Lob des Buches


Von Jochen Schaare

Wilhelm von Humboldt, der große preußische Bildungsreformer und Zeitgenosse und Freund Goethes, sieht in jedem Menschen eine ursprüngliche, lernende Kraft, die ihm eine eigentümliche Entfaltung und Entwicklung ermöglicht. Auch ihm geht es um breite Allgemeinbildung, um breites Wissen. Er geht davon aus, dass der Mensch diese innewohnende Kraft nur zu aktualisieren brauche, um diese Allgemeinbildung in einem langen Prozess Gestalt werden zu lassen. Eine solche Kraft kann sich als solche erweisen, wenn sie einen Gegenstand außerhalb ihrer selbst anvisiert, an dem sie tätig werden, sich üben und entwickeln kann. Der Mensch hat also das natürliche Streben, den Bereich seines Wirkens und seiner Erkenntnis zu erweitern. Und je mehr sich der Mensch dem Lernen und der Welt öffnet, je mehr Stoff er an sich heran lässt, desto mehr Saiten werden in ihm angespielt und um so reger wird seine innere Tätigkeit. Für Nietzsche und Humboldt ist klar, dass ein solches Lernen nur auf der Basis der Selbstdisziplin, der Selbstbesinnung und der Selbstkritik möglich ist, also auf der Basis einer strikten Leistungs-, Bildungs- und Zukunftsorientierung.

Dabei sind die jeweilige Weltbemächtigung und Individualität keine Gegensätze. Wilhelm von Humboldt nennt eine Individualität einen Menschen, dem es gelingt, diesen Weg in Auseinandersetzung mit den kulturellen und wirtschaftlichen Vorgaben zu beschreiten und so seine Eigentümlichkeit in vielfältigster Weise und zugleich zu einem harmonischen Ganzen zu entwickeln. Dieser Mensch verkörpert in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit eine Idee, Mensch zu sein.

Zwiesprache mit den großen Geistern aller Zeiten

Ein wesentliches Mittel des sich Bildenden ist die Welt der Bücher. Bücher sind unsere angenehmsten Freunde; sie verharren stumm auf ihren Plätzen und öffnen uns bei Bedarf ihr Gedankenmagazin. Es ist mühelos, in seiner Bibliothek Schriften in die Hand zu nehmen, aus denen die klügsten und vornehmsten Geister der Jahrhunderte und Jahrtausende zu uns sprechen. Durch Bücher von Goethe, Schiller, Humboldt, Fichte, Nicolai Hartmann, Montaigne, Seneca, Nietzsche und Schopenhauer ist man im Nu im Gespräch mit diesen Koryphäen und wird für die triste Gegenwart entschädigt. So sagt Seneca: „Bei bestimmten Geistern muss man verweilen und sich von ihnen durchdringen lassen, wenn du etwas gewinnen willst, was in der Seele zuverlässig Platz finden soll.“

Denn die eigenen Bücher stellen für den Bibliotheksbesitzer einen dauernden Appell dar, auch gelesen zu werden. Geduldig wiederholen die Bücher ihre Sätze, erteilen kostenlos Ratschläge und laden zur Zwiesprache ein. Die Bibliothek ermöglicht eine unbegrenzte Kommunikation und befriedigt ein wissenschaftliches und weisheitliches Expansionsbedürfnis. Der Leser kann sich in die unterschiedlichsten Richtungen ausbreiten und seine Existenz vertiefen. In der Bibliothek eröffnen sich die Horizonte in alle Zeiten und Zonen, die er nach Belieben ausschreiten kann. So häuft der Bibliophile und Bildungsbeflissene Schätze und Besitztümer an und gelangt kaum an ein Ende. Auch gilt ein Wort Senecas: „Was ist des Reichtums Maß, fragst du? Zuerst: haben, was nötig ist, sodann, was genug ist.“ So ist die Bücherauswahl ein lebenslanges Vergnügen: Schriften über Kulturgeschichte, Literatur, Staat, Religion, Philosophie, Soziologie, Politik und Wirtschaft sind ebenso vertreten wie solche über Kunst und Landesgeschichte. Anregungen und zusätzliche Angaben findet der Leser, der den Zufälligkeiten des Internets, der Rezensionen und dem Stöbern in Buchhandlungen und Antiquariaten entgehen will, reichlich in fachorientierten Nachschlagewerken und Handbüchern, ebenso in den Gesamtverzeichnissen der Fachverlage mit ihrem Wissenschafts- und Klassikerprogramm.

