, ob sie damit ein Tabu verletzen oder nicht. Dazu ist es allerdings unabdingbar, den „Rassenantisemitismus“ ohne Wenn und Aber zu verurteilen, ihm seine biologische Grundlage zu entziehen und die wahren Beweggründe aufzuzeigen, die ihm Pate gestanden sind.

Erstens ist zweifelhaft, ob sich ein seit 2000 Jahren in der ganzen Welt verstreut lebendes Volk „rasserein“ erhalten kann, und zweitens ist historisch belegt, dass eine Vielzahl von Menschen, ja sogar ganze Völkerschaften, in diesen 2000 Jahren den jüdischen Glauben angenommen haben und damit zu Juden wurden, ohne dass in ihnen „jüdisches Blut“ fließt. Der Schönerianer-Spruch „Was Juda glaubt, ist einerlei, im Blute steckt die Schweinerei“ (oder so ähnlich in Varianten) ist damit nicht nur menschenverachtend, sondern auch wissenschaftlich unhaltbar. Er diente lediglich dem Aufbau eines Feindbildes, mit dem Wahlpropaganda gemacht werden konnte, und fußte auf der Angst vor der wirtschaftlichen und geistigen Potenz des deutsch-jüdischen Bürgertums, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haufenweise zum Protestantismus und auch Katholizismus konvertierte, sodass man ihm seine Religion nicht mehr zum Vorwurf machen konnte. Dafür musste dann die „Rasse“ herhalten.

3. Religiöser Antisemitismus

Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen, die von ihrem Glauben überzeugt sind, den Bekennern eines anderen Glaubens kritisch bis ablehnend gegenüberstehen. So war es in Europa bis in die Zeit der Aufklärung hinein unbestritten, dass Nicht-Christen entweder zu bekehren oder auszurotten oder zu vertreiben seien. Gelegentlich waren davon auch Juden betroffen. Gewöhnlich wurden sie aber als „schwarze Schafe“ in der Großfamilie mit den alttestamentarischen Wurzeln geduldet, und die zeitweilige Ghettoisierung hat ihrem Zusammenhalt eher genützt als geschadet.

Wenn sich ein gläubiger Christ heute zur noblen Geste der Toleranz aufschwingt, dann kann das lediglich die Toleranz des Besserwissers sein, der den Fehler verurteilt, aber dem Fehlenden verzeiht, und vice versa. Jedes andere Verhalten ist nur als eine Folge von gehörigen Zweifeln am eigenen Glauben nachvollziehbar. Rational betrachtet ist religiöser Antisemitismus jeder anderen Art von Abneigung aus Religionsgründen gleichzusetzen und hat in Europa nur deswegen Tradition, weil das jüdische Einsprengsel im christlichen Abendland, etwa im Unterschied zum Islam, immer schon da gewesen ist.

4. Politischer Antisemitismus

Ähnlich verhält es sich mit dem politischen Antisemitismus, der mit der Palästinafrage, der Politik des Staates Israel und jener der USA zu tun hat. Wer, so wie ich, jeder Kulturnation ihren eigenen Nationalstaat zubilligt, der kann es den Juden keineswegs verübeln, dass sie das Angebot angenommen haben, von einem Land Besitz zu ergreifen, aus dem sie vor bald 2000 Jahren vertrieben worden sind. Den Fehler haben jene gemacht, die ihnen das „gelobte Land“ versprochen haben, ohne Rücksicht auf die Palästinenser, die dort seit 2000 Jahren und länger ansässig sind. Mangelnder guter Wille, um diese verfahrene Situation politisch in den Griff zu bekommen, kann beiden Seiten vorgeworfen werden, wobei den Palästinensern offenbar auch ein Defizit an politischem Realitätssinn zu schaffen macht. Auf jüdischer Seite ist dagegen eine Überheblichkeit festzustellen, welche die Politik des Staates Israel für sakrosankt erklärt und jede Kritik, etwa an der expansiven Siedlungspolitik und den exzessiven Vergeltungsschlägen, mit der Faschismuskeule niederzuschlagen versucht. Und mit dem Hinweis auf das bittere Unrecht, das schwere Leid, das dem jüdischen Volk im Lauf der Geschichte immer wieder durch Pogrome zugefügt worden ist.

