CIA – Packender als ein Thriller


Tim Weiner: CIA. Die ganze Geschichte. S. Fischer Verlags GmbH, Frankfurt am Main, 2007; ISBN 978-3-10-091070-7

 

Von Ulrike Reisner

Tim Weiners „Geschichte der CIA“ ist, wie er selbst behauptet, eine beinharte Abrechnung mit der Inkompetenz und Naivität einer der ehemals mächtigsten Spionageorganisationen der Welt.

Die Geschichte der Central Intelligence Agency (CIA) ist, wenn man dem US-amerikanischen Journalisten Tim Weiner Glauben schenken darf, eine Geschichte der Lügen und des Misserfolgs. Sie begann in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges, als die USA ihre eklatanten Defizite in der Auslandsaufklärung erkannten. Weiner stellt gleich eingangs unmissverständlich fest: es blieb bei einem permanenten Provisorium, bei einer flüchtigen Skizze, die ihre Schwächen in den kommenden Jahrzehnten auf dem Parkett der internationalen Politik gnadenlos entfalten sollte. Geheimhalten und Täuschen, so Weiner, gehörte eben nicht zu den Stärken der Supermacht.

Das Gespenst des Kommunismus

Das Trauma von Pearl Harbor[1] im Nacken waren die Rekruten, die sich vor allem in den 1950er und 1960er Jahren zu Tausenden in die Dienste der CIA begaben, von zwei Gedanken beseelt: die USA vor einem feindlichen Überraschungsangriff zu schützen und das Gespenst des Kommunismus mit allen nur erdenklichen Mitteln zu bekämpfen. Eine Aufgabe, an der sich Hundertschaften von Harvard- und Yale-Absolventen die Zähne ausbeißen sollten. Denn – so kann man sich bei der Lektüre des Buches wiederholt und aus erster Quelle überzeugen – tatsächlich wussten die Amerikaner kaum, was hinter den Mauern des Kremls oder in Regionen, die unter dem Einfluss der Sowjets standen, vor sich ging. Noch unter der Präsidentschaft von Ronald Reagan und George H. W. Bush wurden CIA-Agenten laufend verraten – und zwar von Doppelagenten aus den eigenen Reihen. Die ausufernden blinden Flecken, was die Stärke der ehemaligen Sowjetunion betraf, ließ die Amerikaner selbst den Niedergang des Kommunismus verschlafen. Die CIA schleuste noch Waffen in Milliarden-Dollar-Höhe nach Afghanistan, um islamische Kämpfer gegen einen Feind zu unterstützen, der damals selbst längst in den Seilen hing. Dass sich die Verbündeten innerhalb weniger Jahre selbst gegen die Vereinigten Staaten wenden würden, konnte und wollte man in der CIA lange nicht wahrhaben.

Dilettanten mit Milliardenbudgets

Wie Tim Weiner anhand zahlreicher, chronologisch geordneter Beispiele der letzten sechs Jahrzehnte aufzeigt, war die Vorgangsweise der CIA von Anbeginn an erschreckend dilettantisch. So begann man Mitte der 1950er Jahre mit enormem Aufwand einen fast 500 Meter langen Tunnel in die sowjetische Besatzungszone Berlins vorzutreiben. Eine Operation, die der CIA angeblich innerhalb eines knappen Jahres Geheimdienstinformationen im Wert von rund 6,7 Millionen Dollar verschaffte. Doch wurde der Tunnel rasch entdeckt und damit wertlos.

„Der Kreml hatte von Beginn an davon gewusst, noch bevor man die erste Schaufel mit Erde bewegt hatte. Enthüllt wurde ihnen der Plan von George Blake, einem sowjetischen Maulwurf im britischen Nachrichtendienst, der während der Kriegsgefangenschaft in Nordkorea die Seiten gewechselt und die Sowjets schon Ende 1953 in das Geheimnis eingeweiht hatte. Für Moskau war Blake so wertvoll, dass es die Tunneloperation elf Monate lang laufen ließ, ehe es sie in einem plumpen Propagandamanöver ans Licht der Öffentlichkeit zerrte. Noch Jahre später, selbst nachdem ihr klar war, dass die andere Seite von Beginn an über den Tunnel Bescheid wusste, glaubte die CIA, sie habe Gold geschürft. Bis heute ist nicht geklärt, ob Moskau bewusst irreführende Informationen in den Tunnel einspeiste.“

Die CIA trug auch, so Tim Weiner, mit gefälschten Informationen dazu bei, dass der Vietnamkrieg auf einem Lügengebilde aufgebaut werden konnte. Als von einem Zerstörer in der Nacht auf den 4. August 1964 mehr als 300 Salven abgefeuert wurden, verschwieg die CIA, dass es sich dabei um eine Kurzschlusshandlung der Besatzung gehandelt hatte. Der Bericht wurde in einer Art und Weise abgefasst, die unmissverständlich auf einen Angriff schließen ließ – mit dem Ergebnis, dass der Kongress drei Tage später den Krieg mit Vietnam billigte.

Noch frisch in Erinnerung ist dem Leser das letzte große Debakel der CIA: der Bericht über das angebliche Arsenal von chemischen und biologischen Waffen im Irak, den Präsident George W. Bush am 28. Januar 2003 in seiner Rede an die Nation präsentierte. Aufgrund dieser falschen Informationen begannen die USA am 20. März 2003 einen Krieg, dessen Folgen noch heute die ganze Region erschüttern.

„Als sich bestätigte, dass sich die CIA das Höllenarsenal des Irak bloß eingebildet hatte, zerfiel die Moral der CIA-Mannschaft. Der glühende Eifer, der sie nach dem 11. September erfasst hatte, wich einer schwarzen, bitteren Wut. Was die CIA sagte, war offensichtlich für das Weiße Haus und das Pentagon kaum noch von Belang.“

50.000 Dokumente

20 Jahre lang hat der Journalist („The New York Times“) und Kenner der Central Intelligence Agency, Tim Weiner, recherchiert, rund 50.000 Dokumente in den Archiven der CIA, des Weißen Hauses und des Außenministeriums durchforstet und zahlreiche Interviews mit Politikern und ehemaligen CIA-Agenten, darunter zehn ehemalige Direktoren der CIA, geführt. Sein Verdienst mag mehr in dieser mühevollen Aufarbeitung von Primärquellen zu finden sein als in einer objektiven und ganzheitlichen Betrachtung der Rolle der CIA in der internationalen Politik der vergangenen 60 Jahre. Was Weiner unter „die ganze Wahrheit“ verspricht, mündet in eine mehrere hundert Seiten starke, stellenweise recht platt abgefasste Abrechnung mit der CIA. Dem interessierten Leser mag zwar die Dichte der Fakten und die saubere, nach zeitlichen und geografischen Kriterien geordnete Gliederung gefallen. Er vermisst aber den objektiv-distanzierten Blick, der politisch und historisch zu differenzieren weiß. Das ist schade, denn der Stoff hätte viel Potenzial. Doch Tim Weiner bleibt auf halbem Weg stehen und bestätigt damit ein Vorurteil, das er selbst in Bezug auf die CIA selbst gerne bemüht: viel Ignoranz, ein Quäntchen Naivität und eine ganze Reihe blinder Flecken!

Anmerkung

[1] Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der US-Präsident insgeheim Kenntnis von den japanischen Angriffsplänen erlangt hatte, aber nichts zur Verteidigung unternahm, um den Aggressor in der Öffentlichkeit voll anprangern zu können. Anm. d. Redaktion

 

Mag. Ulrike Reisner ist Wirtschaftsjournalistin.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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