Auch eine Krise ist voller Chancen


Von Eberhard Hamer

Schon vor 6 Jahren hat das Mittelstandsinstitut Niedersachsen mit der Untersuchung „Was passiert, wenn der Crash kommt?“ (Olzog Verlag, München 2004) darauf hingewiesen, dass wir in einer Scheinblüte leben und insbesondere der explosionsartig gewachsene monetäre Sektor irgendwann wieder vor notwendigen Korrekturen stünde. Immerhin haben sich die monetären Werte in den letzten 30 Jahren vervierzigfacht, der Gütersektor nur vervierfacht. Die Differenz muss irgendwie wieder durch Inflation oder Geldvernichtung korrigiert werden. Diese Korrektur hat nun viele Banken und Anleger mit dem Auftreten der Hypothekenkrise überrascht und erschreckt. Das Mittelstandsinstitut Niedersachsen sieht aber diese Hypothekenkrise nur als erste Stufe einer viel größeren notwendigen Korrektur an. Wir werden darüber hinaus noch erleben:

  • die Derivatekrise
  • die Zinskrise
  • die Bankenkrise

Diese monetären Korrekturen werden dann auf die Realwirtschaft übergreifen:

  • zur Kreditkrise
  • zur Unternehmenskrise
  • zur Arbeitsmarktkrise oder zur Konsumkrise

In Summe kann sich daraus eine tiefgehende Rezession entwickeln. In der letzten großen Weltwirtschaftskrise haben Millionen Anleger ihr ganzes Finanzvermögen verloren, sind etwa ein Drittel aller Betriebe an Finanz- oder Umsatzproblemen zu Grunde gegangen, sind die Löhne um etwa ein Viertel gesunken und die Arbeitslosenzahlen auf Rekordhöhe gestiegen.

Es muss nun bei dieser begonnenen Weltwirtschaftskrise nicht genauso schlimm kommen, die Richtung wird aber gleich sein, wie in dem Crash-Buch des Mittelstandsinstituts beschrieben worden ist.

Die meisten Krisenpropheten verbreiten deshalb Angst und Schrecken. Dies ist aber für unternehmerische Menschen völlig falsch. Ein Unternehmertyp hat immer Chancen, auch in der Krise. Er hat sogar in der Krise mehr Chancen als im Boom, weil die meisten mit Krisenbedingungen nicht umgehen können. Wer also die Krise ernst nimmt, die Krisenentwicklung studiert und analysiert, der wird für den Fall der Krise und in jeder Phase der Krise eine Fülle von Chancen entdecken, die ihm wirtschaftliche Vorteile bieten gegenüber allen anderen Menschen, die als Rentnertypen solche Entwicklung untätig über sich ergehen lassen.

Um die Chancen aus der Krise zu nutzen, muss man etwas tun, muss man handeln. Da die Krise bereits begonnen hat, ist für das Handeln wichtig, dass man zur Nutzung der Chancen rechtzeitig Vorbereitungen trifft. Manche Chancen sind schon vorbei, andere nur noch durch sofortiges Handeln zu nutzen, wieder andere können mittelfristig vorbereitet werden.

Hier einige Beispiele aus meinem Buch
„Was tun, wenn der Crash kommt?“:

