Herbert Kraus und der VdU


In Memoriam

 

Von Lothar Höbelt

Herbert Alois Kraus, der am 4. September 2008 im Alter von fast 97 Jahren verstorben ist, zählte mit Karl Gruber und Franz Olah zu den „Grand Old Men“ der österreichischen Politik in den Jahren nach 1945, die zwar allesamt frühzeitig aus der Politik ausschieden, ihre politischen Rivalen dafür aber lange überlebten. Allen dreien war gemeinsam, dass sie ungewöhnliche, vom Typus des farblosen Apparatschiks stark abweichende Persönlichkeiten waren – Persönlichkeiten auch, deren Bild frei nach Schiller nicht so sehr von der Parteien Gunst und Hass verzerrt wird, sondern von den starken Emotionen und Kontroversen, die sie alle gerade innerhalb ihres eigenen „Lagers“ auslösten.

Mit „seinem“, mit dem sogenannten „dritten“ Lager verband Kraus eine zwiespältige Beziehung. Er entstammte nicht dem „Kern“ dieses Lagers, wie er sich nach der Jahrhundertwende herauskristallisierte, dem Geflecht der nationalen Vereine, Verbände und Verbindungen (die ihm jedoch viel zu verdanken haben, fiel ihr Wiedererstehen nach 1945 doch in die Zeit, als Kraus seine guten Kontakte zum damaligen Bundeskanzler Raab für sie zu nutzen verstand). Als Sohn eines kaiserlichen Generals, der im 1. Weltkrieg fiel, als Nachfahre einer Familie, die vor 1918 Bürgermeister im Sudetenland stellte, gehörte Kraus – auch von seinem persönlichen Habitus her – einer älteren Schicht dieses Lagers an, den Eliten der Monarchie, als das dritte Lager noch das erste gewesen war, schwarz-gelb, aber nicht schwarz, nicht (mehr) kulturkämpferisch, aber dem politischen Katholizismus fernstehend. Er selbst formulierte es anlässlich einschlägiger Debatten bei den Programmberatungen des von ihm im Februar 1949 gegründeten „Verband der Unabhängigen“ (VdU) einmal so: „Wir Österreicher sind alle in irgendeinem Winkel unseres Herzens Monarchisten und großdeutsch, im Sinne des Alten Reiches“ – eine Formel, die den Traditionen des Landes weit weniger Gewalt antut als die Abgrenzungen, die ideologische Gralshüter der einen oder anderen Seite ihm da aufdrängen wollten.

Kraus` Name wird – von Anhängern und Gegnern – oft mit der Vorstellung assoziiert, er habe im und mit dem VdU die prononciert nationale Ausrichtung des „dritten Lagers“ in den Hintergrund drängen und durch das Übergewicht der liberalen Komponente ersetzen wollen. Das erweist sich jedoch bestenfalls als Teilwahrheit: Kraus wollte den VdU überhaupt nicht als Lagerpartei sehen, ja nicht einmal als Partei, sondern als eine pragmatische Reformbewegung, die zwar auch dem 1945 ausgegrenzten dritten Lager (und den diskrimierten „Ehemaligen“) eine Zuflucht bieten, aber weit darüber hinaus reichen sollte – in dieser Beziehung eine Parallele zu Jörg Haiders Versuch eine Generation später, aus dem „Ghetto“ des Lagers auszubrechen. Dementsprechend waren unter den Gründungsvätern des VdU unabhängige Gewerkschafter ebenso prominent vertreten wie überzeugte Legitimisten, minderbelastete „Ehemalige“ ebenso wie Leute, die mit dem Widerstand im Kontakt gestanden hatten.

In einer Zeit der Bewirtschaftung, der Verstaatlichung und des Proporzes war der VdU eine Protestbewegung der freien Wirtschaft, oder besser: der Wirtschaft im Westen des Landes (auch in dem steirischen Vizepräsidenten der Industriellenvereinigung, dem späteren ÖVP-Handelsminister Böck-Greissau, verfügte Kraus über einen Verbündeten); dort hatte die Industrie schon in der Zwischenkriegszeit die Großdeutsche Volkspartei getragen – sehr zum Unterschied von Wien, wo sie eine Beamtenpartei par excellence gewesen war. Sofern Strukturen der Vorkriegszeit im VdU eine tragende Rolle spielten, handelte es sich freilich um den Landbund, nicht die Großdeutschen, auch nicht die NSDAP, wie von Gegnern immer wieder pauschal unterstellt (allenfalls den Reichsnährstand).

Kraus wollte mit der Gründung des VdU eine Links-Mehrheit verhindern. Doch die ÖVP wollte primär ihre „Absolute“ verteidigen, die sie dem Ausnahmezustand von 1945 verdankte. Die Gründung des VdU wurde daher von der ÖVP bekämpft, von der SPÖ zunächst gefördert; das änderte sich, sobald der überraschend große Erfolg Kraus’ (fast 19 % in den westlichen Besatzungszonen) bei den Wahlen 1949 massiv auch angestammte Reviere der SPÖ in Gefahr brachte. Die ÖVP hingegen hatte ihre Lektion spätestens 1951/52 gelernt: Sie ersetzte Figl durch Raab, der alle Wirtschaftsressorts mit Politikern besetzte, die ursprünglich dem dritten Lager entstammten (Kamitz, Thoma, Böck-Greissau).