Der unausschöpfliche J. W. v. Goethe

Von der deutschsprachigen Literatur sollte jeder, der in der deutschen Sprache schreibt, denkt und liest, möglichst viel besitzen, denn diese Literatur ist sein geistiger Ursprung und seine intellektuelle Heimat. Goethe mag hier im Mittelpunkt stehen, denn er erscheint unausschöpflich. So ist Lesen immer ein „Akt der Großherzigkeit“, wir leihen dem an sich leblosen Text alle unsere Gemütskräfte, um ihn zum Sprechen zu bringen. Sind wir kleinlich, stumpf, vorurteilsbehaftet und engstirnig, dann kann das klügste Buch bei uns kein „Erlebnis“ hervorrufen. Das meinte auch der Philosoph der Aufklärungszeit, Georg Christoph Lichtenberg, als er sagte: „Ein Buch ist wie ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, kann kein Engel daraus herausschauen.“

Lesen will also durch anhaltende Übung und durch Fleiß gelernt sein. Es soll stets gelten, dass das Buch zur inneren Unabhängigkeit und Kritikfähigkeit hinführt. Das Lesen auch schwieriger Bücher begünstigt die Urteilskraft und das Selbstseinkönnen, denn Intelligenz und Willenskraft gehören dazu, bei der Sache zu bleiben und diese zu einem Ende zu führen. Goethe gibt auch hier zahlreiche Beispiele gelungener Selbsterziehung, denn er war nicht nur strebsam, sondern die Weimarer Jahre zeigen ihn als unglaublich hart arbeitenden und sich bildenden Verwaltungsbeamten, Fürstenerzieher und Autodidakten der Wissenschaft. Gute Lektüre ist Einübung in „Geistigkeit“ und ein förderliches Training von „Geist haben“, denn Geistigkeit wächst immer auch aus einer meditativen Stimmung und einem Abstandhalten vom Leben, einem Anstreben von Souveränität und Überblick, einem „Eindringen in die Strukturen von Realität“.

Dass ein solches Lebenswerk – 143 Bände umfasst die Sophienausgabe der Werke Goethes – überhaupt gelingen konnte, hat Einsamkeitsfähigkeit und große Strebsamkeit zur Voraussetzung. Goethe konnte sich jederzeit in sein Gartenhaus zurückziehen und dort schaffen; große Stille umfing ihn. Denn Personwerden braucht nicht nur Mut, sondern auch Stille, in der die Ideale keimen können.

Heute gehören Inseln der Stille zu den knappsten Gütern auf der Erde, wie Dauenhauer feststellt. Die Hauptsignaturen des Zeitalters sind Informationsüberschwemmung und Verlärmung, endloses Geschwätz mit steter Hintergrundmusik, die den Menschen einer Außensteuerung überlässt, die ihn unfähig macht, sein Selbst auszubilden. Überall steigen Lärmsäulen hoch, Stille wird nirgendwo mehr geduldet, obwohl sie doch Voraussetzung weisheitlichen Lebens ist. „Ein anschwellendes Wort-, Musik- und Lärmband umhüllt die Erde – aus Gedankenlosigkeit (im wortgenauen Sinne), aus Angst vor Stille (horror vacui) und aus Gewinnsucht … Wir bestaunen die letzten Naturoasen, fühlen uns beglückt, wenn wir in einsame Berge steigen und auf dem Gipfel den Rundblick genießen dürfen.“ Wo immer möglich, muss sich der Sophos, der Strebende dem Dauergelaber entziehen, er meidet Talkshows und endlose Podiumsdiskussionen, die nicht der Sache dienen, sondern der ablenkenden Unterhaltung.

Wer sich in der Geschichte umschaut, wird bald feststellen, dass die großen Geister, Philosophen, Soziologen, Schriftsteller, Dichter, Komponisten oder Maler ihr Werk stets in der Stille schufen. Ja, Stille und Einsamkeitsfähigkeit sind die Vorraussetzung für kreatives Schaffen und Bilden. Auch die Kunst des Schweigens gehört hierher, ist „gelebte Pronesis“, auch wenn der Strebende dadurch den Anschein des Unwissenden, des Unzeitgemäßen oder Überheblichen erweckt. Mitten im Wortgeklingel einsam für sich bleiben zu können, stärkt das Selbst.

 

Jochen Schaare ist Pädagoge und lebt in Salzgitter.
Siehe auch die Buchbesprechung im Genius-Brief Juli 2008 / LESESTÜCK Nr. 6

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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