Aufklärer, Freigeister und Realisten


Jochen Schaare: Von der Illusion zur Realität.
Beiträge zu einer Philosophie der Aufklärung, des Realismus und der Lebenskunst. Neustadt am Rübenberge:
Angelika Lenz Verlag. 2003. 644 S. ISBN 3-933037-25-5

 

Eine Buchbesprechung von Heinz Hauffe

Die Eingangsseiten dieses gewichtigen (und wichtigen) Buchs zieren einige Zitate, die den Succus und die Linie der Abhandlung schlaglichtartig beleuchten: „Diesen Kosmos … schuf weder irgendein Gott noch irgendein Mensch, sondern er war, ist und wird immer sein, ein immer brennendes Feuer, das nach Maßen entflammt und erlischt.“ (Heraklit, dessen Konterfei auch als Titelbild wiedergegeben ist). „Wo sich daher einmal das Bewußtsein des Menschen bemächtigt, daß die religiösen Prädikate nur Anthropomorphismen sind, da hat sich schon der Zweifel, der Unglaube des Glaubens bemächtigt … Die Religion ist wesentlich Affekt.“ (L. Feuerbach). Auch der Text auf der hinteren Umschlagseite fasst pointiert das Anliegen des Autors zusammen:

„Selbstdenken ist die Maxime der Aufklärung, es geht um Autonomie des Denkens und um Selbstbestimmung im Handeln. Dem liegt ein Menschenbild zugrunde, welches die Jahrhunderte bis heute entscheidend geprägt hat. Es ist gewiss kein Zufall, sondern Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins, dass mit der Vergewisserung der universalen Grundlagen des Menschseins das Fundament seines politischen, ethischen und erkenntnistheoretischen Denkens legt. Aufklärung ist zuallererst Aufklärung über sich selbst, ein Ausgang ins Freie, der Mut „allein zu gehen“, ohne Leitung eines anderen.“

Laut W. Schneiders sei „die Aufklärung … ein klares und deutliches Denken überhaupt, sie richte sich folglich gegen Denkhindernisse aller Art, insbesondere gegen Vorurteile und Aberglauben, Fanatismus und Schwärmerei, Affekte und Illusionen“, heißt es in der Einleitung. Schaare verfolgt diese Gedanken vom Beginn der Aufklärung in Frankreich (Teil I: Voltaire, D. Diderot, P. H. D. v. Holbach) über die deutsche Aufklärung und die Popularphilosophie des 17. und 18. Jahrhunderts (Teil II: Ch. Thomasius, F. Nicolai, Th. Abbt, Ch. Garve, I. Kant, J. H. Voß) bis zu den deutschen Freigeistern im 19. und 20. Jahrhundert (Teil III: H. Heine, L. Feuerbach, F. Nietzsche, S. Freud, O. F. Bollnow). Die letzten beiden Teile sind betitelt „Illusion und Realität“ (Teil IV) und „Philosophische Ethik und realistische Lebenskunst“ (Teil V), wo der Bogen vom antiken Humanismus und Skeptizismus (Demokrit, Cicero, Marc Aurel) bis zu A. Camus und J. W. v. Goethe gespannt wird. Den krönenden Abschluss dieses Teils bildet das Kapitel „Prometheus“, der „für die Selbstermächtigung des Menschen, der nach uneingeschränkter Selbstbestimmung strebt“ stehe. „Die Wirkungsgeschichte des Prometheus zeigt, dass er als das Leitbild eines sich selbst bewusst gewordenen autonomen Wesens verstanden worden ist … Der Mensch transzendiert sich also, er geht über die natürliche Festgelegtheit hinaus, löst sich von den Gottheiten und wird zum Herrscher über die Natur. Prometheus, der Förderer des Menschen, sichert dem Menschengeschlecht das Existenzrecht“

Die Originalliteratur wird gewissenhaft zitiert; die Anmerkungen ziehen sich über 52 Seiten; das Literaturverzeichnis mit etwa 1.580 Einträgen über 48 Seiten. Ein Tipp an den Verlag: Kopfzeilen mit den Kapitelüberschriften auf den einzelnen Seiten wären hilfreich gewesen, um die Anmerkungen leichter aufzufinden.

Das Buch ist flüssig geschrieben und trotz der Tiefe seiner Gedankengänge leicht lesbar. Es in einem Zug vom Anfang bis zum Ende durchzuackern, wird selbst begeisterten Lesern nicht leicht fallen; vielmehr verleitet die klare Gliederung zur Lektüre ausgewählter Kapitel, sodass es sich sozusagen als „Handbuch“ zum immer wieder Nachlesen empfiehlt. Es ist erstaunlich, dass selbst Lesern, die in der Thematik bewandert sind, oft neue und interessante Einblicke geboten werden. Das Buch sei Anhängern der Aufklärung und freigeistiger Gedanken, aber auch jenen, die dem skeptisch gegenüberstehen, uneingeschränkt empfohlen.


HR Dr. phil Heinz Hauffe ist Vize-Direktor i. R. der Universitätsbibliothek Innsbruck.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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