Der Erfolg verpufft

Diese Reaktionen seiner Mitbewerber waren das Maß des Erfolges des VdU – und der Grund seines Scheiterns. Die SPÖ blockierte 1953 die Regierungsbeteiligung des VdU; eine kleine Koalition aber kam während der Besatzungszeit nicht in Frage. Der VdU vermochte die Früchte seines Erfolges nicht zu ernten (auch die Industrie scheint Kraus, der als Klubobmann weiter die dominierende Figur darstellte, auch wenn er den Parteivorsitz abgegeben hatte, fallen gelassen zu haben). Die Partei, die keine Partei sein wollte, zerrieb sich stattdessen in internen Strategiedebatten, denen – wie oft in derlei Fällen – ein wenig überzeugendes ideologisches Mäntelchen übergeworfen wurde.

Die Karriere Kraus endete mit einem Misston, der sich zu einem Missverständnis auswuchs. Als 1955/56 der VdU von der FPÖ abgelöst wurde, setzten sich die alten VdU-Strukturen vielfach durch – bis auf Wien. Die Wahl Anton Reinthallers kommentierte Kraus dennoch bitter mit dem Kommentar: Es handle sich um eine „Machtübernahme durch einen Kreis von Rechtsextremisten und ehemaligen NS-Führern.“ Dieser Vorwurf war nicht gedeckt, vor allem weil die zwei Gruppen nicht deckungsgleich waren. Gerade die hochrangigen „Belasteten“ wie Reinthaller, Mahnert oder Huber waren vorsichtig, riskanten Experimenten abgeneigt und alles andere als radikal, ja aus der Perspektive der Proporz-Republik um vieles pflegeleichter als die schwungvollen Reformer vom Schlage Kraus. In der Öffentlichkeit blieb das Diktum über die FPÖ vielfach hängen; für sich selbst korrigierte Kraus es schon in den sechziger Jahren. Friedrich Peter würdigte ihn 1970 einmal sogar scherzhaft als „Ersatz-Finanzreferent der FPÖ“. Der „Liberale Klub“, den er ins Leben rief, nahm eine Funktion als Brückenbauer wahr.

Ein Anliegen war Kraus stets die Außenpolitik, die Abkehr von der österreichischen Nabelbeschau. Er nahm nicht bloß Verbindung zur FDP auf, er besuchte die Republikaner in den USA – und die Gaullisten, damals oppositionelle Reformbewegung mit Zerfallstendenzen, die in mehr als einer Beziehung Parallelen zum VdU aufwies. Die Amerikaner hatten die Gründung des VdU unterstützt; langfristig war eine Regierung à la Adenauer ihre Wunschvorstellung, eine bürgerliche Koalition, wie sie auch Kraus anpeilte.

Als das große Thema des halben Jahrhunderts nach dem Ausstieg aus der aktiven Politik kristallisierte sich bei Kraus, besonders seit 1989, das Bemühen um die Integration Russlands heraus – eine Frage, die so aktuell ist wie eh und je, und genauso schwer zu beantworten …[1]

Kraus war für seine Zeit ein untypischer Politiker, ein widerwilliger Politiker auch, der erst in die Politik ging, als alle anderen Versuche, ein Auffangbecken für unzufriedene Bürgerliche zu schaffen, gescheitert waren. Kein Berufspolitiker auch, sondern beruflich ein Pionier von der Demoskopie bis zum Bankwesen. Er war ein Pragmatiker, dem die Ideologen misstrauten. Das Paradoxon bestand bloß darin, dass die Ideologen über Worthülsen hinaus nichts bewegen konnten, ja vielleich gar nicht bewegen wollten; der Pragmatiker, der als zu gemäßigt, zu konstruktiv, zu wenig fundamentalistisch abgestempelt wurde, aber ohne große rhetorische Paukenschläge mehr für das Lager zu bewirken vermochte als die 150%-igen „Gesinnungstreuen“; ein Reformer schließlich auch, der mehr Sinn für Traditionen hatte als jene, die Tradition bloß auf die Erfahrungen ihrer eigenen Generation reduzierten.

Anmerkungen

[1] Vgl. Herbert Kraus, „Untragbare Objektivität“, Politische Erinnerungen 1917 bis 1987, Amalthea Wien–München, 1988

 

Univ.-Prof. Dr. Lothar Höbelt wirkt als Historiker in Wien.
Er verfasste u. a. das Buch „Von der VIERTEN PARTEI zur DRITTEN KRAFT“, Die Geschichte des VdU, Leopold Stocker Verlag, Graz–Stuttgart 1999

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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