Sonnenstrom – Rettung in der Energienot


Von Hans Kronberger

Wer es nicht geglaubt hat, der musste es sich spätestens beim Erdölgipfel in Dschiddah im Juni dieses Jahres eingestehen: Der Schmierstoff der Weltwirtschaft geht gnadenlos zu Ende. Der saudiarabische König Abdullah hatte Regierungschefs, Minister und Top-Manager eingeladen, um mit ihnen die Situation am Ölmarkt zu entspannen. Die Wirtschaftsminister forderten ein radikales Aufdrehen der Ölhähne, in der Hoffnung, der Preis werde schmelzen. Die anwesenden Ölförderer rund um den Golf waren nicht im Geringsten bereit, ihre Quoten zu erhöhen. Nur der Gastgeber gestand eine marginale Erhöhung der Förderquote zu. Von einer Entlastung des Marktes keine Spur. Im Gegenteil, in den Tagen nach der Konferenz kletterte der Preis über 140 Dollar pro Barrel. Um es kurz zu machen: Der wahre Grund ist die totale Verknappung und die echten Energiespezialisten wissen längst, dass die Scheichs drehen können so viel sie wollen, es kommt nicht mehr mehr heraus.

Es bedarf eines gigantischen Aufwandes, um einen echten Paradigmenwechsel in den Köpfen unserer Politiker herbeizuführen. Das traditionelle Denken, das ihnen zumindest für ihre Verantwortungszeit ausreichende Reserven an sprudelndem Öl und fauchendem Gas suggeriert hat, ist nicht so leicht zu überwinden.

In erster Linie gilt es einen Denkschritt zu wagen. Wenn alle von einer Energiekrise sprechen, so kann es eine solche gar nicht geben. Sonst würde eine Säule der Physik, nämlich der zweite thermodynamische Hauptsatz, der ungefähr besagt, dass Energie weder gewonnen noch vernichtet werden kann, in sich zusammenbrechen. Wir haben eine Rohstoffkrise an Primärenergie, weil wir zu viel der fossilen Rohstoffe in Nutzenergie umgewandelt haben und diese daher nicht ohne weiteres wieder verwenden können. Also haben wir eine Rohstoffkrise und keine Energiekrise. Da kommt uns eine Erfindung entgegen. Der alte Becquerel mit Vornamen Alexandre Edmond, hat im jugendlichen Alter von 19 Jahren (im Jahre 1839) entdeckt, dass man aus Licht Spannung erzeugen kann (nach seinem berühmten Sohn Antoine Henri wurde die Maßeinheit für Radioaktivität benannt). Kurzgesagt: Tatsache ist, man kann aus Licht Strom erzeugen. Die Entdeckung der Photovoltaik ist wahrscheinlich die größte und wichtigste Erfindung der Menschheit überhaupt. Was hat sie zu bieten? Erstens Rohstoff (Ja, Licht ist ein Rohstoff, auch wenn unsere Gesetzgeber zwischen rohstoffabhängigen und rohstoffunabhängigen Energieträgern unterscheiden, was nur beweist, dass sie im Physikunterricht nicht aufgepasst haben) und dies 10.000 mal so viel, wie die Menschheit verbraucht (nicht nur an Strom). Und die Verfügbarkeit? Sie ist garantiert auf die nächsten fünf Milliarden Jahre. Schlussendlich der Preis? Ist ebenfall mit 0,0 Cent auf die gleiche Zeitperiode gesichert. Und die praktische Umsetzung? Erlebt weltweit derzeit einen gigantischen Boom.

In den meisten zivilisierten Staaten hat man das Problem erkannt und investiert in die Technik, die erst 1978 erstmals Strom ins Netz lieferte. Ihre Gegner denunzieren sie als Geldverschwendung und begründen dies mit falschen Rechnungen. Tatsächlich ist Photovoltaik rasant auf dem Weg zur absoluten Marktfähigkeit.

Der wichtigste Bestandteil für den Durchbruch der energetischen Überlebenstechnik des Planeten Erde ist das Erkennen der Vorteile, die sie bietet. Dazu bedarf es neuer Denkmuster, die jene des auf fossilen Energieträgern fußenden Industriezeitalters ablösen. So kommen schon die ersten Ideen auf, gigantische Anlagen in der Sahara zu bauen und von dort aus Europa zu versorgen. Im Industriezeitalter wurde zentrale Produktion mit „Fortschritt“ gleichgesetzt. Im Sonnenzeitalter aber zählt die vernetzte dezentrale Produktion, das ist gleichzeitig ein Demokratisierungsprozess des gesamten Gesellschaftssystems. Alle sollen eingebunden werden. Jeder trägt auch Verantwortung.

