Rolltreppe im Turm zu Babel


Zum europäischen Sprachen-Wirrwarr

 

Von H. W. Valerian

Es gibt viele Hindernisse auf dem Weg zum geeinten Europa – zumin­dest dann, wenn man sich darunter eine effiziente, demokratisch kon­trollierte Struktur vorstellt. Die europäische Sprachenvielfalt ist eines davon, und möglicherweise nicht das geringste.

Wie viele Sprachen werden in der Europäischen Union gesprochen? Die wenigsten werden eine Antwort parat haben. Allerdings tun sich viele schon schwer, rasch und ohne Nachdenken die gegenwärtige Zahl der Mitglieds­staaten zu nennen – von der Aufzählung aller Namen ganz zu schweigen.

Wie soll in diesem babylonischen Wirrwarr die Verständigung funktio­nieren? Nun, eine Lösung wäre natürlich, einfach alle Sprachen zu akzep­tieren. Schön – aber teuer: denn letztlich muss dann aus jeder Sprache in jede andere Sprachen übersetzt werden. Wie soll das auf Dauer funktio­nieren? Wer soll das bezahlen? Und vor allem: Hilft das wirklich der demo­kratischen Transparenz?

Als überzeugter Europäer ist man wahrlich Kummer gewohnt, und so wird es kaum überraschen, dass die Europäische Union derzeit genau diese Lösung gewählt hat. Muss das sein? Gäbe es keine bessere?

Nun, eine erste bietet sich nicht bloß an, sie hat sich in der Praxis bereits durchgesetzt. De facto haben wir in Europa nämlich bereits unsere Ver­kehrssprache, unsere lingua franca: Englisch. Zumindest sort of. Denn die Sprache der internationalen Verständigung, das ist, wie jeder Anglist aus leidvoller Erfahrung weiß, bad English. Doch ändert das nichts an der Tat­sache. Wann immer sich Europäer zusammenfinden zu einem gemeinsamen Projekt, die Arbeitssprache wird unweigerlich Englisch sein. In einem gewissen Sinne beinhaltet das eine feine Ironie, denn die Briten sind alles andere als überzeugte Europäer, und es ist gar nicht so schwer vorstellbar, dass sie in Zukunft einmal aus dem europäischen Projekt ausscheiden – besonders dann, wenn’s damit ernst werden sollte.

Englisch wird also gesprochen, ob’s dem Einzelnen nun passt oder nicht. Ein paar Beobachtungen aus der Praxis mögen dieses Bild ein bisschen feiner zeichnen:

  • Es wird immer wieder behauptet, es genüge, sich irgendwie verständ­lich zu machen auf Englisch, alles andere sei nebensächlich: Sprachrichtig­keit, Aussprache, Wortschatz – alles, was Mühe macht. So etwas wird, wie könnte es anders sein, nicht zuletzt von wohlmeinenden Pädagogen ver­zapft. Die Wirklichkeit ist, wie so oft, anders. Für den Anfang mag das „bloß verständlich machen“ wohl genügen; doch tritt rasch ein Zustand ein, in dem etwas mehr gesagt und verstanden werden muss, in dem es um komplexere Zusammenhänge geht. Dann braucht’s schon bessere Sprachkenntnisse und -beherrschung. Man muss einmal auf einer Tagung eine Woche lang bad English ertragen haben, elendes Gestotter und Gestammel, um sich nach dem guten, alten Englischunterricht zu sehnen, in dem die Studierenden noch wirklich etwas lernen mussten.
  • Es scheint weiters so zu sein, dass die erwarteten Englisch-Kennt­nisse abhängen von der Position, die ein Sprecher einnimmt. Je höher diese Position, desto mehr wird erwartet; klar – desto komplexer sind ja auch die Sachverhalte, die abgehandelt werden, und desto feiner die Nuancen, die zur Anwendung kommen. Umgekehrt bedeutet dies: Die berufliche und gesell­schaftliche Stellung eines Individuums wird zukünftig möglicherweise auch von seiner oder ihrer Beherrschung des Englischen abhängen. Weswegen der englische Sprachunterricht an unseren Schulen, Fachhochschulen und Universitäten gar nicht gut genug sein kann. Wer seinem Kind da Mühen ersparen will – „das braucht’s nicht“, „das ist doch heute nicht mehr nötig!“ –, der tut ihm gewiss nichts Gutes. Ganz im Gegenteil.

Zweite Fremdsprache

Angesichts der europäischen Sprachenvielfalt wird’s mit Englisch allein freilich nicht getan sein. Das europäische Projekt beruht ganz wesentlich darauf, dass sich die Bürger dieses Kontinents stets verständigen können, wenn sie einander begegnen, und zwar auf akzeptable Art und Weise – also so, dass sie sich als Landsleute empfinden können. Dazu wird die Kenntnis einer zweiten Fremdsprache unbedingt nötig sein.

Doch welcher? Wer in Europa unterwegs ist, der weiß ja nur zu gut, dass man immer die falsche Sprache gelernt hat. Auch hier wird es also einer Vereinfachung bedürfen.

Vielleicht könnte der folgende Vorschlag behilflich sein: Er sähe nämlich vor, dass es – abgesehen von Englisch – nur noch drei weitere Verkehrs­sprachen gibt:

  • Französisch, stellvertretend für die romanischen Sprachen,
  • Polnisch, stellvertretend für die slawischen, sowie
  • Deutsch als germanische Sprache.

So könnte zunächst einmal sichergestellt werden, dass praktisch jeder Bürger schriftliche Dokumente lesen könnte, unabhängig von seiner Mut­tersprache (und seinen Englischkenntnissen). Darüber hinaus könnte viel­leicht auch die mündliche Kommunikation erleichtert werden: Rumänen zum Beispiel würden sich mit Französisch vielleicht leichter tun als mit Englisch.

Es muss aber daran erinnert werden, dass es sich um die zweite Fremd­sprache handelt, und dass jeder europäische Bürger eine solche lernen sollte. Mitbürger deutscher Muttersprache müssten also zusätzlich zu Englisch eine weitere Fremdsprache lernen – zumindest ein bisschen.

So wäre die Verständigung in unserem vielfältigen Europa vielleicht sicherzustellen. Dokumente der Europäischen Union würden ja in eben diese vier Sprachen übersetzt, sie würden bei Konferenzen und Verhandlungen auch simultan gedolmetscht. Wer andere Sprachen hören möchte, der müsste selbst dafür aufkommen.

Die Sprachenvielfalt auf unserem Kontinent wäre damit natürlich nicht beseitigt – das will ja auch niemand. Aber wir hätten wenigstens einen prak­tikablen Weg gefunden, mit dieser Vielfalt umzugehen. Der Turm zu Babel würde weiterbestehen – bloß hätten wir Rolltreppen eingebaut, um uns ein bisschen leichter und bequemer in diesem Bauwerk zu bewegen.

 
Hinter dem Pseudonym
verbirgt sich ein österreichischer Anglist und Sprachpädagoge.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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