Der leichtfertige Umgang mit dem Risiko


Über die Finanzmarktkrise zur Bankenkrise zur globalen Wirtschaftskrise

 

Von Bertram Schurian

Die Frage nach dem Umgang mit dem Faktor RISIKO sollten sich die in internationalen Banken und anderen weltweit operierenden Wirtschaftsunternehmen tätigen Männer bzw. Frauen stellen, bevor sich Verluste in der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens einstellen. Jedenfalls wurde in den Vereinigten Staten und auch hier in Europa diese Frage auf eine Art beantwortet, die wahrscheinlich niemand so erwartet hätte.

Die Kreditkrise, die in den USA vor einem Jahr begann, als einige Hausbesitzer ihre Tilgungsraten und Zinsen für ihre Hypotheken nicht mehr zeitgerecht bezahlen konnten, weitete sich aus in eine Krise der US-amerikanischen Banken und durch den teilweisen Weiterverkauf dieser Hypothekarkredite an Investoren und Banken im Ausland entwickelte sich die US-amerikanische Bankenkrise zu einer internationalen Bankenkrise. Hierdurch wurden Banken im Vereinigten Königreich, in Europa und Asien stark in Mitleidenschaft gezogen. Banken im UK, der Schweiz und Deutschland mussten durch starke Liquiditätspritzen der Zentralbanken vor dem Untergang gerettet werden. Die Misere bei den Banken dauert schon mehr als ein Jahr an und ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Dies hatte unter anderem zur Folge, dass die voraussichtlichen Wachstumsraten für das laufende Jahr und für nächstes Jahr für die US-amerikanische Wirtschaft und für Europa drastisch gesenkt werden mussten. Durch die steigenden Preise für Grundstoffe aller Art und wichtige Lebensmittel in den letzten drei Jahren – so haben sich die Lebensmittelpreise in den US um ca. 60 % in dieser Zeitspanne verteuert – und dem starken Wertverfall der US-amerikanischen Währung gegenüber dem Euro ergibt sich hieraus die Möglichkeit einer längeren Periode der Stagflation, d. h. eines sinkenden bzw. negativen Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig stark steigenden Preisen. Das sind wenig erbauliche Aussichten!

Mitte Juli 2008 veröffentlichte die Wochenzeitung „Die Zeit“ in einem kurzen Bericht ohne Kommentar, dass die Abschreibungen für die größten, geordnet nach der Höhe des ausgewiesenen Eigenkapitals, 18 Banken der Welt die sagenhafte Summe von US-Dollar 273,3 Milliarden erreicht hätten. Dieses Geld wurde quasi verspielt. Da Hypotheken meist auf Realitäten bzw. Grundstücke vergeben werden, bedeutet dies nicht, dass alles verspielt wurde; ein kleiner Teil wird wahrscheinlich auf mühsamen Wegen hereingeholt werden können. Um einen Vergleich von der Größenordnung der Abschreibungen her machen zu können, muss man wissen, dass diese Summe ca. ¾ des österreichischen Bruttonationalproduktes gleichkommt.

