Blicke auf das deutsch-polnische Verhältnis


Von Diethelm Keil

Der polnische Ministerpräsident Tusk plant, in seiner Heimatstadt Danzig ein „Museum des Zweiten Weltkrieges“ zu errichten, dessen Grundsteinlegung zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns erfolgen soll. Kern des vom Auschwitzhäftling und Dissidenten Prof. Bartoszewski entwickelten Konzeptes sind die „zwei Totalitarismen“ des Nationalsozialismus und des Sowjetkommunismus, wie sie Ernst Nolte schon in den 60er Jahren dargestellt hatte! Der Anfang des Krieges wird vom 1. September auf den 23. August vorverlegt, als der Molotow-Ribbentrop-Pakt abgeschlossen wurde, und das Kriegsende auf das Jahr 1989, als das kommunistische Imperium fiel. Uns stehen also interessante Debatten bevor, in denen das von uns übernommene einseitige Geschichtsbild der westlichen Siegermächte auf den Prüfstand kommen dürfte.

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Bei der Partei „Die Linke“ (Deutschland) wird ebenso wie in Russland dieses auf den Erfahrungen des Ostens beruhende Konzept sicher auf Widerstand stoßen, obwohl der polnische Historiker Bogdan Musial aufgrund seiner Recherchen in Moskauer Archiven in dem neuen Buch „Kampfplatz Deutschland“ die riesige Aufrüstung der Roten Armee spätestens seit 1930 durch Stalin herausstellt und damit eine neue Debatte über den deutschen Angriff auf Russland auslösen wird. Deutsch-polnische Fragen und die deutsche Minderheit spielen im Mitteleuropakontext eine herausragende Rolle, so auch bei der Mitteleuropa-Tagung der Vereine Deutscher Hochschüler (VDH) Oppeln und Ratibor in Gr. Stein am 26. April. Es sprachen u. a. der Dresdner MdL Andreas Grapatin über „Grenz-überschreitende Zusammenarbeit im Wiederaufbau Schlesiens“ und der ehem. Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, parlamentarischer Staatsekretär Dr. Christoph Bergner, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, über „Die Politik der bundesdeutschen Regierung gegenüber der deutschen Minderheit in Polen – Bilanz und Ausblick“. Am gleichen Tag war die Hauptversammlung der „Sozial-kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD)“, wobei in einer Kampfabstimmung der 37jährige Germanist, Gemeindesekretär von Proskau (Prószków) und Mitglied der auch in Deutschland auftretenden Volksmusikgruppe „Proskauer Echo“ Norbert Rasch zum neuen Vorsitzenden gewählt wurde. Den Ausschlag gab offensichtlich, dass Rasch seine schwungvolle Bewerbungsrede in fehlerfreiem Deutsch, Polnisch und Schlesisch – wir deutschen Schlesier haben dazu früher Wasserpolnisch gesagt – vorgetragen hat, während der 51jährige Abgeordnete Galla nur ein sehr holpriges Deutsch sprach und schnell ins Polnische wechselte. Diese Wahl ist nicht nur ein Generations-, sondern ein Politikwechsel! Rasch will deutsche Sprache und Kultur in den Mittelpunkt stellen, was auch der neuen politischen Linie der Bundesregierung entspricht und angesichts des Mitglieder- und Wählerschwunds der Deutschen Freundeskreise (DFK) dringend erforderlich ist. Auf dem VDH-Festkommers im völlig überfüllten Spiegelsaal von Schloss Groß Stein, bei dem der ehem. sächsische Innenminister und jetzige MdL Eggert die Zielrede hielt, erschien überraschend der gerade gewählte Norbert Rasch und erklärte unter großem Beifall seinen Beitritt zum Seniorbund des VDH Oppeln! Vor einigen Jahren hatte der Berichterstatter bei einem Kommers im nicht ganz so gefüllten gleichen Saal den Eindruck, dass ein neuer deutscher Mittelstand heranwächst. Jetzt ist er da und übernimmt die Führung.

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Thomas Urban, Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in Warschau, Sohn von Breslauer Eltern, verheiratet mit einer in Breslau aufgewachsenen Polin, veröffentlichte 2004 „Deutsche in Polen“ und „Der Verlust. Die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert“, wofür ihm der Ludwig-Dehio-Buchpreis des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Potsdam verliehen wurde. In Heft 1/2007 der Zeitschrift „Osteuropa“ hatte Urban den Beitrag „Es hitlert sehr. Das Deutschlandbild der polnischen Medien“ geschrieben und darin auch das „Zentrum gegen Vertreibungen“ befürwortet, worauf ihm Frau Gesine Schwan in polnischen Medien (!!) vorwarf, der Urheber des schlechten deutschen Polenbildes zu sein. Urban und seine Familie wurden dadurch massiv bedroht! Auch eine nicht unsympathische polenfreundliche Einstellung darf eine Beauftragte der Bundesregierung für Polenfragen nicht dazu veranlassen, innenpolitische Gegner im Ausland anzugreifen! Das ist keine gute Ausgangsposition für ein besseres künftiges deutsch-polnisches Verständnis.

 

Dr. Diethelm Keil, gebürtiger Schlesier, lebt in Bayern und Salzburg.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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