Kurz- und mittelfristige Krisenvorbereitung

  • Entschuldung
    Jede Großkrise – und wir haben die zweite Weltwirtschaftskrise – hat eine Deflations- und eine nachfolgende Inflationsphase. In der Deflationsphase brechen besonders viele Unternehmen und Vermögen zusammen, weil sie hohe Schulden, also zu hohe Zins- und Amortisationslasten haben, die bei zurückgehenden Umsätzen und Werten nicht mehr tragbar sind.
    Hierauf muss man sich durch straffe Entschuldung vorbereiten. Dies bedeutet: Keine neuen Kreditaufnahmen jetzt bei Beginn der Krise und möglichst vollständige Kreditrückzahlungen. Wer am wenigsten Zinsen und Amortisationen zu leisten hat, kommt besser durch die Krise als seine Konkurrenten. Wer allerdings einen Kredit in den nächsten Krisenjahren prolongieren muss, sollte dies noch jetzt bei niedrigen Zinsen tun, sonst wird er später möglicherweise untragbare Bedingungen in Kauf nehmen müssen.
  • Kapazitätsabbau
    Im Boom kam es darauf an, möglichst hohe Kapazitäten im Betrieb zu sichern. In der Krise dagegen werden Markt und Umsätze vielleicht sogar scharf fallen, müssen wir also rechtzeitig Kapazitäten abbauen. Die Vorbereitung solchen Kapazitätsabbaus muss jetzt bereits geschehen, indem man genau plant, welche Kapazitäten für welche Umsatzeinbrüche man abbauen muss (Anlagevermögen, Umlaufvermögen, Personal). Wer jetzt noch Gewerbegelände verkauft oder vermietet, kriegt bessere Preise als in ein oder zwei Jahren. Und wer jetzt noch seine Lager räumt, bekommt mehr dafür als im Verlauf der Krise. Und für das Personal gilt ebenfalls: Ich muss wissen, welche Kernmannschaft ich unbedingt behalten muss und welche Personen am entbehrlichsten sind (A-B-C-Analyse). Je rechtzeitiger Kapazitätsabbau vorbereitet und durchgeführt wird, desto schlanker kommt man durch die Krise.
  • Vermögensanlagepolitik
    Im Boom konnte man mit monetären Werten mehr als mit Sachwerten verdienen, weil in der Scheinblüte die Geldwerte aufgeblasen waren. Sie werden überproportional zurückfallen. Wer also Schaden vermeiden will, sollte sich von monetären Anlagen wie Fonds, Aktien, Renten u.a. rechtzeitig trennen. In der Deflationsphase ist Liquidität rentabel, mittelfristig aber Sachwerte wie Gold oder Immobilien. Wer jedenfalls rechtzeitig von Geldwerten in Sachwerte geht, mindert seine Verluste in der Krise.
  • Unternehmerpotenzial sichern
    Personalunternehmen sind immer nur so stark wie ihr Unternehmer. Viele Unternehmer sind aber nur Wachstumsstrategen. In der Krise braucht man andere Unternehmertypen – Sicherungsstrategen –, was viele Wachstumsunternehmer nicht beherrschen oder worin sie sich nicht umstellen wollen. Also muss sich jeder Unternehmer fragen, ob er sich das Bestehen der Krise noch antun will, ob er sich dafür geeignet empfindet oder ob er nicht noch rechtzeitig jetzt im Beginn der Krise an einen Nachfolger oder Käufer abgeben soll.
  • Alterssicherung
    Wer sich in der Krise auf die staatlichen Alterssicherungssysteme verlässt, wird verlieren, wird verarmen. Es wird also höchste Zeit, jetzt im Beginn der Krise noch sein Vermögen so aufzustellen, dass es die Krise möglichst günstig übersteht, dass wir Einnahmen behalten, von denen wir leben können (z. B. Mieten, Einnahmen aus Nebentätigkeiten o. a.) und dass wir uns bei sinkendem Einkommen durch eine schuldenfreie Eigentumswohnung oder Haus ein höheres verfügbares Nettoeinkommen in der Krise sichern, als es andere haben, die von geringer gewordenen Einkünften oder Sozialleistungen noch Miete zu zahlen haben.
  • Vorbereitung zum Sparen
    In der letzten Weltwirtschaftskrise sind die Einkommen um etwa 30 % gesunken – sogar die Staatsgehälter – und ebenso die Umsätze der Firmen. Wir müssen also nicht nur in den Firmen entsprechend Kosten sparen, sondern auch die private Lebensführung darauf einrichten, dass wir mit 30% weniger Monatseinkommen leben könnten. Dazu gehört z. B. Umstieg in ein sparsameres Auto, rechtzeitiger Verkauf der Wohnung in Mallorca, Sparen in der Urlaubsplanung, Umstellung auf preisgünstigere Heizung o. a.

Mehr als 50 Experten haben in dem o. a. Buch Einzelvorschläge für das Durchstehen der Krise als Unternehmer oder Privatperson erarbeitet, gehen aber vor allem auch davon aus, dass jede Weltwirtschaftskrise nie länger als fünf Jahre gedauert hat. Wir rechnen also mit drei bis vier Jahren. Über diese Zeit müssen wir hinüberkommen.

Dabei ist einzuschränken, dass sich die jetzt richtigen Sicherungsstrategien gegen weitere Krisenfolgen im Verlauf der Krise ändern. So richtig es jetzt ist, alle Wertpapiere abzugeben, – vor dem Tiefpunkt der Krise sollte man rechtzeitig zurückkaufen, weil im neuen Wiederaufstieg Wertpapiere schneller zunehmen als Sachwerte. Und auch Gold sollte im Tiefpunkt der Krise wieder verkauft werden, weil der Goldwert bei zunehmender Konjunkturerholung wieder fällt. Ebenso ist es mit den Firmeninvestitionen. In abfallender Konjunktur muss die Firma verschlankt werden. Auf dem Tiefpunkt kann man wieder anfangen zu reinvestieren, sobald man mit steigenden Umsätzen rechnen darf. Die neue 10. Auflage des Crash-Buches ist gerade um diese mittelfristigen, dem Krisenverlauf angepassten Strategien ergänzt worden.

Je mehr Leute sich richtig auf die Krise vorbereiten und in der Krise richtig verhalten, desto mehr Leute kommen unbeschadeter aus der Krise heraus und desto größer ist der Wohlstandsvorteil dadurch für uns alle.

 

Prof. Dr. Eberhard Hamer, Hannover, ist seit 25 Jahren führender Mittelstandsforscher in Deutschland.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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