Die Bankenkrise hat ernsthafte Folgen für die Weltwirtschaft. Irgendwie müssen diese Verluste wieder wettgemacht werden und das geht nur so, dass die Margen der Banken steigen, d. h. dass einerseits Kredite teurer werden und andererseits der Sparer weniger für sein Erspartes bekommt. Die Banken müssen, um weiterhin den von den Behörden aufgestellten Kriterien zu entsprechen, schleunigst ihre Eigenkapitalmittel, die normalerweise aus eigenem Stammkapital, Reserven und nicht ausgezahlten Gewinnanteilen bestehen, wieder anfüllen. Die großen Kapitalakkumulationsstellen der Russen, Chinesen und Araber (hauptsächlich von der jeweiligen Staatsregierung verwaltete Gelder, die aus den hohen Überschüssen aus dem Verkauf von Erdgas und Mineralöl oder Dumpingexporten stammen) haben schon Mittel für verschiedene US-amerikanische und auch Schweizer Banken zur Verfügung gestellt. Dies bedeutet, dass die Aktionärsstruktur vieler US-amerikanischer und anderer Banken sich rasch verändert hat und noch weiter verändern wird. Dies bedeutet aber auch, dass ein wichtiger Wirtschaftssektor mehr und mehr unter den Einfluss von Regierungen und Staatsfonds kommt, deren Motive uns nicht immer freundlich gesinnt sein werden. Um das Ausmaß des Problems einigermaßen zu skizzieren: Die Abschreibungen bei der City-Bank, Merrill Lynch, Bank of America, Morgan Stanley, JP-Morgan, Chase und Lehman Brothers betragen zusammen US-$ 125,7 Milliarden. Die Abschreibungen der Schweizer Bank UBS betragen US‑$ 38,2 Milliarden und die der Credit Suisse US-$ 9,6 Milliarden, zusammen also US-$ 47,8 Milliarden. Da nehmen sich die Verluste der Deutschen Bank, der IKB Industriebank und der Bayern L-B mit US-$ 30,1 Milliarden vergleichsweise bescheiden aus.

Diese Verluste sind real und haben den Bankensektor in den betroffenen Ländern nachhaltig geschwächt, was wiederum deutliche Auswirkungen auf die übrigen Sektoren der Wirtschaft hat und haben wird. Weil die Gefahr eines Zusammenbruchs des westlichen Finanzsystems bestand, griffen die Zentralbanken der USA, des UK, der EU und Japans massiv mit Milliarden schweren Liquiditätsspritzen ein. Wenn diese Liquiditäten nicht wieder rechtzeitig und im vollen Ausmaß von den Zentralbanken abgesaugt werden, werden diese Geldmengen die allgemeinen Preissteigerungen weiter verstärken, was in eine starke Steigerung der Inflation weltweit ausarten kann.

Im Juli dieses Jahres musste der US-amerikanische Finanzminister einen Rettungsplan für die zwei größten Hypothekenbanken der USA – Federal National Mortgage Association, 1938 als Staatsbetrieb errichtet und 1968 privatisiert, und Federal Home Loan Mortgage Corporation, errichtet 1970, – die zusammen Hypotheken im Werte von US-$ 5,2 Billionen besitzen oder garantieren, der versammelten Presse präsentieren. (Zum Vergleich: Das Bruttnationalprodukt der USA betrug US-$ 13,84 Billionen im Jahre 2007).

Wäre nichts getan worden, hätte der Schaden – siehe oben – gigantische Proportionen annehmen können. Das amerikanische kapitalistische System beruht unter anderem auf dem Prinzip, dass derjenige, der die Gewinne macht, auch eventuelle Verluste trägt. Wenn sich der Staat – in diesem Fall die Zentralbank bzw. das Finanzministerium – genötigt sieht, das ganze Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren, und deshalb die Verluste nationalisiert bzw. der Gemeinschaft aufbürdet, muss dieser Staat auch dafür sorgen, dass das ganze System besser reguliert bzw. kontrolliert wird. There is no free lunch, wie die Amerikaner so schön sagen. Aus der ganzen Affäre kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass das US‑amerikanische Finanzsystem einer gründlichen Revision unterzogen werden muss. Das Vertrauen in die US-amerikanischen Kreditbeurteilungsunternehmen, in die Wirtschaftsprüfungsunternehmen, in die staatlichen Aufsichtsbehörden und in die Investment Banken ist schwer erschüttert. Es ist also auch nicht verwunderlich, wenn neben den politischen Abenteuern der USA – siehe Irak –, die viel Geld kosten, der Wert des Dollars verfällt. Nicht einzusehen ist, warum die übrige Welt die Kosten dieses Missmanagement mitbezahlen soll, ohne Recht auf Einspruch in Amerika zu erhalten.

 
Dkfm. Bertram Schurian
war lange Zeit im Top-Management
internationaler Konzerne tätig und lebt derzeit in Kärnten.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010

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