Für Österreich hat das BMVIT eine Photovoltaikstrategie errechnen lassen; kein endgültiges Werk. Den Photovoltaikpionieren ist sie zu vorsichtig, zu defensiv ausgefallen. Wie auch immer, als Rechenansatz ist sie progressiv. Positive Überraschungen werden gerne angenommen. Die Studie kommt zum Ergebnis, dass bis zum Jahr 2050 jährlich zwanzig Terrawattstunden Strom direkt aus Sonnenlicht bezogen werden können. Zur Verdeutlichung der Zahl: Im Jahr 2005 wurden in Österreich 65 Terrawattstunden verbraucht. Das wäre mehr als ein Viertel des derzeitigen Stromverbrauchs. Selbst, wenn man davon ausgeht, dass im Jahr 2050 100 Terrawattstunden verbraucht werden, wäre dies immer noch ein Fünftel. Dabei bezieht sich die Berechnung ausschließlich auf bereits vorhandene zur Stromerzeugung ungenutzte Flächen. Das heißt, kein einziger zusätzlicher Quadratmeter muss verbaut werden. Österreich verfügt über 140 Quadratkilometer geeignete nach Süden ausgerichtete Dachflächen und 50 Quadratkilometer geeignete Fassaden. Um das obige Ziel zu erreichen, müsste man nur 63 % dieser Flächen nutzen. Hier ist noch gigantischer Spielraum, da sich die Berechnung ausschließlich auf sogenannte „gebäudeintegrierte“ Anlagen bezieht.

Die nächste entscheidende Frage lautet:
Wann kommt es zur echten Rentabilität?

Das „Wunderbare“ am Sonnenstrom ist, dass er direkt an der Erzeugungsstätte genutzt werden kann. Ein Transport von Strom ist nur für die Überschussproduktion, beziehungsweise für den Ausgleich bei mangelnder Erzeugung notwendig. Das große Märchen mancher Enthusiasten, man werde in Zukunft nur mit regionalen Netzen auskommen, ist grundsätzlich falsch. Das Netz wird sogar als Versorgungsbestandteil in der internationalen Stromversorgung an Bedeutung gewinnen! Trotzdem, was bedeutet die direkte Nutzung vor Ort? Der PV-Preis muss nur mit dem Endverbraucherpreis konkurrieren. Der liegt derzeit noch bei unter 20 Cent pro Kilowattstunde, ist aber rapide im Ansteigen. Der Produktionspreis für Strom aus Sonnenlicht liegt, je nachdem wie lange man die Haltbarkeit der Anlage rechnet und wie groß sie ist, zwischen 40 und 50 Cent. Man erwartet für die nächsten Jahre eine Preisdegression von 5 bis 9 Prozent pro Jahr. Wenn nun die beiden Kurven, der steigende Endverbraucherpreis und der fallende Photovoltaikpreis, aufeinandertreffen, dann ist die sogenannte „Netzparität“ erreicht. Der Preis, den die installierte Anlage erzielt, bleibt gleich, jener von Neuanlagen wird langsam weiter sinken und der Endverbraucherpreis wird auf Grund des Rohstoffmangels im fossilen Bereich weiter steigen. Von hier an werden alle Uhren (pardon Stromzähler) anders laufen.

Wann wird dieser Zeitpunkt erreicht werden? Die Antwort ist ziemlich klar. Zwar hängt die Entwicklung von vielen externen Faktoren ab, wie der weiteren fossilen und atomaren Rohstoffentwicklung, der politischen Rahmenbedingungen und zahlreicher Marktfaktoren, aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren wird es soweit sein. Die Sonne bietet uns Rohstoff und Preisgarantie und Verfügbarkeit für die nächsten fünf Milliarden Jahre.

Das energiewirtschaftliche Sonnenzeitalter ist näher als wir glauben. Wir müssen es nur erkennen.

 

Dr. Hans Kronberger, Energieexperte, ehemaliger EU-Abgeordneter, ist Präsident des Bundesverbandes Photovoltaic Austria, http://www.pvaustria.at/, www.kronberger.net
Sein seinerzeit aufrüttelndes Buch „Blut für Öl“ wurde in Heft 2/1998 der Genius-Lesestücke besprochen.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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