Unrecht mit Unrecht beantworten, heißt aber Unrecht verdoppeln und nicht ausgleichen. Daher lassen sich die Verfehlungen der vom Staat Israel und vom internationalen Judentum betriebenen Politik gegenüber den Palästinensern durch diesen Hinweis nicht rechtfertigen. Zum Verständnis der emotionalen Befindlichkeit kann die lange Geschichte der Judenverfolgungen jedoch allemal dienen, insbesondere zum Verständnis für die Aufregung, welche die betroffenen Kreise erfasst, wenn die Verbrechen des Hitlerregimes verniedlicht oder gar geleugnet werden. „Unvergleichlich“ sind diese Verbrechen allerdings nur deswegen, weil die Täter nicht irgendwelche Barbaren waren, sondern dem „Volk der Dichter und Denker“ angehört haben, in dem ein diffuser, allerdings nicht gewalttätiger Antisemitismus lange Zeit salonfähig war und so das Milieu für den Holocaust unter Hitler unbedachter Weise aufbereitet hat. Wenn wir aber schon bei moralischen Bewertungen auf dem Niveau einer Hochkultur sind, dann kann uns auch nicht gefallen, wenn Enkel und Urenkel der Opfer aus dem Leid ihrer Groß- und Urgroßeltern Machtansprüche geltend machen und vielfach materiellen Gewinn daraus ziehen.

Der Staat Israel konnte seine strikte und provokante Politik gegenüber den Palästinensern bisher nur durchhalten, weil mit den USA eine Supermacht hinter ihm steht, deren Regierung – gleich welcher Couleur – dem Wohlwollen eines einflussreichen Meinungskartells ausgeliefert ist, in dem ganz augenscheinlich Juden den Ton angeben. Wer weiß allerdings schon, ob etwa Herr Wolfowitz oder die aktuellen Repräsentanten weltbekannter Bankhäuser wirklich in die Synagoge gehen und wie viel „altes Blut“ noch in ihnen fließt. Sie sind Juden aus ihrer gesellschaftlichen Stellung heraus und damit auf höchste Ämter, wie z.B. das des Weltbankpräsidenten, quasi abonniert, wenn auch mitunter nur für kurze Zeit. Auf diese Oligarchie innerhalb der – zumindest formal – größten Demokratie der Welt hinzuweisen, muss jedem Liberalen eine selbstverständliche Pflicht sein und hat mit dem, was üblicherweise unter Antisemitismus verstanden wird, wirklich nichts zu tun. Wie offen in den USA selbst über den Einfluss der „Israel-Lobby“ auf die amerikanische Nahostpolitik geredet wird, belegen die Veröffentlichungen der beiden Politikwissenschafter J. Mearsheimer (Chicago) und St. Walt (Harvard) in großen Magazinen (vgl. „Die Presse“, 29. Juli 2006).

5. Antiamerikanismus

Diese demokratiepolitisch bedenklichen Zustände in den USA mögen für Antiamerikanismus ein Motiv abgeben, in Summe umschreibt dieser Begriff aber eine abschätzig-feindselige Haltung gegenüber dem US-Amerikaner als solchem und gegen den „american way of life“, gegen Coca Cola, Microsoft und Hollywood. Diese für Europas extreme Linke wie Rechte typische Haltung gründet auch nicht wirklich auf der aktuellen Politik der Washingtoner Administration, sondern auf kulturellem Chauvinismus und Besserwissertum. So hat schon Clemenceau hinsichtlich der US-amerikanischen Gesellschaft gemeint: „Das ist die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne Umweg über die Kultur.“ (Wenig tröstlich, dass wir in Europa den Umweg zwar gemacht, aber auch schon hinter uns haben.)

Gerne wird vergessen, dass die USA von (ihrer Unterdrückung in Europa überdrüssigen) Freigeistern gegründet und groß gemacht worden sind, darunter über 500.000 deutsche Auswanderer in der Zeit des Vormärz (1819 bis 1848). Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung der USA gehören zu den wichtigsten Dokumenten eines angewandten Liberalismus, gegen den der Sozialismus niemals eine Chance hatte, der aber mit dem (reformierten) Christentum eine bis heute aufrechte Allianz eingegangen ist. Diesen Wurzeln verdanken die USA ihren Ruf als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, wo sich – ganz im Sinne des Kalvinismus, der religiös viel zum Entstehen des „Kapitalismus“ beigetragen hat, – der Tüchtige durchsetzt. Und diesen Wurzeln verdanken die USA auch ihren Aufstieg zur Supermacht, die zwei Weltkriege entschieden hat (wofür die Deutschen einen bitteren Preis zu bezahlen hatten), dann aber mehr als vierzig Jahre ihren Schutzschild über Europa gehalten und den Kalten Krieg gegen die kommunistische Sowjetmacht gewonnen hat.

Durch die Emanzipation der als Sklaven importierten Schwarzafrikaner sowie den massiven Zuzug und den Kinderreichtum von Latinos und Asiaten ging die ursprünglich vorhandene ethnische Homogenität verloren. So entstand in den USA das Vorzeigemodell einer multikulturellen Gesellschaft mit ihren vielen Schattenseiten. Dieses Konglomerat demokratisch zu regieren, ist eine Herausforderung, die europäische Regierungen noch vor sich haben. Allerdings: So manche US-Fernsehserie überrascht durch die erfrischende Offenheit, mit der gesellschaftliche Um-, Zu- und Missstände geschildert werden. Und Hollywood produziert neben viel Mist, wie er auch in europäischen Studios gedreht wird, immer wieder ganz hervorragende Filme mit hohem moralischem Anspruch.

Wirklich unsympathisch finde ich es nur, wenn Amerika mit erhobenem Zeigefinger den Moralapostel spielt, statt zunächst einmal vor der eigenen Tür zu kehren. Aber das ist in aller Regel die Stimme der Administration und nicht die des einfachen Bürgers. Dieser weiß Dank einer echten Medienvielfalt und Meinungsfreiheit, in der z. B. ein Verbotsgesetz wie bei uns undenkbar ist, über die Fehler und Schwächen der amerikanischen Politik sehr wohl Bescheid, und wenn er auf den „american way of life“ stolz ist, dann ist das seine Sache. Mit Recht stolz sein kann er darauf, dass sein Staat nicht nur wirtschaftlich und militärisch, sondern auch bei Wissenschaft und Forschung die Nummer Eins ist und laufend die besten Köpfe aus Europa abzieht, die ja freiwillig „über den Teich“ gehen. Und stolz wäre ich als Amerikaner auch darauf, dass die Sozialfürsorge nicht verstaatlicht ist, wodurch sich kein ungesundes Anspruchsdenken entwickeln kann, dass dafür die ehrenamtliche Sozialarbeit einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat, so dass z. B. renommierte Universitäten nur Studenten annehmen, die eine entsprechende Tätigkeit nachweisen können. Bei uns hingegen steigt der akademische Nachwuchs auf die Barrikaden, wenn er via Studiengebühren fünf Prozent seiner Ausbildungskosten selber tragen oder ersatzweise ein paar Nachhilfestunden geben soll!

Ich kann das Thema „Antiamerikanismus“ nicht abschließen, ohne zuletzt noch den Verdacht zu äußern, dass der „rechte“ Antiamerikanismus in deutschen Landen vornehmlich auf das Feindbild zurückgeht, das durch zwei Weltkriege geprägt wurde, was natürlich zu verstehen ist. Aber warum etwa höre ich in den einschlägigen Kreisen immer wieder den „Vorwurf“, die Amerikaner errängen ihre militärischen Siege nur mit ihrer erdrückenden Materialüberlegenheit und nicht mit der Qualität ihrer Truppen? Vielleicht sind die Leistungen der deutschen und wohl auch der englischen Soldaten in den Weltkriegen höher zu bewerten als jene der US-amerikanischen, aber beim Niederringen des äußerst tapferen japanischen Soldaten kann dem GI mangelndes Kämpfertum wirklich nicht abgesprochen werden.

Letztlich zählt nur das Ergebnis; der Sieg kann durch nichts ersetzt werden, wie schon bei Clausewitz nachzulesen ist. Und wenn der Sieg dank ausgereifter Waffentechnik und einer weit überlegenen industriellen Produktivität unter Schonung der eigenen Mannschaften errungen werden kann, dann wäre jedes andere Vorgehen schlichtweg unvernünftig. Der durchaus verständliche Unmut des Besiegten sollte nicht den Blick für die objektiven Stärken des Siegers trüben. Nur bei nüchterner Analyse kann man aus der Geschichte lernen.


Mag. Dieter Grillmayer, 1941, Oberösterreich, AHS-Direktor i. R., jahrzehntelang maßgeblich in der freiheitlichen Lehrerschaft tätig.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft